»There are warnings of gales in all areas.« – 100 Jahre BBC Shipping Forecast

von Marcel Krueger

Lundy, Fastnet, Irish Sea

I’ve got a message I can’t read

Radiohead, In Limbo (2002)

Kein Mensch ist eine Insel, aber manchmal ist es gut, so zu tun.

Ich bin vor kurzem nach Berlin gezogen, nachdem ich fast zehn Jahre in Dundalk an der Ostküste Irlands gelebt habe. Dort wohnte ich nur zwei Straßen vom kleinen Hafen – und dem Spirit Store, der ehemaligen Hafenkneipe und noch immer besten Pub der Stadt – entfernt, wo die bunten Muschelkutter am Kai vertäut liegen, wenn sie nicht zu den Fanggründen in der Dundalk Bay unterwegs sind. Manchmal ankern auch Frachter aus Litauen oder Spanien hier, um mit irischem Holz oder Metallschrott beladen zu werden. Auf der anderen Seite des Wassers ist bei Ebbe das glänzende Schlickwatt zu sehen und die grün-braunen Salzwiesen, die die Nordseite der Bucht ausmachen, und dahinter die grauen, bewaldeten Bergrücken der Cooley Mountains, oft hinter Regenschleiern oder tiefhängenden Wolken verborgen.  

Angeblich macht Inselleben ja glücklich. Für mich hat die Vorstellung, auf allen Seiten von Wasser umgeben zu sein, auf jeden Fall immer etwas beruhigendes gehabt. „Inseln können Klaustrophobie und Panik auslösen,“ erklärt hingegen der australische Akademiker Peter Conrad in seinem Buch Islands. A Trip Through Time (2009), „Hier ist man mit Rändern konfrontiert, oder mit dem eigenen Ende.“ Wie es auch sei, ich persönlich verorte mich immer gern in der Welt mit all ihren Rändern, sei das auf Google Maps, auf alten Landkarten oder durch einen Spaziergang. In Dundalk musste ich dazu eigentlich nur zum Hafen laufen, aber wenn der Regen von der Irischen See her gegen die Fenster klatschte und die Katze auf dem Sofa schnarchte, habe ich lieber bei eine Tasse Tee dem Seewetterbericht, dem Shipping Forecast, auf BBC Radio 4 gelauscht.

In Zeiten von digitaler Wettervorhersage wirkt der Shipping Forecast auf den ersten Blick anachronistisch. Es gibt ihn bereits seit 1861, ins Leben gerufen vom Vizeadmiral der Royal Navy Robert FitzRoy (1805 – 1865), Gründer des Met Office, dem meteorologischen Dienst des Vereinigten Königreichs. 1859 erlitt der Klipper Royal Charter in einem Sturm vor der Insel Anglesey Schiffbruch und 450 Menschen verloren ihr Leben. Als direkte Reaktion darauf führte FitzRoy 1861 einen telegrafischen Warndienst ein, um zu vermeiden, dass Schiffe ohne Warnung in schwere See gerieten. Im Jahr 1911 begann dann das Met Office mit der Herausgabe von Seewettervorhersagen und Sturmwarnungen über Funk für die Seegebiete rund um Großbritannien. Seit fast exakt hundert Jahren, seit Oktober 1925, wird der Shipping Forecast von der BBC ausgestrahlt – bis heute.

Zweimal am Tag unter der Woche und dreimal am Wochenende verlesen die Sprecher heute die Seewettervorhersagen: zum Sendeschluss um Mitternacht vor der Nationalhymne und bevor der BBC World Service die Nachtschicht übernimmt, am frühen Morgen, wenn Radio 4 wieder antritt, und zusätzlich mittags am Wochenende. Der Ablauf ist dabei immer der gleiche: Der Shipping Forecast beginnt mit dem Satz And now the Shipping Forecast, issued by the Met Office on behalf of the Maritime and Coastguard Agency, gefolgt von der Nennung der Tages- und Uhrzeit und einer Aufzählung der Sturmwarnungen, so es denn welche gibt. There are warnings of gales in all areas except Trafalgar, ist nicht selten zu hören. Danach folgt eine allgemeine Zusammenfassung der Wetterlage mit Angabe der Position, des Luftdrucks in Millibar und der Bewegung der Hoch- und Tiefdruckgebiete rund um die Britischen Inseln. Low just west of Bailey 996 expected Bailey 1000 by 0600 tomorrow. Anschließend wird die 24-Stunden-Vorhersage für alle Seeregionen um die Inseln herum verlesen: Trafalgar: Southwest 3 to 5, becoming variable 2 to 4. Rough or very rough, occasionally moderate in southeast. Fair. Good.

Auch diese 24-Stunden-Vorhersage ist seit 1955 fast immer gleich – damals trafen sich die Meteorologen Nordeuropas und legten die Namen der Seegebiete fest. Es gibt insgesamt 31 von ihnen, und die fast mantraartige Verlesung der Liste und der Wettersituation macht für viele, Seebären wie Landratten, die Faszination des Shipping Forecasts aus. Die Aufeinanderfolge der Seegebiete bleibt stets gleich: Beginnend mit der norwegischen Küste bewegen sich die Meldungen im Uhrzeigersinn durch die Nordsee, den Ärmelkanal entlang bis zur Iberischen Halbinsel, dann durch den Ostatlantik und um Irland herum wieder nach Norden bis Island.

Die Namen der Area Forecasts lauten (am besten laut mitlesen): Viking, North Utsire, South Utsire, Forties, Cromarty, Forth, Tyne, Dogger, Fisher, German Bight, Humber, Thames, Dover, Wight, Portland, Plymouth, Biscay, Trafalgar, FitzRoy, Sole, Fastnet, Irish Sea, Shannon, Rockall, Malin, Hebrides, Bailey, Fair Isle, Faeroes and Southeast Iceland. Im Anschluss an diese Liste folgen noch Wettervorhersagen für die Küstenwetterstationen des Vereinigten Königreiches, dabei machen die Sprecher die Runde von Cape Wrath to Rattray Head including Orkney bis Lough Foyle and Carlingford Lough.

Aber auch in der Republik fasziniert diese tägliche Litanei der See, die sich seit der ersten Sendung 1925 kaum geändert hat. Der irische Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney (1939 – 2013) ist nur einer von vielen Dichtern, die von der fast lyrischen Qualität des Shipping Forecast begeistert waren und zitiert ihn in seinem Gedicht Glanmore Sonnets von 1979:

Dogger, Rockall, Malin, Irish Sea:

Green, swift upsurges, North Atlantic flux  

Conjured by that strong gale-warning voice,  

Collapse into a sibilant penumbra.

[Dogger, Rockall, Malin, Irische See:

Grünes, rasches Anschwellen, nordatlantische Strömung  

heraufbeschworen von der starken Stimme des Sturmwarners,  

Kollabieren zu einem zischenden Halbschatten.]

Eines der bekanntesten Gedichte über den Shipping Forecast ist jedoch Prayer der schottischen Dichterin Carol Ann Duffy (*1955) von 1996:

Darkness outside. Inside, the radio’s prayer —

Rockall. Malin. Dogger. Finisterre.

[Draußen Dunkelheit. Drinnen das Gebet des Radios –

Rockall. Malin. Dogger. Finisterre.]

Finisterre heisst übrigens seit 2002 Fitzroy. Damals hat Spanien hat sich das „Ende der Welt“ wieder für seinen eigenen Wetterbericht angeeignet, und die Shipping Forecast Region wurde nach dem Vizeadmiral umbenannt.

Die poetische Mischung aus Spezialinformation für eine bestimmte Zielgruppe, mystisch anmutenden Namen von Seeregionen und die sich nie ändernde Struktur und Rhythmus machen den Shipping Forecast auch für Musiker interessant. Neben dem eingangs zitierten Song von Radiohead hat es der Shipping Forecast als Textzitat oder Sample neben vielen anderen auch in Songs von Blur (This is a Low, 1994), Chumbawamba (The Good Ship Lifestyle, 1997), British Sea Power (Gale Warnings in Viking North, 2005) oder Beck (The Horrible Fanfare/Landslide/Exoskeleton, 2006) geschafft. Die wahrscheinlich spannendste musikalische Umsetzung des Shipping Forecast und der damit zusammenhängenden dunklen Faszination der offenen See stammt vom britischen DJ Overseer, der für seinen Track Heligoland von 2003 vom BBC-Sprecher Brian Parkins eine eigene Version hat einsprechen lassen, bei der die Stürme mit melancholischen bis düsteren Selbsteflexionen korrespondieren:

South Shannon. Southwesterly 6 to gale 8, occasionally severe gale 9. Nerves shattered. Self reproach. Rain or showers. No change.

[Süd Shannon. Südwestliche Winde 6 bis Sturm 8, gelegentlich schwerer Sturm 9. Nerven zerrüttet. Selbstvorwürfe. Regen oder Schauer. Keine Veränderung.]

Aber auch visuell spielt der Shipping Forecast in Film und Fotografie eine Rolle. Zwischen 1993 und 1996 bereiste beispielsweise der britische Fotograf Mark Power, der als Kind mit dem Shipping Forecast aufgewachsen war, jede der 31 Seeregionen und hielt, wo möglich, die Menschen dort in stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Bildern fest. In einer Folge der Channel 4-Fernsehserie Black Books von 2000 hört die Figur Fran Katzenjammer den Shipping Forecast im Bett, weil ein Freund aus dem College ihn vorträgt und sie seine Stimme erregend findet. Im Film I, Daniel Blake des Regisseurs Ken Loach von 2016 läuft eine klassische Erkennungsmelodie des Shipping Forecast, Sailing By aus dem Jahr 1963, auf der Beerdigung der Hauptfigur. Und wie viele andere findet auch Oscar-Gewinnerin Olivia Colman den Shipping Forecast derart beruhigend, dass sie ihn sich per Kopfhörer einspielen ließ, um in emotionalen Szenen der Serie The Crown (2019) den kühlen britischen Charakter von Queen Elizabeth II. besser darstellen zu können, wie sie in einem Interview mit Vanity Fair erzählte. Ein Sample des Shipping Forecast war im Übrigen auch der erste musikalische Beitrag bei der Eröffnung der olympischen Spiele in London 2012.          

Auch wenn ich mittlerweile die irische Staatsbürgerschaft besitze, so höre ich doch den Shipping Forecast erst seit ein paar Jahren. Was für Kinder und Heranwachsende auf den britischen Insel seine sich stetig wiederholenden aber mysteriösen und schwer zu entziffernden Radiosignale, war für mich eher die Bundesligakonferenz, der mein fussballbegeisterter Vater immer lauschte. Und wie die meisten der begeisterten Hörer des Shipping Forecast brauche ich die Informationen, die vermittelt werden, nicht: Ich bin weit weg von der rauen See und den tosenden Winden. Was ich aber brauche, ich der akustische Anker des Shipping Forecast mit seiner alltäglichen Poesie, der mir versichert, dass das Meer und der Wind sich nicht um uns Menschen scheren und es stattdessen wir sind, die sich auf eine veränderte Wetterlage einstellen müssen.

In Deutschland gibt es natürlich auch eine Seewettervorhersage, die vom Deutschen Wetterdienst täglich ausgegeben und auch immer noch im Radio gesendet wird, auf NDR Info Spezial (hier als Podcast) – Deutschlandradio hat leider die bundesweite Ausstrahlung 2023 eingestellt. Zugegebener Weise ist der Shipping Forecast, vorgetragen von den Sprechern von Radio 4 wie Jane Steel, Viji Alles oder Stav Danaos mit all ihren verschiedenen britische Akzenten doch etwas romantischer als Südwestliche Nordsee: Südwest 3 bis 4, vorübergehend 4 bis 5, später etwas rückdrehend, gebietsweise diesig mit Küstennebel, See zunehmend 1 Meter. Auch hat der Seewetterbericht Nord- und Ostsee nie einen derart starken kulturellen Einfluss wie der Shipping Forecast erreichen können. Der Shipping Forecast ist für viele, mich eingeschlossen, beruhigend wie das auf- und wieder abflackernde Licht eines Leuchtturms, und sendet ähnliche Signale der Warnung und Sicherheit statt ins offene Meer in den Äther. Vielleicht ist es deswegen kein Wunder, dass sich die Struktur des Shipping Forecast auch in der Sleep Story der Beruhigungs- und Meditationsapp Calm wiederfindet, und BBC Radio 4 mittlerweile einen eigenen Sleeping Forecast zum besseren Einschlafen mit im Programm hat.    

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Foto von Tim Mossholder

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