Weltliteratur im Tandem – Das Berliner Projekt ‚Weiter Schreiben‘

von Gerrit Wustmann

I.

Es war 2016, als Bahram Moradi, wie er erzählt, beschloss, keine weiteren Versuche zu unternehmen, seine Texte in einem deutschen Verlag unterzubringen. Auch in Iran, von wo er 1988 nach Deutschland geflüchtet war, wollte er nichts mehr publizieren. Zwar waren, neben Veröffentlichungen auf Persisch in Exilverlagen, zwei von Moradis Erzählbänden in Iran erschienen. Aber trotz anderweitiger Zusage des dortigen Verlags wurden die Bücher zensiert. Publikationsfreiheit gibt es im Land nicht. Jeder Text muss vor Erscheinen von den Kulturbehörden genehmigt werden. Manchen Werken wird die Veröffentlichung verweigert, andere werden gekürzt. Selbst bereits erschienene Bücher können im Nachhinein noch verboten und die gesamte Druckauflage beschlagnahmt werden. „Daraufhin habe ich beschlossen, nichts mehr in Iran zu veröffentlichen, solange dort zensiert wird. Obwohl die Bücher dort Preise gewonnen haben, ausgezeichnet wurden“, erzählt Moradi heute.

In Deutschland gibt es zwar keine Zensur. Aber für hierzulande wenig bekannte Autor*innen ist es unglaublich schwierig, einen Verlag zu finden. Egal, wie gut die Texte sind. Eine Sammlung mit Erzählungen hat Moradi auf eigene Kosten ins Deutsche übersetzen lassen und sie Verlagen angeboten. „Mit den Absagen könnte ich meine Wohnung tapezieren“. Er habe stets die knappe Standardreaktion erhalten, das Buch passe nicht ins Programm. Auch ein vom renommierten Übersetzer Kurt Scharf übertragener Auszug aus Moradis Roman „Der Vigilant“ änderte daran nichts. In Deutschland gehe alles nur mit Kontakten, sagt Moradi. „Eine Literaturagentur sagte mir sogar, ich könne hier keinen Erfolg haben, weil meine Texte zu politisch seien. Da sagte ich mir: Gut, dann lasse ich es.“

Zehn Jahre später muss man feststellen: Gut, dass er es nicht gelassen hat. Beziehungsweise: Dass ein guter Freund ihn wiederholt gedrängt hatte, es weiter zu versuchen. Denn Ende 2025 erschien im Wallstein Verlag sein Roman „Das Gewicht der anderen“ in Übersetzung von Sarah Rauchfuß. „Ein Roman“, sagt Michael Krüger über das Buch, „der zeigt, wie schnell Gesellschaften verrohen, wenn ein totalitäres Regime an die Macht kommt, wie schnell Gewalt zum Normalzustand wird – und was die Gewalt mit denen macht, die ihr ausgesetzt sind.“

In den 1980er Jahren, unmittelbar nach der Islamischen Revolution und im Zuge des Kriegs gegen den Irak, führte das Khomeini-Regime im ganzen Land brutale Säuberungsaktionen durch. Völlig willkürlich wurden echte oder vermeintliche Regimegegner inhaftiert, gefoltert, Zehntausende wurden ermordet, Hunderttausende flüchteten, meist nach Europa oder in die USA. Peyman Bamshad, der Protagonist von „Das Gewicht der anderen“, ist gerade dreizehn Jahre alt, als er sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet. Aufgrund einer Verwechslung gerät er in die Mühlen der Rache-Justiz und verbringt fast seine gesamte Jugend in Haft. An einer Aufklärung der Verwechslung ist weder der Richter noch die Polizei noch die Gefängnisverwaltung interessiert.

Bahram Moradis Roman ist ein komplex und ambitioniert aufgebautes Werk, sprachlich auf höchstem Niveau, das nicht nur stilistisch und formal überzeugt, sondern dem auch das Kunststück gelingt, weit über sich hinauszuweisen und dabei die Gewalt totalitärer Regime mit einem so intelligenten wie hintersinnigen Humor zu entlarven. Ohne ihre Gewalt sind repressive Regime ein Nichts, ein Gefäß ohne Inhalt, egal ob sie religiös oder militärisch oder völkisch oder anders konstituiert sind. „Das Gewicht der anderen“ ist Weltliteratur, eines dieser Bücher, die auf jede ernstzunehmende Bestenliste gehören, die jeden Literaturpreis zu Recht erhalten. Was übrigens auch für Sarah Rauchfuß‘ Übersetzung gilt, denn ein sprachlich-stilistisch derart anspruchsvolles Buch mit so sicherer Hand in eine andere Sprache zu transferieren ist mehr als bloßes Handwerk. Die deutsche Übersetzung ist ein eigenständiges Kunstwerk. Dass Moradi und Rauchfuß für den Internationalen Literaturpreis 2026 nominiert sind, ist nur folgerichtig.

II.

Aber wie kam es, dass es am Ende doch noch geklappt hat mit der Publikation? Moradi bewarb sich Ende 2023 auf eine Ausschreibung des Berliner Projektes „Weiter Schreiben“ – und gewann. Weiter Schreiben ist aus dem 2015 gegründeten Verein ‚Wir machen das‘ auf Initiative der Schriftstellerin Annika Reich hervorgegangen. Der von einhundert Frauen gegründete Verein wollte vor allem die Flüchtenden aus Syrien bei ihrer Ankunft in Deutschland unterstützen, und Reich war klar, dass sich unter ihnen auch viele Autor*innen befanden. Sie kennt die enormen Schwierigkeiten, im Literaturgeschäft Fuß zu fassen, Texte zu publizieren, Aufmerksamkeit und ein Publikum zu generieren.

„Bevor wir ein Projekt aufgesetzt haben, war uns wichtig, mit den Autor*innen zu sprechen und herauszufinden, was sie überhaupt brauchen“, erzählt sie heute. „Denn anfangs hatten wir falsche Ideen. Zum Beispiel dachte ich an eine Website in allen möglichen Sprachen mit Kontakten zu Agenturen, Verlagen, Festivals, Zeitschriften. Aber alle sagten: Das klappt nicht, wir wissen ja gar nicht, wer dahinter steht. Die Vertrauensfrage war vom ersten Tag an zentral. Im Rückblick verstehe ich das. Dass Menschen, die fliehen mussten, die alle im Widerstand waren, die zum Teil im Gefängnis waren und gefoltert wurden, nicht einer dahergelaufenen deutschen Autorin vertrauen, wurde mir schnell klar. Der einzige Weg, auf dem es funktionieren konnte, war das persönliche Kennenlernen.“

Daraus entstand das Tandem-Konzept: Autor*innen aus Syrien, Iran, Afghanistan und anderen Ländern werden mit hiesigen etablierten Autor*innen vernetzt. Man tauscht sich aus, nähert sich an, bestreitet gemeinsame Lesungen, arbeitet gemeinsam an Texten. Und das nicht nur punktuell, sondern langfristig.

Annika Reich habe ihn mit Gabriele von Arnim zusammengebracht, erinnert sich Bahram Moradi. „Daraus ist eine gute Freundschaft entstanden. Einige der Tandems schreiben gemeinsame Texte, andere tauschen sich in Form von Briefen aus, die dokumentiert werden.“ Diese zahlreichen Briefwechsel über Länder- und Sprachgrenzen hinweg sind online dokumentiert und geben vielfältige Einblicke in die Lebensrealitäten sehr unterschiedlicher Autor*innen, in ihre Geschichten und die ihrer jeweiligen Länder, berichten aber auch vom oft nicht gerade einfachen Ankommen in Europa, in Deutschland. Ende Mai erscheint bei Ullstein der von Annika Reich und Mirjam Wittig herausgegebene Band „Wenn ich deine Worte lese, finde ich den Weg zurück nach Hause“, der einen Überblick über inzwischen neun Jahre Briefwechsel bietet.

Von der Idee bis zum eigentlichen Projektstart dauerte es knapp zwei Jahre. Weiter Schreiben, sagt Reich, habe ihr Leben komplett umgekrempelt. Vorher habe sie recht introvertiert gelebt, ihre Bücher geschrieben, an der Uni gearbeitet. „Wenn ich gewusst hätte, was das bedeutet, hätte ich es wahrscheinlich nicht gemacht. Aber das würde ich heute bereuen“, sagt sie. Auf die Frage, ob es einen bestimmten Moment, einen besonderen Erfolg gegeben habe, an dem es geklickt hat und sie ganz genau wusste, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen hat, antwortet sie: „Solche Momente habe ich jeden Tag.“ An der Sinnhaftigkeit des Projektes habe sie noch nie gezweifelt. „Ich hab manchmal vor Erschöpfung nicht mehr weitergewusst oder war angesichts der politischen Situation verzweifelt, aber ich habe jeden Tag mit den Autor*innen und ihren Texten zu tun, und ich mache so viele Begegnungen und Erfahrungen, dass ich mir die Frage nie stellen muss, und so geht es auch vielen anderen, die bei Weiter Schreiben arbeiten.“

III

Angefangen habe alles in ihrer Küche: „Wir haben Gelder beantragt, eine Website gebaut, ein Netzwerk aus Übersetzer*innen und Lektor*innen, Kurator*innen aufgebaut, haben uns mit Menschen aus den jeweiligen Communities vernetzt, die wussten, wer ins Land kam, deren Werke kannten, deren Sprache sprachen, uns Autor*innen empfehlen konnten. Das machen wir bis heute.“ Und die Ergebnisse können sich sehen lassen. „Ich dachte, wenn in drei Jahren ein Buch erscheint, das wäre ein Erfolg. Inzwischen sind es 32. Dieses Jahr erscheinen vier und es gibt schon Buchverträge für nächstes Jahr. Sieben Magazine sind erschienen, 180 Texte online. Im Juni startet eine Reihe bei Sukultur, den ersten Band haben Atefe Asadi und Daniela Dröscher geschrieben. Das alles ist aus dem Tandemformat entstanden.“

Als die iranische Autorin Atefe Asadi, Jahrgang 1994, im Jahr 2021 nach Deutschland kam, kannte sie niemanden, war zuerst ganz auf sich gestellt. „Obwohl ich als Schriftstellerin nach Deutschland gekommen war, fühlte ich mich wirklich wie ein hilfloses Neugeborenes, das in eine fremde Sprache und eine völlig unbekannte Welt hineingeworfen wurde. Ich hatte das Gefühl, alles verloren zu haben, was meinem Schreiben früher Sinn und Kraft gegeben hatte: meine persische Sprache, meine Inspirationen und sogar meine Leserinnen und Leser“, erinnert sie sich. Damals habe sie sich gar nicht vorstellen können, je in der deutschen Literaturlandschaft anzukommen. Bis auch sie auf Instagram die Ausschreibung von „Weiter Schreiben“ sah und sich bewarb, mit persischen Texten.

Seither sei Weiter Schreiben für sie „wie eine Familie“ geworden, das Projekt sei „das Beste, was mir in Deutschland passiert ist. In den kalten Tagen des Exils war es wie eine kleine Flamme, die weiter brannte. In einer Zeit, in der ich wirklich nicht wusste, was ich mit meinem Leben und meinem Schreiben anfangen sollte, hat mich dieses Projekt daran erinnert, warum ich den Iran verlassen hatte: dass diese Entscheidung nicht falsch war und dass ich hier bin, um weiter zu erzählen.“ Es habe ihr ein Gefühl von Zugehörigkeit gegeben und im Laufe der Zeit haben sich enge Freundschaften entwickelt. Insbesondere zu ihrer Tandempartnerin Daniela Dröscher: „Ich finde es sehr wichtig, dass Autorinnen und Autoren, die miteinander arbeiten, eine solche Verbindung aufbauen können. Denn dadurch wird ein Schreibprojekt zu etwas, das über einen rein mechanischen Prozess hinausgeht. Dann entstehen Freundschaft, Zugehörigkeit, das Aufbrechen der Kälte des Exils und eine Form von Wärme. Ich glaube, genau das gehört auch zu den Zielen von Weiter Schreiben.“

Bei Sukultur erscheint 2026 ein Band, den Asadi und Dröscher gemeinsam geschrieben haben. Das Grundkonzept hat „Weiter Schreiben“ vorgegeben: Beide Autorinnen sollten in einen literarischen Dialog zu einem festgelegten Thema treten und dazu abwechselnd jeweils fünf Sätze beziehungsweise Zeilen schreiben, die aufeinander Bezug nehmen. „Schreiben bei Nacht“ heißt das Buch. „Als wir anfingen zu schreiben“, sagt Asadi, „begannen wir nach und nach, die Regeln zu brechen. Uns wurde klar, dass die Nacht viel zu weit und vielschichtig ist, um sie in fünf Zeilen zu erzählen.“ Ausgehend von diesem minimalistischen Rahmen haben die beiden eine eigene Erzählform gefunden. Aktuell arbeitet Atefe Asadi gemeinsam mit der Übersetzerin Sarah Rauchfuß an ihrem ersten Roman, außerdem ist ein zweisprachiger Lyrikband in Vorbereitung. „Der Übersetzungsprozess ist für mich bisher zugleich sehr bereichernd und herausfordernd. Zu sehen, wie sich ein Text von einer Sprache in eine andere bewegt und dabei gleichzeitig versucht wird, seine Seele und seine eigene Welt zu bewahren, ist für mich eine sehr spannende Erfahrung“.

Besonders wichtig ist Annika Reich, wie „ausdifferenziert, unterschiedlich und wie breit das Spektrum der Gegenwartsliteratur im arabisch- und persischsprachigen Raum ist. Es gibt da unglaubliche Talente und Geschichten zu entdecken, von denen wir sowohl politisch als auch persönlich viel zu wenig wissen. Wir haben es da mit zwei der größten und ältesten Literaturtraditionen der Welt zu tun, von denen hier praktisch niemand irgendwas aus der Gegenwartsliteratur kennt.“ Der oft gebrachte Einwand, kaum jemand in Deutschland interessiere sich für diese Literatur, stimme gar nicht, ergänzt Annika Reich, im Gegenteil. Sie verweist auf regelmäßig sehr gut besuchte Veranstaltungen und die ebenfalls sehr positive Resonanz von Verlagen, Agenturen und Publikum, sowie ein reges Interesse der Medien. Nicht zuletzt wurde „Weiter Schreiben“ 2022 mit dem Hermann Kesten-Förderpreis ausgezeichnet, das Projekt ‚Untold – Weiter Schreiben Afghanistan‘, bei dem Autorinnen im Mittelpunkt stehen, die noch in Afghanistan leben und dort unter schwierigsten Bedingungen arbeiten, erhielt 2023 den Deutschen Kulturförderpreis.

Dass das aber keineswegs die Regel ist, weiß sie. Sie kennt ebenso die Schwierigkeiten gerade kleiner Verlage, Titel am Markt zu platzieren, und wie hart Autor*innen oft darum kämpfen müssen, gehört und gesehen zu werden. Das Tandemprojekt sieht sie dabei als Türöffner: Die hierzulande oft kaum bekannten Autor*innen aus beispielsweise Syrien, aber auch aus der Ukraine oder Belarus, treten gemeinsam mit ihren Tandem-Partner*innen auf, die bereits ihr Publikum haben, dadurch wird wiederum Vertrauen bei den Leser*innen hergestellt, die sich sonst vielleicht nicht an ihnen völlig Unbekannte heranwagen würden. Dabei ist es Annika Reich wichtig, zu betonen, dass „Weiter Schreiben“ ein Literaturprojekt ist, kein Hilfsprojekt: „Wir vergeben keine Stipendien. Die Autor*innen werden für Texte und Auftritte bezahlt, genau wie ihre deutschen Kolleg*innen.“

IV.

Einmal stand das Projekt bereits auf der Kippe. Natürlich ist solch ein Unterfangen auf Fördermittel angewiesen, anders lässt sich die Vereinsarbeit mit zwölf Mitarbeiter*innen und die Arbeit zahlreicher freiberuflicher Unterstützer*innen kaum finanzieren. Ende 2023 wurden fast sämtliche öffentlichen Gelder gestrichen. Annika Reich und ihre Kolleg*innen mussten innerhalb kürzester Zeit Ersatz finden, sonst wäre „Weiter Schreiben“ 2024 am Ende gewesen, erinnert sie sich: „Das war ein unglaublicher Kraftakt. Wir haben alles Mögliche probiert, um den Verein von öffentlichen Mitteln unabhängig zu machen, was echt schwer war und bis heute schwer ist. Zum Glück haben wir die Crespo Foundation gefunden, die unser Hauptförderer ist. Jetzt gibt es eine neue Förderung von der S. Fischer Stiftung und der C.H. Beck-Stiftung. Das sind kleine Förderer. Und dazu kommt Unterstützung von ganz vielen privaten Schultern. Viel Arbeit entfällt darauf, Vertrauen aufzubauen und zu pflegen.“

Viele kürzere Texte wie Gedichte und Kurzgeschichten werden zuerst online auf der Website von „Weiter Schreiben“ veröffentlicht und dann auch via Social Media verbreitet. So begann es auch für Bahram Moradi, der auf diesem Weg mit der Übersetzerin Sarah Rauchfuß in Kontakt kam. „Sarah Rauchfuß hat mich mit ihrem Sprachgefühl sofort überzeugt“, erzählt er. 

Mit dem Ergebnis, der deutschen Ausgabe seines Romans „Das Gewicht der anderen“, ist Bahram Moradi sehr glücklich, was bei früheren Übersetzungen seiner Texte nicht immer so gewesen sei, wie er anmerkt. Ein Glück, das Annika Reich teilt: „Es freut mich dann natürlich, wenn ein Buch von Lina Atfah für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, wenn ein Buch von Bahram Moradi erscheint, das sind große Autor*innen, die hier endlich entdeckt werden können“, sagt sie. Und Bahram Moradi bezeichnet Weiter Schreiben als „einzigartiges Projekt“.

Hat euch dieser Text gefallen? Dann unterstützt unsere Arbeit einmalig oder regelmäßig!

Foto von Yannick Pulver auf Unsplash

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner