Stell dir vor, es ist Krieg und alle haben eine Haltung – Über eindeutige Meinungen und komplexe Debatten

von Simon Sahner

In den letzten Wochen habe ich vier Bücher gelesen, die ein unangenehmer Blick in die Produktionshallen der Debattenkultur waren. Am Ende muss man sagen, es stimmt: man will nicht wissen, wie die Wurst gemacht wird. Doch bereits vorher hatte ich mir gewünscht, es hätte diese Bücher nie gegeben. Das lag nicht daran, dass ich sie von Beginn an für schlecht hielt. Vielmehr behandeln sie eine Frage, von der ich gehofft hatte, sie würde sich für den deutschsprachigen Raum nicht mehr stellen: Ob man das eigene Land mit der Waffe in der Hand verteidigen würde. 

Die Debatte, die in den vergangenen Jahren um diese Frage entstanden ist, hat sich selbstverständlich nicht nur in Büchern, sondern ganz besonders auch in Talkshows und anderen medialen Streitformaten abgespielt. Denn letztlich sind Debattenbücher die bloße Fortsetzung der Talkshow mit anderen Mitteln und umgekehrt. Viele dieser Bücher wurden erkennbar geschrieben, um Teil einer Debatte zu werden, die sich dann wieder in den Talkshows abspielt. Das ist auch bei den Büchern zur Frage der Wehrhaftigkeit, Kriegstüchtigkeit, Verteidigungsbereitschaft – wie immer man es nennen will – der Fall.

Es gibt inzwischen – inklusive Zeitungsartikeln – so viele Beiträge zu dieser Frage, dass es schwer fällt, den Überblick zu behalten. Während der Arbeit an diesem Text wurde bereits ein weiteres Buch für den Herbst angekündigt und ein Grünen-Politiker erklärte öffentlichkeitswirksam, er habe seine Verweigerung zurückgezogen und sei jetzt Reservist geworden. Die populärsten dieser Wortmeldungen stammen von Männern, die mehr oder weniger zweifelnd verkünden, sie seien zu dem Schluss gekommen, für ihr Land, die Freiheit, die Demokratie zu kämpfen. Diese Haltung wird aufmerksamkeitsökonomisch belohnt: Wenn man sich dieser Tage jenseits einer rechten politischen Gesinnung zum Verteidigungskampf bereit erklärt, kann man sich medialen Interesses sicher sein. Das gleiche gilt für die lautstark geäußerte Verweigerung eines zukünftigen Dienstes an der Waffe.

Die Bücher, auf die ich mich konzentriert habe, gehören in diese Kategorie, sie stehen in Bezug zueinander und sind alle innerhalb eines Jahres erschienen. Das erste, Ole Nymoens Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde, kam im Frühjahr 2025, danach folgte im Herbst Artur Weigandts Für euch würde ich kämpfen, und dieses Jahr erschienen im Mai Stephan Anpalagans Für den Frieden – Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung und schließlich im Juni Deutschland ist es wert – Warum ich geschworen habe für mein Land zu kämpfen vom ehemaligen Jugend- und heutigen Reserveoffizier der Bundeswehr David Matei. 

Dass diese Bücher Teil einer Debattenmaschinerie sind, zeigt sich auch daran, dass alle genannten Autoren bereits zu dem Thema in Talkshows oder auf Podien waren, meistens einer der drei Befürworter einer wehrhaften Haltung im mehr oder weniger hitzigen Austausch mit dem einzigen Gegner Nymoen. Daran offenbart sich auch eine grundsätzliche Eigenschaft dieser Art von Debattenbüchern: Ihre Autoren müssen sich positionieren. Sie schreiben aus einer Haltung heraus, die sie begründen und verteidigen. Das ist an sich in Debatten erst einmal nicht verwerflich. Es kann aber zum Problem werden, wenn die Frage auf ein kollektives Problem zielt, das auf individueller Ebene so komplex ist, dass eine klare Haltung erkennbar schwer zu erreichen und überzeugend zu argumentieren ist. Dann kann es fast unredlich scheinen, sie zu äußern. Das trifft aus unterschiedlichen Gründen und in unterschiedlichem Maße auf alle diese Bücher zu.

Ein Staat ohne Menschen 

Ole Nymoens ablehnende Haltung zur Verteidigung Deutschlands lässt sich aus einem Satz aus seinem Buch ableiten: „Staaten sind zuallererst einmal nichts weiter als Gewaltapparate.“ Darauf baut er letztlich seine gesamte Argumentation auf, deren Kern darin besteht, dass Krieg – egal aus welchen Gründen – stets eine Auseinandersetzung zwischen Staaten mit Interessen ist. Diese Interessen sind für die Menschen, die in diesen Staaten leben, meistens erst einmal irrelevant, weil sie nicht deckungsgleich mit ihren eigenen sind. 

Durchaus überzeugend legt Nymoen dar, dass es kaum einen ethischen Ausweg aus dem Dilemma gibt, dass in Kriegen stets Menschen aufeinandergehetzt werden, die außerhalb einer staatlichen Machtlogik wahrscheinlich keinerlei Grund hätten, gegeneinander zu kämpfen. Im Kern sagt Nymoen auch im Buch dasselbe, was er stets in Talkshows wiederholt: Ein russischer Soldat und ein deutscher Soldat haben wahrscheinlich wesentlich mehr gemeinsame Interessen als gegensätzliche. Oder mit Marx und Engels: „Die Arbeiter haben kein Vaterland.“

So sehr ich Nymoen in seiner Grundhaltung zustimmen würde, muss er Dinge aussparen oder ignorieren, um seinen Punkt zu machen. In Nymoens Fall ist das der Faktor Mensch. Seine Argumentation funktioniert nur, wenn man Staaten als Gebilde ohne Menschen sieht. Auf einer theoretischen Ebene kommt man damit recht weit und gerade aus einer linken Perspektive, die das Individuum gegen die Machtinteressen von Staat und Wirtschaft verteidigt, ist diese Sichtweise berechtigt. Sie stößt jedoch an ihre Grenzen, wenn es um einen Angriffskrieg auf das Staatsgebiet geht, in dem eben auch Menschen leben. Denn dieser Angriff gilt im Zweifel nicht einfach dem theoretischen Gebilde Staat als Machtapparat, sondern auch den Menschen, die dort leben. Nymoen muss hier eine klare Trennlinie ziehen, weil sonst seine Argumentation auseinanderfallen würde. So kommt er auch zu der steilen These, dass Menschen unter Besatzung im Zweifel wahrscheinlich besser dran wären, als wenn sie sich und ihr Land verteidigen würden. Man muss nicht lange suchen, um Berichte von Menschen zu finden, die anders als Nymoen unter Besatzung gelebt haben und sich entschieden gegen diese Sichtweise wehren würden. 

Des Weiteren muss er das Deutschland der Gegenwart als Staat darstellen, dessen Staatsräson nicht darin besteht, dass „ein gutes Leben für alle“ möglich ist, um daraus ableiten zu können, dass er diesem Land nichts schuldet. Man kann vieles, was er dabei ausführt, teilen. Er macht jedoch seine eigene, gute Argumentation unredlich, indem er sich teilweise in polemische Maximalaussagen versteigt, wie dass die Proklamation einer „feministischen Außenpolitik“, wie sie Annalena Baerbock ausgerufen hat, zu keinem anderen Ergebnis führen würde als die Losung „Jeder Schuss, ein Russ“. Bei aller berechtigten Kritik an der deutschen Außenpolitik unter Baerbock ist das reine Polemik.

Das Debattenbuch als Rampe

Es war zu erwarten und wahrscheinlich auch intendiert, dass dieses Buch viel Widerspruch auslösen würde. Schon allein deswegen, weil das Buch auf einem Essay bei ZEITOnline basiert, der bereits viel negative Resonanz erzeugt hatte. Und auch wenn Nymoen durchaus einige im positiven Sinne gewagte und inspirierende Gedanken formuliert, fragt man sich, ob es nicht gereicht hätte, es bei dem Essay zu belassen. Das Buch fügt dem Text nicht viel Neues hinzu, die zentrale Aussage bleibt dieselbe.

Die gleiche Frage stellt man sich auch bei Artur Weigandts Buch, der einige Monate nach Nymoen ebenfalls seine Gedanken in einem Beitrag für das Onlineportal der Wochenzeitung ausgeführt hatte, bevor er sie noch einmal auf zweihundert Seiten ausweitete. Es ist ein zentrales Problem vieler Gegenwartsdebatten, dass ihre Protagonist*innen einen handfesten Grund brauchen, damit sie öffentlichkeitswirksam in Talkshows Teil der Diskussion werden dürfen. Dieser Grund ist meistens ein Buch, das letzten Endes nur als Rampe für das Podium dient. Gelesen werden viele dieser Bücher – so hat man den Eindruck – eher selten.

Der Mensch im Mittelpunkt 

Anders ist vor allem die Existenz von Artur Weigandts Buch nicht zu erklären. Dabei ist seine Grundhaltung durchaus nachvollziehbar. Weigandt – in Kasachstan geboren und Sohn eines russlanddeutschen Vaters und einer Mutter mit ukrainischen und belarussischen Wurzeln – war in den ersten Jahren nach der russischen Vollinvasion eine Zeit lang als Dolmetscher bei der ukrainischen Truppenausbildung in Deutschland tätig. Außerdem reiste er in den vergangenen Jahren mehrfach in das angegriffene Land. Durch die Herkunft seiner Familie und durch die privaten Kontakte zu ukrainischen Soldaten und Zivilist*innen nimmt er eine wesentlich persönlichere Perspektive als Nymoen ein. Für ihn geht es letztlich immer um den Menschen, der in Gefahr ist und bedroht wird. Entsprechend kann man deswegen auch den Titel seines Buches darauf beziehen: Für euch würde ich kämpfen.

Dahinter steht allerdings auch eine Tendenz zur Verherrlichung von Männern, die tun, was getan werden muss. Von Anfang an macht Weigandt einen Gegensatz auf zwischen seinem gegenwärtigen Ich und dem Menschen, der er früher war. Er sei vom Idealisten zum Realisten geworden. Seine erklärten Gegenspieler sind nun linke Naivlinge, die lieber über Genderfragen und Awareness diskutieren, als das zu tun, was getan werden muss, um die Freiheit zu verteidigen. Das geht bei ihm so weit, dass er Zwangsrekrutierungen befürwortet und denjenigen, die sich dem Kampf entziehen, vorwirft, sich zu „drücken“. Sein Respekt, so gewinnt man den Eindruck, gebührt vor allem denen, die den Kampf annehmen oder sich schon jetzt bei der Verteidigung der Ukraine engagieren.

Das Buch trieft von den ersten Seiten an vor Pathos. „Schweigen war keine Option“, erfahren wir in einem der ersten Abschnitte und bereits auf der zweiten Seite fragt man sich, ob Weigandt nicht zu viel Jünger oder Hemingway gelesen hat:

Eines Nachmittags, nach einer Übung, saßen die Soldaten und ich am Rand des Geländes, die Panzer vor uns rauchten noch, als wären sie lebendig. Der Himmel war bleigrau, und der Wind trug den Geruch von verbranntem Metall und Öl über das Gelände. Wir saßen im Kreis, schweigend, ausgelaugt, jeder in seine Gedanken vertieft. Es war einer dieser Momente, in denen die Worte fehlten – nicht nur mir, sondern uns allen.

Auf den folgenden zweihundert Seiten staubt, stahlt, metallt, raucht und ölt es sehr viel. Überhaupt durchzieht das Buch eine bemerkenswert lebhafte Beschreibung von Kriegsschauplätzen, die zwar dazu dienen sollen, die Härte und Unerbittlichkeit dieser Orte und der Menschen dort zu zeigen, die jedoch gleichzeitig in einer Tradition der Kriegsdarstellung stehen, die immer auch eine zweifelhafte Ästhetisierung mit sich bringt.

Verkitschung des Krieges

Das ist jedoch nicht einmal das größte Ärgernis dieses Buches. Viel schlimmer ist, dass beinahe alle Menschen, die der Autor offenbar getroffen hat, zu Abziehbildern einer Haltung heruntergeschrieben werden. Da sind die ukrainischen Soldaten im Übungslager, die zwischen zwei Zigarettenzügen Sentenzen entwickeln, auf die Joan Didion stolz gewesen wäre: „Am Ende sind es die Geschichten, die uns ausmachen […] Wer wird erzählen, was hier passiert ist? Wer wird dafür sorgen, dass wir nicht einfach vergessen werden, wenn dieser Wahnsinn vorbei ist?“. Ein verletzter Soldat im Lazarett fragt verschüchtert „Wir gehören doch zu Europa, oder?“ und ein deutscher Rentner, der in der Ukraine verletzte Soldaten unterstützt, murmelt „mehr zu sich selbst als“ zum anwesenden Autor „Nie wieder – das bedeutet, nie wieder tatenlos zusehen.“ 

Bei so vielen perfekten Zitaten in den perfekten Situationen, die kaum nachprüfbar sind, wird man inzwischen schnell misstrauisch. Dazu trägt auch bei, dass das Buch zahlreiche Stellen aufweist, die dieselben syntaktischen und sprachlichen Eigenheiten aufweisen wie Texte, die mit Hilfe eines eines LLMs, eines KI-Sprachmodells wie ChatGPT, verfasst wurden:

Wehrhaftigkeit nicht als martialischer Reflex, sondern als stille Entschlossenheit. Als Fähigkeit, sich vom Elend nicht abzuwenden, sondern ihm etwas entgegenzusetzen: Nähe, Hilfe, Würde. Es ist eine Form von Mut, die nicht laut ist, sondern zäh. Nicht ideologisch, sondern menschlich.

Man stößt im gesamten Buch und in manchen Kapiteln auf fast jeder Seite mehrfach auf diese Art von Formulierungen. Die mehrfachen nicht-sondern-Konstruktion und die Dreierreihungen lassen den Text, der ein sehr konkretes Thema behandelt, zudem extrem unklar und willkürlich erscheinen. Geradezu absurd wird diese Praxis bei der Erläuterung, was Wehrhaftigkeit bedeutet. Irgendwann, weiß man als Leser*in nicht mehr, was der Autor einem eigentlich sagen will.

Wehrhaftigkeit bedeutet, bereit und in der Lage zu sein, sich zu verteidigen – nicht aus Aggression, sondern aus Verantwortung.

Vielleicht war es ein stummer Akt der Wehrhaftigkeit. Nicht der martialischen, nicht der lauten. Sondern der stillen, inneren: sich nicht gehen lassen. Sich nicht auflösen im Schmerz.

Wehrhaftigkeit beginnt nicht mit dem Gewehr – sondern mit der Entscheidung, sich nicht aufzugeben.

Wehrhaftigkeit nicht als martialischer Reflex, sondern als stille Entschlossenheit.

Wehrhaftigkeit beginnt vielleicht nicht mit Waffen. Vielleicht beginnt sie mit dem Entschluss, nicht verrückt zu werden.

Manchmal ist Wehrhaftigkeit kein Kampfruf, sondern ein stilles: Ich geh trotzdem.

Daneben weist der Text eine auffällig große Menge an Vergleichen, sprachlichen Bilder und Umschreibungen auf. Eine Aussage ist etwa „Kein Slogan. Kein Pathos. Es klingt wie eine Notiz, die man sich ins Innere ritzt, damit man sie nicht vergisst.“ Es gibt Sätze, „die nichts versprechen, aber alles bedeuten“ und Lachen, „das alles weiß und nichts sagt.“ Dazu kommen mindestens zwei Stellen im Text, die mit kleineren Wortumstellungen mehr oder weniger identisch sind. 

Mehrfach finden sich außerdem offensichtliche Fehler und Ungenauigkeiten. Da ist auf einer Seite eine Kalaschnikow einmal „nicht unhandlich“ und dann wieder „unhandlich“. Einmal werden Männer, die sich der Rekrutierung entziehen, kritisiert, dann jedoch ist wiederum “manche Desertion” doch “kein Verrat”. An einer anderen Stelle erklärt der Autor er habe endlich etwas verstanden, was er zuvor nur begriffen habe. Einige Seiten hat er endlich etwas begriffen. Als er ein befreundetes Paar in dessen Wohnung besucht, setzt sich die Frau zu den beiden Männern an den Tisch und bestellt auf einmal einen Tee.

Der Text ist auf eine Weise durchsetzt mit Fehlern, Ungenauigkeiten, Wiederholungen, unklaren Formulierungen und kitschigen Vergleichen und Bildern, dass er beinahe unlesbar wird. Gerade bei einer solchen Fülle an offensichtlichen Mängeln, die durch ein sorgfältiges Lektorat behoben werden könnten, muss man auch dem Verlag die Frage stellen, ob hier nicht zu schnell ein Buch für eine Debatte erscheinen musste.

Das alles ist ärgerlich. Gerade, weil man dem Autor vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen glauben möchte, dass er das Thema ernst nimmt. Man kann sich ohne Zweifel vorstellen, dass der persönliche Hintergrund und die Erlebnisse große Fragen aufwerfen und schwierige Denkprozesse nach sich ziehen. Aber man kommt als Leser nicht umhin, festzustellen, dass hier ein Buch unter enormem Zeitdruck und ohne die Sorgfalt entstanden ist, die so ein sensibles und komplexes Thema erfordert.

Aus demokratischer Pflicht

Man könnte meinen, das Buch von Weigandt sei der Antipode zu Nymoens Text. Das stimmt allerdings nicht ganz. Obwohl Weigandt und Nymoen mit ihrer jeweils lautstark vertretenen Haltung wie Gegensätze erscheinen, operieren sie auf grundsätzlich verschiedenen Argumentationsfeldern. Nymoen ist vorrangig auf macht- und staatstheoretische Aspekte fokussiert, während für Weigandt stets der Mensch als Individuum im Chaos des Krieges im Zentrum steht. Sie kommen sich sogar stellenweise in ihrer Argumentation nahe, da auch Weigandt anerkennt, dass er nur desalb bis jetzt nicht kämpfen muss, weil er keinen ukrainischen Pass hat. Er zieht daraus jedoch gänzlich andere Schlüsse als Nymoen. Stattdessen können eher die Bücher von Anpalagan und Matei als Gegenentwürfe zu Nymoens Thesen herhalten. Gleichzeitig sind auch Anpalagan und Matei aus teilweise unterschiedlichen Gründen wie Weigandt persönlich betroffen.

Der Publizist und Theologe Stephan Anpalagan wurde in den 1980er Jahren als Kind einer tamilischen Familie in Sri Lanka geboren und floh mit nicht einmal einem Jahr mit seinen Eltern nach Deutschland. Als Geflüchteter aus einem militärischen Konflikt, der noch bis 2009 anhielt, und als Angehöriger einer verfolgten Bevölkerungsgruppe hat auch Anpalagan einen sehr persönlichen Zugang zur Frage der Verteidigung im Angriffsfall.

Bei David Matei hingegen resultiert der persönliche Ansatz einmal aus der Fluchtgeschichte seines rumänischen Vaters und einmal aus seiner eigenen Verpflichtung als Reserveoffizier. Auch wenn es sich bei den beiden Büchern von Anpalagan und Matei um sehr unterschiedliche Texte handelt – was nicht zuletzt daran liegt, dass Anpalagan erfahrener Autor ist und Matei sein Buch mithilfe eines Co-Autors geschrieben hat – argumentieren beide aus einer ähnlichen Haltung heraus. Für beide steht neben dem Einsatz für Mitmenschen die Verteidigung einer Idee im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung im Mittelpunkt. Außerdem spielt ihr christlicher Glaube eine nicht zu unterschätzende Rolle und beide haben einen deutlich klareren Bezug zur deutschen Bundeswehr als Nymoen und Weigandt. 

Ernsthaft mit blinden Flecken

Anpalagan nimmt seinen Widerruf der Kriegsdienstverweigerung als Anlass, das Buch zu schreiben, und Matei hat als ehemaliger Jugendoffizier der Bundeswehr einen klaren Auftrag im Hintergrund. Dadurch sind beide Autoren wesentlich ernsthafter und konkreter in ihrer Herangehensweise als Nymoen und Weigandt. Dennoch weisen auch ihre Perspektiven blinde Flecken auf, die in gewisser Weise notwendig sind, um ihre Argumentation durchzuhalten.

Anpalagan legt prinzipiell überzeugend dar, wie er über seine eigene Familiengeschichte und durch Verantwortungsgefühl als Bürger eines demokratischen Staates in der aktuellen Weltlage zu dem Punkt gekommen sei, seine Kriegsdienstverweigerung zurückzuziehen. Dabei irritiert, dass er als Grund für seine ursprüngliche Verweigerung im Jahr 2005 unter anderem nennt, dass die damalige konservative Regierung immer noch einen „festen Blick“ auf „Asiaten, Tamilen und Hindus“ hatte. Er habe sich schwer getan, auf Geheiß dieser Regierung, das Land mit der Waffe zu verteidigen. Aktuell stellt sich jedoch die Frage, ob die jetzige konservative Regierung – Stichwort „Stadtbild“ und „Paschas“ – nicht immer noch denselben festen Blick auf Menschen hat, die aus Kriegsgebieten außerhalb von Europa nach Deutschland geflohen sind.

Ebenso irritiert die am Ende deutliche Verteidigung des Afghanistaneinsatzes der Bundeswehr und die daraus gezogenen Schlüsse. Auch wenn Anpalagan durchaus explizit die Schattenseiten dieses Einsatzes benennt und sogar feststellt: „Es macht etwas mit mir, dass die Menschen, die in großer Zahl so aussehen wie ich, getötet werden“, wirft er am Ende Margot Käßmann vor, naiv gewesen zu sein, als sie 2010 behauptete „Nichts ist gut in Afghanistan“ und feststellte: „Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen.“ 

Irritierende Verteidigung der Bundeswehr

Man kann die geäußerte Haltung von Käßmann zum Umgang mit dem Krieg in der Ukraine durchaus kontrovers finden. Ihre Aussage, sie “werde den Ukrainern nicht sagen, was sie zu tun und zu lassen haben”, gefolgt von einer Ablehnung von Waffenlieferungen, die “Krisen und Kriege ständig verlänger[n] und verschlimmer[n]” würden, ist diskutabel. Trotzdem, Anpalagans Vergleich mit Afghanistan hinkt allein aus dem Grund, weil spätestens seit dem Abzug der deutschen und anderer Truppen von dort, sicher nichts mehr gut ist in Afghanistan und man die berechtigte Frage stellen kann, ob es nicht tatsächlich mehr Fantasie und andere Formen gebraucht hätte, um dort langfristig Frieden zu schaffen. Der Afghanistaneinsatz taugt kaum als Folie für eine Argumentation im Angesicht einer russischen Bedrohung.

Genauso zweifelhaft ist die Aussage „Wir können doch im Angesicht von Krieg und Völkermord nicht dabei zusehen, wie wehrlose Menschen getötet werden. Wie genau sollen die sich verteidigen?“, wenn im gesamten Buch nicht einmal die aktuelle Lage in Gaza oder die Menschen im Sudan vorkommen. Angesichts dieser Kriege mit ihren brutalen Angriffen auf die Zivilbevölkerung kann man hier nur stutzig werden.

Am Ende stellt sich bei Anpalagan vor allem die Frage, warum er nicht dafür argumentiert, die Ukraine schon jetzt mit Soldat*innen zu unterstützen. Das wäre die logische Konsequenz, gerade auch aus dem Bezug, den er zu Joschka Fischers Begründung für den Bundeswehreinsatz 1999 im Kosovo herstellt. Der damalige deutsche Außenminister rechtfertigte den Einsatz mit den Worten: “Ein ganzes Volk zum Kriegsziel zu nehmen, zu vertreiben durch Terror, durch Unterdrückung, durch Vergewaltigung, durch Ermordung und gleichzeitig die Nachbarstaaten zu destabilisieren, dies bezeichne ich als eine verbrecherische Politik.” Das ist mehr oder weniger genau das, was Putins Russland gerade tut.

Der idealtypische Staatsbürger in Uniform

Auch Matei rechtfertig den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr als sinnvoll. Als Reserveoffizier der Bundeswehr hat er den direktesten Blick auf das, was es heißt, Soldat zu sein. Auch wenn er keinen Kampfeinsatz erlebt hat, hat er eine Nähe zur kämpfenden Truppe, die die anderen drei Autoren in unterschiedlichem Maße nicht aufweisen können. Deswegen ergibt es durchaus Sinn, dass Matei aus der Haltung des idealtypischen Staatsbürgers in Uniform argumentiert. Der Anlass seines Buches ist jedoch eine Diskussion, die er mit Ole Nymoen in der Talkshow hart aber fair geführt hat. Nachdem er Nymoens Buch gelesen hatte, sei ihm klar geworden, dass es bei Nymoen überhaupt nicht um die Bundeswehr gehe, sondern um Deutschland. Und da Nymoen dieses Land „angegriffen“ habe, habe er, Matei, entschieden, seinen „Freund Deutschland“ zu verteidigen – schließlich habe er das geschworen. Diese Hinführung holpert, macht aber immerhin deutlich, dass auch dieses Buch am Ende vor allem Teil einer Debattenmaschinerie ist.

Es gibt einige Stellen, bei denen man in Mateis Buch die Stirn runzelt, beispielsweise als er vorgibt, als Kind „null Berührungspunkte“ mit der Bundeswehr gehabt zu haben, um zwei Zeilen später zu bekunden, er habe mit acht Jahren eine vollständige Flecktarnausrüstung samt Flecktarnchucks besessen. Ebenso fragwürdig erscheint die Aussage, es sei erst einmal egal, aus welchen Gründen sich junge Menschen für den Bund entscheiden, er selbst habe nach dem Geld geschielt. Man würde sich wünschen, dass eine Gesellschaft bessere Möglichkeiten für junge Menschen entwickelt, an Geld zu kommen, als das Soldatentum.

Prinzipiell kann man aber auch Mateis Haltung nachvollziehen. Insgesamt merkt man dem Buch allerdings deutlich an, dass Matei einerseits keinen neutralen Blick auf die Bundeswehr einnehmen kann und andererseits als Jugendoffizier darin geschult ist, öffentlich korrekt und gleichzeitig zugänglich über diese Themen zu sprechen.

Holprige Argumente

Auch wenn Matei immer wieder auf eine private Ebene geht, insbesondere am Ende, und seine Familie und seine Mitmenschen als zentralen Grund für sein Engagement darstellt, steht für ihn die Freiheit im Zentrum. Sie ist das, was über das ganze Buch hinweg, als verteidigenswert positioniert wird, denn – so seine Argumentation – auch wenn es in Deutschland einiges zu kritisieren gebe, lebten wir eben dennoch in einem Land, das uns so viele Freiheiten und gleichzeitig so viel Unterstützung bietet wie kaum ein anderes. Die Diskussion, inwieweit das stimmt oder nicht, ist müßig. Sowohl Matei als auch Nymoen haben auf die eine oder andere Weise recht. Viel interessanter ist jedoch, dass Matei als zentrales Erweckungserlebnis die Unfreiheit eines befreundeten ukrainischen Geflüchteten im Jahr 2015 beschreibt, der in Deutschland Kirchenasyl beantragen muss. Seine Frau und er dürfen das Grundstück der Kirche nicht verlassen, sonst laufen sie Gefahr, abgeschoben zu werden. Dass diese Unfreiheit auf die Politik der Bundesrepublik zurückgeht, die für Matei doch als Garant der Freiheit steht, wird nicht erwähnt. Ebenso wenig, dass die von Matei gelobte Reisefreiheit von eben jener Bundesrepublik derzeit mit Grenzkontrollen, die EU-Recht widersprechen, torpediert wird. Es sind eben diese blinden Flecken, die auch Mateis Argumentation an vielen Stellen unseriös erscheinen lassen.

Kein Raum für Unsicherheit

Es dürfte an dieser Stelle deutlich geworden sein, dass keines dieser Bücher wirklich überzeugend ist. Sie sind unterschiedlich gut, aus unterschiedlichen Perspektiven geschrieben und machen teilweise die gleichen und teilweise sehr weit auseinanderliegende Punkte. Was ihnen allen gemein ist, ist jedoch eine individuelle Haltung zu einer kollektiven Frage. Denn auch, wenn sie jeweils für sich beantworten, ob sie kämpfen würden, wird niemand von ihnen allein etwas verteidigen. Ihre Bücher lesen sich deswegen grundsätzlich als pars-pro-toto Äußerungen, die als gesellschaftliche Anregung verstanden werden müssen.

Auch wenn vor allem Weigandt, Anpalagan und Matei immer wieder auch eigene Zweifel thematisieren, steht am Ende ein klares Ja zur Verteidigung mit Waffengewalt. Man wünscht sich selbst und den Autoren, dass dieses Ja niemals auf die Probe gestellt wird. Dasselbe gilt für das Nein von Nymoen. 

Was in der Debatte größtenteils fehlt, ist zweierlei: Erstens fehlen Stimmen, die offen bekunden, es einfach nicht zu wissen und vom heimischen Schreibtisch aus nicht zu einer Entscheidung zu kommen, weil die Frage, ob man mit der Waffe in der Hand für etwas sterben würde, individuell so komplex ist, dass man zwar darüber diskutieren kann, aber von niemanden erwarten kann, eine klare Haltung zu entwickeln. Und zweitens fehlen die ausführlichen Stimmen von Frauen. Das Thema der militärischen Verteidigungsfähigkeit oder der Kriegstüchtigkeit – wie es auch wieder genannt wird – scheint auch heute noch vor allem eine Debatte zu sein, die von Männern geführt wird. Offenbar sind es weiterhin vor allem Männer, die sich entweder als zweifelnde, aber im Zweifel kämpfende Staatsbürger für die Freiheit oder eloquente Theoretiker inszenieren dürfen, die in Büchern ihre Sicht darlegen und das Thema auf großer Bühne besprechen.

Zwei wichtige Texte

Umso wichtiger erscheint es, auf Texte hinzuweisen, die in der ganzen Debatte häufig untergegangen sind, und die beide Leerstellen füllen und zeigen, dass es anders geht. Die Journalistin Özge İnan schrieb im März 2025 einen Essay – ebenfalls für ZEITOnline – unter dem Titel Ich habe keinen Krieg zu gewinnen. Ihr Text ist ein nachdenkliches Umkreisen der Vorstellung, was es hieße, wenn junge Männer aus Deutschland in den Krieg gezwungen würden. Dieser Text ist auf eine Weise ehrlich, die ich bei den Büchern der vier Autoren nicht erkannt habe.

Wenn ich mir die Männer, die mir nahestehen, in olivgrünen Uniformen vorstelle, ist es, als würde ich mir einen Albtraum ausmalen. Weil der Gedanke, einen von ihnen zu verlieren, meine Vorstellungskraft übersteigt, wandert mein Bewusstsein zu leichteren, unwichtigeren Fragen. Wie würde sich ihre Persönlichkeit ändern?

Die Fragen, die İnan aufwirft, sind eben deswegen so wichtig, weil sie sich von einer idealen Vorstellung des demokratischen Staatsbürgers, der jederzeit bereit ist, seiner Verantwortung als Bürger*in dieses Landes zu tun, ebenso entfernen, wie von der abgehobenen theoretischen Perspektive eines Ole Nymoen. Man kann diesen Umgang mit so einer ernsten Frage als naiv kritisieren, weil İnan gerade gegen Ende ihres Textes vor allem Wünsche und Hoffnung auf Frieden äußert, ich halte ihn jedoch gerade vor dem Hintergrund der Komplexität der Frage für ungemein wichtig.

Das Gleiche gilt für einen Beitrag der Autorin Marta Ahmedov, die ihren Text auf ZEITOnline überschreibt mit Ich will gar nicht wissen, ob ihr kämpfen würdet und letztlich alle Beteiligten an der Debatte kritisiert, inklusive İnan. Das Beeindruckende an ihrem Text ist, dass sie auf etwa fünfzehntausend Zeichen einen Spagat vollbringt, den keiner der vier Autoren auf jeweils um die zweihundert Seiten schafft: Sie zieht die Debatte zunächst von der individuellen Frage nach der eigenen Verteidigungsbereitschaft auf eine höhere Ebene und bezeichnet deswegen die ganze Debatte als ein Ausweichmanöver:

Für mich ist das eine intellektuelle Kapitulation vor der Gegenwart. Statt darüber zu sprechen, was jetzt wichtig wäre – Frieden in der Ukraine – diskutieren wir lieber über uns selbst in einem Kriegseinsatz, der gar nicht stattfindet und den es zu verhindern gilt.

Gleichzeitig spricht sie sich aber klar für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung auch im Angriffsfall aus, und ist dennoch ebenso klar dafür, dass die Ukraine in ihrem Kampf unterstützt wird.

Ich bin überzeugt, dass Angegriffene ein Recht auf Widerstand haben. Und dass es Kämpfe gibt, die es sich zu kämpfen lohnt. In der Ukraine sahen das viele Menschen in Bezug auf den russischen Überfall so und haben sich gerade zu Beginn des Krieges freiwillig der Verteidigung angeschlossen. Diesen Menschen Waffen zu verwehren, hieße, ihnen den Widerstand zu verwehren.

Für Ahmedov stellt sich gar nicht die Frage, wer kämpfen würde und aus welchen Gründen. Sie ist allein daran interessiert, wie man darauf hinarbeiten kann, erstens einen Frieden in der Ukraine herzustellen, der für die dortige Bevölkerung am besten ist, und zweitens nicht in eine reine Aufrüstungslogik verfällt, die alles andere außer Acht lässt. Deswegen plädiert sie für eine Übergewinnsteuer für Rüstungsunternehmen und kritisiert, dass Privatleute mit Aktien der Rüstungswirtschaft ihre Rente sichern.

Kollektive Antworten auf individuelle Fragen

Dass insbesondere der Text von Ahmedov, aber auch der von İnan, redlicher wirken als die Bücher ihrer Kollegen, liegt darin begründet, dass sie einen entscheidenden Fehler nicht begehen: Sie versuchen nicht, eine rein individuelle Frage, die man als friedliebender Mensch aus einer theoretischen Perspektive eigentlich immer mit ich glaube, ich würde … beantworten muss, auf einer kollektiven Ebene ethisch-moralisch durchzuargumentieren. Stattdessen ziehen sie die Frage, wie İnan, auf eine rein individuelle Ebene oder trennen das Individuelle vom Kollektiven, wie Ahmedov. 

Die vier Autoren hingegen versuchen trotz ihrer teilweisen persönlichen Betroffenheit, nicht zuletzt allgemeingültige Begründungen für oder gegen einen individuellen Einsatz von Waffengewalt bei der Verteidigung eines Landes und seiner Menschen zu finden. Das muss aber scheitern, weil sie individuelle Fragen, die auf existenzielle Weise praktischer Natur sind, rein theoretisch beantworten wollen. Es ist ungemein schwierig, vielleicht unmöglich, Waffengewalt in dem Ausmaß, das hier zur Debatte steht, auf einer kollektiven Ebene ethisch zu rechtfertigen. Deswegen müssen alle Autoren in unterschiedlichem Maße blinde Flecken in Kauf nehmen und in gewisser Weise unredlich argumentieren. Denn relevante Fragen bleiben dabei unbeantwortet: Wie würde man sich verhalten, wenn man – einmal zum Dienst verpflichtet – nicht nur zur Landesverteidigung herangezogen wird? Würde man unter einer AfD-Regierung ebenfalls das Land verteidigen? Wie geht man damit um, dass sich in den letzten Jahren gezeigt hat, dass insbesondere die Bundeswehr ein Anlaufpunkt für rechtes Gedankengut war und vermutlich ist? Was macht es mit Menschen, wenn sie an der Waffe ausgebildet werden? Kann man in einem Krieg, auch einem Verteidigungskrieg schuldlos bleiben? Das alles sind Fragen, die in diesen Büchern teilweise pflichtbewusst erwähnt, aber meistens nicht beantwortet oder höchstens angerissen werden. Am Ende muss daher die Frage gestellt werden, welchen gesellschaftlichen und öffentlichen Mehrwert es hat, wenn mehr als eine Handvoll Männer ihre individuelle Antwort auf komplexe Fragen ausführlich darlegen. 

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Foto von Mo Darasi auf Unsplash

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