von Berit Glanz
Seit vielen Jahren wird der Hafen von Reykjavík im Dezember mit einem großen Weihnachtsbaum geschmückt, der von den Einwohner*innen als „Hamburger Weihnachtsbaum“ bezeichnet wird. Jedes Jahr werden die Lichter des Baumes, der mit Seilen gegen die Windstöße der Dezemberstürme gesichert ist, in einem feierlichen Festakt entzündet. Der Hamburger Weihnachtsbaum ist jedoch nicht der einzige große, geschmückte Baum, der zur Weihnachtszeit in der isländischen Hauptstadt steht: Ein weiterer, der sogenannte Oslo-Baum, befindet sich vor dem isländischen Parlament im Zentrum von Reykjavík.
Island ist ein Land mit nur wenigen Bäumen. Daher haben echte Weihnachtsbäume keine lange Tradition. Zwei Drittel der Isländer*innen stellen zu Weihnachten immer noch einen Plastikbaum auf, auch wenn in den letzten Jahren der Verkauf von Nordmanntannen aus Dänemark, dem Weihnachstbaumexportmeister Europas, zugenommen hat und mittlerweile sogar ein eigener lokaler Anbau auf der Insel existiert. Jedes Jahr steigt die Anzahl der isländischen Wohnzimmer, in denen ein echter Baum steht, aber jahrzehntelang waren der Hamburger Weihnachtsbaum und der Oslo-Baum bekannte Ausnahmen in einer Stadt voller künstlicher Weihnachtsbäume.
Der erste Hamburger Weihnachtsbaum kam 1965 per Schiff nach Island. Er war ein Geschenk des Hamburger Hafens als Dank für die Fischsuppe, die isländische Seeleute angeblich in den Hungerjahren der Nachkriegszeit im Hamburger Hafen von ihren Schiffen aus verteilt hatten. Aus Oslo erhalten die Isländer bereits seit 1951 jedes Jahr einen Baum als Symbol der Freundschaft zwischen den beiden Ländern.
Überhaupt ist Norwegen sehr geschickt in der „Weihnachtsbaumdiplomatie“. In London steht seit 1947 ein Weihnachtsbaum aus Norwegen auf dem Trafalgar Square. Dieses einmal im Jahr wiederkehrende Geschenk der Stadt Oslo ist ein Dankeschön an die Briten für die Unterstützung im Zweiten Weltkrieg. Jedes Jahr wird der Baum in Anwesenheit des britischen Botschafters und des Bürgermeisters von Oslo in Norwegen gefällt und anschließend per Schiff in die britische Hauptstadt geschickt. 1950 beschloss Oslo zudem, der Hafenstadt Rotterdam einen Weihnachtsbaum zu schenken, um die freundschaftlichen Beziehungen zu stärken und der im Krieg stark zerstörten Stadt eine Freude zu bereiten. Diese drei Weihnachtsbäume sind bei weitem nicht die einzigen, die von Norwegen verschenkt und verschickt werden: Diverse Städte in Schottland bekommen beispielsweise einen Baum aus norwegischen Städten, darunter Edinburgh, Aberdeen und Kirkwall, aber auch Städte in Deutschland, den Niederlanden und Dänemark.
Und Norwegen ist auch nicht das einzige Land, das in der Vorweihnachtszeit symbolische Nadelbäume auf die Reise schickt. Auf dem Petersplatz im Vatikan steht beispielsweise seit 1982 jedes Jahr ein Weihnachtsbaum, der immer aus unterschiedlichen Gemeinden kommt. Die Tradition begann mit Papst Johannes Paul II. und einem Baum aus seinem Heimatland Polen, zuvor hatte auf dem Platz gar kein Weihnachtsbaum, sondern nur eine Krippe gestanden. In Zeiten der Klimakrise geraten die Fällungen großer Bäume und ihr Transport über Grenzen hinweg aber zunehmend in die Kritik. Weihnachtstraditionen wieder zu beenden oder zu verändern, ist jedoch keine einfache Angelegenheit. Besonders wenn diese Traditionen vielen Menschen am Herzen liegen. So wie das ritualisierte Entzünden der Lichter am Weihnachtsbaum in Washington, D.C., der seit 1997 von Norwegen an die US-amerikanische Hauptstadt geschickt wird. Es ist unvorstellbar, diese beliebte vorweihnachtliche Tradition zu unterbrechen. Manchmal werden deswegen pragmatische Lösungen gefunden, so gab Stavanger 2012 einfach einen Nadelbaum mit Wurzeln an die befreundete Stadt Sunderland, sodass zumindest irgendwann in der Zukunft kein Baum mehr gefällt und transportiert werden muss.
Weihnachtsbaumdiplomatie zwischen Städten und Nationen soll die Freundschaften festigen. Die verschenkten Tannenbäume erfüllen somit, wie alle Weihnachtsgeschenke, eine wichtige, beziehungsstiftende Funktion. Wie bedeutsam Geschenke sind, wird den meisten von uns zumindest unterbewusst klar, wenn wir in der Vorweihnachtszeit versuchen, die besten und passendsten Präsente für unsere Liebsten zu finden. Der Akt des Schenkens selbst kann Beziehungen stabilisieren und festigen – oder, wenn er wirklich misslingt, im schlimmsten Fall sogar zerstören.
Es ist daher kein Wunder, dass sich die Soziologie schon früh für die soziale Funktion von Geschenken interessiert hat. Der polnische Anthropologe Bronisław Malinowski präsentierte 1922 in seinem Buch Argonauten des westlichen Pazifik die teilnehmende Beobachtung einer Gesellschaft auf den Trobriand-Inseln, in der ein komplexes Geschenkritual zelebriert wird, das sich als entscheidend für die sozialen Beziehungen erweist. Nur wenige Jahre später veröffentlichte der Franzose Marcel Mauss sein Werk Die Gabe, in dem er den wechselseitigen Austausch von Objekten als umfassendes soziales Phänomen beschreibt und dessen Funktion untersucht. Wird ein ritualisierter Gabenaustausch unterbrochen, kann dies nachhaltige Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen haben.
Das musste auch die Stadt Oslo feststellen, als sie 2014 vorschlug, die Weihnachtsbaumgeschenke an Reykjavík und Rotterdam einzustellen. Während Rotterdam gelassen auf diese Ankündigung reagierte, regte sich in Island heftiger Protest. Der Verzicht auf den beliebten Weihnachtsbaum aus Oslo löste so viel Unmut aus, dass der Bürgermeister von Oslo zurückrudern musste und schließlich doch wieder einen Baum nach Reykjavík liefern ließ. Seit 2018 wird der Oslo-Baum aber nicht mehr in Norwegen sondern direkt auf Island selbst von den Bürgermeister*innen der Hauptstadt gefällt, um so zumindest die Kosten und Umweltfolgen des Transports zu sparen. Isländische Forstgebiete können nämlich mittlerweile auch eine lokale Weihnachtsbaumproduktion gewährleisten. In diesem Jahr fällte die Bürgermeisterin von Reykjavík übrigens ein 13 Meter hohes Exemplar. Damit die Geschenktradition nicht unterbrochen wird und die Isländer nicht wieder wütend werden, verschenkt die Stadt Oslo nun Bücher an Grundschulen in Reykjavík – aus dem Weihnachtsbaum sind Weihnachtsbücher geworden.
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Foto von Klim Musalimov
