Debakel aus Eitelkeit – Milo Rau lädt Peter Thiel erst ein, dann wieder aus

von Volker Weiß

Der Tech-Unternehmer Peter Thiel, zu dessen Portfolio unter anderem die Firma Palantir für datenbasierte globale Überwachungs-Technologie zählt, sollte Anfang Juni auf den Wiener Festwochen sprechen, doch die Veranstaltung ist abgesagt worden. Eingeladen worden war Thiel vom Schweizer Theatermacher Milo Rau, der seit 2024 Intendant des bedeutenden österreichischen Kulturfestivals ist und die Festwochen dieses Jahr ganz im Zeichen des Religiösen ausrichtet hatte. Veranstaltungstitel und Plakatdesign zeugen von Transzendenz, mehrere Gäste sollten von ihren Erfahrungen mit militanten religiösen Eiferern berichten, bei einem von Rau inszenierten »Glaubenstribunal« stand die »Rolle von Religionen, Göttern, Göttinnen und Kultobjekten im globalen Kapitalismus« im Mittelpunkt. Das Konzept sah also eine großflächige Annäherung an das Thema vor, die nach verschiedenen Berichten zur Halbzeit sogar ruhig kontroverser hätte sein dürfen.

Eine Personalie sorgte allerdings direkt für reichlich Disharmonie, der Milliardär Thiel, der als »Weltuntergangsprophet« angekündigt wurde. Unter dem Titel »Armageddon und Antichrist?« sollte der Deutsch-Amerikaner dem Veranstalter Rau sowie dem Innsbrucker Theologieprofessor Wolfgang Palaver Rede und Antwort zum Ende der Zeiten stehen, letzterer ist sowohl als Weggefährte wie auch als Kritiker Thiels bekanntgeworden.

Als die Einladung bekannt wurde, hielten sie manche zunächst für einen PR-Gag, dann hagelte es Kritik und schließlich Absagen anderer Teilnehmer. Am Ende blies Rau die Veranstaltung mit Thiel wieder ab. Den Wiener Standard erinnerte der mehrtägige Eiertanz um Einladung und Absage an einen anderen Gottseibeiuns der Österreichischen Politik: »Peter Thiel macht beinahe den Haider: Noch nicht da und schon wieder weg.«

Auf den Festwochen gibt es für solche Fälle ein genau festgelegtes Procedere. Schließlich hatte Rau das Festival zuvor als »Freie Republik Wiener Festwochen« zu einem ebenso avantgardistischen wie politischen Gebilde erklärt, mitsamt Verfassung und Ratsversammlung (das Geld kommt jedoch weiterhin von der wenig revolutionären und nicht-artifiziellen Republik Österreich). Gemäß dem Regelwerk für mögliche Konflikte in der Republik wurde nun öffentlich wie intern die Frage diskutiert, ob Thiel tatsächlich noch willkommen sei. Der Ausschluss am Ende sei dann jedoch »gegen den Beschluss« dieser Debatte erfolgt, wie das Theaterportal »Nachtkritik« anmerkte. wie die Festivalleitung verlautbaren ließ, wurde diese Entscheidung erst getroffen, nachdem immer mehr Absagen »in ihrer Gesamtheit die diesjährigen Festwochen in einem untragbaren Umfang« zu schwächen drohten. Damit wirkt der ganze Skandal auf den ersten Blick so unsouverän wie jedes Canceling im Kulturbetrieb.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Das Votum traf keinen prekären Künstler, sondern einen der bedeutendsten Finanzinvestoren der Tech-Branche, dem ein großer Einfluss auf die US-amerikanische Regierung nachgesagt wird. Thiels eigene Kommunikation ist eher exklusiv, er selbst lädt zu seinen Vorträgen abseits der Öffentlichkeit ein und spricht bevorzugt mit stramm rechtsdrehenden Medien wie der Schweizer Weltwoche, zu deren Verleger und Chefredakteur Roger Köppel er einen guten Draht zu haben scheint. Aus diesen Gesprächen geht hervor, dass Thiel – ganz wie Rau – in höherem Auftrag unterwegs ist. Er wähnt sich im persönlichen Kampf mit dem »Antichristen«. Dessen Handlanger scheinen erstaunlich oft seinen Geschäftsinteressen entgegenzustehen. Mal tritt ihm der Widerchrist in Gestalt einer Gesellschaft gegenüber, die versucht, Technologieentwicklung transparent zu halten, mal als Klima- und Datenschützer oder als Staat, der Steuern erhebt.

Denn für Thiel ist nichts so nah am Satan, wie des Menschen Wunsch, Fortschrittsrisiken zu kontrollieren und soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Dazu passt auch sein Bonmot, dass Demokratie heute leider der Entwicklung des Kapitalismus im Weg stehe. Verkündet wird diese Sicht mit reichlich biblischen Bezügen und Untergangsvisionen, denn Investor Thiel streitet für das Christentum. Allerdings sind für ihn dessen Anhänger fehlgeleitet, da sie aus lauter Wokeness die Sache mit der Nächstenliebe übertreiben. Er hingegen wünscht sich ein offensiveres Christentum, männlich hart und kämpferisch. Diese Sicht passt gut zu Trumps Maga-Bewegung, auf deren Seite sich der Investor schon früh geschlagen hat.

Nun stellt sich die Frage, was angesichts der weltweit übermächtigen Präsenz von Trump & Co eine solche Position auf den Wiener Festwochen noch interessant gemacht hätte. Doch für Rau war diese Kombination eine zu große Versuchung. Den dunklen Propheten Thiel über das Weltende raunen zu hören und dabei in derselben Gestalt einen der erfolgreichsten Geschäftsmänner des Globus zu bestaunen, hätte sicher nicht wenig Publikum angezogen. Der Freak- und Schauderfaktor dürfte der Hauptgrund für die Einladung an Thiel gewesen sein. Rau setzt zuallererst auf Spektakel. Sein einstmaliger Ansatz, der Welt, ob hässlich oder schön, eine Bühne zu geben, ist mehr und mehr der lautstarken Show gewichen. Raus Selbstsicht als Provokateur, der allerdings im Gegensatz zu seinem Vorläufer Christoph Schlingensief über keinerlei Selbstironie verfügt, hat den aufklärerischen Anteil seiner Arbeiten aufgefressen.

Das ließ sich bereits im Frühjahr in Hamburg beobachten. Dort hatte Rau im Rahmen der Lessing-Tage einen »Prozess gegen Deutschland« inszeniert, bei dem ein mögliches Verbot der AfD verhandelt werden sollte (und bei dem der Autor dieses Textes mitzuwirken das zweifelhafte Vergnügen hatte). Bereits dort traten die Grenzen des Konzepts deutlich zutage. So konsequent das Vorgehen war, die gesellschaftliche Wirklichkeit ins Theater zu holen und dort Freunde sowie Feinde der AfD zu Wort kommen zu lassen, so wenig ging es auf. Denn das eigentliche Votum wurde gar nicht mehr an dem Ort getroffen, für den das Stück entwickelt worden war – dem Theater. Digitale Medien und rechte Netzwerke machten es möglich, dass isolierte Beiträge vom Debattenformat und Bühne gelöst im Netz ein oft begeistertes Millionenpublikum fanden.

Statt des geplanten Austauschs der Argumente ging ein demagogischer Auftritt Harald Martensteins als Video viral, der an der Hamburger Spielstätte vor Ort wesentlich weniger Anklang gefunden hatte. Auch standen sofort mehrere Zeitungen mit entsprechender Agenda – von der Welt über die NZZ bis zur Jungen Freiheit – bereit, Martensteins Apologie der AfD im Wortlaut nachzudrucken. Raus Dialog-Kunstwerk wurde durch seine technische Reproduzierbarkeit also schlicht ausgehebelt. Unterm Strich übrig blieben eine Propaganda-Show und gehörig Aufmerksamkeit für den Theatermacher. Die Einladung Thiels zu den Wiener Festwochen zeigte, wie wenig Rau selbst das Scheitern seines theatralen Konzeptes in Hamburg reflektiert hat und wie weit er für sein Spektakel zu gehen bereit ist. Da half nun auch die Ausladung des Milliardärs nicht. Rau hatte in dem Moment bereits verloren, als er Thiel um der Aufmerksamkeit willen einlud. Nun hat er aus Eitelkeit einen weiteren Märtyrer des »freien Wortes« geschaffen.


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Foto von Eduardo Pastor auf Unsplash

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