Populäre Spione – Über die Zeitlosigkeit eines Genres

von  Heike Hellebrand


Spionageerzählungen wohnt häufig eine Zeitlosigkeit inne wie sonst nur in Liebeserzählungen oder Märchen. Das Figurenensemble ist mal mehr, mal weniger trennscharf aufgeteilt in ein archaisches Gut und Böse. Aber schnell werden auch die moralischen Grautöne sichtbar, die die internationale Politik charakterisieren. Wir lieben große Geschichten von Held:innen, die im Verborgenen agieren und ein ums andere mal die Welt retten. Die Handelnden sind motiviert, für ihre Überzeugungen zu kämpfen und sogar auch zu sterben. Spionage ist ein altes Gewerbe und fand bereits in der Bibel Erwähnung  (unter anderem imPredigttext: Josua 2,1-21: Die Kundschafter in Jericho,Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017). Spionageromane, wie wir sie heute kennen, existieren hingegen erst seit gut einem Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert fanden sich ihre Vorläufer in der britischenInvasion Literature. Einige Bücher aus dieser Zeit wurden speziell für das Militär verfasst oder sogar direkt von Offizieren unter Pseudonym geschrieben. Es lässt sich demnach konstatieren, dass das Genre des Spionageromans seinen Ursprung in der gedanklichen Ausarbeitung militärstrategischer Pläne hat.

Spionage ist  keine Erfindung der Neuzeit, die Entwicklung neuer strategischer und technischer Möglichkeiten, den Feind auszukundschaften, ist hingegen eng mit der britischen Militärgeschichte verknüpft. Der Ausarbeitung und Ausführung von verdeckten Operationen kam im Zuge der europäischen Nationenbildungen im 19. Jahrhundert eine immer größere politische Bedeutung zu. Mit der Gründung des MI6 um 1909 begann das British Empire seine verdeckte Auslandsspionage zu professionalisieren. Die Arbeit der Geheimdienste, im Speziellen hier die verdeckt arbeitenden Agentennetzwerke während der Ersten Weltkrieges, waren entscheidend für das Gelingen vieler militärischer Operationen. 

Wie aber fand der Spionageroman sein Lesepublikum? Das gelang ihm über reale Vorbilder, die ihren Widerschein in den Protagonist:innen der Erzählungen fanden. 

Dieses Spiel mit realem Vorbild innerhalb einer Fiktion ist auch heute eine wichtige Komponente von Spionagethrillern. Was sich später im Zuge der Herausbildung der nationalen Geheimdienste darüber hinaus etablierte, waren Autor:innen von Spionageerzählungen, die selbst einmal für den Geheimdienst des eigenen Landes gearbeitet hatten. Ihrem Wissen und ihrer Kenntnis der inneren Vorgänge vertraut die Leserschaft mehr als der Fiktion von Außenstehenden. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Autor:innen keine wahren Begebenheiten erzählen dürfen. Aber sie können sehr nah entlang der Wahrheit erzählen ohne Verrat zu begehen. Es ist eine Form von „True Crime“ und die Leser:innen können sich anhand der Erzählung auf die Suche nach realen Ereignissen und Orten machen. Mit „Eine kleine Stadt in Deutschland“ (engl. Originaltitel: „A Small Town in Germany“) in der Hand oder besser im Ohr als Hörbuch, lässt sich Bonn auf eine Weise erkunden, wie es nur ein ortskundiger und historisch versierter Stadtführer zu Stande brächte. 

Wer waren diese Männer und Frauen, die unter Einsatz ihres Lebens den Lauf der Weltgeschichte veränderten? Nicht jede verdeckte Operation war erfolgreich, nicht jede übermittelte Information gewinnbringend. Das Deutsche Spionagemuseum bietet hier eine kleine aber feine Übersicht der wichtigsten Spion:innen und Spionageoperationen des 20. und 21. Jahrhunderts.

Während des Zweiten Weltkrieges etablierten sich zunächst Lissabon, später auch Tanger, als Zentren für den geschmeidigen Informationsaustausch. Dušan Popov, ein jugoslawischer Spion und Doppelagent, den Ian Fleming 1941 im Casino Estoril traf, war für seinen ausschweifenden Lebensstil bekannt. Es wird zur Hauptvorlage der Figur James Bond. In seiner Autobiografie, „Spy/Counterspy“ von 1974 ließ Popov diese Zeit Revue passieren. Die Agenten, vornehmlich Männer aus gutbürgerlichen Kreisen mit anfänglich hehren Idealen, lassen sich ihre Informationen in Schmuck und Gemälden bezahlen. Sie gehen aus, sie feiern, sie nehmen Amphetamine, um durchzuhalten und um die allgegenwärtige Angst, erwischt zu werden, zu betäuben. Moralisch integer bleiben die wenigsten von ihnen. 

Das Spionagebusiness sah von außen gelegentlich glamourös aus, war aber ein Knochenjob. Ian Fleming war sich dessen bewusst und gestaltete dementsprechend den Charakter von James Bond. Aus dem vielschichtigen und düster gezeichneten James Bond des Zweiten Weltkrieges wird im farbenfrohen Blockbusterkino der 1960er Jahre ein gesunder und sportlicher Lebemann, der gelegentlich etwas zu viel trinkt. James Bond wird zum seriellen Actionheld, der mit moderner Technik, Körperkraft und Humor den Feind besiegt. 1961 erfindet der Cartoonist Antonio Prohíashat den Comicstrip „Spy vs. Spy“, der bis 2021 im „Mad Magazine“ erschien. Der Exil-Kubaner parodierte mittels eines weißen und eines schwarzen Spions, die in Tom und Jerry Manier aufeinander losgehen, die ersten Züge des Kalten Krieges. Die Truman-Doktrin von 1947 begründete eine kommunistische Eindämmungspolitik, die ihre Anwendung vor allem in der Einmischung politischer Belange lateinamerikanischer Staaten fand.

Spionage wird in den 1960er Jahren Popkultur. Brettspiele und Computerspiele folgen. Die Filme aus der James Bond Reihe gelangen über Umwege auch in den europäischen Ostblock. 1983 wird “Octopussy“ in der Nähe des Grenzübergangs Checkpoint Charly gedreht, was die Grenzsoldaten und im Zuge dessen auch die Stasi irritiert. Ein symbolträchtiger Ort wird zum Inhalt einer großen Filmproduktion. Das schlägt sich auch im weltweiten kulturellen Gedächtnis nieder. Das amerikanische Kino erfuhr Ende der 1960er Jahre mit dem New Hollywood Kino eine Wende. Die Filme werden gesellschaftskritischer und orientieren sich stärker an den realen Lebensgegebenheiten der USA. Sydney Pollack hinterfragt in „Die drei Tage des Condor“ von 1975 die Sinnhaftigkeit der heimischen Geheimdienste und füllt damit die Leerstelle, die unter anderem Alfred Hitchcock hinterlassen hat.

John le Carré, Graham Greene und Ian Fleming waren brillante Dokumentaristen und Erzähler der Spionage während des Kalten Krieges. Mit dem herbeigewünschten versöhnlichen Ende in den 1980er Jahren und dem dritten Gipfeltreffen 1987 zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow findet die Unterzeichnung des INF-Vertrags statt. Der restliche Verlauf der Geschichte ist bekannt. 

1990 wird der Bestseller„Jagd auf Roter Oktober“ von Tom Clacy verfilmt und fällt mit Erscheinen in einen Raum der Wissbegierde. Es wird offen gesprochen, auch über Geheimdienste. 

Der Kalte Krieg wird nach und nach zerlegt, ausgeweidet und filmisch festgehalten. Archive werden geöffnet und ehemalige Geheimdienstoffiziere erzählen Dokumentarfilmer:innen von ihren Erfolgen und Misserfolgen. Es folgen viele Autobiografien. Für einen kurzen Moment in der Geschichte überholt die Realität die Fiktion. 2006 erscheint „Das Leben der Anderen“ und wird ein internationaler Erfolg. Der 1974 erschienene Roman „Tinker Tailor Soldier Spy“ von John le Carré wurde 2011 filmisch brillant umgesetzt. Die gelungene Serie „The Americans“ thematisiert von 2013 bis 2018 das Leben eines russischen Agentenpaares in den USA. 2015 verfilmt Steven Spielberg mit „Bridge of Spies“ den Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke. Der Erzählstoff dieser erfolgreichen Produktionen stammt immer noch aus dem Kalten Krieg, das Genre scheint filmisch auserzählt.

Spionageerzählungen überschneiden sich zwangsläufig mit anderen Genres wie dem Kriminalfilm, dem historischen Roman oder Thriller. 2002 kommt mit „Die Bourne Identität“ ein neuer Typus von Agent in die Kinos und das Genre des Spionagethrillers erfährt eine Renaissance. Jason Bourne ist jung, frei von Manierismen und er hadert mit seiner Identität als Auftragskiller der CIA. Zunehmend finden Hacktivistengruppen Einzug in die Spionageerzählungen und das Auskundschaften der gegnerischen Partei ist vor allem mit technischen Fähigkeiten verbunden. Die eigentliche historische Zäsur fand aber bereits ein Jahr zuvor statt. Mit den Angriffen auf das World Trade Center in New York kippt die Welt in eine erneute Paranoia und der War on Terror beginnt. Die US-geführte Intervention in Afghanistan und der Dritte Golfkrieg hinterlassen auch ihre Spuren in der Welt der Literatur und des Films.

2013 enthüllt Edward Snowden, ein ehemaliger Agent, der als Systemadministrator für die NSA gearbeitet hatte, weltweite Überwachungs-und Spionagepraktiken der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs.  Snowden wird als Whistleblower und Held gefeiert, da ihm Zweifel über die Rechtmäßigkeit der umfassenden Überwachungsmaßnahmen kamen. Auch hier gilt die Devise, dass die besten Spionagegeschichten oder Affären oft das reale Leben selbst schreibt.

Agentinnen hatten es im 20. Jahrhundert schwer auf die Leinwand und vor allem zunächst in die Erzählungen zu kommen. Hitchcock porträtierte sie als russische Venusfallen oder gnadenlose ältere Kader, die meist nur wenige Minuten auf der Leinwand zu sehen waren. Noch immer wartet man vergebens auf einen weiblichen Bond, auch wenn die Leinwandheldinnen inzwischen nicht mehr auf den männlichen Blick großer Regisseure und Produktionsfirmen angewiesen sind. Historische Vorbilder gibt es zu genüge, wie unter anderem das Buch „Die Unsichtbaren: Wie Geheimagentinnen die deutsche Geschichte geprägt haben“ von Maik Baumgärtner und Ann-Katrin Müller bezeugt.

Weitere Inspiration für die Lektüre von Spionageromanen, Filmen und Podcasts ist hier zu finden.

Foto von Sergiu Nista auf Unsplash

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