von Yuan Jacob Ahn
Januar. Ich bin zum vierten Mal in Seoul, mit meiner Mutter. Eine alte Freundin von ihr lässt uns den Monat bei sich wohnen, im sechsten Stock eines verschneiten Apartmentkomplexes. Die beiden sitzen am glänzend weißen Esstisch und unterhalten sich, während ich Honigmelone esse und mit meinem wenigen Koreanisch versuche, dem Gespräch zu folgen. Was für Musik ich höre, fragt mich die Freundin. »Kennst du BIGBANG? G-DRAGON?« Meine Mutter macht einen begeisterten Laut. Ich schüttle den Kopf, wenige Augenblicke später schauen wir auf ihrem Smartphone das Musikvideo zu LOSER (293 Mio. Aufrufe). Ernst blickende Männer mit makelloser Haut bewegen sich in Zeitlupe durchs Bild. Eine melancholische Stimme beginnt »Loser« zu singen, dann wechselt sie auf Koreanisch und ich verstehe kaum noch etwas. Die beiden älteren Frauen schauen mich erwartungsvoll an, ich nicke zustimmend. Das Lied ist nicht schlecht, angenehm ruhig im Vergleich zum überladenen K-Pop-Sound, den ich bisher kenne. Auf der Reise versuche ich immer wieder, mit dem Genre warmzuwerden, höre bei Spaziergängen durch Seoul die KPOP HITS TOP SONGS und von Spotify auf mich abgestimmte Mixtapes. Mein Gedankengang ist so etwas wie: ich bin halb koreanisch und gerade in Korea, dann sollte ich jetzt koreanische Musik hören. Und mögen. Nach ein paar Tagen gebe ich den Vorsatz auf, meistens finde ich die Lieder anstrengend, schnulzig oder sie gehen spurlos durch mich hindurch. Besser als das, was meine Gastgeberin und meine Mutter mir gezeigt haben, wird es nicht.
Monate später lese ich mir aus Neugier den Liedtext durch und beginne, Hintergründe zur K-Pop-Industrie zu recherchieren. Der YouTube-Algorithmus bemerkt, dass ich mich für BIGBANG interessiere, irgendwie bleibt mir Song der Boygroup im Kopf. Ich will ihn verstehen. LOSER lässt sich drehen und wenden, lässt Ideale und Widersprüche einer mir vage vertrauten und doch fremden Gesellschaft aufblitzen.
Zu weit gekommen
Mit zwölf Jahren unterschreibt Kwon Ji-Yong bei YG Entertainment einen Vertrag für die intensive Ausbildung zum Idol. In Anspielung auf seinen bürgerlichen Namen nennt er sich G-DRAGON (»Ji« klingt wie »G«, »Yong« bedeutet »Drache«). Die Boygroup BIGBANG wird formiert. Unter der Führung G-DRAGONs, der als King of K-Pop bekannt werden sollte, wälzen sie die heimische Musikindustrie um. 2015 veröffentlichen sie die lang ersehnte Single LOSER, in der sich die Idols als »Versager, Einzelgänger« und »dreckiger Müll« bezeichnen. Sie passten »ehrlich gesagt nicht in diese Welt«. Was ist das für eine Gesellschaft, von der sich die Boygroup so entfremdet fühlt?
Im modernen Seoul sollte das Leben bestenfalls auf ein üppiges Gehalt bei Samsung oder LG und einen weißen Hyundai Sonata in der Garage hinauslaufen. Wer das erreichen will, muss früh anfangen. Erzählungen meiner Mutter vom südkoreanischen Bildungssystem sind für mich als Kind Schauermärchen einer fernen Welt. Schon im Kindergarten werden manche Kinder zum Englischunterricht geschickt, um früh einen Wettbewerbsvorteil aufzubauen; in der Oberstufe erfahren Schüler:innen ihre Platzierung in Relation zum Klassendurchschnitt. Der Abstiegskampf gipfelt in den nationalen CSAT-Examen: ein Multiple-Choice-Test, der ganze Jahrgänge in Prozentränge sortiert und über Lebensläufe entscheidet. Zur Prüfungszeit lässt die Examensleitung vorsorglich Hausdächer absperren und Brücken patrouillieren. Wer am extremen Bildungsdruck Kritik äußert, wird gefragt, warum es andere denn schaffen, man solle keine Ausreden erfinden – Leistung müsse sich eben lohnen! Die Obsession macht das Scheitern unvermeidbar, und wer es gar nicht erst versucht, gilt von vornherein als Versager. So entsteht eine Art erfolgstraumatisierte LOSER-Gesellschaft.
Dieser präsentiert sich G-DRAGON im offiziellen LOSER-Video als tragischer Rebell, mit Henkersknoten-Tattoo auf der Wange und Lo-Fi-Effekt auf der Stimme. Baseballschläger und zerschlissene Jeans signalisieren eindeutig: Punk. Das millionenschwere Idol ist natürlich kein Punk, sondern trägt Punk Fashion. Ganz trennscharf ist diese Grenze freilich nicht. Von Beginn an ist die Subkultur eng mit der Mode verwoben, die Sex Pistols erhielten ihre Outfits bekanntermaßen von Vivienne Westwood. Doch während man diese künstlerische Zusammenarbeit noch als authentische Inszenierung betrachten kann, bleibt BIGBANGs popindustrielle Nachahmung eine bloße Verpackung. Der Song ist eine Performance der Leere. Im Musikvideo verzweifeln die fünf Männer auf verschiedene Weise – einer wandert verloren durch die Straßen, ein anderer wird verprügelt, noch ein anderer sieht seine Partnerin fremdgehen und tritt einen Autospiegel ab – im Kern geht es dabei jedoch um die gesellschaftliche Resignation, veranschaulicht durch den mal auf dem Bordstein, mal in einer Badewanne zusammengesunkenen G-DRAGON. Gegen Ende der ersten Strophe rappt er:
»Du und ich spielen mit, so, wie wir trainiert wurden
Ein trauriger Pierrot, der nach dem Drehbuch tanzt«
Für K-Pop-Verhältnisse sind das ungewöhnlich scharfe Zeilen. Pierrot, der weiß geschminkte Clown aus dem italienischen Volkstheater, verkörpert Scheitern und Desillusionierung. Rechnet G-DRAGON mit der Industrie ab, in der er den Großteil seines Lebens verbracht und an deren Spitze er es geschafft hat? Ist er es müde, nach strikten Vorgaben singen und tanzen zu müssen? In Interviews spricht er von psychischer Erschöpfung und Zweifeln, ob er überhaupt weitermachen könne. Vielleicht wäre er wirklich gern ein Rebell, erfüllt sich mit der Verkleidung eine Fantasie. In den zwei Zeilen beschreibt er aber nicht nur seine eigene Unfreiheit, die direkte Ansprache des Zuhörers erweitert das Bild auf die gesamte neoliberale Gesellschaft: auch die Konsument:innen werden trainiert, den Vorgaben entsprechend weiter zu konsumieren. Es drängt sich die Frage auf, warum G-DRAGON trotz dieser zwingenden Erkenntnis einfach weitermacht wie bisher.
Den Mechanismus, das eigene Handeln kritisch reflektieren zu können und doch handlungsunfähig zu bleiben, beschreibt Mark Fisher in seinem Essay Reflexive Impotence: zu »wissen, dass die Lage schlecht ist«, man aber nichts dagegen tun kann, sei »eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.« Abgestumpft manifestiert man die eigene Ausweglosigkeit. G-DRAGON mag sich von der Industrie ausgepresst fühlen, doch sein beständiges Mitwirken und Mitverdienen untergräbt seine angebliche Knechtschaft. YG Entertainment lässt ihn gewähren, denn die implizite Kritik ist vage genug, um folgenlos und enorm profitabel zu bleiben. Indem ein K-Pop-Song die Unfreiheit des Systems benennt, nimmt dieses den eigenen Protest vorweg und verkauft ihn als ästhetisiertes Unterhaltungsprodukt zurück. Auch jene, die sich als Kritiker:innen der Kommerzialisierung verstehen, werden so noch bedient. Unter dem Musikvideo zu LOSER erkennt jemand »[…] GDs Kampf gegen Depressionen inmitten von Popularität und Überfluss. […] Konsumismus und Unzufriedenheit. […] Trotzdem sehr beeindruckend und inspirierend, weil sie uns zeigen wollen, dass auch sie Menschen sind […]. Trotz ihrer Probleme geben sie weiterhin ihr Bestes, um [ihre Fans] glücklich zu machen, indem sie großartige Musik machen und teilen! Auf geht’s!«
Der Kommentar formuliert aus, was sich die meisten Hörer:innen kaum noch bewusst machen. Das Schlüsselwort lautet »Trotzdem«, in ihm geht Fishers Prophezeiung in Erfüllung. »Trotzdem« schlägt die Brücke von der Analyse des destruktiven »Konsumismus« zur Folgerung, die »großartige Musik« dennoch weiterhin zu konsumieren. Der Gedankengang legt die verinnerlichte, sich selbst reproduzierende Alternativlosigkeit offen. Man kann nichts tun und will auch nichts tun können. Stattdessen versucht man, an der Realität irgendetwas Gutes zu finden: gerade die Depression mache G-DRAGONs Leistungen »beeindruckend und inspirierend«, beweise seine Menschlichkeit und Willensstärke. Die Ausbeutung wird als Gegebenheit hingenommen, aber wenn schon, dann wenigstens so! Die kapitalistische Vereinnahmung ist komplett. Warum sie so gut funktioniert, verraten die letzten beiden Zeilen der Strophe.
»Ich bin zu weit gekommen, ich gehe heim
Wieder zurück in die Zeit, als ich jung war«
Der Songtitel ist hier wörtlich zu nehmen: LOSER thematisiert den Verlust einer Heimat, die es nicht mehr gibt. G-DRAGON erlebt in seinen 27 Lebensjahren die vielleicht komprimierteste Modernisierung der Weltgeschichte. 1988, im Jahr seiner Geburt, finden in Südkorea die Olympischen Sommerspiele statt, sie markieren symbolisch den Beginn einer rasanten Transformation. Die Jugend lernt noch eine analoge Welt kennen, die im Erwachsenenalter von Samsung Galaxys und KakaoTalk verdrängt wird. Häuser wie das, in dem meine Mutter aufwächst, werden abgerissen und durch effiziente Wohnblöcke ersetzt. Der einstige Zukunftsoptimismus zerbricht am Trauma von Asienkrise und CSAT-Examen.
Die desillusionierte Generation hat das Aufstiegsversprechen ihres Landes durchschaut. In Online-Foren entsteht ein Meme, das in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht: Hell Joseon. Feudale Hierarchien, aber in der aussichtslosen Hölle des Neoliberalismus. Koreas prägende Joseon-Dynastie verankert in der Gesellschaft Konfuzianische Werte von Familie, Tradition und Fleiß. Was im Zuge der Modernisierung davon übrig bleibt, ist Fleiß, Maximierung der Leistung bei Minimierung von Gemeinschaft und Sicherheit. Erschöpft und desorientiert findet man sich in einer Welt des Zuvielen und Zuschnellen wieder, ist »zu weit gekommen« und sehnt sich zurück. Gegenläufig zur Weltwirtschaft erlebt nostalgischer Eskapismus in den 2010ern eine Hochkonjunktur. LOSER macht diese unerfüllbare Sehnsucht als melancholische Hip-Hop-Ballade konsumierbar. Auch auf mich wirkt die Vergangenheit manchmal wie eine ferne Idylle. Dass »die Lage schlecht ist«, schreibt Fisher 2006 – es hat sich herausgestellt, dass sie noch sehr viel schlechter werden kann. Viele Menschen, besonders jüngere, würden das letzte Jahrzehnt am liebsten ungeschehen machen und ziehen sich in industriell hergestellte, algorithmisch verstärkte Fluchtfantasien zurück. LOSER ist inzwischen selbst Nostalgie geworden. Ein User kommentiert:
»Ich bin froh, dass viele Leute zu diesem Song zurückkehren.
Das waren die guten Zeiten im Leben.«
Lasst uns glücklich sein
Einige Monate nach unserer Reise sitze ich am Küchentisch und schaue meiner Mutter beim Kochen zu. Ich drücke einen Knopf der silbernen Stereoanlage, über die mein Vater sonst Deutschlandfunk hört, und streame Beautiful Rivers and Mountains, einen koreanischen Psychedelic-Rock-Song, den ich gefunden habe. »Das lief überall, als ich im Gymnasium war«, erzählt meine Mutter. Zu ihrer Schulzeit in den Siebzigern herrscht eine strenge wie willkürliche Zensur. Shin Joong Hyun, der koreanische Godfather of Rock, wird von der Diktatur beauftragt, ein Loblied auf den Präsidenten zu schreiben. Er weigert sich. »Stattdessen, er hat ein zehnminütiges Lied geschrieben, wie wunderschön die Flüsse und Berge sind«, lacht meine Mutter. Die harmlose Banalität wird zum Akt der Rebellion. LOSER macht es vier Jahrzehnte später umgekehrt.
Für seinen öffentlichen Protest wird Shin eingesperrt und gefoltert. Als er 1979 wieder arbeiten darf, hat sich der öffentliche Musikgeschmack verändert. »Es ging nur noch um Dinge wie ‚Lasst uns hart arbeiten‘ und ‚Lasst uns glücklich sein‘«, beschreibt Shin die Lage in einem Interview. Diese neue Musik dient als Motivational Playlist für Südkoreas ökonomischen Aufstieg, der das Land binnen zwei Generationen vom Ruin in den Wohlstand befördert. Die Dauererschöpfung der Gesellschaft lässt einen wachsenden Markt für positive Affirmationen entstehen. BIGBANG wird von BTS und ihrer Love-Myself-Formel als erfolgreichste K-Pop-Gruppe abgelöst. In ihrem euphorischen Rekordhit Dynamite (2 Mrd. Aufrufe) von 2020 pointiert die Zeile »I got the medicine, so you should keep your eyes on the ball« das Verhältnis von Industrie und Konsument:innen auf merkwürdig transparente Weise: K-Pop als Antidepressivum.
Was LOSER im Gegensatz dazu macht, ist all der Positivität etwas Trauer und Verletzlichkeit entgegenzusetzen. Die Hörerschaft fühlt mit und spendet Trost, was die emotionale Bindung von Idols und Fandom bedeutsam und glaubwürdig werden lässt.
»[Tragik] macht die Fadheit des zensierten Glücks interessant, und die Interessantheit erträglich«, schreibt Adorno in der Dialektik der Aufklärung über die Kulturindustrie.
Die beigemischte Tragik gibt dem K-Pop eine geschmackliche Tiefe, wie das Glutamat in den Ramen. Verletzlichkeit liefert, was im Zeitalter der Dauerinszenierung als echt gilt. Der südkoreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han erkennt in Vom Verschwinden der Rituale einen »Zwang zur Authentizität«, der die Gemeinschaft erodiere. Das Idol des »Gottesdienst des Selbst« ist G-DRAGON. Indem man ihn als Symbol der Individualität verehrt, bekennt man sich zum Glauben an seine eigene. Wie kein anderer versteht er es, sein authentisches Image in Produkte abzupacken und der Performancegesellschaft als Supplements zu verkaufen. Ihn umgibt ein ganzer Markt an Kosmetik, Schmuck, Streetwear, Art-Toys und NFTs. Schon bei BIGBANGs Debüt können Fans für rund 40 Euro kleine Plastikzepter mit einer leuchtenden Krone darauf erwerben, um diese bei Auftritten hin und her zu schwenken. Das BIGBANG-Fandom wird passenderweise »V.I.P.s« getauft, ein Massenkult der Exklusivität. Solche Communitys können echte Gemeinschaft stiften, schlagen aber oft in Vereinzelung um. In einer Gesellschaft voller V.I.P.s schließen letztlich alle alle anderen aus. Sehnsüchtig nach etwas Sinn und Menschlichkeit huldigt man den Idolen des Selbst und verinnerlicht die Rituale des Konsums, die jene Leere überhaupt erst entstehen lassen.
Dezember. Wieder sitze ich mit meiner Mutter in der Küche. Ein bekannter Musikkritiker, der Doctor of K-Pop, habe gestern Selbstmord begangen, erzählt sie, während sie Frühlingszwiebeln schneidet und auf dem iPad die Nachrichten verfolgt. Ich frage sie, warum so etwas in Südkorea so häufig passiert. Man müsse immer der Beste sein, Zweitplatzierter zu sein, sei eine Schande, sagt meine Mutter. »Eine traurige Gesellschaft.« Das Land steckt in einer Abwärtsspirale aus Burnout, Depression und demografischem Kollaps. Selbst die konservative Partei, die den Neoliberalismus unerbittlich vorantreibt, kann dessen verheerende Folgen nicht länger totschweigen: »Wir müssen unsere Vorstellungen von Erfolg überdenken«, schlägt die Abgeordnete Bae Eun-Hee vor, »auch glücklich zu sein, ist Erfolg.« Keine strukturellen Veränderungen am Bildungs- und Wirtschaftssystem also, sondern einfach ein bisschen zufriedener sein mit dem, was ist. Trotzdem.
Die oberflächliche Symptombekämpfung erinnert an die Glaswände in Seouls Metro-Stationen, die Menschen davon abhalten sollen, sich vor den Zug zu werfen. Die Gute-Laune-Jingles, die vorm Einfahren jedes Zuges zu hören sind, lenken von dieser Realität ab. Das abgestimmte Zusammenspiel aus gläserner Trennwand und eingespielter Musik, die Fahrgäste lächelnd in die Wagons schleusend, gleicht dem koreanischen Entertainment-Apparat. LOSER bietet einer frustrierten Gesellschaft ein Ventil. Lässt die Luft aus den Reifen eines festgefahrenen Fahrzeugs. Eines glänzend weißen Hyundai Sonatas.
Für mich persönlich bleibt das Lied ambivalent. An sich kann ich mit 2010er Emo-Hip-Hop schon etwas anfangen. Auch ich erlebe Melancholie als wohligen Normalzustand, eine tragische Tiefe, in der man sich verstanden fühlt und meint, auch selbst einiges zu verstehen. Nur wirkt die radiotaugliche Melodramatik der traurigen Pierrots so glatt konstruiert, dass eine emotionale Distanz bleibt. Meinen eigenen Musikkonsum derselben kulturkritischen Betrachtung zu unterziehen, bleibt für mich jedoch bloß ein gelegentlicher Impuls, nichts, was ich im Alltag aufrecht erhalten könnte. Ich suche mir auf Spotify die Musik, die mir am besten gefällt, mich in eine andere Welt abtauchen lässt, meine »Authentizität« widerspiegelt. Vielleicht wäre LOSER heute Teil davon, hätte ich den Song zehn Jahre früher entdeckt. Stattdessen kreise ich aus sicherer Distanz um ihn herum, in dem Versuch, sein Herkunftsland etwas besser zu verstehen. Das Südkorea, von dem meine Mutter am liebsten erzählt, gibt es nicht mehr. Das, dem ich bei unserer Reise begegne – zwischen Abendessen mit Verwandten und Spaziergängen am Hangang, bei denen ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre hier zu leben – erscheint mir aus der Ferne greifbarer als damals im Januar. Vielleicht passe auch ich »ehrlich gesagt nicht in diese Welt«, aber ich bin ja auch nur manchmal zu Besuch.
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Foto von Yuan Jacob Ahn
