von Alex Struwe
Vor 16 Jahren führte der Zeitgeist auf eine Insel. Der Veteran und US-Marshal Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) musste vor der Küste Neuenglands eine Psychatrie für Schwerverbrecher untersuchen, aus der eine Patientin verschwunden war. Auf Shutter Island (2010) gingen seltsame Dinge vor sich. Hinter der Fassade wurden womöglich Nazi-Experimente für den Kalten Krieg vorgenommen, niemandem war zu trauen. Martin Scorseses Horror-Thriller entfaltete aus der Gespensterjagd auf monströse Ärzte und eine Regierungsverschwörung ein Psychogramm von Paranoia und Schizophrenie. Diese düstere Vision des Realitäts- und Selbstverlusts passte wie die Faust aufs Auge der dämmernden 2010er Jahre: jenem Interregnum zwischen dem Trauma vom Ende des Endes der Geschichte, 9/11 und dem annähernden Kollaps der Weltwirtschaft in der Finanzkrise 2008 – sowie dem heraufziehenden Katastrophenkapitalismus unserer Gegenwart, von Pandemie, Krieg und Klimakrise.
Zum Signum dieser Zeit gehörte, dass die Wirklichkeit immer offensichtlicher zu kollabieren drohte. Folglich veränderte sich auch die kulturindustrielle Verdrängungsleistung. Katastrophen-, Horrorfilme und Dystopien kannte Hollywood selbstverständlich schon lange. Aber das Neue am durchsickernden Terror in der Kulturindustrie war ein Unbehagen gegenüber der bedrohlichen Instabilität der Gesellschaft, gegen das kein Happy End mehr half und keine Resthoffnung auf Vernunft und Aufklärung. Die Verschwörung und das Komplott waren auf Shutter Island am Ende zwar noch die Hirngespinste eines Traumatisierten, sie ließen sich vermeintlich wissenschaftlich aufklären. Aber der Film kultivierte bis zuletzt den ontologischen Taumel, ob der Protagonist der Auflösung glauben konnte oder sich nur in die Lügen des Bestehenden fügte. Vielleicht noch deutlicher brachte dies der Blockbuster Inception im selben Jahr auf den Punkt: Als sich am Ende der Kreisel strauchelnd dreht, den Dominick Cobb (wieder Leonardo DiCaprio) in seinen Traumexpeditionen benutzte, um sie von der Realität zu unterscheiden und nicht darin verloren zu gehen, bleiben die Zuschauenden im Unklaren, was denn nun Traum und was Wirklichkeit ist.
Der Realitätsverlust hatte in dieser großen gesellschaftlichen Verunsicherung noch das Potenzial zur Horrorvision. Mittlerweile aber leben wir offensichtlich in einer anderen Welt. Die enorme Popularisierung und Politisierung der Verschwörungsmythen im Zuge der Pandemie und unter Trump, die Konjunktur gefühlter Wahrheiten im „postfaktischen Zeitalter“ und die Bereitschaft, dem größten Quatsch bis in die politische Rebellionsfantasie zu folgen, haben eine enorme Anziehungskraft der Verblendung unter Beweis gestellt. Aufklärung und Rationalität haben dagegen schlechte Karten und werden selbst als Verblendung (Wake up, sheeple!) oder als Komplott liberaler Eliten zurückgewiesen. Der Hingabe an den Wahn steht dann kaum etwas im Weg. Die subtile Verarbeitung dieses Zeitgeists führte jüngst die Erfolgsserie Widow’s Bay vor.
Insel der Albträume
Auch Widow’s Bay führt auf eine Insel vor Neuengland und auch hier in ein Horrorszenario, allerdings gänzlich anders gelagert als in Shutter Island. Die Erfolgsserie auf Apple TV hat mit ihrem Genremix aus Komödie und Horror den Stil des „cozy-creepy“ Entertainments gewissermaßen perfektioniert. Genau darin liegt ihr eigentümliches Wesen, die existenzielle Bedrohung und den eigenen Untergang als einen entspannenden Genuss zu servieren. Wie funktioniert das?
Auf Widow’s Bay will der liberale Bürgermeister Tom Loftis (Matthew Rhys) das Schicksal der verschlafenen „Hinterwäldler“-Gemeinde wenden und Widow’s Bay in einen Touristenmagneten verwandeln. Ein Artikel mit einer Reiseempfehlung in der New York Times soll den Weg dazu ebnen. Die lokale Bevölkerung sieht dies skeptisch, nicht nur weil Loftis kein gebürtiger Insulaner ist, sondern weil ein uralter Fluch auf der Insel liegen soll. Gefährlicher Nebel, das Läuten der längst stillgelegten Kirchenglocke und seltsame Verwandlungen der Bewohner kündigen dessen erneutes Erwachen an. Aber trotz aller eindringlichen Warnungen des alteingesessenen Seemanns Wyck (Stephen Root) will Loftis von Flüchen und Geistern nichts wissen. Er ist gewissermaßen die Stimme liberaler Vernunft, unbeirrt verfolgt er seine Pläne zur „Entwicklung“ der Insel, die schließlich allen zugutekommen sollen.
Stück für Stück wird Loftis in die verfluchte Geschichte der Insel hineingezogen, von einem Zombie und einer Seehexe angegriffen, trifft die Wiederkehr eines Massenmörders aus den Legenden der Insel und muss sich schließlich eingestehen, dass etwas mit der Insel nicht stimmt. Aufgerieben zwischen dem lukrativen Tourismusgeschäft, der Verantwortung für drohendes Unheil und nicht zuletzt für seinen Sohn Evan (Kingston Rumi Southwick), ringt Loftis mit Realitätssinn und Wahnvorstellungen. Seine Frau (Evans Mutter) stammte aus Widow’s Bay und erblindete auf mysteriöse Art bei Evans Geburt. Und dieser hat die Insel noch nie verlassen, weil schon zu viele Insulaner vor ihm auf dem Festland verendeten. Hatte Loftis die Zeichen allzu lange ignoriert? Ist er selbst Teil des Fluchgeschehens?
Die Serie hält sich einige Zeit in dieser Schwebe auf, aber bald schon wird klar: Der Fluch ist echt. Während es also auf Shutter Island noch darum gegangen war, sich der eigenen Wahrheit angesichts des drohenden Wahnsinns der Welt zu versichern, haben sich auf Widow’s Bay die Vorzeichen verkehrt. Loftis Heldenreise besteht gewissermaßen darin, sich der Verschwörungsparanoia hinzugeben, den Fluch als Realität anzuerkennen, seine liberale Überheblichkeit abzuschütteln und die Demut gegenüber den Naturkräften anzunehmen. Denn immer weiter enthüllt die Geschichte, dass es sich um ein jahrhundertealtes Schrecknis der Insel selbst handelt, deren Verheerungen nur durch Menschenopfer besänftigt werden können. Während logischerweise das Ziel der neuen Allianz um Loftis, seine Sekretärin Patricia (Kate O’Flynn) und Wyck darin besteht, den Fluch aufzuheben, wird auch diese aufklärerische Überheblichkeit zunehmend ausgeräumt. Selbsterhalt gibt es schließlich nur um den Preis der Erfüllung des Fluchs.
Demut vor dem Mythos
Vieles an der Metaphorik von Widow’s Bay ist bemerkenswert. Inseln bieten in ihrer Abgeschlossenheit und der perfekten Balance aus Enge und Weite ohnehin eine hervorragende Grundlage für alle möglichen Erzählungen, vom Gesellschaftspanorama (Lost) bis zur Introspektion (Cast Away). Die hier von der gesellschaftlichen Entwicklung unberührte Insel ist zudem der zugespitzte Ausdruck der Entfremdung zwischen Stadt und Land, die so viele gegenwärtige politische Konflikte untergründig begleitet. Und wie in diesen, gewinnt auf Widow’s Bay das Provinzielle. Die Ermüdung der liberalen Wohlstandserwartung und Fortschrittshoffnung, für die das Festland noch Sehnsuchtsort war, findet dabei ihren Ausdruck im zusehends abgehalfterten Loftis und seinen immer dunkleren Augenringen. Während er seinem Sohn noch lange verspricht, dass sie endlich in Boston ein Footballspiel anschauen, wenn denn der Fluch endlich gebrochen sei, ist am Ende klar, dass der Horizont der Insel nicht mehr überwunden werden kann.
Der eigentliche Gegenstand der Serie ist jedoch die neue Ehrfurcht vor den mystischen Tiefen unserer vermeintlich oberflächlichen Realität. Hinter der scheinbar authentischen Inselidylle, die an die von der Zivilisation erschöpften Touristen verkauft werden soll, steckt das Regime eines grausamen Fluchs. Dieser ist aber nicht nur eine Schattenseite oder ein dunkles Geheimnis, mit dem die bürgerliche Fassade in der Kulturindustrie traditionell konfrontiert wird. Der Fluch bestimmt die Struktur des Lebens auf der Insel selbst, als dessen eigentliche Wahrheit. Dazu passt, dass die Rückblenden der Serie bis in die Zeit der Kolonisierung der USA zurückreichen. Die Kolonie auf Widow’s Bay wurde demnach vom Fluch heimgesucht, als Rache für die erste Anmaßung der Aufklärung, so wie es in der Gegenwart nun auch wieder passiert — eine Art ewiges Bewegungsgesetz des Rückfalls in den Mythos.
Mit dieser Grossdeutung wird Widow’s Bay zur Umkehrung der Dialektik der Aufklärung, dass die Wahrheit nicht mehr in der Aufklärung über den eigenen Anteil am Mythos zu haben ist, sondern dass Aufklärung selbst die Verblendung ist, die die vermeintliche Wahrheit der mythischen Urzustände verstellt. Dass dieser Mythos hier als rächende Naturkraft der Insel selbst auftritt, ist dem gegenwärtigen Stand des Unbehagens geschuldet. Das spontane bürgerliche Bewusstsein springt von der Verdrängung der Umweltzerstörung direkt zur Buße über. Die Menschen haben über ihre Verhältnisse gelebt, den Planeten geplündert und bekommen eine Art gerechte Strafe in den Verheerungen, die erst alle anderen treffen, bevor man selbst in der nächsten Hitzewelle kein Klimagerät mehr im Baumarkt bekommt.
Ein Merkmal dieser Übersprungsdemut ist die unmittelbare Aufkündigung der Fortschrittsideale und des Leitbilds einer aufgeklärten Vernunft, mit denen man sich der Entfremdung schuldig gemacht hat. Stellvertretend dafür wird Loftis nicht nur zum geläuterten Naturgläubigen und Quasi-Exorzisten, er findet dadurch auch aus der kalten Rationalität zu seiner Familie zurück. Diese ist schließlich, was sie immer war: eine Schicksalsgemeinschaft, die für ihren Zusammenhalt gegen eine feindliche Welt eben besonders große Opfer verlangt. Angesichts einer rächenden Natur und ihrer zerstörerischen Kräfte wirkt die Schicksalsgemeinschaft wie eine heile Welt. In Wirklichkeit ist sie aber auch der Ausdruck davon, jede Hoffnung auf ein anderes und besseres Leben fahren gelassen zu haben. Und darin besteht der eigentliche Horror dieser allegorischen Gegenwartsszenarien.
Foto von Garrett Patz auf Unsplash
