Jede Sekunde zählt – Die Serie „The Bear“ und die Überlebenslogik der Klimakrise

von Simon Sahner

Es ist eine Binsenweisheit des Erzählens, dass gute Geschichten immer von mehr handeln als dem, was nur auf der Oberfläche geschieht. Die besten Geschichten ziehen uns mit einem interessanten Thema, einer spannenden Handlung und komplexen Figuren in ihren Bann, bevor wir bemerken, dass wir eigentlich etwas ganz anderes aus all dem mitnehmen sollen. Besonders deutlich war das in der jüngeren Vergangenheit bei der Serie „Ted Lasso“. Es war über die bisher drei Staffeln irgendwann beinahe ein Running Gag, wie wenig es in der Geschichte über einen US-amerikanischen Fußballtrainer und seine englische Mannschaft eigentlich um den Sport an sich ging.

Vom Prinzip her gilt das auch für die Serie „The Bear“, die gerade mit der fünften Staffel zu Ende gegangen ist. Auch wenn das Kochen, anders als bei „Ted Lasso“ der Fußball, tatsächlich integraler Bestandteil der Inszenierung war, handelte die Serie vier Staffeln lang immer von wesentlich mehr als nur von der hochtourigen Welt des Fine-Dinings und davon, was es heißt, ein genialer Koch zu sein. Die ausgiebig gezeigte Zubereitung von Speisen und der aufreibende Arbeitsalltag der Küchencrew im Restaurant The Bear waren oft nur die atemberaubende Kulisse für die detaillierte Aushandlung zwischenmenschlicher Dramen. Dass man dazu eben noch einiges über das Kochen lernte, den Adrenalinrausch einer Restaurantküche erlebte und allein vom Zuschauen Lust auf all die fantastischen Gerichte bekam, war fast nur ein Nebenpodukt.

In der Küche gegen die Katastrophe

Mit der fünften Staffel hat „The Bear“ jetzt eine weitere Bedeutungsebene eingezogen, die über die meisterhafte Darstellung von Familienkonflikten, Freundschaften und Identitätssuche hinausgeht, und damit wenn man so will eine Parabel auf die Auseinandersetzung der Menschheit mit der Klimakatastrophe geschaffen.

Vielleicht hat sich diese Lesart für mich aufgedrängt, weil ich die letzte Staffel geschaut habe, während Europa die schlimmste Hitzewelle seit Menschengedenken erlebte. Vielleicht weil ich gerade an einem Buch schreibe, das sich mit der Frage beschäftigt, wie wir die Gegenwart und die Zukunft unter den Bedingungen der Polykrise ertragen sollen. Wie auch immer, ich glaube, in den letzten acht Folgen dieser Serie etwas entdeckt zu haben, das auf größere Fragen zielt und das weiter geht, als bis zur Auseinandersetzung mit den eigenen Traumata und den Menschen, die man um sich schart. Unbestritten ist jedenfalls: In der fünften Staffel kämpfen die Mitglieder der Küchen-Crew nicht mehr allein gegen Geldknappheit, die eigenen Dämonen der Vergangenheit und um den Michelin-Stern, sondern gegen die Elemente selbst.

Aber von vorne. Bereits in den ersten Szenen der neuen Staffel deutet sich diese Entwicklung an. Noch bevor irgendetwas auf dem schwarzen Bildschirm erscheint, hört man den Regen prasseln. Erst dann sieht man zunächst einen Löffel mit grünem Schaum und schließlich die Köchin Tina, die die ganze Nacht hindurch an einem Gericht gearbeitet hat. Was hier noch als subtile Symbolhaftigkeit durchgeht, wird in der zweiten Szene eindeutig: Die Kamera fliegt auf Chicago zu, umwogt von schwarzen Gewitterwolken und Regen, so düster, dass man meint, man sei auf die Fernbedienung gekommen und hätte aus Versehen zu einer Weltuntergangsfantasie à la Roland Emmerich umgeschaltet. Auch im Folgenden sind der sintflutartige Regen, die Dunkelheit und das als apokalyptischer Moloch inszenierte Chicago derart überzeichnet, dass man kaum anders kann, als sich zu fragen, was das alles bedeuten soll. Schließlich war „The Bear“ zwar immer bekannt für ästhetische Parforce-Ritts, aber stets im Realismus verhaftet.

Das sinkende Schiff

Die fünfte Staffel bricht in gewisser Weise mit diesem Prinzip. Auch wenn nichts Übernatürliches geschieht, hat man den Eindruck, dass hier etwas am Werk ist, das größer ist als die üblichen Dramen des Restaurantbetriebs. Die inszenatorischen Mittel erinnern dabei an apokalyptische Katastrophenfilme, in denen jedes Problem bis zum Äußersten dramatisiert wird. Es gibt nicht einfach einen Wasserschaden im Keller des Restaurants, nein, im ganzen Gebäude knarzen die Leitungen bedrohlich, bevor sich ein Schwall an brauner Brühe aus den Rohren ergießt. Die Szenen, in denen das Küchenteam feststellt, dass sie nicht mehr genügend Lebensmittel haben, um alle Gäste zu versorgen, könnten auch in postapokalyptischen Thrillern vorkommen, in denen im nächsten Moment zum Kannibalismus übergegangen wird. Und es reicht nicht, dass etwas kaputt geht, eine Figur bricht schließlich durch das Dach und landet in der Küche. Irgendwann steht sogar im Raum, dass das ganze Gebäude auf einem Erdfall stehen könnte. Die neue Chefin Sydney sagt es einmal wörtlich: „Alles bricht zusammen.“  

Natürlich kann man auch andere Lesarten für diese Symbolik finden – die des sinkenden Schiffs zum Beispiel. Auf der obersten Ebene geht es immer noch darum, wie die Familie Berzatto mit ihren ganzen Cousins und  Freundinnen und Freunden den drohenden Untergang ihres Lebenswerks überstehen muss. Das Team des Restaurants, das zu Beginn der letzten Staffel kurz vor der Schließung steht, befindet sich also sprichwörtlich auf einem sinkenden Schiff. Und nicht umsonst wirken die Momente, in denen die Rohre bersten und die beiden Fak-Brüder verzweifelt durch das knietiefe Wasser stapfen, auch wie Szenen aus dem Maschinenraum der Titanic. 

Man kommt allerdings nicht umhin, darin auch eine größere Erzählung darüber zu erkennen, was es bedeutet, im Angesicht einer Katastrophe durchzuhalten. Und die größte Katastrophe, mit der wir als Menschheit konfrontiert sind, ist nun einmal die Klimakrise mit allem, was aus ihr resultieren könnte. Und die Herausforderungen, mit denen Carmen, Sydney, Richie, Natalie und all die anderen zu kämpfen haben, sind reibungslos metaphorisch auf die Herausforderungen der Klimakatastrophe übertragbar: Extremwetter, Überflutungen, Energie- und Ressourcenknappheit – bis hin zu akuter Lebensmittelrationierung – Interessenkonflikte, kapitalistische Zwänge und der Umgang mit begrenztem Raum. Der einzige Unterschied ist, dass im The Bear niemand sterben wird, wenn das alles schiefgeht. Wobei man sich da manchmal auch nicht sicher sein kann.  

Neue Ebene, neue Hierarchien

Bemerkenswert ist außerdem, dass die Macher der Serie diese Bedeutungsebene in dem Moment der Handlung eingezogen haben, in dem sich die Figurenhierarchie grundlegend verändert. In der letzten Staffel hat nicht mehr der weiße Mann das Sagen in der Küche, sondern die Schwarze Frau. Nicht zuletzt, weil er es vermasselt hat. Durch den Wechsel von Carmen zu Sydney, der sich in den ersten Folgen etabliert, wird „The Bear“ auch von einer Warnung zum Lehrstück.

Das tut der Serie gut. Denn wie viele Erzählungen von männlichen Figuren, die an ihrer Leidenschaft zugrunde gehen, sich für die Genialität kaputt machen und dabei ihr Umfeld mit in den Abgrund reißen, konnte es sich auch „The Bear“ nicht verkneifen, seine Hauptfigur gleichzeitig auch zu einem kompliziert reizvollen Adonis in blauer Kochschürze zu stilisieren. Am Ende war Carmy mit seinen lässigen Tattoos, den Zigaretten und dem chaotischen Genie-Look eben doch mehr Vorbild als Warnung. Mit dem Fokuswechsel von Carmen zu Sydney wird dieser kleine Makel korrigiert. Carmen ist in der letzten Staffel nicht mehr der Fixpunkt der Erzählung, er wirkt auch nicht mehr reizvoll komplex, sondern überfordert und unsicher.

Im The Bear herrscht in der fünften Staffel ein anderer Umgang. Als Sydney ihre Rolle als Chefin des Teams gefunden hat, führt sie neue Regeln ein: Es wird nicht mehr geschrien und niemand schimpft oder flucht mehr, stattdessen gelten Respekt und Solidarität sowie gegenseitige Unterstützung. Als Sydney trotzdem überfordert und allein im Hinterhof ihren Frust herausschreit und sich deswegen schuldig fühlt, erklärt Carmy ihr den entscheidenden Unterschied: Sie schreit allein draußen, er hätte das Team angeschrien. Die Serie ist unzweifelhaft in ihrer Aussage: Wir werden das hier nur überstehen, wenn wir anders miteinander umgehen.

Können wir weitermachen?

Dieser Shift vollzieht sich jedoch nicht nur auf zwischenmenschlicher Ebene, sondern auch im Umgang mit Ressourcen. Die fünfte Staffel von “The Bear” ist von der Frage geprägt, wie man mit äußerst knappen Mitteln und trotz völliger räumlicher Überlastung alle versorgt. Noch in der letzten Ecke wird Platz gemacht und das Essen wird wortwörtlich rationiert. Mehrfach muss Sydney das Menü reduzieren, weil es sonst nicht reicht. Die Lösung im Kontext der Restaurant-Geschichte ist offensichtlich: Entscheidend ist am Ende aus dem, was da ist, das Beste für alle zu machen. Deswegen ist Richie auch nicht in der Lage Gäste abzuweisen, obwohl er damit seine Kolleg*innen in Schwierigkeiten bringt. Entscheidend sind für ihn nie Gewinne und Verluste, sondern die Menschen, die einen Abend im The Bear verbringen wollen. 

Auch wenn er ständig die Losung „Maximierung!“ ausgibt, meint dieser Schlachtruf deswegen nicht, immer mehr zu erreichen, sondern überhaupt weiterzumachen, ohne jemanden zurücklassen zu müssen. Im Zentrum steht nie die Gewinnmaximierung, sondern immer nur die Erhaltung dessen, was bereits da ist. Deswegen wird die – in der inneren Erzähllogik der Handlung entscheidende – Auszeichnung mit zwei Sternen am Ende auch fast am Rande wegerzählt. Die Serie gönnt uns nicht den Moment, in dem die ganze Crew von ihrem Sterne-Erfolg erfährt und sich unter Tränen in die Arme fällt. Die Sterne sind letztlich nur Mittel zum Zweck, um weitermachen zu können. Das galt bereits für die vorangegangenen Staffeln. Die Frage ist stets: Können wir weitermachen? Es ging im Kern nie darum, dass das Restaurant Profit abwirft, sondern darum, dass es bleibt. Carmys Onkel Jimmy, der finanziell am meisten riskiert hat, sagt es mehrfach: Restaurants sind nie profitabel, sie sind ein katastrophales Business. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Auch wenn die Rettung ganz zum Schluss darin besteht, Franchises aufzubauen, geht es in erster Linie darum, nicht unterzugehen. Jimmy will nicht reicher werden, er will einfach nicht bankrott gehen. 


“The Bear” und der dunkle Sozialismus

Sieht man all das vor dem Hintergrund einer Weltlage, in der sich die Krisen häufen und die zentrale Gefahr durch die Klimakrise alle anderen Konflikte begünstigt und anfeuert, steckt darin eine Lösungserzählung, die an aktuelle Überlegungen zum Umgang mit diesen Herausforderungen anschließt. Grundsätzlich ist man sich in den Kreisen der Gesellschaft, in der die Klimakatastrophe nicht geleugnet und auch nicht als übertriebene Angstfantasie abgetan wird, einig, dass die Menschheit so schnell wie möglich ihren Umgang mit Ressourcen und ihre Wachstumsorientierung überdenken und ändern muss. Davon zeugt beispielsweise die Degrowth-Bewegung, die allerdings inzwischen auch schon wieder als unzureichend in der Kritik steht. 

Wie nahe am Zeitgeist sich “The Bear” befindet, wird klar, wenn man sich vor Augen führt, dass die Katastrophe in der Serie längst da ist. Es geht nicht mehr darum, sie zu verhindern, sondern nur noch darum, so gut wie möglich durchzuhalten. Mit Blick auf die Entwicklung des Klimakrisendiskurses erinnert das an die Einsicht, dass die Veränderung des Weltklimas längst zu weit fortgeschritten ist, um sie zumindest in den nächsten Jahrzehnten nennenswert zu begrenzen. Jetzt geht es vor allem darum, es nicht noch schlimmer zu machen und durchzuhalten. Dieser Shift ist beispielhaft an zwei Büchern des japanischen Marx-Experten Kohei Saito zu beobachten. In “Systemsturz”, das im japanischen Original vor sechs Jahren erschien, argumentierte er noch für einen Degrowth-Kommunismus. Vor wenigen Wochen erschien das Nachfolgewerk „Am Ende des Fortschritts – Überleben in den Ruinen des Kapitalismus“ auf deutsch. Darin entwirft Saito zunächst ein düsteres Zukunftsszenario, bevor er als Lösung einen „dunklen Sozialismus“ vorschlägt. Was zugegeben wie eine äußerst düstere Vision klingt, ist in Wahrheit ein Weg, um mit einer Katastrophe so gut wie möglich umzugehen. 

Dabei geht es darum, mit den Mitteln einer demokratischen Planwirtschaft die schwindenden Ressourcen so einzusetzen, dass ein lebenswertes Leben für alle möglich ist. Dazu ist es notwendig, die Wirtschaft als erstes an menschlichen und gesellschaftlichen Bedürfnissen statt an Gewinnmaximierung zu orientieren. Die radikale Idee dahinter ist eine völlig neue Bewertung von dem, was wir als Erfolg, Glück und ein gutes Leben ansehen. Das alles kann nur auf Grundlage eines solidarischen, rücksichtsvollen und demokratischen Handelns umgesetzt werden. Letztlich führt das Team in „The Bear“ genau dieses Prinzip ein, um das Restaurant am Leben zu erhalten. Die hoffnungsvolle Note, die hinter Saitos Konzept eines dunklen Sozialismus steckt und die auch in der Serie deutlich wird, liegt im Umgang der Menschen miteinander. Am Ende sind sich alle einig, dass sie den Abend nur überstehen werden, wenn sie alle zusammenarbeiten, aufeinander achten und die eigenen Befindlichkeiten hintenanstellen.

Natürlich ist „The Bear“ auch in seiner letzten Staffel immer noch in erster Linie eine hervorragende inszenierte Erzählung über eine Gruppe von Menschen, die alle mit ihren eigenen Traumata und Sorgen zu kämpfen haben und gleichzeitig einem gemeinsamen Traum hinterherjagen, weil sie hoffen, damit auch ihre persönlichen Kämpfe mit sich und dem Leben hinter sich zu lassen. Trotzdem ist die Symbolik nicht von der Hand zu weisen und am Ende ist es ja auch egal, ob die Macher der Serie die hier angebotene Lesart im Sinn hatten. Die besten Erzählungen wachsen in ihrer Deutung über sich selbst hinaus und nehmen Stimmungen ihrer Zeit auf, ohne sie konkret zu machen. Sie tragen etwas in sich, das aus dem Umfeld erwächst, in dem sie entstanden sind.

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Foto von Say S.

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