Von John Reiter
In einer Folge der TV-Serie „Fast wia im richtigen Leben“ von 1983 drängt ein deutsches Urlauberpaar in einem italienischen Restaurant der Tischnachbarin zunächst unbekannter Nationalität (sie entpuppt sich später als Französin) ein Gespräch auf. Laut, raumgreifend gestikulierend sowie in wechselnden Fragmenten unterschiedlicher Sprachen versuchen die Darsteller Gisela Schneeberger und Gerhard Polt der konsternierten Frau zu erklären, dass man in deutschen Restaurants bedenkenlos auch vom Fußboden statt vom Tisch essen könne. Schließlich serviert der Kellner und fragt das Paar, ob er das Essen auf dem Tisch oder dem Fußboden abstellen solle.
Dieser Sketch, produziert vom Bayerischen Rundfunk, karikierte das Klischee sich im Ausland überlegen gebärdender Deutscher. Ganz gleich, wie nah es an der Realität tatsächlich gewesen sein mag – das Motiv des trampeligen, großspurigen Touristen war eine feste Größe in Satire und Kabarett der Nachkriegsrepublik. In der Karikatur spiegelte sich zugleich eine bürgerliche Konvention, dass sich solches Verhalten eigentlich „nicht gehöre“.
Bis zum Sommer 2026, als ein Essay in „Die Zeit“ dieses Bild der jüngeren Vergangenheit revidierte: „Wenn es früher, in den guten alten Zeiten, in die Sommerferien ging, war das für viele Deutsche immer auch ein Moment der Selbstbestätigung“, stellt Ijoma Mangold fest. „Man war übers Jahr fleißig und tüchtig gewesen, jetzt konnte man es sich mit der harten D-Mark im Ausland gut gehen lassen.“ Das touristische Überlegenheitsgebaren war also gar keine peinliche Wahnvorstellung, sondern durch Leistung und Geldwertstabilität legitimiertes Gewohnheitsrecht.
Dabei ging es nicht nur um leibliche Erholung, sondern auch um die nachkriegsgeschundene Seele: „Gleichzeitig waren die Ferien auch ein Urlaub vom Über-Ich, vom inneren Disziplinkorsett […].“ Der Urlaub verschaffte den tüchtigen Deutschen Zerstreuung von jener Raison, mit der sie die geregelten Verhältnisse daheim aufrechterhielten: „Umso mehr erfreute man sich im Ausland, das in diesem Sinne bereits in Italien anfing, an Chaos, Anarchie und Regellosigkeit.“ Allerdings nur in homöopathischer Dosis: „Wenn man ehrlich war, hatte man nach drei Wochen dann aber genug von dieser Farbigkeit und wusste es zu schätzen, dass in Deutschland die Dinge funktionierten.“ Die vorzivilisatorische Urlaubserfahrung ließ die Rückkehrenden zugleich den höheren Entwicklungsstand der eigenen Nation wertschätzen.
Nur „progressive Kreise“ entzogen sich der Norm schlechten Benehmens im Ausland: „Wer nicht zu den hässlichen Deutschen zählen wollte, entschied sich in dieser Situation für ein dreifach gespaltenes Lebensmodell: Wirtschaftlich war man voll in die BRD integriert, moralisch ging man auf Distanz […] und verklärte die Dritte Welt zum Hort der Herzlichkeit.“ Wer den ganzen Spaß erwirtschaftete, blendete das antihässlichdeutsche Milieu dabei aus: „Die Überwindung des DM-Patriotismus galt natürlich nur für das akademisch-fortschrittliche Bürgertum und nicht unbedingt für jene, die den ganzen Wohlstand erst produzierten.“
Diese zeithistorische Lesart vorausgeschickt, wird das Ausmaß der Traumata erst deutlich, denen sich die Bundesbürger:innen im Sommerurlaub 2026 ausgesetzt sehen: „Heute hat das Reisen seinen Charakter vollständig geändert. Es ist für viele Deutsche keine Erfahrung der Selbstbestätigung mehr, sondern der Deklassierung und Demütigung.“
Es lässt sich nur erahnen, welch tiefe Wunden die Reisen dieses Jahr in die deutsche Seele gerissen haben müssen: „Einige Länder, die wir noch vor Kurzem der sogenannten Dritten Welt zurechneten, sehen heute wie Manifestationen des Futurismus aus, andere Länder – wie Norwegen, die Schweiz oder die USA – scheiden als Reiseziele ohnehin aus, weil sie mit Euros nicht mehr zu bezahlen sind. Bei fast allen anderen machen wir die Erfahrung, dass dort all das funktioniert, womit wir uns so schwertun.“
Insbesondere hat sich das südeuropäische Ferienland trotz seiner notorisch faulen Handwerkerschaft pünktliche Fernzüge erschaffen: „Selbst in Italien, das wir einst auch deshalb so liebten, weil wir uns immer ein bisschen zum Land des dolce far niente hinunterbeugen durften (um den Handwerkern, die die Terrakottafliesen in unserem Haus in Umbrien verlegten, Beine zu machen), sind die Züge inzwischen schneller als in Deutschland und pünktlicher sowieso.“
Man bekommt beim Lesen den Eindruck, populistisch oder autoritär regierte Systeme scheinen einfach besser zu funktionieren: „China lässt uns neuerdings ohne Visum einreisen, weil die Autokraten in Peking überzeugt sind, dass die beste Propaganda fürs Reich der Mitte ein Besuch vor Ort ist. Sie wissen: Wir werden beeindruckt sein. Nicht zuletzt, weil bei ihnen die Energiewende wirtschaftliche Dynamik entfaltet hat, während sie bei uns vor allem die Energiepreise hat explodieren lassen.“
Wie konnte das alles passieren? Es hat zunächst etwas mit einem „normativen Überschuss“ (Friedrich Merz) zu tun: „Das deutsche Zwei-Säulen-Modell, Exportweltmeister und Moralweltmeister, kulminierte noch einmal kurz in Annalena Baerbocks Idee einer feministischen Außenpolitik […]“. Hinzu kamen, in beliebiger Reihenfolge der Aufzählung: „Atomausstieg, Aussetzung der Wehrpflicht, Abhängigkeit vom billigen russischen Gas, Willkommenskultur, Verbrenner-Aus und Energiewende.“
Dabei steht fest, „dass wir [Hervorh. d. Verf.] besser werden müssen, wenn wir unsere wirtschaftliche Stärke verteidigen wollen.“ Die Lösung wäre auch ganz einfach: Als wir um die Jahrtausendwende schon mal „in der Klemme steckten“, bekamen wir durch Gerhard Schröders Agenda-Politik „wieder Oberwasser“. Aber statt diese Politik fortzusetzen, „wurde sie rückabgewickelt“.
Alle diese Ereignisse liegen zwar vor der Amtsperiode des gegenwärtigen Bundeskanzlers, dennoch neigt sich angesichts der traumatischen Sommerferienerlebnisse dessen Ära bereits dem Ende zu. Das liegt gar nicht einmal an seinen „handwerklichen Fehlern“, sondern an tiefer liegenden Problemen: „Das politische Establishment schafft es nicht mehr, vor die Welle zu kommen, weil das Land keinen Begriff von Größe, Stärke und Strömungsrichtung dieser Welle hat.“ Es gebricht den Eliten der traditionellen Parteien, ja der ganzen Nation anscheinend an Willenskraft und Entschlossenheit im globalen Kampf um pünktliche Fernzüge und die Lizenz zum schlechten Benehmen im Ausland. Mit dieser Offenbarung schließt der Essay.
Über Deutschland geweint
Auch von Italien aus betrachtet stellt sich die Situation offenbar deprimierend dar. Zufällig bewegen den „Europakorrespondenten“ der Zeitung „Die Welt“ mit Sitz in Venedig kurz darauf ähnliche Gedanken wie zuvor Mangold. „Rückkehr 2026: Im Urlaub gewesen. Über Deutschland geweint“ überschreibt Dirk Schümer seinen Beitrag. Ein Foto darunter zeigt den geschlossenen Rolle eines Verkaufsladens, der mit Graffiti überzogen ist. Bildunterschrift: „Hier kauften früher Menschen, die in einem funktionierenden Staat lebten.“
Es bleibt etwas unklar, auf welchem Erleben diese Einsicht von der Lagune aus gründet, aber auch dieser Autor schwört: „Vorbei die Zeiten, da man an Deutschland die besten Seiten entdeckte, wenn man sie mit dem Ausland verglich.“ Die inzwischen überragenden Vorzüge anderer Länder sind zum Beispiel: „In Spanien und Portugal ist alles billiger […] in Polen und Italien ist der Sprit lächerlich preiswert, in Frankreich sorgt massenhaft sichere Atomkraft […] für eine saubere CO₂-Bilanz. In Holland wird man den summenden Windradwald, der die deutsche Wattenküste verschandelt, am Meer meist vergeblich suchen. In Österreich kriegen die Rentner Weihnachtsgeld; in Luxemburg sind die Steuern günstiger; in Belgien und in Tschechien schmeckt sogar das Bier besser.“
Dass das Bier im seit 2025 rechtspopulistisch regierten Tschechien besser schmeckt als in Deutschland, ist möglicherweise ein subtiler Hinweis auf die politische Lösung. So wie in Italien, wo die Fernzüge inzwischen pünktlich fahren: „Offenbar ist man uns in Berlusconiland sogar politisch weit voraus, denn in Italien brach die mächtige Christdemokratie bereits 1994 zusammen.“
Mindestens ebenso dringlich wie pünktliche Fernzüge, sichere Atomkraft und schmackhaftes Bier ist im Gesamtkontext des Sommerurlaubs 2026 allerdings die Einhegung der Gefahr, „von einem Islamisten umgebracht zu werden“. Zu diesem Zweck ist ein „Kampf gegen Asylmigration“ zu führen, in dem sogar das sozialdemokratisch regierte Dänemark an der Spitze steht – Seit an Seit mit der rechtspopulistischen Regierung Georgia Melonis in Italien, die eine Art universaler Lösung für alle nach der Rückkehr aus dem Urlaub in Deutschland aufgetürmten Dysfunktionalitäten zu verkörpern scheint. Indes, in Deutschland wäre „weder eine ähnliche Politik noch eine ähnliche Politallianz denkbar“.
Interessanter ist allerdings, von wem Schümer abschreibt, wodurch zugleich die Konturen von dessen Texts klarer hervortreten. Mangold selbst bleibt zu unbestimmt und vermeintlich augenzwinkernd („in den guten alten Zeiten“), als dass sich seine Aussagen festnageln ließen. Da fahren halt beiläufig unter den Fratelli d‘Italia die Fernzüge schneller und ist ausgerechnet in China die Energiewende das Beispiel, das herausragend funktioniert. Selbst wenn der Autor das alles als höhere Ironie deklarierte, die Plumpheit der Nachahmung bei Springer kehrt die Implikationen hervor.
Hier verschmelzen mehrere aktuell kursierende Erzählungen. Erstens: Unser Wohlstand ist in unmittelbarer Gefahr. Das liegt zum einen daran, dass wir zu wenig arbeiten, faul und unbeweglich geworden sind. Zum anderen haben wir unsere Wirtschaft mit einer überbordenden Bürokratie im internationalen Wettbewerb handlungsunfähig gemacht. Ursache dieser Bürokratie sind ideologische Umerziehungsprogramme von Grünen, Feminist:innen usw. Ein weiterer Grund für die drohende Deindustrialisierung ist der Klimaschutz – erstens die Energiewende, die im Vergleich zu russischem Gas und französischer Atomenergie den Strom für die deutsche Industrie unbezahlbar macht – zweitens das Verbrenner-Aus, das der deutschen Autoindustrie Transformationskosten zu Lasten der Dividende auferlegt.
Um die unmittelbar drohende Deindustrialisierung abzuwenden, müssen wir uns jetzt alle am Riemen reißen, tarifliche und arbeitsrechtliche Konditionen straffen, Transferleistungsempfänger:innen maßregeln sowie entbürokratisieren, also Umweltregelungen, Genehmigungsbehörden etc. abschaffen. Dieser Teil der Erzählung ist die traditionelle Ausdrucksform deutscher Industrieverbände, um den Boden für die angebotspolitische Neuverhandlung volkswirtschaftlicher Konditionen zu bereiten.
Zweitens: Akademisierte Großstadteliten haben es auf Grundlage des schlechten Gewissens der Deutschen wegen der Nazi-Vergangenheit geschafft, eine moralische Hegemonie zu errichten, die uns zwingt, uns um falsche Schwerpunkte wie Gleichberechtigung (gar Privilegierung) von Minderheiten, Willkommenskultur, Aufarbeitung des Kolonialismus und Klimaschutz zu kümmern. Das wiederum hemmt unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit. Wir müssen diese gesellschaftspolitische Geiselhaft überwinden, damit wir wirtschaftlich wieder erfolgreich sind. Diese Erzählung dient der Ablenkung von den tatsächlichen, multiplen Ursachen wirtschaftlicher Probleme im Spektrum zwischen unternehmerischen Fehlentscheidungen und neoliberaler Entkapitalisierung der öffentlichen Hand.
Drittens: Wie abgehängt Deutschland bereits ist, wird jetzt sichtbar an der demütigenden Urlaubserfahrung in diesem Sommer, wenn wir auf die Südeuropäer nicht mehr hinabblicken können, weil selbst in Italien die Züge inzwischen pünktlicher fahren. Nach Rückkehr aus dem Sommerurlaub 2026 wird dem letzten Deutschen klar, dass es so nicht weitergehen kann, dass etwas Gewaltiges passieren muss, damit wir unseren Wohlstand erhalten und zu unserem Überlegenheitsgefühl zurückkehren können, das uns zu Höchstleistungen antreibt.
Indes: Die Nation ist kraftlos, die politischen Eliten ergehen sich in Ankündigungen, ohne das Ruder erkennbar herumzureißen. Sie haben sich mit einem System arrangiert, in dem viel zu viele Beteiligte in unendlichen Verfahren alles zerreden, statt einfach mal zu handeln. Währenddessen erkennen wir an der Pünktlichkeit der Züge, dass europäische Nachbarn oder selbst Systemrivalen wie China auf den Gebieten, die wir mit Urlaubseindrücken erfassen können, effektiver agieren, wenn sie, sagen wir, straffer regiert werden.
Das ist neu: Im Stammblatt jenes „akademisch-fortschrittlichen Bürgertums“, das sich einst im Urlaub dem Normverhalten des „hässlichen Deutschen“ entzog, verheiratet ein Autor launig Niedergangserzählungen für Boomer mit Standortsanierungslegenden der Industrie und – mit der Eisenbahnschiene winkend – dezisionistischer Romantik.
Wenn der Schornstein nicht raucht
Diese Romantik fügt sich in ein Muster journalistischer Raison, mit dem unlängst etwa SWR-Intendant Kai Gniffke sein Publikum auf einer Fachtagung verblüffte: „Wenn der Schornstein nicht raucht, ist Demokratie in Gefahr und auf mittlere Sicht im Eimer.“ Der ehemalige Tagesschau-Chefredakteur zieht daraus die Schlussfolgerung, die Demokratie müsse „ertüchtigt“ werden: „Das heißt konkret, wir müssen Genehmigungsverfahren entschlacken und auch Beteiligungsrechte begrenzen (…) Wir werden nicht umhinkommen, auch Rechtswege zu verkürzen. Wir werden bei den Sozialsystemen hier und da auch mal wieder die Grundrechenarten berücksichtigen müssen.“
Mit Blick auf die Verzögerung beim Bau des Stuttgarter Hauptbahnhofs, bei dem „alle Wünsche aller Beteiligten“ berücksichtigt worden seien, plagen den Mann vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk allerdings offenbar grundsätzliche Zweifel an der Erfolgsaussicht des Ertüchtigungsprojekts: „Ist Demokratie in Zeiten dramatischen Wandels noch wettbewerbsfähig? Sind autoritäre Regime nicht immer im Vorteil, wenn es um Infrastrukturprojekte oder um Umsetzung und schnelle Adaption von Technologie geht?“
Die augenscheinliche Lust des akademisch-fortschrittlichen Bürgertums an der Erzählung des Niedergangs und ihr Flirt mit autoritärer „Effektivität“ treffen allerdings auf eine gefährliche Gefühlslage. So erkennt die Auswertung von Nachwahlbefragungen 2025 eine „Rolle von Krisen- und Niedergangserzählungen“ – nämlich dass innerhalb der Wählerschaft der Rechtsextremisten „weniger die persönliche Lage zählt als vielmehr der pessimistische Blick auf Deutschland insgesamt.“ Dies korreliert mit dem Grad ihrer Radikalität: „Gerade beim Profil der ‚Radikal-rechten Autoritären‘ scheint die Vorstellung eines allgemeinen Niedergangs besonders anschlussfähig zu sein.“ Mit jeder Wortmeldung über das faule, kaputte Deutschland und funktionierende Infrastruktur in populistisch oder autoritär regierten Staaten hört man eine Münze in das Sparschwein der AfD fallen.
Ob man diese Dynamik in den Redaktionen, in all den akademisch ausgestatteten Grundsatzabteilungen der Ministerien, Parteizentralen, Stiftungen und Verbandsgeschäftsstellen, nicht bemerkt oder in Kauf nimmt, während man munter weiter den Niedergang predigt, ist von außen nicht ersichtlich.
