Kabinett der Verbitterten – Jana Hensel erzählt den Osten

von Peter Hintz

In Jana Hensels neuem Buch Es war einmal ein Land – Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet (Aufbau Verlag) wird man erstaunlich oft daran erinnert, dass es sich bei der ZEIT-Autorin um eine einflussreiche Journalistin aus Ostdeutschland handelt. Ständig muss sie wichtigen Zeitungsredakteuren unter vier Augen den Osten erklären. Sogar Angela Merkel hat mal ein Buch von ihr rezensiert! Tatsächlich gilt Hensel nicht erst als die ultimative Ost-Versteherin, seit die AfD in Sachsen-Anhalt die 40%-Umfragemarke geknackt hat. Im Kulturjournalismus der frühen 2000er Jahre wurde Hensels autobiografischer Bestseller Zonenkinder (2004) als Generation Golf des Ostens gelesen. Das Buch war das Porträt einer jüngeren ostdeutschen Nachwendegeneration, die ihre Kindheit in der DDR verbracht hatte, aber im wiedervereinigten Deutschland erwachsen geworden ist.

Zonenkinder war Teil eines Ostalgie-Booms, der Deutschland seit nun mindestens 25 Jahren in unterschiedlichen Varianten erfasst hat. Etwas nostalgisch blickt man selbst auf die Jahre zurück, als man Ostalgie vorrangig mit Good Bye, Lenin! und Halorenkugeln assoziierte. Seitdem hat es eine erhebliche weitere identitäre Aufladung des Ostens gegeben, woran Hensel mit ihren frühen, dezidiert kulturessenzialistischen Panoramen sicher auch nicht ganz unschuldig ist. Es war einmal ein Land ist die aktuellste Inkarnation dieses Phänomens. Dabei ist Hensels Buch nicht unkritisch gegenüber den heutigen politischen Verhältnissen in den neuen Bundesländern angelegt. Im Gegenteil: Es handelt sich um eine außerordentlich pessimistische politische Deutung, nach der sich die ostdeutsche Gesellschaft gänzlich von der Demokratie lossagen würde. Auf seltsame Weise verknüpft Hensel diese pauschale Feststellung mit einer ebenso weitreichenden Idealisierung der ostdeutschen Vergangenheit.

Die These, um die sich ihr Buch kreist: Die “einst politisch links stehenden Ostdeutschen” seien vom Westen verraten worden, hätten daher ihr Vertrauen ins politische System aufgegeben und deswegen liege die AfD heute bei 40%. Ostdeutsche hätten nach Hensel zunächst große progressive Hoffnungen in das politische System der Bundesrepublik gesteckt, in den Nullerjahren gab es große Demonstrationen gegen die Hartz-IV-Reformen. Erfolge rechtsradikaler Parteien schon in den 1990er und 2000er Jahren im Osten spielen für Hensel keine Rolle – schließlich kam Gerhard Schröders SPD (vor allem wegen Schröders Fluthilfe-Maßnahmen) im Jahr 2002 auch auf fast 40% in den neuen Bundesländern! Am Ende ist man aber enttäuscht worden: “Von der Demokratie, wie man sie in den vergangenen 25 Jahren erlebt hatte, hatte man die Nase voll. Von ihren Medien, ihren Institutionen, von ihren Parteien.” Nach Hensel hätte ein stärkeres Bekenntnis von Angela Merkel zu ihren ostdeutschen Wurzeln den Aufstieg der AfD verhindern können, was unbelegbar ist.

Neben dieser historisch lückenhaften Einführung besteht Es war einmal ein Land zur anderen Hälfte aus Begegnungen, die Hensel mit ostdeutschen Persönlichkeiten gemacht hat – vorwiegend aus der AfD und dem medialen Vorfeld des Rechtspopulismus. Das mag einseitig klingen und Gefahr laufen, rechte Propaganda mit soziologischer Feldforschung gleichzusetzen, doch Hensel beruhigt gleich ab der Kapitelüberschrift: “Auch die AfD spricht nicht ostdeutsch”!

Hensel trifft als erstes auf den AfD-Bundesvorsitzenden Tino Chrupalla, der sich aktuell auch vieler anderer persönlicher Porträts erfreuen kann. Am bekanntesten ist die Tatsache, dass Chrupalla aus Ostsachsen stammt und dort einen Malerbetrieb leitete. Chrupalla wird auch bei Hensel vor allem im Hinblick auf seine Zeit als Handwerksmeister vorgestellt, wobei man auch einige Details zu Chrupallas Physis erfährt: “Tatsächlich besitzt Tino Chrupalla zwei kräftige Hände. Arbeiterhände, denke ich. Oft sehe ich solche Hände nicht und glaube zu ahnen, was den zierlichen Mann, der heute stets eine kleine Deutschlandfahne am Revers seines Jacketts trägt, mit seinen Wählerinnen und Wählern verbinden mag, warum sie in ihm einen der ihren erkennen.”

In den 2010er Jahren hatte Chrupallas Firma zu stagnieren begonnen, weshalb er zunehmend mit der AfD sympathisierte. Andere mögliche biografische Prägungen bleiben bei Hensel unrecherchiert, außer dass Chrupalla seiner Selbstbezeichnung nach aus “einer Revoluzzerfamilie” in der DDR stamme. Laut Hensel sei der Osten “voll von diesen erfolglosen Kleinunternehmerträumen”. Was dann aber auch nicht so richtig erklärt, wie Frauke Petry und Chrupalla zu Vorsitzenden einer sich immer weiter radikalisierenden, in Teilen offen rassistischen Partei wurden.

Stattdessen erzählt Hensel beschönigend von besorgten und enttäuschten Bürgern, die “sich andere Antworten auf […] gesellschaftspolitische Fragen” wie die sogenannte Flüchtlingskrise, die Corona-Pandemie und den Ukrainekrieg gewünscht hätten. Widerspruch gegen die tatsächliche Rechtsradikalisierung dieser Zeit deutet Hensel als anti-ostdeutschen Affekt, der die Radikalisierung erst bewirkt habe – was den Kritikern Verantwortung für das zuweist, was sie kritisierten: “Egal aus welcher politischen Richtung die Ostdeutschen kamen, egal zu welcher Frage sie in der Tendenz anderer Ansicht waren, sie ernteten meisten harschen Widerspruch.”

Als nächstes verschlägt es Hensel mit dem zusehends in AfD-Ungnade fallenden Bundestagsabgeordneten und Rechtsanwalt Maximilian Krah nach Dresden. Wie Chrupalla war Krah zuvor Mitglied von CDU-Organisationen in Sachsen gewesen. Deutschland ist für Krah schon seit der Schulzeit “zu links”, was Hensel überrascht: “Ich hielt die ostdeutsche Gesellschaft in ihren Grundzügen lange für emanzipierter und fortschrittlicher als die westdeutsche – er dagegen hat stets darauf gewartet, dass der Osten endlich so konservativ und rechts werden würde, wie er es selbst schon immer gewesen sein will.” Tatsächlich sei die DDR zwar “eine Diktatur” gewesen, Hensel zufolge aber “gesellschaftspolitisch […] dennoch ein fortschrittliches Land skandinavischen Zuschnitts.” Einige Seiten später heißt es dann auch bei Hensel, die DDR-Gesellschaft habe ein “vermeintlich autoritäres Erbe” gehabt.

Offensichtlich ist der Osten voller Widersprüche, wer ist das nicht. Anhand der neoliberalen ehemaligen CDU-Anhänger, die man bis dahin im Buch kennengelernt hat, versteht man aber immer noch nicht ganz, wie Hensel zu dem Schluss kommen kann, dass die ostdeutsche Nachwendegesellschaft besonders progressiv gewesen sei. Eine weitere Persönlichkeit, mit der sich Hensel trifft, erklärt es ihr genauer: Es handelt sich um Benedikt Kaiser, der sich früher im rechtsextremen Spektrum bewegte und heute als neurechter Publizist unter anderem für Götz Kubitscheks Zeitschrift Sezession schreibt. Kaiser gilt als Kritiker der AfD, weil sich die Partei seiner Meinung nach nicht ausreichend für soziale Themen interessieren würde, die die proletarisch geprägte ostdeutsche Gesellschaft ansprechen könnten. Hensel ist zwiegespalten: “Kaiser gesteht den Ostdeutschen eine größere Neigung zu sozialen Themen zu. Wie ich. Bei so viel Übereinstimmung macht sie sich aber auch Sorgen:

“Wir sind mittlerweile von unserem Tisch im Café aufgestanden und laufen nun am Reichstagsufer die Spree entlang. […] Ich komme nun doch noch zu ‘meinem’ Spaziergang, aber mir kommt die Szenerie beinahe unwirklich vor. Wie in einem dystopischen Film. Eine Journalistin, die ihr iPhone im Laufen in der Hand hält, um sich von einem freundlichen, gut gekleideten und gebildeten jungen Rechten mitten im Regierungsviertel, also der Herzkammer unserer parlamentarischen Demokratie, erklären zu lassen, was er unter Remigration versteht.”

Zur notwendigen Abkühlung geht es nun also zu einem verbitterten ehemaligen MDR-Redakteur aus Leipzig, der heute unter anderem für die rechtspopulistischen Nachrichtenportale NIUS und Apollo News als Kritiker des angeblich links-grünen Medienmainstreams auftritt. Wie in ihrem Gespräch mit Kaiser lehnt Hensel vieles ab, was der Mann ihr zu erzählen hat. Ostdeutsche Perspektiven spielten ja aber tatsächlich im westdeutsch geprägten öffentlichen Rundfunk keine Rolle. Und wie bei Chrupalla bleibt unklar, wie auch ihn diese ostdeutsche Enttäuschungserfahrung nun eigentlich rechts gemacht hat.

Schließlich spricht Hensel mit der SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern und der Thüringer BSW-Vorsitzenden Katja Wolf. In der Dramaturgie des Sachbuchs müssen sie offenkundig als standhafte ostdeutsche AfD-Kritikerinnen herhalten, die zugleich aber unbequeme Wahrheiten aussprechen. Es gelte, die Brandmauer zu erhalten, zugleich aber ostdeutsche Belange endlich ernstzunehmen: “So wie man damals eine linke Ost-Partei [die PDS] aus völlig anderen historischen Gründen ausschloss, so schließt man heute wieder eine vor allem in Ostdeutschland gewählte Partei – diesmal der extremen Rechten – aus.” Dabei ist letzteres schon wieder Hensels eigener Denkzettel für den Westen. Hensel resümiert: “Hinter der Wut, dem Zorn, der Abkehr von der Demokratie stecken viele Verletzungen, eine Reihe von Enttäuschungen und jede Menge unerfüllt gebliebene Wünsche.”

Es war einmal ein Land will Ambivalenzen erzählen, die die ostdeutsche Gesellschaft seit der Wende durchaus charakterisieren: von Diktaturerfahrungen und Forderungen nach Fürsorge und Teilhabe, Zeichen der Solidarität und Praktiken der Ausgrenzung, von Ideen des sozialen Aufstiegs und reaktionären Weltbildern. Tatsächlich schreibt Hensel oft genug aber einen Abreißkalender an sozialdiagnostischen Fragwürdigkeiten, denen historische Belege fehlen: Heute wütend zu sein heiße, dass man früher mal gehofft habe; autoritär ist nur ehemals emanzipiert; in jedem Antidemokraten steckt ein enttäuschter Demokrat. In den Talkshows und an den Wahlurnen jedenfalls wird Jana Hensels Ostdeutschland weiter Anschluss finden.

Hat euch dieser Text gefallen? Dann unterstützt unsere Arbeit einmalig oder regelmäßig!

Foto von Eric Prouzet auf Unsplash

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner