Zehn Jahre Brexit: Eine literarische Bilanz

von Alastair Smith

Zehn Jahre sind nun vergangen, seitdem sich das Vereinigte Königreich zu den Wahlurnen begeben hat, um über seinen Verbleib in der Europäischen Union zu entscheiden. Das Land vollbrachte damals eine demokratische Glanzleistung: Fast 52 Prozent der Wählerschaft vollzogen einen Akt fragwürdiger Willensverkündung, dessen genaue Folgen niemand vorherzusagen wagte, der juristisch unpräzise angelegt war und den viele gleich am Tag danach bereuten. Doch der ›Brexit‹ war nicht mehr ungeschehen zu machen.

Es sollte noch zwei Premierminister und fast vier Jahre dauern, bis Großbritannien tatsächlich die Union verließ. Keine vier Monate brauchte es hingegen, um das erste Stück ›Brexit‹-Literatur auf den Markt zu bringen: Mit Autumn (2016) lieferte die Schottin Ali Smith den ersten Roman in einem vielgelobten Zyklus, dessen Wagnis darin bestand, das politische Geschehen im Land so zeitnah zu erzählen, wie es der Schreib- und Editionsprozess nur erlaubte. So konnte sie den Zyklus bereits 2020 mit Summer abschließen, einem Buch, in dem sie nicht nur den im Januar endgültig eingetretenen EU-Austritt thematisierte, sondern auch bereits das Wüten der Coronavirus-Pandemie.

Auch auf dem europäischen Festland spiegelte sich die britische Euroskepsis in der Gegenwartsliteratur wider. Robert Menasses mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnetes EU-Epos Die Hauptstadt (2017) entfaltet ein umfassendes Panorama unionseuropäischen Lebens, in dem die britischen Abgeordneten als arrogante Unruhestifter auftreten, die schon seit der Zeit des Maastricht-Vertrags auf Zerstörung aus waren. Darin klingt durchaus die Karriere Nigel Farages an, der seine über zwanzigjährige Amtszeit im EU-Parlament vorrangig dazu nutzte, seine Kolleg*innen in Straßburg zu beschimpfen und sein Heimatland mit einem radikalen Ruck nach rechts zu bedrohen. Man muss also feststellen: Menasse hatte es kaum nötig, seine Darstellung der britischen Abgeordneten zu überspitzen.

Es ist ein Verdienst der Literatur, sich den verschiedensten Seiten der Realität zuzuwenden; es gibt kaum einen Gegenstand, den sie nicht schon berührt, kaum ein Thema, das sie nicht gestreift hätte. Mit der Literatur zum ›Brexit‹ hat es aber dennoch eine besondere Bewandtnis. Denn die ›Brexit‹-Bewegung wies von Anfang an literarische Züge auf. Sie ruhte auf einer shakespeareschen Vorstellung Englands als »Kleinod, in die Silbersee gefaßt«, ein »gekröntes Eiland«, das, einer Festung gleich, mit gleichgültigem Hochmut auf das Geschehen jenseits des Meeres schauen darf. So tauchte zu Zeiten der Brexit-Debatte im britischen Feuilleton wiederholt die Frage auf, ob der britische Nationaldichter für oder gegen den EU-Austritt gewesen wäre. Dass jeder Versuch, Shakespeares brillantes, widerspruchreiches Werk politisch zu instrumentalisieren, nur scheitern konnte, sei dahingestellt. Der wiederholte Verweis auf Klassiker des britischen Kanons erlaubte es den Euroskeptikern allerdings, sich in eine lange Tradition patriotischer Selbstbehauptung einzureihen. Beim Parteitag der Konservativen 2018, als der ›Brexit‹ noch verhandelt wurde, schloss Abgeordneter Geoffrey Cox seine Rede mit einem Zitat von John Milton, Autor des Paradise Lost, ab:

»Methinks I see in my mind a noble and puissant nation rousing herself like a strong man after sleep, and shaking her invincible locks: methinks I see her as an eagle mewing her mighty youth, and kindling her undazzled eyes at the full midday beam«.

Mit seiner klangvollen Bassstimme gab Cox die Worte des Poeten zum Besten. Die Wirkung—und um die ging es ja—war hervorragend.

Doch die Literarität der ›Brexit‹-Bewegung beschränkte sich nicht auf Anspielungen und Inanspruchnahmen zeitloser Kunst. Befürworter*innen des Austritts verstanden es, Bilder einer glänzenden Zukunft zu entwerfen, die sich naturgemäß auf eine glorreiche Vergangenheit bezogen. Literatur-Nobelpreisträger Winston Churchill bot einen naheliegenden Schatz an Denk- und Schreibmustern an: Das Bild der »sunlit uplands«, die sonnigen Höhen, die Churchill sich nach dem Sieg über Nazi-Deutschland versprach, wurde umgedeutet als ein Sinnbild für Englands Zukunft außerhalb der EU. Überhaupt wurde ein Sprachregister angestrebt, das die pathetischen Parolen von Großbritanniens »größter Stunde«—so beschrieb Churchill den Zweiten Weltkrieg—widerhallen ließ. Kurz, die Sprache des ›Brexits‹ maß sich nicht selten literarische und poetische Ansprüche an, und das ist auch kein Wunder, denn in der Art, wie er den Wähler*innen präsentiert wurde, war der ›Brexit‹ nichts anderes als eine mit sprachlichen Mitteln gestaltete Fantasie, und zwar eine, die der endgültigen Konfrontation mit der Realität nicht standhielt. Anders gesagt: der ›Brexit‹ war schon immer eine Fiktion.

Die Literaturbranche schreibt zurück

Ein Rückkehr zum Golden Age des Empires; das Wiederaufleben eines genuin britischen Charakters und die Befreiung von dem Joch Brüsseler Vorherrschaft: Bei der Fiktion namens ›Brexit‹ ging es um keinen geringeren Gegenstand als die Seele einer Nation. Natürlich blieb dieses Phänomen auch von der britischen Literaturbranche nicht unbeachtet. Im Gegensatz zu vielen Autor*innen des 20. Jahrhunderts, die sich in der Pose als urenglische Euroskeptiker*innen gefallen hatten—Kingsley Amis’ 1958 Roman I Like It Here darf als Meilenstein der europhoben Literatur gelten—stellte sich ein Großteil der britischen Literatur im 21. Jahrhundert eindeutig auf die Seiten der ›Remainer‹, der Gegner des ›Brexits‹. Die wenigsten britischen Schriftsteller*innen konnten für die gesellschaftliche Bewegung gegen die EU Sympathie aufbringen. Die Aufgabe, in literarischen sowie medialen Auftritten eine passende Antwort auf die ›Brexit‹-Stimmung zu finden, oder gar den ›Brexit‹ durch neue Fiktionen zu kontern, sollte also keine leichte werden.

Im Diskurs um den ›Brexit‹ wird das Wahlergebnis oft als Aufforderung an die Londoner Kulturelite interpretiert, nun endlich mal den Guardian beiseitezulegen und den ›normalen‹ Leuten auf Augenhöhe zu begegnen. Ian McEwan, dem wohl bekanntesten englischen Romanautor unserer Zeit, wurde es augenscheinlich irgendwann zu viel mit dem Gebot zur Versöhnung. »Wir sollten aufhören so zu tun, als gäbe es in dieser Debatte wirklich zwei Meinungen,« mahnte er bei Erscheinen seiner politischen Satire The Cockroach (2019) im Radio. Tatsächlich fällt McEwans Cockroach-Novelle durch ihre politische Einseitigkeit auf. In einer Umkehrung von Kafkas Die Verwandlung erzählt McEwan, wie eine Londoner Kakerlake eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht, um erschrocken festzustellen, dass sie sich in den Premierminister des Vereinigten Königreichs verwandelt hat. Plötzlich findet sich die Kakerlake in einem politischen Zirkus wieder, dessen Ähnlichkeit zu den chaotischen Austrittsverhandlungen kaum zu übersehen ist, ebenso wenig die Persiflage auf Boris Johnson und Donald Trump. Mit der Pointe, die Verantwortungsträger des ›Brexits‹ seien im Grunde Ungeziefer, hat McEwan wohl einige zum Schmunzeln gebracht. Was ihm allerdings offenbar nicht in den Sinn kam, war einen Blick über die festgefahrenen und heiß umkämpften Lager von ›Leave‹ und ›Remain‹ hinweg zu werfen.

Für den ›Brexit‹, befand McEwan, gebe es eigentlich keine Argumente, höchstens eine quasi-religiöse, patriotisch aufgeladene Gemütslage spreche dafür. Warum sollte man also nach einem Ausdruck von stringent durchdachtem Volkswillen suchen, wenn es dort, wie man zu wissen meinte, nur Affekte und Ressentiments gebe? McEwans Aussagen wurden nicht kritiklos hingenommen. Zurecht wurde ihm vorgeworfen, den Wünschen und Ängsten der britischen Wählerschaft mit Desinteresse zu begegnen. Richtig lag er allerdings mit seiner Skepsis gegenüber der gängigen These, dass die ›Brexit‹-Bewegung einfach eine Revolte der sogenannten Unterschicht gegen das Bildungsbürgertum darstellte. Die ›Brexit‹-Bewegung wurde schließlich von Akteuren angezettelt, die ohne Zweifel zur urbanen Elite gehörten. Boris Johnson und Nigel Farage hatten teure, namhafte Privatschulen besucht. Jacob Rees-Mogg, Kabinettminister unter Johnson und Liz Truss, stilisierte sich zum Zerrbild eines hochnäsigen Aristokraten. Und über die Tragweite eines eventuellen russischen Eingriffs in das Referendum wird wohl lange noch diskutiert werden.

Die Rache der Provinz?

Die ›Brexit‹-Bewegung wäre ohne Impulse aus dem britischen Establishment nicht denkbar gewesen. Trotzdem schlug sie insbesondere in der englischen Provinz—von der Metropole London kulturell, wenn nicht geographisch weit entfernt—hohe Wellen. Das Ausmaß dieses Phänomens erkennt man leicht mit einem Blick auf die Karte der Wahlergebnisse. In starkem Kontrast zu der Hauptstadt und vereinzelten ›Remain‹-Hotspots wie Cambridge oder Brighton—von Schottland ganz zu schweigen—lässt sich Euroskepsis vor allem in Englands ländlichen Regionen, sowie in den nördlichen Ballungsgebieten feststellen. Vom ländlichen Lincolnshire zum postindustriellen Tyneside breitete sich ein ›Brexit‹-Fieber aus, das zwar das darauffolgende politische Chaos nicht ohne weiteres überstand, aber dennoch wirksamer blieb, als man hätte erwarten können.

Im Zuge der ›Brexit‹-Debatten gewannen die Landschaften der englischen Provinz deutlich an Relevanz. Sie durften genauso gut als Kulisse des Dramas gelten wie die gediegenen Häuserfronten der Downing Street, auf die sich McEwan in The Cockroach bezog. Francis Lees God’s Own Country, ein queerer Liebesfilm aus dem Jahr 2017, der liebevoll als das Brokeback Mountain Yorkshires gesehen wird, machte die kahlen Hochmoorlandschaften um das nordenglische Keighley zum Schauplatz der Europa-Debatte. Hier kommt ein rumänischer Hirte (Alec Secăreanu) als Arbeitskraft auf einer entlegenen Farm unter, wo er auf den unwirschen Farmersohn (Josh O’Connor) stößt, und ihm letztendlich die Augen öffnet für eine Welt jenseits seiner Macho-Vorstellungen von Sex und nationaler Identität. Das Ganze spielt in derselben Landschaft, in der einst die Brontë-Schwestern beheimatet waren. Heute gilt das Dorf Haworth, Wohnort der Brontës, als literarisches Ausflugsziel, eine charmante Ortschaft, von niedrigen Bergen umgeben, die auf frappante, irgendwie auch befremdliche Weise schön sind. Lees Film aber evoziert nicht nur den fremdartigen Zauber des Ortes, sondern auch die Isolation und die Härte eines Schafzüchterlebens. Wie schon bei Wuthering Heights ist hier die öde, unwirtschaftliche Landschaft Voraussetzung für eine Familiengeschichte, die von weitervererbten Traumata geprägt ist. Und wie bei Emily Brontes kühnem Roman, in dem der stürmische Heathcliffe eine entscheidende Rolle spielt, ist es hier die Ankunft eines Fremden, welche die isolierte kleine Welt auf den Kopf stellt. Der rumänische Hirte Gheorghe gilt als Bote einer Weltoffenheit, welche die Blase provinzieller Rückgewandtheit zum Platzen bringt. Subtil ist das nicht gerade—aber wirkungsvoll.

Durch den wiederauflebenden Patriotismus, der mit der ›Brexit‹-Kampagne einherging, entwickelten gerade diese zugleich malerischen und rückständigen Landschaften neue Ambivalenzen. Die Horror-Literatur, und vor allem die stark volkstümelnde Gattung des “Folk-Horrors”, haben diese Ambivalenzen durch das Gruseln auf frappante Weise freigesetzt. Die Romane Andrew Michael Hurleys zum Beispiel (The Loney, 2015, Starve Acre, 2019) sind von dem National-Unheimlichen regelrecht durchdrungen: Sie spielen ausschließlich in den vergessenen Ecken der englischen Provinz, bevölkert von Kinder mordenden Sekten und dämonischen Hasen. Für Hurley, wie für viele Schreibende, hatte die Entscheidung, alles aufs Spiel zu setzen, indem man trotz der Aussicht wirtschaftlicher Unsicherheit für den EU-Austritt stimmte, etwas latent Dämonisches. Insofern tritt der ›Brexit‹ als der wahrgewordene Spuk auf, der Englands »green and pleasant land« schon lange heimsuchte—und zwar gerade dort, wo das Land am schönsten und das Versprechen der postindustriellen Leistungsgesellschaft am brüchigsten ist.

Ein globaler ›Brexit‹

Die Debatten um den ›Brexit‹ lösten im Vereinigten Königreich eine Periode ausschweifender, manchmal auch quälender Introspektion aus. Unentwegt grübelte man über die vermeintliche Rache der Provinz, die wehleidige Malaise einer geschrumpften Weltmacht und andere anscheinend urbritische Neurosen. Was dabei allzu leicht aus dem Blick geriet—in Großbritannien zumindest—war die Welt jenseits des Ärmelkanals. Dass andere Länder ebenfalls von dem Umbruch betroffen waren, wurde weitgehend vergessen; sogar in linken ›Remain‹-Kreisen lebte die berühmte britische Inselmentalität weitgehend fort.

Dabei lässt sich die Literaturgeschichte des ›Brexits‹ unmöglich ohne Blick auf Europa erzählen. Für die Schreibenden, die persönlich betroffen waren, auch wenn sie keine britischen Staatsbürger*innen waren, war das Thema unumgänglich, wie die damals in England lebenden Autorinnen Katharina Volckmer und Nele Pollatschek, oder die in Berlin ansässige Britin Jacinta Nandi feststellten. Die deutsche Schriftstellerin Mithu Sanyal hat die internationalen Implikationen des EU-Austritts besonders intensiv aufgearbeitet, nicht zuletzt in ihrem amüsanten Zeitreise-Roman Antichristie. (2024). Ausgangspunkt des Geschehens ist hier der Tod von Queen Elizabeth, ein Ereignis, durch das die Spaltungen in der britischen Gesellschaft so deutlich wurden wie seit dem ›Brexit‹ nicht mehr. In dem Roman erlebt eine deutsche Drehbuchautorin indischer Herkunft diesen Wendepunkt in London mit, bevor sie auf unerklärliche Weise hundert Jahre in die Vergangenheit zurückgeschickt wird, in eine Zeit, als Freiheitskämpfer im Londoner Untergrund auf die Unabhängigkeit Indiens hinarbeiteten. So steht bei Sanyal offenbar ein anderer britischer Abschied im Vordergrund: nicht nur der Austritt aus der EU, sondern auch der überstürzte Abzug der Briten aus den indischen Kolonien im Jahr 1947, der ein tödliches Chaos und langwährendes Leid hinter sich ließ. Der indische Essayist Pankaj Mishra erkennt in den zwei vermasselten Exitstrategien insofern durchaus Parallelen, dass beide auf die »böswillige Inkompetenz« der britischen Elite zurückzuführen seien. Und für Mishra wie für Sanyal steht der ›Brexit‹ im engen Verhältnis zu der britischen Kolonialgeschichte: Das Nationalbild Großbritanniens, das im EU-Austritt behauptet werden sollte—das einer mächtigen, unabhängigen Monarchie—konnte schließlich erst durch Jahrhunderte menschenverachtender Kolonialherrschaft entwickelt werden.

Das Werk der deutsch-britischen Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo legt aber nahe, dass Deutschland und Großbritannien durch die Kolonialgeschichte vereint sind, ›Brexit‹ hin oder her. Otoos Romandebüt Adas Raum (2021) ist eine multiperspektivische Auseinandersetzung mit dem Erbe kolonialer Gewaltherrschaft zwischen Westafrika, Großbritannien und Deutschland über sechs Jahrhunderte hinweg. Die verschiedenen Erzählstränge verbindet ein goldenes Armband, ein Stück Raubgut, das den Besitzer wiederholt wechselt; dazu wird immer wieder von einer Figur namens ›Ada‹ erzählt, die zu verschiedenen Zeiten lebt, und die männlicher Gewalt zum Opfer fällt. Besonders auffällig ist aber die Erzählperspektive: Otoo lässt einen körperlosen Geist sprechen, der verschiedene, sonst stumme Gegenstände bewohnt. Ein Besen, ein Türklopfer, ein Zimmer in einem KZ-Bordell zählen alle zu den Objekten, aus deren Perspektive erzählt wird, genauso wie ein britischer Pass, noch—aber nur kurz—gültig für die EU. »Es bestand zu der Zeit die leise Hoffnung,« schreibt Otoo, »dass das ganze Brexit-Ding demnächst rückgängig gemacht würde.« In diesem letzten Erzählstrang erzählt Odoo von einer schwangeren Britin, Tochter ghanaischer Eltern, auf Wohnungssuche in Berlin, wo sie etliche Diskriminierungserfahrungen durchleben muss. Zwischen Rassismus in Deutschland und dem Chaos des ›Brexits‹—der wiederum Ausdruck eines patriotischen, manchmal unverhohlen rassistischen Impulses war—wird diese Ada hin- und hergerissen.

Adas Raum spannt einen weiten Bogen von Kolonialraub im Westafrika des 15. Jahrhunderts zu Rassismuserfahrungen in der Gegenwart. In dieser Konstellation hat der ›Brexit‹ als Ausdruck postimperialistischer Nostalgie gewiss seinen Platz. Aber Otoo weigert sich, das Problemfeld als ein britisches Spezifikum darzustellen. Vielmehr knüpft sie an Debatten an, die Deutschland und Großbritannien gleichermaßen betreffen: Die Rückerstattung von Kolonialgütern—an dem goldenen Armband macht Otoo den Bezug explizit—dient als Entzündungspunkt für die Frage, inwieweit europäische Länder noch von dem Erbe kolonialer Gewalt profitieren und wie nun mit dieser Vergangenheit umgegangen werden soll. Als Plädoyer für eine differenziertere Erinnerungskultur sowie einen offenen Umgang mit der Kolonialgeschichte sorgt Otoos Roman für reichlichen Stoff zum Nachdenken. Wie schade, also, dass Rechtspopulist*innen viel lieber das Thema von der Hand weisen, oder den Sachverhalt sogar verdrehen: Dieses Jahr verteidigte Nigel Farage die These, dass ausgerechnet Großbritannien durch die Einwanderung ›kolonisiert‹ werde. War der ›Brexit‹ als Unabhängigkeitsfantasie schon immer eine Fiktion, so ist hier offenbar eine noch dreistere Geschichtsklitterung am Werk.

Krise und Kontrollverlust

Der ›Brexit‹ ist nicht ungeschehen zu machen. Und trotzdem bleibt seine Zukunft—die Zukunft des Vereinigten Königreichs in Europa—ungewiss. Keir Starmers Wahlsieg vor zwei Jahren verdankte sich zum Großteil einer allgemeinen Abneigung gegen die Konservativen, die das Land so ungeschickt in den ›Brexit‹ getrieben hatten. Seit seiner Amtsübernahme liebäugelt der neue Premierminister mit einer radikalen Annäherung an Brüssel; ein Ende zum sogenannten ›Wurstkrieg‹ ist schon verhandelt worden, sodass Fleischprodukte wieder frei über die Grenze gebracht werden dürfen, ein Austauschprogramm für die Jugend dürfte bald folgen. Inzwischen halten viele Briten den Wiederbeitritt zur EU für ein erstrebenswertes Ziel.

Gleichzeitig bleibt unklar, wie lange Labour noch an der Macht sein wird. Erhebliche Verluste bei den Lokalwahlen sowie die Verstrickungen Peter Mandelsons mit Jeffrey Epstein haben Starmers Position dermaßen unterminiert, dass er nun abtreten musste. Dass der beliebte Andy Burnham als sein Nachfolger quasi schon feststeht, verleiht der britischen Linke gewiss einen neuen Elan. Doch sein Erfolg als Premierminister ist alles andere als garantiert. Falls die Mitglieder der Labour Partei ihn tatsächlich zum Vorsitzenden ernennen, wird Burnham genauso hart gegen den Rechtspopulismus und die alte ›Brexit‹-Garde zu kämpfen haben wie sein Vorgänger. Das heißt, egal wie gerne Brüssel britische Annäherungsofferten entgegennimmt—und auch da lässt sich streiten—es kann nicht ausgeschlossen werden, dass bald Nigel Farage in der Downing Street sitzt. Und mit Reform UK an der Macht wäre jeder Normalisierungsversuch britisch-europäischer Verhältnisse umsonst.

2016 prangte der Slogan »Take back control« an Bussen, Podien und Plakaten, die für den EU-Austritt warben. Aus dem Gefühl der Brit*innen, die Kontrolle über das eigene Schicksal verloren zu haben, konnte die ›Leave‹-Kampagne offensichtlich Gewinn schlagen. In der Zwischenzeit hat sich das Bedürfnis, die Kontrolle wieder an sich zu reißen, nur verschärft. Durch die Coronavirus-Pandemie, den Angriff auf die Ukraine, wirtschaftlichen Rückstand und Konflikte im Nahen Osten hat die Gegenwart die Dimensionen einer Polykrise angenommen. Der Anspruch von Reform UK sowie der deutschen AfD ist es, die Polykrise mit Kontrollgewinn zu kontern, oder zumindest mit dem Gefühl davon. Doch allein die verstörenden Zeichen Demokratieverfalls aus den USA sprechen gegen die Möglichkeit, dass der Rechtspopulismus Lösungen für die aktuelle Problemlage liefern könnte.

Zehn Jahre nach dem Referendum erscheint der ›Brexit‹ nicht mehr wie eine einzigartige Fehlentscheidung, oder wie eine vor allem nationale Schmach für die Briten. Vielmehr erscheint er als symptomatisch für eine Entwicklung, von der auch Deutschland nicht verschont geblieben ist: nämlich die Reaktion auf ein Gefühl des gesellschaftlichen Kontrollverlusts. Auch in Deutschland spalten sich Provinz und Metropole; auch in Deutschland wird Versuchen, die eigene Kolonialgeschichte aufzuarbeiten, mit Abwehr begegnet; in Deutschland sowie in Großbritannien nimmt Extremismus unter Einfluss der Digitalmoderne zu. Und auch die deutsche Literatur sieht sich nun die Aufgabe gestellt, diese gesellschaftliche Lage zu reflektieren. Lukas Rietzschels Sanditz (2026) ist nur das letzte Beispiel in einer literarischen Entwicklung der vergangenen Jahre, die ein solches Ziel verfolgt. Oft als DDR-Roman bezeichnet, deckt Sanditz in der Tat einen größeren historischen Abschnitt ab, von den frühen 70er Jahren bis zum heutigen Krieg in der Ukraine. Ein erheblicher Teil des Romans spielt sogar in Zeiten, als noch FFP2-Masken in der Öffentlichkeit getragen werden mussten. Erzählt wird also, wie eine fiktive sächsische Kleinstadt, von Tagebauten umzingelt, die Wogen der Nachwendezeit zu überleben versucht—und was überhaupt von einem Kontrollversprechen übrigbleibt in einer Region von Deutschland, die von der Politik systematisch übersehen wird.

Sanditz ist kein ›Brexit‹-Roman, und doch gibt es durchaus Parallelen: die Sorge um die Provinz, die Hinterfragung von vereinfachenden politischen Parolen, und der Versuch, ein gesellschaftliches Gefühl des Kontrollverlusts literarisch aufzuarbeiten. Nur bewegt sich Rietzschel als ein deutscher Autor offenbar in anderen Kontexten, von denen die DDR-Vergangenheit nur das naheliegendste Beispiel darstellt. Ist das vielleicht die Zukunft der ›Brexit‹-Literatur? Ein Schreiben, das sich von der Chiffre ›Brexit‹ loslöst, um sich stattdessen dem dahinterstehenden Gesellschaftswandel zu widmen? Der Geist des ›Brexits‹, des reaktionären Patriotismus, liegt in der Luft und wird die Literatur wohl lange noch umtreiben. Doch mit Putin im Osten und dem Rechtspopulismus im Rücken haben die EU und ihre Schreibenden auf jeden Fall nun größere Themen zu behandeln, als den Abschied von einer zwar schönen, im Grunde aber größenwahnsinnigen Insel.

Foto von Niklas Weiss auf Unsplash

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