Die Macht der Schablonen – Verzerrte Wahrnehmungen sexualisierter Gewalt

von Jutta Reichelt

2018 erschien Bettina Wilperts Roman nichts, das uns passiert. Er erzählt die Geschichte einer Frau, die von ihrem Freund vergewaltigt wird und die – ebenso wie die Menschen in ihrem Umfeld – größte Schwierigkeiten hat, die Tat als das zu begreifen, was sie war. Weil das, was sie erlebt hat, nicht zu ihren Vorstellungen von einer Vergewaltigung passte.

Die Protagonistin in Bettina Wilperts Roman ist kein Einzelfall. Thordis Elva berichtet in ihrem Buch Ich will dir in Augen sehen ebenso davon wie die Filmemacherin Jennifer Fox in The Tale. Gerade, wenn sich das gewalttätige Geschehen innerhalb einer bestehenden Beziehung ereignet, fällt es den Opfern meist schwer, zu realisieren, was wirklich passiert ist. Die „falschen Vorstellungen“ sind in diesem Zusammenhang also keine Kleinigkeit am Rande, sie sind ein entscheidender Teil des Problems. Sie erschweren es Opfern, Hilfe und Unterstützung zu finden, und machen es den Tätern leichter, sich jeder Bestrafung und Konsequenz zu entziehen.

Bettina Wilperts Roman, der von dieser Macht falscher Vorstellungen erzählt, wurde (wie sie kürzlich auf Instagram berichtete) „im Feuilleton dafür gelobt, dass eine Grauzone verhandelt wird“. Aber es gibt im Text keine Grauzone, im Gegenteil: Der Text wendet sich ja gerade dagegen, eine Grauzone zu behaupten, wo es keine gibt. Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie groß die Macht der „falschen Vorstellungen“ oder Narrative ist, von denen wir umgeben sind und dass sie manchmal sogar dort, wo wir sie entlarven wollen, einen unerwarteten Sieg davontragen.

Und was, wenn wir die „falschen Vorstellungen“ ganz unmittelbar und direkt zum Thema machen, wenn wir sie „miterzählen“? Laura Leupi tut das in Das Alphabet der sexualisierten Gewalt auf vielfältige Weise, u.a. in dem Leupi die Leser*innen wiederholt anspricht und dabei ihre unterschwelligen Erwartungen oder Vermutungen in den Blick nimmt: „Wie stellen Sie sich mich vor, jetzt, da Sie wissen, dass ich vergewaltigt wurde?“

Auch ich habe in Mein Leben war nicht, wie es war versucht mitzuerzählen, wie sehr sich in meine eigene Geschichte gesellschaftlich weit verbreitete, falsche Vorstellungen eingeschrieben haben. Aber auch diese Form des expliziten „Miterzählens“ gesellschaftlicher Bedingungen verhindert nicht, dass mein Text bisweilen entgegen seiner Aussagen und Anliegen gelesen wurde. Obwohl ich z. B. dafür werbe, Opfer sexualisierter Gewalt nicht umstandslos auf dieses eine Merkmal zu reduzieren, wird der Text oft auf das „Missbrauchsthema“ reduziert oder dafür gelobt, dass er keine „Opfergeschichte“ sei – was schon fast ein bisschen lustig ist, weil das Buch kaum einem Thema so viel Aufmerksamkeit widmet, wie der versuchten Rehabilitierung von „Opfern“ und ihren Geschichten.

Auch in der gerade erschienenen Autobiografie von Gisèle Pelicot Eine Hymne an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln gibt es Aspekte, bei denen ich fürchte, dass sie überlesen oder ausgeblendet werden, damit die erzählte Geschichte in die bestehenden Vorstellungen passt. Das betrifft z. B. die Tatsache, dass Gisèle Pelicot bis kurz vor dem Prozess unter gar keinen Umständen eine öffentliche Verhandlung wollte. Sie war sich dessen so sicher, dass sie sich noch nicht einmal mit ihren Anwälten deswegen beriet.

„Und dann überlegte ich es mir plötzlich anders“, heißt es im Text. Die Anwälte hatten sie zuvor gebeten, die gesamte 400 Seiten umfassende Anklageschrift zu lesen. Nach dieser furchtbaren Lektüre verwandelte sich für Gisèle Pelicot die Vorstellung von der „Öffentlichkeit“ im Gerichtssaal: „Und ich fürchtete mich mehr und mehr vor der verschlossenen Tür des Gerichtssaals, die mir doch Schutz bieten sollte, vor den Augen der Öffentlichkeit, vor den Medien und den Kommentaren. Aber sie würde mich auch mit den Tätern allein lassen. Mich mit ihnen zusammen einschließen.“

Aus einem bedrohlichen, feindlichen Gegenüber wurde eines, das Schutz versprach. Allerdings musste sie, um in diesen Schutz der Öffentlichkeit zu gelangen, etwas ihr kaum Mögliches schaffen: Sie musste die Scham überwinden. Gisèle Pelicot beschreibt in ihrem Text eindrucksvoll, wie sehr sie sich zunächst geschämt hat, wie unerträglich die Gespräche und Befragungen für sie waren und dass sie den Kampf mit der übermächtigen Scham nicht aufgenommen hätte, wenn im Gerichtssaal „nur“ ein Mann auf der Anklagebank gesessen hätte – und nicht 50.

Aber es gab nur diese eine Möglichkeit, um mit diesem „Block“, dieser „Horde“ nicht alleine in einem Raum sein zu müssen: „Die Scham musste die Seite wechseln. Diese Parole, die seit gut einem Jahrzehnt skandiert wurde, um vergewaltigten und verprügelten Frauen Zuspruch zu spenden, kannte ich, nun kehrte sie wie ein Refrain zu mir zurück …“

Das entscheidende Detail an dieser Stelle ist für mich, dass dieser Satz, der weltweit auf so große Resonanz gestoßen ist, der so viele Frauen ermutigt und inspiriert hat, zunächst eine Selbstbeschwörung war. Gisèle Pelicot versuchte, sich selbst damit Mut zu machen – und nicht anderen. Dieses Detail unterläuft das Heldinnen-Bild einer Frau, die ihre eigenen Interessen heroisch zurückstellt, um der guten (feministischen) Sache willen. Dieses Detail schlägt einen Bogen von der Ikone, der Heiligen, von dem „guten Opfer“, zu dem die Medien Gisèle Pelicot gemacht haben, zu den anderen, den „normalen“ Opfern, die in der Öffentlichkeit in aller Regel keine Verbündeten finden, die nicht jeden Morgen mit Beifall begrüßt werden, denen nicht geglaubt wird.

„Daher sollte man sich vor der Quasi-Heiligsprechung von Gisèle Pelicot durch die Medien hüten. Indem man ihre Würde hervorhebt, erniedrigt man indirekt Frauen, die nicht dieselben Eigenschaften haben, nicht dasselbe Verhältnis zu dem, was ihnen widerfahren ist, oder die ganz einfach den Verstand verlieren, weil sie keine Beweise haben“, schreibt Manon Garcia in Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess über die von ihr bewunderte und respektierte Gisèle Pelicot.

Aus der Forschung wissen wir, dass Gewalttaten von Menschen schwerer zu verkraften sind als Naturkatastrophen, weil sie unser Vertrauen in die „Conditio humana“ zerstören. Auch deswegen verstehe ich den Wunsch, gerade angesichts eines solch monströsen Verbrechens, aus dem Opfer eine Heldin zu machen. Ein solches in jeder Hinsicht „gutes“ Opfer könnte uns womöglich den gerade verloren gegangenen Glauben an die Menschheit wieder zurückgeben. Aber auch das ist eine falsche, eine schädliche Vorstellung: Opfer müssen nichts, sie haben genug mit den Folgen des erlittenen Unrechts zu tun. Es erwächst keinerlei moralische Verpflichtung aus der Tatsache, dass jemand zum Opfer eines Unrechts wurde. Man muss danach kein besserer Mensch werden. Oder gar eine Heldin.

Während ich an diesem Text arbeite, erschüttern die Vorwürfe, die Collien Fernandez gegenüber Christian Ulmen erhoben hat, viele Menschen, vor allem viele Frauen. Und wenn ich es richtig sehe, dann hat auch das Ausmaß dieser Erschütterung, dann hat auch der Schock unter dem viele Menschen zu stehen scheinen, mit einer falschen Vorstellung zu tun: mit der Vorstellung von den „ganz normalen Männer“, die solche Verbrechen begehen. Ich habe den Verdacht, dass sich die meisten Menschen (mich eingeschlossen) unter den „ganz normalen Männern“, von denen wir gelesen haben, dass sie Gisèle Pelicot vergewaltigt hätten, nicht die ganz normalen Männer vorstellen würden, die WIR kennen. Es sind nicht unsere, es sind „andere“ ganz normale Männer: Wir stellen uns nicht unseren netten Kollegen, den freundlichen Briefträger oder Hausarzt vor. Nicht den neuen Freund unserer Schwester oder den hilfsbereiten Kassierer im Supermarkt, nicht die Sänger aus dem Chor, die Kumpels vom Volleyball oder den Freund aus Schultagen. An all diese Männer denken wir nicht. Ich glaube, wir stellen uns die Männer, die Gisèle Pelicot vergewaltigt haben, als nur „scheinbar normal“ vor. Sie haben zwar normale Hobbys, ein normales Aussehen, sie haben Familien und wohnen in ganz normalen Wohnungen oder Häusern; sie angeln oder spielen Fußball, sie engagieren sich gegen Rassismus – aber eigentlich, denken wir, tun sie das alles nur zur Tarnung, um uns an der Nase herum zu führen. Eigentlich sind sie kleine oder größere Monster.

Ich habe den Eindruck, dass der Schock, den gerade viele Personen empfinden, ein Schock der Erkenntnis ist: Wenn Christian Ulmen einer dieser „ganz normalen Männer“ sein kann, dann sind es offenbar WIRKLICH ganz normale Männer, dann sind es womöglich unsere ganz normalen Männer. Und wenn das so ist, dann müssen wir der Tatsache ins Auge sehen, dass wir es nicht mit „Einzelfällen“ oder „Einzeltätern“ zu tun haben, sondern mit einem strukturellen Problem. Dass Frauen und Mädchen in den tief liegenden Überzeugungen fast aller Männer und vieler Frauen nicht wirklich gleich viel wert sind, das habe auch ich lange nicht glauben wollen. Erst die Lektüre der Bücher King Kong Theorie von Virginie Despentes, Jede_ Frau. Über eine Gesellschaft, die sexualisierte Gewalt verharmlost und normalisiert von Agota Lavoyer und Gegen Frauenhass von Christina Clemm hat mich realisieren lassen, wie tief und selbstverständlich Frauenverachtung unsere Gesellschaft bis heute prägt und welche Konsequenzen das für unseren gesellschaftlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt hat.

Die Autorin Sarah Raich hat unter dem Titel Puppen ohne Leben kürzlich genau darüber geschrieben: „Fälle von extremer Gewalt gegen Frauen gibt es immer wieder. Und immer wieder gibt es öffentlich bekundete Erschütterungen über diese Fälle. Und es ändert sich nichts. Weil wir immer den Einzelfall sehen. Den Exzess. Und nicht das System, aus dem sie entstehen. Der Sauerstoff, den die bösen Blumen zum Blühen brauchen, bleibt unsichtbar.“

Eine große feministische Plattform wollte dem Text eine größere Reichweite verschaffen und ihn auf der eigenen Seite veröffentlichen. Alles war abgesprochen. Aber dann gab es einen Rückzug aus Sorge vor möglichen Klagen der erwähnten Prominenten und Online-Kampagnen rechter Akteure. „Das hat mir den Stecker gezogen“, schreibt Sarah Raich, „wir bekommen also in fast keinem Fall sexueller Gewalt – ob von Prominenten oder nicht – eine gerichtliche Aufarbeitung. Und mittlerweile können wir noch nicht einmal darüber schreiben?“

Es gibt im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt eine Fortschrittserzählung, der zufolge es seit Metoo viel einfacher, viel leichter geworden sei, über sexualisierte Gewalt zu schreiben. Der zufolge diese Geschichten endlich ihren Platz fänden und gehört würden. Und das ist auch hier und da der Fall – wie z. B. bei Gisèle Pelicot. Aber es sind Ausnahmen. Es bleibt eine enorme Abwehr, es bleiben Bagatellisierung und Täter-Opfer-Umkehr. Es bleiben Victim-Blaiming und die Macht der falschen Vorstellungen.

„und trotzdem“, schreibt die Rechtsanwältin und Autorin Asha Hedayati auf Bluesky, „jede stimme, die laut wird, jede sichtbarkeit, jede kritische analyse, jede demo zählt. sie erschüttert die verhältnisse, auch wenn es langsam geht. sie macht sichtbar, was verborgen bleibt. das allein ist schon ein hoffnungsvoller akt der veränderung“.

Deswegen ist es so wichtig, dass wir nicht aufhören, gegen die Mainstream-Geschichten anzuerzählen, dass wir auf Genauigkeit beharren und darauf, dass wir es nicht mit Einzelfällen zu tun haben.

 

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Foto von Sean

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