Die Tiere der Promis

eine Erzählung von Till Raether

 

Am späten Vormittag kam es zu einem unerfreulichen Vorfall in der Redaktion. Wieder einmal geriet ich zwischen die Fronten.

Ich saß am Schreibtisch und wartete auf Texte, als das Telefon klingelte. Die Nummer im Display verhieß nichts Gutes: eine umtriebige Ressortleiterin, die keinen Tag verstreichen ließ, ohne mir Probleme zu verursachen.

„Kommst du mal runter, bitte.“ Sie hatte bereits diesen Tonfall. Ich seufzte und verließ das Stockwerk der Chefredaktion. Zu ebener Erde, mit Blick auf die U-Bahnstation, saß die Ressortleiterin mit ihrem Ressort in einem großen Eckraum. Dieser war vor zwei Wochen durch das Einreißen einiger Trennwände entstanden, damit das Ressort künftig in einem Raum sitzen konnte. Unser Chef versprach sich hiervon mehr Kreativität, sonst niemand. Die vier Redakteurinnen und die Ressortleiterin empfanden den Verlust ihrer Einzelbüros als Kränkung. Ich betrat den Raum mit einem schafsartigen Lächeln, das ich mir angewöhnt hatte, um Konflikte zu lösen, indem ich sie auf mich lenkte.

Die Ressortleiterin, deren Schreibtisch am anderen Ende des Raumes am Fenster stand, kam auf mich zu und streckte den Arm aus in dieser Hier-nicht-Bewegung, überlegte es sich dann aber anders. Sie gestikulierte in den Raum.
„Das geht so nicht“, sagte sie. „Wenn ich dahinten sitze, gehen alle, die hier reinkommen, erstmal zu ihr und besprechen alles mit ihr, aber sie ist nicht mal stellvertretende Ressortleiterin.“ Sie nickte zu einer Kollegin, die mit verschränkten Armen hinter einem Bildschirm saß und es anscheinend gewohnt war, dass man von ihr in ihrer Anwesenheit in der dritten Person sprach.

„Hallo“, sagte ich zu ihr, „hi.“
„Von mir aus setz ich mich gern ans Fenster“, sagte die Redakteurin.
Ich breitete die Handflächen aus: Jawoll! Da haben wir’s doch!
Die Ressortleiterin winkte ab. „Ich kann unmöglich hier direkt neben der Tür sitzen, wo ständig jemand reinkommt.“

Alle Redakteurinnen im Raum nickten nachdenklich, selbst die Kollegin, die neben der Tür saß.

„Und wenn du deinen Tisch hier in die Mitte …“, sagte ich. Allerdings war ich, das muss ich zugeben, als stellvertretender Chefredakteur weder Experte für Arbeitsplatzergonomie, noch für Rettungswege; hier hätten ganz andere Abteilungen zu Wort kommen müssen. Bevor ich zu Ende sprechen konnte, rieb die Ressortleiterin sich die Stirn und sagte: „Nein, nein. Wenn es dich nicht interessiert, sag es doch einfach.“

Auf dem Weg zurück nach oben fing der Chef mich ab. Er war ganz in Schwarz gekleidet, dies war eine Marotte von ihm, die von fast der gesamten Chefredaktion geteilt wurde. Nur ich trug einen herabgesetzten Anzug, dessen Farbe der Verkäufer zögernd als „moss gray“ bezeichnet hatte. Der graue Stoff schimmerte bei Tageslicht also grünlich. Zum Glück ging ich bei Tageslicht selten raus.

„Genau der Mann, den ich sehen will“, sagte der Chef, zog mich in sein Büro und zündete sich eine zusätzliche Zigarette an. „Wir müssen über Porträts reden.“

Dies war zur damaligen Zeit ein Dauerzustand: Der Chef war unzufrieden mit der journalistischen Textform Porträt, wie sie in unserer Zeitschrift umgesetzt wurde. Er beklagte fehlende Kreativität, er vermisste neue Ideen.

Ich wiegte den Kopf, als hätte ich den Tag und womöglich auch die Nacht über an nichts anderes gedacht. „Ja, nee, klar“, sagte ich.

„Zum Glück habe ich eine Idee“, sagte der Chef, „und ich möchte, dass wir die so schnell wie möglich umsetzen.“

Ich richtete mich auf. Die Ideen des Chefs waren oft sehr schlecht, man musste sich geschickt anstellen, wenn man sie verhindern wollte, ohne, dass er es merkte. Die Situation erforderte daher nun doch meine volle Konzentration. Ich zog die Manschetten meines preiswerten Sporthemdes aus den Jackettärmeln, und dabei blieb mein Blick am Stoff der Anzugjacke hängen. Der Chef hatte, wegen der Kreativität, Tageslichtleuchten in seinem Büro installieren lassen. Ich betrachtete den moosgrünen Schimmer meiner Kleidung und spürte, wie mich aller Mut verließ.

„Wir reden nicht mehr mit den Promis“, sagte der Chef, „wir reden mit den Tieren der Promis.“ Er lehnte sich zurück in einen der Ledersessel, die seine Vorgängerin angeschafft hatte, Qualm kam aus seiner Nase. Er sah mich erwartungsvoll an. Dabei kniff er die Augen zusammen, und den Mund, damit es noch erwartungsvoller wirkte. In diesem Zustand glich der Mund seinen Augen, es sah also aus, als hätte er drei zusammengekniffene Augen im Gesicht; mir schauderte.

„Mit den Tieren der Promis“, wiederholte ich langsam. Eigentlich war ich besser in dieser Situation, als den gängigen Halbsatzwiederholungs-Trick anzuwenden. Aber der Chef nahm meine Einfallslosigkeit für Ehrfurcht.

„Irre, oder?“, sagte er.
„Ja“, sagte ich.

„Und ich weiß auch schon, mit wem wir anfangen“, sagte er und angelte eine Pressemitteilung vom Schreibtisch. Ich nahm sie entgegen. Es ging darin um eine Schauspielerin, die im vorigen Jahrzehnt überaus erfolgreich gewesen war, und die praktisch keine Interviews gab, vor allem nicht uns. Durch die längere Abwesenheit hatte sie Legendenstatus. Jetzt, das entnahm ich der damals noch auf Papier verbreiteten Mitteilung, hatte sie eine CD mit „wunderbar unangepasstem Indie-Pop“ aufgenommen, „Songs von berückender Schönheit, wütender Weichheit und versöhnlicher Härte“. Ich ließ das Schriftstück sinken.

„Sie redet mit niemandem“, sagte der Chef. „Außer mit uns. Und sie hat einen Hund. Oder zwei. Und sie hat Zeit. Heute abend.“ Er nannte einen Ort in einem anderen Bundesland und eine Uhrzeit, die ungewöhnlich spät war. Viele Redakteurinnen waren auf Teilzeit und hatten Familie.

„Klar“, sagte ich erstaunt.

„Ich weiß, die Kolleginnen im Ressort werden sich anstellen“, sagte der Chef. „Aber mir reicht das mit der Bequemlichkeit, die müssen auch mal spontan sein. Es hat sich doch niemand den Job hier gesucht, um pünktlich um 18 Uhr Schluss zu machen. Das ist doch ‘ne Riesengelegenheit. Das einzige Interview.“

Ich nickte. „Also, wir reden mit den Haustieren, das heißt, wir …“

Er sah mich an, als wäre ich schwer von Begriff. „Wir tun das in die Einundzwanzig“, sagte er, „zu den Plätzchen.“

„Es gibt nur einen Haken an der Sache“, sagte ich zur Ressortleiterin. Sie hatte sich schräg gesetzt, sodass sie aus dem Fenster sehen konnte, während ich mit ihr sprach. Die Redakteurinnen schauten in ihre Bildschirme.

„Du meinst, einen Haken außer dem Dreh, dass wir mit Haustieren sprechen?“, fragte die Ressortleiterin.

Ich lachte. Wir waren uns hier einig, darüber mussten wir nicht reden. Jemand kam in den Raum und zeigte der Redakteurin, die an der Tür saß, ein Layout. Die Ressortleiterin sah mit flackernden Augen über meine Schulter.

„Das muss fix gehen“, sagte ich. „Der Termin ist heute abend.“
„Im Hangar?“, fragte sie, ein damals gängiger Ort für Interviews in unserer Stadt.
„Nein“, sagte ich.

Sie schüttelte den Kopf, als ich ihr das Bundesland und die Uhrzeit sagte. „Wie soll das gehen? Du weißt doch, wie das ist. Ab fünfzehn Uhr sind wir hier nur noch zu zweit, und ich habe heute Judo.“

„Und …“ Ich wies mit dem Kinn auf den leeren Schreibtisch einer Redakteurin, die gerade im Pantry-Bereich war.

Sie schüttelte den Kopf und drehte den Zeigefinger auf Höhe der Schläfe. „Die merkt keine Einschläge mehr“, sagte sie halblaut.

„Vielleicht genau richtig für den Job“, sagte ich und merkte, wie ich wütend wurde: Warum musste ich diesen unmöglichen Auftrag weitergeben, warum weigerte sich die, die ihn weitergeben sollte, das umzusetzen, und warum trug ich diesen Anzug, der mich beschämte.

„Mir ist das egal“, sagte ich, und es schlich sich eine Härte in meine Stimme, von der mein Chef im Mitarbeitergespräch vor einigen Wochen gesagt hatte, er würde sie an mir vermissen: „Ihr findet einen Weg, das zu machen. Das ist euer Beritt. Ihr setzt das um.“

 

Einige Stunden später stand ich auf einem zugigen Bahnsteig, wo sie vor kurzem angefangen hatten, die Fahrpläne in Gestalt von winkenden oder wartenden Metallskulpturen in Dunkelblau und Dunkelrot aufzustellen. Bedrückt atmete ich vor mich hin. Der Zug ins benachbarte Bundesland verspätete sich, und wie immer hatte ich die irrationale Befürchtung, meine Papiere wären womöglich nicht in Ordnung. Und die Angst, nach dem Interview den letzten Zug zurück nicht zu erreichen und die Nacht in der Fremde verbringen zu müssen. Ich hatte nicht einmal eine Zahnbürste dabei, nur eine moderne Umhängetasche voller Unterlagen, die mir die Dokumentationsabteilung ausgedruckt hatte. Mein dunkelblauer Wollmantel biss sich mit meinem Anzug. Ich schwitzte auf leicht pathologische Art und Weise. Vom Triebwagen dampfte schmutziges Wasser, als käme er aus einer anderen Klimazone. Im Zug hörte ich die CD der Sängerin. Ich konnte mich nicht konzentrieren, weil in meinem Abteil zwei Polizisten mit einem Mann in Handfesseln saßen, der unbeteiligt aus dem Fenster sah. Die Musik kam mir sehr bekannt vor. Allerdings war ich zu jenem Zeitpunkt bereits Mitte dreißig, ich hatte bereits drei Wiedergeburten von Indie-Pop miterlebt. Nach anderthalb Stunden kam es in einem Industriezentrum zu einer Zugergänzung, das kannte ich schon, aber ich hatte mir nie die Mühe gemacht, herauszufinden, um was für Teile der Zug hier ergänzt wurde, woher sie kamen, und mit wem. Meine Papiere waren in Ordnung. Die CD lief und lief.

Als ich ausstieg, dämmerte es bereits. Die Luft roch nach Schotter und Laub. Ich beschloss, wieder mit dem Rauchen anzufangen. Bei einem Kiosk, der so niedrig war, dass der Verkäufer sich darin bücken musste, kaufte ich alles, was ich dafür brauchte. Der Taxifahrer herrschte mich an und wies auf das Noch-nicht-Rauchen!-Schild über dem Handschuhfach. Als ich die Adresse der Schauspielerin nannte, die nun auch Sängerin war, nickte er wissend. Dann bearbeitete er ein Navigationsgerät, auf dem es so aussah, als wären wir jenseits der Straße von Wasser umgeben. Ich war erstaunt, eine zeitlang hatte ich mich für Geographie interessiert.

„So“, sagte der Taxifahrer nach einer Weile. Zehn Minuten später hielt er an. Ich stieg aus, und augenblicklich wurden meine Hosenbeine von einer Bö erfasst. Straßenlaternen sprangen an. Normalerweise traf man sich zum Interview in einem Hotel oder in den Büros einer Agentur. Aber mein Chef hatte gute Verbindungen zu der Schauspielerin und Sängerin, deshalb das Zugeständnis des privaten Treffpunktes. Hierbei ging es nicht nur um die Atmosphäre, die ich meinem Text durch die Beschreibung der häuslichen Umgebung würde verleihen können, sondern auch um das Prestige, dass mit dem Zusatz „traf sie in ihrem Haus an einem Stillgewässer“ im Vorspann verbunden war. Vorspann nannte man den fettgedruckten Anreißer über dem Fließtext.

Klingel, Türsummer, eine Gartenpforte, die auch ohne dies aufgegangen wäre. Ich lief geschäftig über den Kiesweg, um meinen Unwillen zu verbergen. Die Schauspielerin und Sängerin stand im Türrahmen und trug einen pastellfarbenen Freizeitanzug wie ein Privatier in einer Detektivserie aus meiner Kindheit. Sie hatte die Haare hochgesteckt und musterte mich ratlos. Die Promis erwarteten immer, einen schon zu kennen, sie bewegten sich in überschaubaren Kreisen. Da ich derlei Termine so gut es ging vermied, war ich ihnen jedoch stets fremd, was ihnen keine Faszination verursachte, sondern Enttäuschung.

„Na, dann kommen Sie mal rein“, sagte sie und wies in die geräumige Diele des Hauses. Dort standen neben dem Treppenlauf zwei Sofas einander gegenüber, dazwischen ein ovaler Teppich und ein niedriger Tisch. Sie zeigte auf das rechte Sofa. Es gab keinen Ort für meinen Mantel, ich hängte ihn über die Lehne. Die Schauspielerin sah völlig anders aus, als ich sie in Erinnerung hatte, womöglich hatte ich sie in Gedanken verwechselt. Das Material aus der Dokumentationsabteilung enthielt keine Fotos, nur ausgedruckte Textdateien. Ich wollte mir nichts anmerken lassen und fing daher an zu lächeln.

„Haben Sie gut hergefunden?“
„Absolut, ja.“
Ich hantierte mit meinem Aufnahmegerät. Sie nickte einvernehmlich. „Dann schießen Sie mal los.“
„Also Sie haben ja sicher schon gehört … also, wie wir das machen wollen. Wir haben da ein neues Format.“
„Ja. Nein.“

Ich lehnte mich zurück. „Die CD ist toll. Also, das muss ich ja sagen. Also … das war was Besonders, für mich. Hier auf der Hinfahrt. Also, die Reise, die schon die Musik … also, man ist unterwegs damit. Mit diesem Album. Das transportiert einen.“

Die Schauspielerin und Sängerin nickte zustimmend, wollte meinen Gedankenfluss aber offenbar nicht unterbrechen.

„Schauspielerin“, sagte ich, „Sängerin – was sind Sie im Moment?“
„Reisende“, sagte sie. „Zuhörende. Träumende. Da Seiende.“ Ich schaltete das Aufnahmegerät ein.

Sie lachte hart. „Nein, im Ernst. Wenn Sie wollen, Sängerin. Singersongwriterin. Schauspielerin? Wo denn? Wie denn? An irgendeinem Stadttheater in einem anderen Bundesland? Im Film gibt es keine Rollen mehr für Frauen wie mich.“ Sie fasste an die Taschen ihres Freizeitanzugs, als tastete sie nach Zigaretten. An ihren scheiternden Fingerspitzen sah ich, dass die Taschen noch zugenäht waren. Ich gab ihr meine Packung und das Feuerzeug aus hellrotem Plastik. Sie schwieg.

„Also“, sagte ich, „wir wollen uns Menschen, die uns faszinieren, mal von einer anderen Seite nähern: über das, was ihnen lieb und vertraut ist. Also …“, ich sprach über ein leichtes Aufstoßen hinweg, „von den Tieren aus, mit denen sie leben. Also, das Konzept ist: Ich rede sozusagen nicht mit Ihnen, sondern mit Ihrem Hund. Hund ist richtig?“

Sie behielt den Rauch in den Lungen und sah mich an.

„Also“, fuhr ich fort. „So, wie Ihr Hund Sie sehen würde. Wie Sie sich … dem Tier zeigen. Wie das Tier, also der Hund, wie der Hund das Leben mit Ihnen …“ Ich nickte und sehnte mich nach der Zigarettenpackung, die sie zwischen ihre Beine geschoben hatte.

„Mit wem ist das abgesprochen“, sagte sie.
Ich räusperte mich. „Das klingt erstmal verrückt, ich weiß.“
„Nein, im Ernst, mit wem.“
„Also …“ Ich erwähnte den Namen meines Chefs, und dass ich davon ausgegangen sei, er habe mit ihrem Management, ihren Presseleuten, ihrer Agentur …

Sie sagte nichts und sah aus dem Fenster, das abrupt an eine nachträglich eingezogene Trennwand stieß. Am Abendhimmel blinkten Satelliten.

„Mit meinem Hund“, sagte sie.
„Genau“, sagte ich. „Aber wenn Sie …“ Wenn ich jetzt ging, konnte ich denselben Zug zurücknehmen, er pendelte.
„Das Problem wird sein“, unterbrach sie mich, „ich habe zwei. Zwei Hunde.“

In meiner Erinnerung hörte ich genau in diesem Moment die zahlreichen Nägel von mehreren Hundepfoten auf dem Steinfußboden der Diele. Ein Collie und ein Dackel, ich hatte als Kind ein Hunde-Quartett besessen.

„Nehmen Sie den Collie“, sagte sie, „der ist schlauer.“

Ich lachte. Es hallte.

„Der Dackel ist von meinem Ex.“ Sie nannte den Namen eines Regisseurs, der wegen eines Zweitdeliktes in Ungnade gefallen war.
Ich räusperte mich. „Wunderbar. Wie heißt denn der Hund?“
Sie sah mich an. „Soweit sind wir noch nicht.“

Ich lachte. Es hallte wieder.„Es gibt eine Bedingung“, sagte sie.

Ich nickte. Promis, das wusste ich, hatten oft seltsame Bedingungen. Manchmal war es ein Scherz. Manchmal nicht. Einmal hatte ein Promi von mir verlangt, ihr Nudeln mit einer hellen Tomatensauce auf Mehlschwitzenbasis zu kochen, an anderer, ihm ein Schlaflied zu singen. Das eine war eindeutig ein Witz gewesen, das andere nicht. (Bei dieser Konstruktion hatte ich Probleme mit der Zuordnung der Satzglieder; normalerweise half mir dabei die Schlussredaktion.)

„Sie müssen den anderen Hund töten.“
Ich nickte. Offensichtlich ein Scherz. „Und wie?“, fragte ich.
Sie schnaubte. „Das müssen Sie schon selber wissen.“
„Na gut“, sagte ich. Ich mochte Leute mit morbidem Humor, zumindest dachte ich das damals.

„Ich will ihn nicht mehr sehen“, sagte sie. „Sie können sich denken, weshalb.“ Sie stieß Rauch aus und sah mich mit einem Mein-Ex-der-in-Ungnade-gefallen-ist-Blick an. Dann sagte sie mir den Namen des Collies, der an den Vornamen eines sehr beliebten Oppositionspolitikers erinnerte.

„Erstmal“, sagte ich, „ein paar Basics, würde ich vorschlagen.“ Der Collie, der seinen Namen gehört hatte, setzte sich auf den Teppich zwischen uns. Der Dackel blieb vor dem Treppenlauf im Halbdunkel, seine Augen darin wie Bernsteine. „Haben Sie die CD hier zu Hause geschrieben? Hat der Hund Sie viel singen und so weiter gehört?“ Mir war aufgefallen, dass sie drei oder vier Co-Autorinnen-Credits auf der CD hatte.

„Nein“, sagte sie. „Reden Sie mit dem Hund. Nicht mit mir.“

Ich zwinkerte leutselig, das passierte mir damals häufig, wenn ich überfordert war. Ich schaute den Hund an und wiederholte die Frage in einem Was-bist-du-denn-für-ein-Guter-Ton. Der Hund hechelte.

„Er kann sie nicht hören“, sagte die Singersongwriterin. „Er hört schwer.“

Ich verstand nicht. Sie wies auf den Teppich.

Einige Sekunden vergingen.

Ich dachte an den letzten Zug.

Mit einem Gelenkgeräusch, das mich überraschte, ließ ich mich auf den Teppich hinab. Damals dachte ich häufig: Das ist später eine gute Anekdote, darum ist jetzt auch egal, wie sich das gerade anfühlt. Ich wiederholte die Frage. Der Hund wich ein Stück zurück, um es sich bequem zu machen.

Vom Sofa aus beantwortete die Singersongwriterin die Frage mit verstellter Stimme. So, als ob ein Hund sanft bellen würde, aber eben mit Wörtern. Wenn ich das später in der Redaktion vorspielen würde. Das würde ein großes Hallo geben.

 

Es war immer schwierig, die Qualität eines Interviews im dem Moment zu beurteilen, in dem es stattfand. Die Erfahrung lehrte, dass es im Nachhinein meist recht mittelmäßig war, wenn man sich währenddessen darüber freute, wie gut es lief. Umgekehrt fanden sich später oft Schätze auf dem Band, wenn man die ganze Zeit gedacht hatte, kämpfen zu müssen und nichts zu erreichen. Während ich vor dem Hund kniete, schwankte ich zwischen diesen beiden Polen. Tatsächlich gab die Singersongwriterin in der Stimme ihres Hundes, wie wir später schreiben würden, „viel von sich preis“ und zeigte sich „von einer ganz anderen Seite“. Beispielsweise war sie während der Arbeit an der CD oft entmutigt gewesen, und der Hund hatte sie sanft anstoßen müssen, damit sie vormittags überhaupt aufstand und die Arbeit fortsetzte. Von derlei Details lebte jede Geschichte.

Als ich fertig war, taten mir die Knie weh. Der Hund, dem ich die Fragen gestellt hatte, war eingeschlafen. Die Bernsteinaugen des Dackels bewegten sich vor der Treppe, aber ich konnte nicht erkennen, ob er umherblickte oder sich in einem sehr kleinen Kreis drehte. Ich stellte fest, dass die Sportschuhe der Singersongwriterin auf Augenhöhe mit mir waren.

„Haben Sie alles, was Sie brauchen?“

Mühsam stand ich auf. „Ich denke schon“, sagte ich und stellte das Aufnahmegerät ab. Die Euphorie des bevorstehenden Aufbruchs breitete sich in mir aus.

„Na, dann“, sagte sie. Promis waren gegen Ende eines Termin entweder besonders nett oder besonders gleichgültig.

„Ich schicke Ihnen das dann“, sagte ich, „also, der Agentur. Wegen der Zitate.“ Ich zögerte. Oder dem Hund, wollte ich anfügen.

„Vergessen Sie nicht was?“

Ich zögerte.

Sie hatte meine Zigarettenschachtel halb leergeraucht und wies nun, während sie einen Stummel ausdrückte, mit dem Kinn Richtung Halbdunkel. „Sie wollten noch den Dackel töten.“

„Richtig“, sagte ich. Eigentlich hatte ich keine Zeit mehr für diese Rituale der Unterhaltsamkeit. „Würden Sie mir währenddessen ein Taxi rufen?“

„Sagen Sie mir erst, wie.“
„Mit dem Telefon?“ Ich betonte die dritte Silbe, alarmiert.
„Sie wollen den Dackel mit dem Telefon erschlagen?“

Ich lachte. Nun reichte es mir langsam.

„Wie wollen Sie den Dackel töten?“

Ich legte mir den Mantel über den Arm und beugte mich nach vorn zum kleinen Rauchglastisch, auf dem das Aufnahmegerät lag. Sie kam mir zuvor und schob es sich, wie zuvor meine Zigaretten, in den Schoß.

„Das bleibt sonst hier“, sagte sie.

Ich blickte in Richtung der Bernsteinaugen, die jetzt ganz ruhig zurückschauten.

„Ich habe ein Messer, ich habe einen Hammer, wir haben einen Sack und den See“, sagte die Singersongwriterin, als präsentierte sie mir die besonderen Angebote eines Mittagstisches. Nun erkannte ich doch die Schauspielerin, die sie gewesen war, und darunter noch mehr. Ich zweifelte daran, dass dies noch eine gute Anekdote war. Die Verzweiflung der Schauspielerin und Singersongwriterin war ansteckend. Einer von uns beiden hätte uns zur Vernunft bringen müssen.

Ich ordnete meinen Mantel, zog ihn an und trat ins Halbdunkel. Der Dackel wich zurück. Überraschend schnell beugte ich mich vor und hob den Hund auf meinen Arm. Er versteifte sich und schnappte von unten nach meinem Gesicht, sodass ich das Kinn zur Decke recken musste. Ich streckte den Arm aus.

„Wie wollen Sie es tun?“, fragte die Schauspielerin und Singersongwriterin.

„Das wollen Sie gar nicht wissen“, sagte ich Richtung erster Stock. Mit dem Knie des angezogenen rechten Beines schob ich den rutschenden Dackel von unten zurück in meine Umklammerung.

„Mit bloßen Händen?“

Ich wedelte mit dem ausgestreckten Arm, es konnte Ja bedeuten. Sie gab mir fast sanft das Gerät in die Hand. Weil ich mich so schnell bewegte, musste sie fast rennen, um mir die Tür zu öffnen. Mit dem schnappenden Dackel lief ich auf das summende Gartentor zu. Der Taxifahrer ließ triumphierend die Beifahrerscheibe hinunter und sagte: „Ich dachte, ich warte mal lieber, bis Sie wieder …“, fuhr dann aber mitten im Satz ab, sobald er den Dackel sah. Ich rannte einige Schritte mit dem sich windenden Tier die Straße hinunter. Als mein Griff aus Erschöpfung leichter wurde, hörte das Schnappen auf. Ich sagte, er sei ein guter Hund, ein feiner Hund, ein braver Hund, aber womöglich war es zu windig, um jemandem gut zuzureden. Meine Umhängetasche mit dem Dokumentationsmaterial und einer Nussmischung hatte ich bei der Schauspielerin eingebüßt. Es tauchten keine Taxis mehr auf, aber nach etwa einer Viertelstunde Schilder zum Bahnhof. Der Regen war leicht und mild. Schon von weitem sah ich den Zug auf einem erhöhten Gleisbett, alle Abteilfenster waren gelb erleuchtet, dahinter bewegten sich die Silhouetten des Ordnungspersonals. Auf dem Bahnsteig warteten wenige, ich gesellte mich dazu, den Hund auf dem Arm, als hätte ich es so geplant.

„Ham wa denn für dit liebe Kerlchen oochn Fahrschein?“, fragte der Schaffner, nachdem ich ein leeres Abteil gefunden hatte.

Ich zögerte. Eine Weile hatte ich überlegt, den Hund unter meinem Mantel zu verstecken, zumal ich keine Papiere für ihn hatte.

„Ach so“, sagte ich.
„Ach wat“, sagte der Schaffner und lachte, dass ich seine Augen nicht mehr sah. „Broochen wa ooch janich.“

Als er weg war, grinste ich erleichert. Sobald ich die Reflektion meines Grinsens im dunklen Abteilfenster sah, erschrak ich und blickte weg. Meine Frau amüsierte sich über den Hund, wir waren ja noch jung. Die Ressortleiterin bestand darauf, dass mein Text über ihren Tisch ging („unser Beritt“). Diesen Tisch hatte sie in die Mitte des Raumes geschoben, und sie sagte, sie hätte also doch noch eine gute Lösung für ihr in Sitzproblem gefunden. Meinen Interview-Text winkte sie durch und betitelte ihn „Ich hör‘ so gern, wenn Frauchen singt“. Der Chef knetete mir die Schulter und sagte, ich müsste mehr delegieren. Abends ging ich mit dem Hund spazieren und tankte dabei Kraft für den nächsten Tag und die nächsten Jahre.

 

 

Photo by JC Gellidon on Unsplash

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