von Daphne Schwarz
Die Mondlandung hat nie stattgefunden, sie wurde von der NASA in einem Studio inszeniert. Außerirdische Echsenwesen in Menschenanzügen leben unter uns. Die Erde ist eine Scheibe. Das Corona-Virus gibt es gar nicht. Ein Netzwerk der Reichen und Mächtigen zapft Kindern das Blut ab, um es für lebensverlängernde Behandlungen zu benutzen. Dass es Verschwörungstheorien gibt, ist allgemein bekannt, und die allermeisten Menschen dürften auch mindestens ein konkretes Beispiel nennen können. Viele klingen skurril und albern, andere wecken Besorgnis. Spätestens seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump und der Covid-19-Pandemie hat das öffentliche Interesse an Verschwörungstheorien stark zugenommen. Sie gelten als Anlass zur Sorge, weil sie die Demokratie unterminieren können. Aber ist diese Sorge berechtigt?
Dieser Frage widmet sich Michael Butter, Professor für Amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen, in seinem Buch “Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten” (Suhrkamp 2025). Nach “Nichts ist, wie es scheint” (Suhrkamp 2018) ist es sein zweites Sachbuch zu diesem Thema. Wie er gleich im Vorwort erklärt, besteht längst nicht so viel Anlass zur Sorge, wie Politik, NGOs und Medien suggerieren. Der Titel “Die Alarmierten” soll sich daher auf beide Seiten beziehen: jene, die an Verschwörungen glauben, und jene, die eben diesen Glauben für eine Gefahr halten. Butter findet den grassierenden Alarmismus kontraproduktiv und will die im Untertitel aufgeworfene Frage wissenschaftlich, also unvoreingenommen und differenziert – ein Wort, das er gerne gebraucht – beantworten. Der Autor will eine Stimme der Vernunft in einem weitgehend emotional geführten Diskurs sein. Er will beruhigen und verhindern, dass wir den Kopf verlieren.
Dafür klärt er zunächst einige grundsätzliche Punkte, indem er die “konspirationistische Weltsicht”, wie er es nennt, durch vier Annahmen charakterisiert: 1. Nichts, was zum Plan gehört, geschieht zufällig. 2. Nichts ist, wie es scheint. 3. Alles hängt miteinander zusammen. 4. Es gibt eine klare Einteilung in Gut und Böse, Opfer und Verschwörer*innen. Als nächstes bezieht er in einer recht neuen terminologischen Debatte Stellung. Seit einigen Jahren wird nämlich die “-theorie” in “Verschwörungstheorie” kritisiert. Diese Bezeichnung sei unter begrifflichen Gesichtspunkten unangebracht, weil Verschwörungstheorien eben keine durch Beobachtung falsifizierbaren Vorhersagen machten. Zudem ließe sich unter pragmatischen Gesichtspunkten kritisieren, dass ihnen damit ein Anstrich von Seriosität verliehen werde, was nicht wünschenswert sei. Stattdessen solle man von “Verschwörungserzählungen”, “Verschwörungsmythen”, oder “Verschwörungsideologien” sprechen.
Butter ist mit dieser Kritik am Begriff der „Verschwörungstheorie“ und den entsprechenden Gegenvorschlägen nicht einverstanden: Gegen den ersten Punkt wendet er ein, dass hier ein wissenschaftstheoretischer Falsifikationismus vorausgesetzt werde, wie ihn vor allem Karl Popper vertreten hat. Die Debatte um das Kriterium der Wissenschaftlichkeit von Behauptungen hat sich aber längst weiterentwickelt. Hielte man am Falsifikationismus fest, müsse man großen Teilen der Sozial- und Kulturwissenschaften die Wissenschaftlichkeit aberkennen. Gegen die vorgeschlagene Alternative “Verschwörungsmythen” wendet er ein, dass damit der Anschein von Wissenschaftlichkeit nicht erfasst werde, den sich Verschwörungstheorien oft gäben, denn nicht selten würden ja Zahlen und Ereignisse als vermeintliche Belege herangezogen. Außerdem sei die Rede vom “Mythos” nicht passend, da damit eine lange Geschichte vorausgesetzt werde. Es erscheint allerdings nicht recht plausibel, warum etwas nur dann ein Mythos sein kann, wenn es seit Jahrhunderten immer weitererzählt wird. Den Ausdruck “Verschwörungserzählung” hält Butter für unpassend, weil er den “narrative turn” der Kulturwissenschaften ignoriere. Gemeint ist hier der Gedanke, dass die Erzählung eine fundamentale Form menschlichen Weltverständnisses darstellt und daher alle Aussagen darüber, wie die Dinge sind, in irgendeiner Weise als Erzählungen verstanden werden können. Die Bezeichnung “Verschwörungsideologien” lehnt er ab, weil sie ein marxistisches Verständnis von Ideologie voraussetze, demzufolge die Ideologie überwunden werden müsse, dann würde die Welt, wie sie wirklich ist, erkennbar. Butter ist nicht davon überzeugt. Allerdings erklärt er auch nicht, warum hier zwingend vom marxistischen Ideologiebegriff ausgegangen werden muss.
Am Ende des Kapitels stellt Butter ein hilfreiches Modell vor: Er unterscheidet zwischen den drei Ebenen Ideologie, Erklärung und Artikulation. Auf der Ebene der Ideologie liegt die konspirationistische Weltsicht, also die Überzeugung, dass wichtige Ereignisse das Ergebnis einer Verschwörung sind. Auf der Ebene der Erklärung liegt die Verschwörungstheorie, die erklärt, welches Komplott hinter welchen Ereignissen steckt. (Etwa: Die NASA hat die Mondlandung inszenieren lassen.) Auf der Ebene der Artikulation liegen die konkreten Darstellungen einer Verschwörungstheorie mit ihren Details. (Etwa: Bei der Inszenierung der Mondlandung hat Stanley Kubrick Regie geführt.)
Im zweiten Kapitel beantwortet Butter die im Untertitel des Buches aufgeworfene Frage, was Verschwörungstheorien anrichten. Verschwörungstheorien seien vorwiegend an den Rändern des politischen Spektrums zu finden, am rechten häufiger als am linken. Daher sei es naheliegend, darin eine Bedrohung für die Demokratie zu sehen, auch wenn das konspirationistische Denken nicht auf extreme Positionen beschränkt sei. Butter hält dies für vorschnell und meint, nicht die “dünne”, also inhaltsleere, Ideologie des Konspirationismus sei das Problem, sondern die “dicke”, also inhaltlich angereicherten, Ideologien wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus usw.
Die Unterteilung in “dünne” und “dicke” Ideologien und die Einordnung des Konspirationismus als dünne Ideologie sind überzeugend. Weniger überzeugend ist Butters Schlussfolgerung, die dicken Ideologien seien das eigentliche Problem. Sicher, wenn ich einfach nur glaube, dass es irgendeine Verschwörung gibt, ohne mich darauf festzulegen, wer sich denn zu welchem Zweck verschworen hat, etwas zu tun, bin ich auch nicht gefährlich. Die Frage bleibt aber offen, ob die dünne Ideologie des Konspirationismus nicht die jeweilige dicke Ideologie auf eine Weise kanalisiert, die sie erst gefährlich macht. Viele Menschen demonstrierten gegen die Einschränkungen während der Lockdowns. Aber um die Entführung von Karl Lauterbach zu planen, brauchte es die Ansicht, die Pandemie sei ein großangelegter Schwindel, um eine Diktatur zu installieren.
Im dritten Kapitel rekonstruiert Butter, wie Verschwörungstheorien in den politischen Institutionen der USA eine Rehabilitierung erlebt haben, nachdem sie lange Zeit als nicht salonfähig galten. Dies dient auch der Vorbereitung auf die Frage, ob eine vergleichbare Entwicklung in Deutschland anstehe oder sogar bereits eingesetzt habe. Die Anfänge dieses Prozesses sieht Butter in den Anschlägen vom 11. September 2001, dem Erfolg der “Tea Party” in den späten 2000er Jahren und vor allem dem “Birtherism”. Trump selbst, meint Butter, habe zunächst noch keine Verschwörungstheorien verbreitet. Vielmehr habe er sich im Laufe seines ersten Wahlkampfes aus strategischen Gründen eine populistische Rhetorik angeeignet und diese mit vagen konspirationistischen Andeutungen verknüpft. (“Drain the swamp!”) Damit habe er diejenigen ansprechen wollen, die an Verschwörungstheorien glauben, ohne diejenigen zu verschrecken, die sie ablehnen. Erst nach und nach sei er dazu übergegangen, immer offener und ausdrücklicher von Verschwörungen gegen ihn selbst, aber auch gegen das amerikanische Volk zu sprechen. Die gescheiterte Wiederwahl markiere dann den Endpunkt dieser Entwicklung.
Butter nimmt diese Rekonstruktion zum Anlass, seine These zu wiederholen, wonach Verschwörungstheorien vor allem als Symptome tieferliegender Missstände zu verstehen seien. Die Verschwörungstheorie von der “gestohlenen Wahl” sei eine Gefahr für die Demokratie, aber nicht weil sie eine Verschwörungstheorie sei, sondern weil sie das Vertrauen in die Institution der Wahl als solche unterminiere. Weil die Republikanische Partei sich diese Verschwörungstheorie weitestgehend unwidersprochen angeeignet habe, sei das Misstrauen gegenüber der “Logik der Demokratie” im Herzen der US-amerikanischen Politik angekommen. Es folgt ein Exkurs, der die Ursachen dieser Entwicklung näher in den Blick nimmt. Butter nennt hier das im Mehrheitswahlrecht verankerte Zweiparteiensystem, die parteiinternen Vorwahlen, die extreme Kandidat*innen bevorzugten, die Abschaffung des Gebots der ausgewogenen Berichterstattung und die verfassungsgerichtliche Heiligsprechung von unbegrenzt hohen Wahlkampfspenden als Ausübung der Meinungsfreiheit. All dies habe jemanden wie Trump unausweichlich gemacht. Er “ist keine Aberration der Republikanischen Partei, sondern der folgerichtige Schlusspunkt ihrer Entwicklung seit den 1960er Jahren.” Zu dieser Entwicklung gehöre auch die Rehabilitierung des Konspirationismus. Allerdings, so Butter, die Erklärung für Trumps Wahlerfolg 2024 sei in erster Linie in den Abstiegsängsten weißer männlicher Industriearbeiter zu finden.
Von hier aus nimmt Butter die Lage in Deutschland in den Blick. Droht eine ähnliche Rehabilitierung des konspirationistischen Denkens auch hierzulande? Dieser Frage geht er an den Beispielen der Pandemie und des sogenannten Reichsbürgerkomplotts nach. Die “Querdenken”-Bewegung, in der sich die Proteste gegen die Pandemiebekämpfung gesammelt haben, sei in der öffentlichen Wahrnehmung als ein Zeichen gestiegener Zustimmung zu Verschwörungstheorien gedeutet worden. Butter erklärt, die Umfragen, die diese Zustimmungswerte erfassen sollten, sprächen dagegen. Nicht die Zustimmung zu Verschwörungstheorien habe zugenommen, sondern ihre öffentliche Sichtbarkeit. Einen Grund dafür sieht er auch in der gesunkenen Hemmschwelle, konspirationistische Behauptungen offen auszusprechen. Die Proteste gegen die Beschränkungen seien zu Beginn nicht konspirationistisch motiviert gewesen. Generell seien die Verschwörungstheorien, die sich auf die Pandemie bezogen, keine eigenständigen, neuen Theorien gewesen. Vielmehr sei die Pandemie (oder ihre Inszenierung) einfach als nächste Stufe eines bereits bestehenden Verschwörungsplans interpretiert worden.
“Querdenken” sei keine ausschließlich oder überwiegend rechte Bewegung, sondern ein Sammelbecken für Rechte, Linke, Esoterikgläubige und andere Milieus, die eine Angst vor einem neuen Autoritarismus zusammengeführt habe. Auch der Verlust der Existenzgrundlage ist für Butter ein wichtiger Faktor. Viele, die sich an den Protesten beteiligten, seien Angehörige von Berufsgruppen gewesen, die durch die Einschränkungen erhebliche Einkommensverluste hinnehmen mussten. Eine Gefahr für die Demokratie sieht Butter in “Querdenken” auch deswegen nicht, weil selbst in Phasen wöchentlicher Proteste die Anzahl der Teilnehmenden konstant geblieben sei. Die Bewegung habe also ab einem bestimmten Zeitpunkt keinen nennenswerten Zuwachs mehr erlebt.
An dieser Stelle entsteht wie an anderen Stellen bei der Lektüre der Eindruck, Butter hätte noch ein bisschen mehr sagen können. Denn liegt die Gefahr für die Demokratie nicht in erster Linie im Einfluss, den konspirationistisches Denken hat, und weniger darin, wie weit es verbreitet ist? Auch eine kleine radikalisierte Gruppe kann viel Schaden anrichten, gerade, wenn sie zur Elite einer Gesellschaft gehört. Dieser Gedanke scheint jedenfalls Butters Untersuchung der Lage in den USA zu durchziehen, auch wenn er es nicht ausdrücklich sagt. Sicher besteht zwischen diesen beiden auch ein Zusammenhang: eine Verschwörungstheorie, an die nur wenige glauben, wird weniger Aussicht haben, die gesellschaftspolitische Debatte zu beeinflussen. Aber der Schluss von einer geringen Anzahl an Anhänger*innen einer Coronaverschwörungstheorie auf ihre relative Harmlosigkeit wirkt ohne zusätzliche Argumente vorschnell. Auch eine kleine Gruppe kann großen Einfluss auf die öffentliche Debatte und die politische Entscheidungsfindung haben, wenn sie laut oder mächtig genug ist.
Schwerer hinzunehmen ist Butters Antwort auf die Frage, ob “Querdenken” antisemitische Züge trage. Vor allem der Vergleich mit Sophie Scholl und die gelben Sterne mit der Aufschrift “ungeimpft” trugen der Bewegung diese Vorwürfe ein. Butter stellt klar, dass beides geschmacklos, historisch falsch und moralisch unangemessen war. Er hält die Antisemitismusvorwürfe aber für sachlich falsch und strategisch kontraproduktiv, weil sie den Blick auf tatsächlichen Antisemitismus verstellt und die “Querdenken”-Bewegung zusammengeschweißt hätten. Echten Antisemitismus kann er hier nicht erkennen. Seine Begründung ist, dass hier keine Relativierung jüdischen Leids und keine Schuldumkehr stattgefunden habe. “Querdenken” habe sich mit den Opfern des nationalsozialistischen Antisemitismus identifiziert, statt ihn zu verharmlosen oder Jüd*innen die Schuld an der Situation während der Pandemie zu geben.
Dieser Antisemitismusbegriff wirkt recht verkürzt. Möglicherweise denkt Butter hier in erster Linie an antisemitische Verschwörungstheorien, die den Holocaust leugnen, oder eine “jüdische Weltverschwörung” behaupten. Gerade die Relativierung des Leids der Holocaust-Opfer kann aber auch auf weniger direkte und offensichtliche Weise erfolgen. Völlig zu Recht werden unangebrachte Vergleiche mit dem Holocaust immer wieder als Verharmlosung kritisiert, die der offenen Leugnung strukturell ähnlich ist. Der gelbe Stern mit der Aufschrift “ungeimpft” suggeriert, dass die Überprüfung des Impfstatus für die Teilhabe am öffentlichen Leben nur der erste Schritt einer allmählichen Ausgrenzung sei, die letztlich zur industriellen Vernichtung von Menschenleben führe. Der Vergleich mit Sophie Scholl suggeriert, dass der zeitlich begrenzte Wegfall von Café-, Bar- und Konzertbesuchen genauso schlimm sei wie das Leben unter einem totalitären Regime, das nach und nach jeden Bereich des Lebens für sich beansprucht. Die Nivellierung dieser Unterschiede ist eine Verharmlosung, die strukturell ähnlich ist zu einer direkten Leugnung.
Auch die von den Medien “Reichsbürgerkomplott” getauften Umsturzpläne und andere Vorhaben, das politische System in Deutschland zu destabilisieren, dienen Butter als Belege für seine Kernthese: Gefährlich ist nicht die dünne Ideologie des Konspirationismus, sondern verschiedene dicke Ideologien. Zudem hätte selbst eine erfolgreiche Durchführung dieser Vorhaben keine Machtübernahme oder Regimewechsel in Deutschland zur Folge haben können. In jedem Fall seien die dicken Ideologien das eigentliche Problem, weil sie einerseits auch ohne die dünne Ideologie des Konspirationismus wirken, diesen aber auch für sich nutzen könnten. Wie dies geht, zeigt er am Beispiel der AfD, die eine zweigleisige Rhetorik benutze. Ihre Äußerungen seien oft so formuliert, dass sie sich sowohl konspirationistisch als auch “nur” populistisch lesen ließen. Weil der Konspirationismus als dünne Ideologie immer eine dicke Ideologie benötige, eine dicke Ideologie jedoch keine dünne Ideologie, müsse bei den dicken Ideologien angesetzt werden.
Vor diesem Hintergrund sieht Butter keine Gefahr, dass auch in Deutschland amerikanische Verhältnisse Einzug halten. Weder das politische System noch die Zivilgesellschaft seien hierzulande so stark polarisiert wie in den USA. Das Mehrparteiensystem und das Verhältniswahlrecht zwängen die Politik zu Kompromissbereitschaft und in Deutschland gebe es kein Medium wie Fox News, das ungehemmt Desinformation und Verschwörungstheorien verbreitet.
Die Sorge um die Polarisierung der Gesellschaft ist (mindestens) seit den 2010er Jahren ein wiederkehrendes Motiv in der gesellschaftspolitischen Diskussion geworden und wird vor allem in der Mitte des politischen Spektrums geäußert. Extreme Positionen würden sich verbreiten, echter Dialog werde seltener. Auch in dieser Frage gibt es sicherlich die “Alarmierten” und die, die beruhigen wollen. Es ließe sich aber die Frage stellen, ob “Polarisierung” hier das richtige Bild ist, oder ob “Schieflage nach rechts” nicht treffender erscheint. Ist die wichtige Frage wirklich, ob eine Bewegung weg von der Mitte hin zu zwei einander gegenüberliegenden Enden stattfindet? Denn eine vergleichbare Radikalisierung wie in der Republikanischen Partei, nur in die entgegengesetzte Richtung, hat in der Demokratischen Partei nicht stattgefunden. Und dann wäre auch die Frage nach der Entwicklung in Deutschland anders zu stellen.
Butter jedenfalls ist überzeugt, dass seine Analyse zeigt, dass der alarmistische Ton der Debatte über Verschwörungstheorien der letzten Jahre übertrieben ist. Im vorletzten Kapitel des Buches betrachtet er diese Debatte genauer, um die Ursprünge des Alarmismus zu erklären. Politische und Aufklärungsarbeit zu Verschwörungstheorien leisten in Deutschland hauptsächlich NGOs und Stiftungen. Hier sieht Butter ein Problem. Denn diese Arbeit finanziert sich zu großen Teilen aus öffentlichen Fördermitteln für entsprechende Projekte. Das führe, so Butter, dazu, dass das Gefahrenpotential von Verschwörungstheorien in den Anträgen auf diese Fördermittel übertrieben werde, um das eigene Projekt möglichst wichtig erscheinen zu lassen. Zudem seien die Mitarbeitenden dieser Projekte auch ernsthaft überzeugt, dass Verschwörungstheorien gefährlich sind. Butter zitiert hier eine Interviewstudie, aus der er den typischen “Verschwörungstheorieaktivisten” herausdestilliert. Dieser sei seit den Jugendjahren von der politischen Arbeit gegen Rechtsextremismus geprägt, habe dann ein sozial- oder politikwissenschaftliches Studium absolviert und die politische Arbeit zum Beruf gemacht. Die Prämissen dieser Arbeit stelle er gar nicht mehr in Frage.
Ein weiteres Problem sieht Butter darin, dass die wissenschaftlichen Veröffentlichungen dieser NGOs und Projekte nicht das fachliche Niveau erreichten, dass man sich wünschen würde. Als Gründe nennt er, dass die meisten Verschwörungstheorieaktivisten keinen Doktortitel vorweisen könnten und dass die Veröffentlichungen kein Begutachtungsverfahren durchlaufen müssten, wie es bei wissenschaftlichen Publikationen sonst üblich sei. Eine Reflexion über die Rahmenbedingungen der politischen Arbeit und ihren Beitrag zu den von ihm genannten Problemen vermisst man bei Butter jedoch. Allenfalls in der kurzen Erwähnung der prekären Finanzierung zu Beginn des Abschnitts deutet sie sich an.
Schließlich kritisiert er auch, dass die Warnungen vor Verschwörungstheorien eine Tendenz hätten, selbst ins Konspirationistische abzugleiten. Als Beispiel dient ihm der Correctiv-Artikel “Geheimplan gegen Deutschland”, der über ein Treffen wichtiger Figuren der rechten Szene berichtet. Laut Correctiv sei dort ein „Masterplan“ zur Vertreibung von Millionen Menschen vorgestellt worden. Butter schließt sich der Kritik verschiedener Journalist*innen an, dass die Darstellung des Treffens einigen Standards der journalistischen Berufsethik nicht gerecht werde. Seine eigene Kritik ist aber wieder auf ähnliche Weise verkürzt wie seine Kritik an den Antisemitismusvorwürfen gegen “Querdenken”. Wäre Thema des Treffens tatsächlich die Planung und Umsetzung der “Remigration” gewesen, ließe sich von einer Verschwörung sprechen. Tatsächlich sei es aber darum gegangen, wie die öffentliche Meinung so beeinflusst werden könne, dass “Remigration” möglich werde.
Die erste Frage hier ist, warum das Thema des Treffens einen Unterschied dafür machen sollte, ob es sich um eine Verschwörung handelte oder nicht. Warum wäre die Planung rassistischer Staatsverbrechen eine Verschwörung gewesen, während die Planung der Normalisierung rassistischer Staatsverbrechen in der öffentlichen Wahrnehmung keine war? Eine Verschwörung wird ja nicht dadurch zu einer Verschwörung, was man plant und tut, sondern dadurch, wie man es plant und tut. Butter gibt hier keine Begründung. Ein viel einfacheres Argument dafür, dass das Treffen keine Verschwörung war, zieht er nicht heran: Martin Sellner hat denselben Vortrag, den er auf dem Treffen gehalten hat, später noch einmal in einem Videostream gehalten. Zumindest seine Pläne waren also nicht geheim.
Die zweite Frage ist, ob man nicht sagen könnte, dass auf dem Treffen die Durchführung der Remigration geplant wurde, indem die Normalisierung der Remigration in der öffentlichen Diskussion in die Wege geleitet wurde.
Das Schlusskapitel des Buches ist der Frage gewidmet, “Was gegen Verschwörungstheorien helfen würde”. Der erste Vorschlag bezieht sich wieder auf die Kernthese: Es müsse bei den dicken Ideologien und den Missständen angesetzt werden. Weil das aber eher langfristige Ziele sind, müsse man auch direkt auf Verschwörungstheorien eingehen. Hier geht Butter wieder auf die Projekte und NGOs ein, die gegen Verschwörungstheorien kämpfen, und fordert, dass diese die aktuelle Forschung besser berücksichtigen sollen als bisher. Weil außerdem zu viele Projekte um zu viele Geldtöpfe konkurrierten, befürwortet er auch einen Kahlschlag im Unterholz: Sowohl die Arbeit als auch die Finanzierung sollen bei einigen wenigen Stellen konzentriert werden, um bessere Finanzierung und Qualitätskontrolle zu ermöglichen. Zudem befürwortet er die Aufklärungsarbeit im Schulunterricht, macht jedoch darauf aufmerksam, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene nicht die anfälligste Gruppe für Verschwörungstheorien seien. Die Präventions- und Beratungsarbeit erreiche ältere Menschen oft nicht mehr, daher müsse hier auch eine Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und ähnlichen Organisationen erfolgen. Menschen, die erleben, wie nahestehende Personen in konspirationistisches Denken abgleiten, sollten bessere Unterstützung erhalten.
Damit wechselt er zum Ende von der gesellschaftlichen auf die individuelle Ebene. Er empfiehlt, den Kontakt zu halten, soweit es möglich ist, um nicht durch Ausgrenzungserlebnisse die Radikalisierung zu beschleunigen. Ein solcher Radikalisierungsprozess sei auch nicht immer unumkehrbar. Butter verdeutlicht das an einem Fall, den er selbst erlebt hat. Ein Mann habe seine Arbeit in YouTube-Videos heftig kritisiert und ihm häufiger Mails geschrieben, die Butter auch beantwortet habe, weil sein Ton darin umgänglicher gewesen sei als in den Videos. Mit der Pandemie sei er dann aber auch in den Mails ausfällig geworden, weshalb Butter nicht mehr geantwortet habe. Später sei Anzeige gegen den Mann erstattet worden, weil er Butter in einem Video bedroht habe. Butter sei in Rücksprache mit der Polizei zu der Einschätzung gelangt, dass es sich nicht um eine Bedrohung, aber um eine Beleidigung handle. Damit lag die Entscheidung über die strafrechtliche Verfolgung bei ihm. Er habe dann auf eine Anzeige verzichtet. Mehr als ein Jahr später habe er eine Mail mit einer Entschuldigung von dem Mann erhalten. Butter ist überzeugt, dass sein Verzicht auf eine Anzeige eine weitere Radikalisierung verhindert habe, und empfiehlt, weiter im Dialog zu bleiben und die Hoffnung nicht aufzugeben.
Das Beispiel soll Mut machen und optimistisch stimmen. Das tut es auch, und es ist auch richtig. Aber auch hier hätte man sich mehr Bewusstsein für die eigene Situation und Sensibilität gegenüber denen gewünscht, die in einer anderen Situation sind. Wer jahrelang prekär beschäftigt ist und vielleicht schon häufiger bedroht wurde, dürfte es schwerer haben, Nachsicht zu zeigen – und das wäre auch verständlich. Ähnlich ist es mit der Empfehlung, den Kontakt mit Angehörigen oder anderen nahestehenden Personen zu halten. Je nach Vorgeschichte und Ausgangssituation ist das für manche Menschen einfach keine Option.
Es gibt einiges, was “Die Alarmierten” zu einem guten Buch macht. Butters Expertise und jahrelange Beschäftigung mit dem Thema sind der Studie anzusehen. Es ist auch erkennbar, dass er Erfahrung mit Wissenschaftskommunikation und populärwissenschaftlichem Schreiben hat. Die Darstellung der Theorie und empirischen Forschung, seine eigene Analyse und Argumentation bleiben immer zugänglich. Wer sich für Verschwörungstheorien und ihre politischen und sozialen Auswirkungen interessiert, kann aus dem Buch einiges lernen. Nur dort, wo Butter seinen Fachbereich verlässt oder nicht mehr als Wissenschaftler, sondern als politischer Kommentator spricht, greift er zuweilen zu kurz.
Michael Butter: Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten. Suhrkamp 2025. 247 Seiten. 22 € (D)
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Foto von Tom Radetzki auf Unsplash
