Klausur

Eine literarische Erzählung von Kamala Dubrovnik in der Reihe 54stories

Hier kann man den Text auch hören

 

Todmüde liege ich im Halbdunkel und hoffe, dass die Nervenenden meiner Klitoris vielleicht irgendwann auch meine Synapsen entspannen. Nach dem achten Versuch lasse ich den Vibrator lustlos zwischen den Beinen liegen. Bin kurz eingenickt, vielleicht für ’ne Stunde und jetzt beginnt zwischen meinen Lidern etwas zu kriechen. Ich schiebe sie auf wie die Lamellen einer Jalousie und sehe wie sich ein kleiner dunkler Fleck auf dem Bettlaken bewegt. Da ist eine! Drecksviech! Ich schlage zu und wische dann mit abgründig nach unten gezogenen Mundwinkeln den dunklen Schmierfleck vom Boden. Ich bin wirklich, wirklich müde. Eigentlich wollte ich, dass du vorbeikommst, bist wärmer als mein Bett und du vertreibst die unerträglich schlaflosen Naächte durch deine unerträglich nahe Gesellschaft. Ich ertrag dich eben nicht, das, was du sagst. Ich bin müde, ehrlich. Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte dir meine Welt zu erklären und vor allem – will ich nicht. Ich glaub, ich beende es. Ist einfach zu anstrengend dieser Diplomatiemarathon. Ein Griff zum Handy und bevor ich darüber nachdenken kann, tippe ich „macht feminismus einsam“ bei Google ein. Die ersten Ergebnisse lauten: 1. „Mein Feminismus hat mich beziehungsunfähig gemacht.“ 2. „Je feministischer desto unglücklicher.“ 3. „Diese Angst vor autarken Frauen nimmt bizarre Züge an.“ Wow. Warum kann da nicht stehen: 1. Der Feminismus stärkt Liebe auf Augenhöhe 2. Je feministischer, desto glücklicher 3. Mythos gelüftet. Männer haben gar keine Angst vor starken Frauen, sondern nur vor ihrem eigenen Versagen. Ach, Fuck jetzt fängt’s an zu jucken, eine hat mich erwischt. Ich werfe die Suchergebnisse aus dem Genderdungeon auf das gegenüberliegende Sofa und ganz langsam kriecht das Handy schüchtern blinkend unter meine Decke zurück. Meine Finger tippen auf dem Display herum und copy-pasten halbgare Floskeln aus den letzten Ichwilldichnichtmehrsehen-Situationen zusammen, die ihm hoffentlich verständlich machen, dass ich ihn nicht mehr sehen will. Irgendwas mit „Lieber Tim“ und „passt nicht“, dann sowas wie „Distanz“ und „Alles Gute“. Gesendet.

Mein leeres Zimmer gähnt mich an und ich reiße meinen Mund weit auf und gähne zurück wie eine abgemagerte, stumme Löwin. Erschöpft und hechelnd liege ich im Schatten meiner Nachttischlampe, während ich gedanklich eine Rechnung an Tim adressiere – für emotionale Leistungen.
Ich will schlafen, ich will nicht mehr drüber reden. Wirklich nicht, ich kann einfach nicht mehr. Nein, ich hab doch gesagt ich bin müde… Mir fallen die geäderten Augen zu, Lider wie schwere Sandsäcke fallen staubig aufeinander. Und dann – kommt die Flut. Es fließt aus den Ecken und tropft von der Decke. Wellen von kleinen, dunkelbraunen Insekten schwappen an den Rand meiner Matratze, spülen über mich hinweg, decken mich zu wie ein dreckiges, braunes Laken, fließen wieder von mir herunter. Ein paar bleiben hängen, saugen sich an mir fest, dunkle Male auf meiner Haut.

Ich öffne die Augen und atme tief durch. Es kribbelt an meinem Fuß. Wenn es kribbelt kann es keine sein, die spürt man nämlich gar nicht, erst wenn sie beißen und es dann anfängt zu jucken. Jetzt kribbelt’s am Rücken…Scheiße. Schließe wieder die Augen, sehe rotes Licht und entzündete Nippel, fühle kochendes Blut, rieche Hormone, Gender Studies, Angstschweiß und spüre plötzlich alle Kerben brennen, die in meinen Stolz geschlagen wurden. Sehe Tim wie er mich irritiert anguckt, weil ich unrasierte Achseln habe und schlage die Augen auf.

Wenn ich meine Ruhe habe, heißt das ich bin alleine.

Nein, ich würde mich nicht als radikal bezeichnen. Nein, nein, keine Angst, ich bin keine von denen. Nein, ich hasse keine Männer, das hat ja auch gar nichts damit zu tun. Ja, wirklich. Ja, ich bin ja eine ganz andere Generation. Ja, total schwierig heutzutage. Ja, genau, gerade zwischenmenschlich. Doch, ich finde schon, dass man sich noch näher kommen kann. Es geht doch darum geschlechtliche Grenzen abzubauen, dann sind wir doch alle freier.

Mein Knöchel beginnt höllisch zu jucken, ich fühle ein, zwei, drei Stellen nebeneinander. Als ich mit den Fingern darüber streiche, schwellen sie an, werden heiß und rot. Ich atme durch die Zähne, kratze mich. Du? …Nein, du bist keiner von denen. Du bist weiß, zumindest mittelalt, und du hast nen Schwanz, aber du bist doch keiner von denen, ganz bestimmt nicht, wie käme ich denn darauf. Du bezahlst mein Bier, weil‘s sich so gehört, aber du bist keiner von denen. Du benutzt

„Bitch“ als Schimpfwort, aber die Leute wissen ja wie du’s meinst. Du fragst dich, ob man jetzt noch flirten darf, weil es ja genau darum geht, aber du bist keiner von denen. Du guckst mir während wir darüber reden auf die Brüste, aber du bist garantiert keiner von denen. Ich weiß: Du bist was ganz besonderes.

„Sie müssen sich leider zusammen reißen und weiterhin dort schlafen.“ hat der Kammerjäger gesagt. „Die Wanzen werden von ihrer Körperwärme angelockt, ansonsten verkriechen sie sich so weit, dass wir sie gar nicht erwischen können.“ Ich bin also ein Lebendköder, muss mich selber auslegen und nachher meine Stiche zählen. Ist das sein Ernst? Die Menschen können zum Mond fliegen, aber ich muss hier jeden Abend Dschungelprüfung machen, wenn ich mich schlafen lege? Der Weg des geringsten Widerstands, den ich nicht gewählt habe: Leg dich hin und lass dich stechen. Bleib reglos liegen, bis sie alle einmal rüber sind. Denk einfach an was Schönes.

Bullshit. Ich kann nichts vergessen, gar nichts. Ich kann nur tolerieren, während mich alles andere daran erinnert, wo mein Platz ist, wo ich hingehöre. Ich würde dir damit ja ständig auf deinen achsoheiligen Sack gehen, damit du es ebenfalls nicht vergisst, aber – ich bin einfach zu müde.

Ich seh’s in deinen Augen, ich bin in schwänzliche Ungnade gefallen. Du fängst an mich zu hassen. Alles, was du vorher stark und verwegen fandest, findest du jetzt – anstrengend. Das ist die Essenz der ganzen Sache. Anstrengend. Du findest es nicht natürlich oder notwendig sondern übertrieben, daher ist es so anstrengend.

Jetzt sagst du plötzlich, ich sei frustriert. Frustriert, frigide, ungefickt, misogyner Klimax. Das was mir nämlich eigentlich fehlt ist – Überraschung – ein Schwanz. Ein richtig dicker, der am Anfang wehtut, aber genau das ist, was ich brauche. Denn ohne ihn, nimmst du mich einfach nicht ernst. Du langweilst mich. Frag mich doch noch, ob ich meine Tage habe. Was ist? Traust du dich jetzt nicht mehr? Hm? Verdammt, dieses Jucken bringt mich um. Ich kratze mich leidenschaftlich am Fuß, während sich meine Augen nach innen rollen. Jetzt juckt es noch viel mehr. Und ich kann nichts dagegen tun. Dass du mich so siehst. Und ich konnte auch nichts tun, als wir beide uns letztens begegnet sind. Wir zwei, alte Bekannte, immer viel Sympathie gehabt und viel geschäkert. Ein freundschaftliches Augenzwinkern, das mir plötzlich zwischen die Beine fasst. Wie unangenehm, wenn du dich genau so daran erinnern würdest, wie ich es tue. Wie du mir ins Ohr geflüstert hast, dass ich dich lasziv angeschaut hätte. Glücklicherweise machst du das nur, wenn du betrunken bist, du merkst es dann kaum und ich denke stattdessen darüber nach, welche meiner Gesten als erotisch interpretiert hätten werden können. In deinen Augen bin ich ein notgeiles Stück, das hast du gedacht und ich hab’s gehört. Laut und deutlich. Und ich kann nichts dagegen tun, dass du mich so siehst. Nichts.

Bin nicht Mutter, bin nicht Mädchen, ich bin ledig. Mit Schlampenpotential. Die Haut an meinem Fuß ist offen, blutet ein bisschen, ich kann jetzt nicht mehr kratzen. Ich könnte dir auch all das sagen, es würde sich nichts ändern. Ich könnte deine Hand von meiner Hüfte nehmen, es würde sich nichts ändern. Ich könnte mir mit Edding Femen auf die Titten malen und dich anschreien, du würdest mich ganz genau so anschauen. Als könnte ich dir nie gefährlich werden.

Ich richte mich auf, steif wie eine Spielzeugpuppe und fühl mich ähnlich seelenlos, drehe meinen angeschraubten Kopf und sehe wie eine fette, vollgesogene Bettwanze unter meinem Kopfkissen hervor krabbelt. Du entkommst mir nicht, du Miststück. Mit einem Kippenstummel, den ich schnell aus dem Ascher fischen kann, quetsche ich das Blut, mein Blut, aus ihr heraus, und zerdrücke ihren kleinen Körper vor mir auf dem Fußboden. Ich bin angewidert. Von allem, von diesem winzigen, verwanzten Zimmer, von mir, die ich hier übernachten muss, von mir, die so müde ist, zu müde ist, um weiter zu sprechen, angewidert von meiner Schwäche, davon, dass mein Kampfgeist gebrochen scheint, weil ich nicht die Kraft besitze jeden Tag aufs Neue den „Dialog zu öffnen“, angewidert von meinem eigenen Schweigen, kann fühlen, wie ich mich selbst in die stumme Masse einfleische, meine Faust zur Hand wird und ich beinah untergehe. Beinah. Kämpfe gegen Windmühlen aus schlackernden Vorhäuten und ProLifeChristinnen. Bin so angewidert und bleibe einfach liegen.

Danke, mir geht’s gut, ehrlich. Ja, ich schaff das schon. Bestimmt. Ja, wirklich. Obwohl sie sich jede Nacht an mir festsaugen, sich von mir ernähren, von meinem Körper, meinen Brüsten, meinen Armen, Beinen, meinem Bauch und meinen Händen, geht es mir gut. Sie saugen mein Blut und verdauen es zu Überheblichkeit und Arroganz, reiben sich an mir ab, pissen überall hin, markieren ihr Revier.

Legen sich wie grausame Liebhaber jede Nacht unbemerkt in mein Bett. Tagsüber findet man sie nicht, seh‘ ich sie nicht, existieren sie nicht. Hab sie eingeschleppt, hat jemand eingeschleppt, verstecken sich in Koffern, Taschen, alten Büchern, schämen sich vielleicht, legen ihre Eier zwischen die Zeilen, schlüpfen irgendwann, ganz unbemerkt.

Was, wenn ich nie wieder wirklich schlafen kann und deswegen nie wieder wirklich wach werde. Nicht mehr weiter machen kann. Wenn ich wirklich ernsthaft resigniere und dann im Petticoat und mit einem angeschminkten Lächeln in der Küche stehen muss like it’s 1955. Ja, ich weiß, aber es fühlt sich genauso an.

Tim schreibt: „Ich hab mir schon gedacht, dass du ’ne miese Fotze bist, die einfach nur…“ Das Display wird wieder dunkel. Jaja, ist schon okay, war mein Fehler, dich nicht sofort zu blockieren.
Das Gefühl der Bestätigung drehe ich in eine dünne Zigarette und mit dem Schnippen des Feuerzeugs ist es vorbei. Ich puste den heißen Rauch in die Luft, ganz langsam und sehe dabei zu, wie sich die dichteren Wolken schnell auflösen und im gemütlichen Licht nur ein schlechter, kalter Geruch zurückbleibt. Ich weigere mich unsichtbar zu werden, mich zu verstecken, zu tarnen, parasitär zu leben, und ich weigere mich heimlich zu trauern, heimlich zu ficken und heimlich wütend zu sein. Heimlich wird vergessen. Versteckt wird übergangen. Nicht sichtbar ist nicht existent. Dann lasse ich lieber meine Achselhaare zum Fenster rauswachsen, damit alle Tims dieser Welt sie sehen und mich nicht vergessen, auch wenn ich dann „die verrückte Alte“ bin. Ich drücke auf den Einschaltknopf des Vibrators. Neuer Versuch. Einmal lange gedrückt halten und dann presse ich ihn zwischen meine Beine. Angestrengt beiße ich für Sekunden die Zähne zusammen, das Ding stottert wie ein kaputtes Auto und gibt dann endlich den Geist auf. Klar. Resigniert falle ich in die Kissen zurück und gebe auf. Es ist so weit. Ich bewege mich jetzt nicht mehr und mein Mund bleibt geschlossen bis die Erschöpfung mich hoffentlich irgendwann übermannt. In der einen Hand ein kaputter Vibrator, in der anderen eine eingerollte Zeitung zur Verteidigung liege ich da wie ein Unfallopfer. Ein verdrehter Körper, der aus dem zehnten Stock gefallen ist, und aus irgendwelchen Gründen überlebt hat. Zum Glück.

Kamala Dubrovnik ist die Hedonistin der Herzen, die Smooth Operator der Literaturszene, die Matriarchin musischer Ausschweifung. Sie ist Autorin, Sprecherin, Musikerin und Künstlerin und beschäftigt sich mit den essentiellen Themen des Lebens: Sex, Tod, Politik. 

www.kamaladubrovnik.com

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