von Kuku Schrapnell
Vor ein paar Monaten ging ich zu meiner Tätowiererin, eine wunderschöne trans Frau, die mir die schlimmsten Schmerzen zufügen kann, während ich sie nur begeistert anstarre und mich fühle als wäre ich eine Teenagerin in einem lesbischen Coming-Of-Age-Film: Ganz konzentriert um nicht zu stottern. Als ich den Laden das erste Mal betrat, nahm sie mich zur Seite und fragte: „Are you sure, Babe? Do you really know what you are doing?“. Ich nickte ganz begeistert und ein paar Stunden später stand in großen schwarzen Buchstaben das Wort „Brick“ auf meinem Bauch. Das ist wahrscheinlich für die meisten Menschen ein bisschen albern oder einfach bedeutungslos. Für mich und meine Tätowiererin hat es aber ein immenses Gewicht.
Um zu verstehen, was Bricks überhaupt sind, müssen wir uns in die 70er Jahre nach New York begeben, wo die moderne Ballroom-Szene entstand. Spätestens nach der Serie Pose ist das Wissen um diese Geschichte kein Geheimwissen mehr, sondern bis weit ins linksliberale Spektrum bekannt. Die Schwarze, queere Ballroom-Kultur bringt nicht nur eigene Tanz-, Mode- und Musikstile hervor, sondern auch eine Reihe an neuen Begriffen.
Diese tröpfeln erst in einen queeren weißen und mittelständischen Sprachgebrauch und ziehen in immer größeren konzentrischen Kreisen weiter, bis sie es 2025 sogar auf Shirts schaffen. „Protect The Dolls“ ist der Slogan, von Conner Ives auf ein einfaches weißes T-Shirt gedruckt, der zum scheinbaren Schlachtruf gegen die neue autoritäre Wende unter Trump und die weiter erstarkende Transfeindlichkeit wird. „Dolls“ meint in seiner ursprünglichen Bedeutung wunderschöne trans Frauen, denen man ihr Transsein gar nicht ansieht. Es ist ein ironisches Spiel mit der zugeschriebenen Künstlichkeit und gleichzeitig ein Sieg über all die anderen, die niemals so wundervoll, so perfekt, so weiblich sein können.
Das Gegenstück zur Doll heißt Brick – Ziegel. Hart, kantig, fest, im schlimmsten Fall auch noch mit Stoppeln. Brick zu sein, ist der Alptraum. Brick zu sein, heißt, niemals eine richtige Frau zu sein. Bricks werden komisch angeschaut. In der Umkleide, in der U-Bahn, zuhause, vor dem Spiegel. Das kurze Wörtchen Brick ist so treffend, so schmerzhaft, dass es nur aus der eigenen Community kommen kann.
Bricks sind das Schreckgespenst, dass über der Transmisogynie wabert. Es wird beschrieben in der Emma, wenn vor Männern gewarnt wird, die sich im Frauensport Vorteile erschleichen wollen. Es geistert als KI-Slop durchs Internet, wenn Videos erstellt werden, in denen angebliche Väter und Ehemänner in heroischer Pose schützend vor der Tür der Frauentoilette stehen, wo sie einer trans Frau den Einlass verwehren, um – ganz der Alpha – ihre Familie zu verteidigen.
Die Angst vor Bricks wird etwas subtiler aber auch von Links bespielt, wenn beispielsweise die Töchter des Radikalfeminismus jetzt gegen performative males oder feministische Männer polemisieren. Nicht dass darin nicht auch ein wahrer Kern stecken kann, statt aber Kritik an konkreten Handlungen zu üben, wird am Ende doch nur immer und immer wieder das Bild des Mackers mit Nagellack bemüht. Der Nagellack-Mann ist längst zum Meme geraten. Was als Kritik am oberflächlichen Feminismus mancher cis Männer begann, ist längst ein einfacher Kniff geworden, um jede Form scheiternder Transweiblichkeiten und scheinbar vergeblichen Versuchen des nicht Mitmachens beim Spiel der zwei Geschlechter lächerlich zu machen. Männlichkeit wird zum moralischen Urteil und auch Bricks sind vor dieser Zuschreibung nicht sicher. Denn das ist der Punkt: Bricks können der zugewiesenen Männlichkeit nicht entkommen, die Weiblichkeit nur als trauriges Kostüm tragen, das niemanden je täuschen wird.
Immer wieder gibt es die These, dass Geschlecht ein Buch sei. Das ist natürlich albern. Und so bringt es auch niemanden weiter, wenn plötzlich von männlich oder weiblich gelesenen Menschen gesprochen wird. Die Idee dahinter ist, dass die Art und Weise, wie wir in dieser Gesellschaft wahrgenommen werden, am Ende über die Frage entscheidet, welches Geschlecht wir in ihr einnehmen können.
Das ist gerade für den klassischen Radikalfeminismus wichtig, wenn er sich mit uns Transen beschäftigt. Shulamith Firestone, die den Begriff des Radikalfeminismus das erste Mal benutzt und maßgebend geprägt hat, betrachtet in The Dialectic of Sex. The Case for Feminist Revolution von (1970) das Geschlechterverhältnis analog zur Marx’schen Klassenanalyse. Es gibt eine herrschende Klasse – die Männer – und es gibt eine unterdrückte Klasse – die Frauen. Wenn es jedoch um das geschlechtliche Lumpenproletariat geht, also alles, was nicht so einfach in dieser binären Ordnung aufgehen will, wird es leider schwierig.
Das Lumpenproletariat ist laut dem kommunistischem Manifest die „passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft“, ein Zusammenschluss, der von Dieb*innen, Betrüger*innen über Prostituierte bis hin zu Literat*innen reicht. Also alles, was zwar arm und unterdrückt ist, sich aber nicht so richtig fassen lässt, ja sich sogar der Moral entzieht.
Man kann aber auch versuchen, diesen Rest irgendwie doch noch in diese Logik von revolutionärem Subjekt auf der einen und Unterdrücker auf der anderen Seite, im großen Kampf von Gut gegen Böse, Licht gegen Dunkelheit, einer der beiden Seiten zuzuschlagen. Und das macht man eben gerne mit Lesen.
Es reicht ein einfacher schneller Blick – von Lesen zu sprechen, ist eigentlich schon eine Übertreibung –, um jemanden einzuordnen. Die binäre Geschlechterordnung kennt keine Gnade, keine Gefühle, keine Ambiguitäten. Bloß ein paar schnell erkennbare Merkmale und schon bist du ein Mann im Rock. Peinlich.
Eine nettere Form des Radikalfeminismus geistert schon länger durch den Diskurs. Dort, wo man sich anscheinend damit abgefunden hat, dass es doch mehr als Frauen und Männer gibt, hat man einfach aus dem langweiligen und altmodischen Frauen, das neue und viel inkludierendere FLINTA gemacht. Allerdings kenne ich wenige cis Frauen, die mal an der Tür gefragt wurden, ob sie wirklich wissen, was sie da gerade für einen Raum betreten wollen, wenn ein FLINTA-Abend anstand. Meine trans und inter friends und ich kennen diese Frage jedoch zu genüge und ich persönlich meide mittlerweile fast alles, was sich mit diesem schrecklichen Akronym überschreibt.
Das entscheidende am Bricksein ist eben nicht nur das äußere Erscheinungsbild, sondern das Verhältnis von innerem Gefühl zu äußerer Wahrnehmung. Dabei ist gar nicht weiter relevant, woher dieses innere Geschlechtserleben kommt. Wir können die Frage, warum es trans Menschen gibt, getrost ignorieren und essentialistische und biologistische Argumente, die von einem Trans-Gehirn oder einem Trans-Gen fantasieren, einfach rechts liegen lassen. Trotzdem bleibt der Wunsch nach Weiblichkeit, nach einem Frau-Sein, die Grundlage, auf der Bricks scheitern.
Dieses Scheitern und der damit verbundene Schmerz lassen sich nicht einfach lesen. Wer davon ausgeht, dass das Patriarchat oder irgendeine andere gesellschaftliche Struktur nur äußerlich und schematisch abläuft, eben keine denkenden und fühlenden Menschen braucht, lebt vielleicht in einer einfacheren Welt, aber dafür in einer, die wenig mit der Realität zu tun hat.
Die Frage, die in all dem untergeht, ist nicht nur, was es bedeutet ein Brick zu sein. Es ist auch die Frage, was kann es bedeuten ein Brick zu werden. Für mich liegt eine riesige Befreiung im Brick sein. Hinter all der Abwertung und den Angriffen liegt eine Kraft. Wenn ich schon ein Backstein bin, hart und eckig und kantig, dann will ich geworfen werden. Ich will meine soziale Sprengkraft umarmen. Ich will, dass sich an meinen Ecken, eure Vorstellungen von Geschlecht stoßen. Ich will euer Glashaus sozialer Verabredungen zum Einsturz bringen.
Wenn ich schon ein Ziegel bin, kann ich immerhin der erste Stein sein, auf dem ein neues Zuhause gebaut wird. Ich will auf meinen breiten Schultern meine Geschwister tragen, ihnen einen Platz zum Anlehnen bieten. Denn ich weiß, dass ich auch an ihren Brüsten liegen kann, wenn mir alles zu viel wird, egal wie klein oder groß sie im Vergleich zum Rest ihres Körpers sind.
Das Ich, das sich durch diesen Text schleicht, ist dabei kein reines Stilmittel, sondern will sich politisch verstanden werden: Gegen die pure Behauptung des Kollektivsubjekts, egal ob es Frau oder FLINTA heißt.
Natürlich müssen wir darauf hoffen, dass wir es schaffen uns kollektiv zusammenzuschließen, um das Patriarchat zu überwinden, den Kapitalismus, die neokoloniale Ausbeutung, den Rassismus und auch den ganzen restlichen Wahnsinn dieser Gesellschaft. Dieser Zusammenschluss ist aber leider kein Automatismus, der ganz von alleine entsteht. Die Hoffnung, dass man nur oft genug „Wir Frauen“ oder „Wir Flinten“ sagen muss, um dann wirklich zu einem Kollektivsubjekt zu werden, ist so süß wie gefährlich und droht immer wieder ins Reaktionäre zu kippen.
Trotz aller Frauen-Demos wird es aktuell nichts mit dem Ende des Patriarchats. Stattdessen gibt es immer mehr Horrormeldungen über die Schrecken männlicher Herrschaft, von Gisele Pelicot über Juniper Blessing bis zu jedem neuen Femizid, jeder neuen ermordeten doll, jeder ermordeten brick. Statt gewaltlosen Utopien im Kleinen wartet selbst in Frauen- und FLINTA-Räume immer wieder Gewalt (und dabei habe ich Fragen nach anderen Achsen der Herrschaft wie Race, Klasse oder Behinderung noch gar nicht adressiert).
Statt sich aber aus der starren Identität zu befreien und sich der Fluidität von konkreten Kämpfen und Auseinandersetzungen zuzuwenden, wird die Tür-Politik verschärft. Politisches wird mit Moralischem verwechselt und die Frage, wer denn überhaupt das Potential hat eine gute und echte Frau und Feministin zu sein, rückt in den Mittelpunkt. Für die einen darf sie keine Sexarbeit machen, für die anderen nicht trans sein. Mal muss, mal darf sie auf keinen Fall hetero sein. Die Anforderungen sind hoch, schließlich steht die Zukunft der Welt auf dem Spiel, oder etwa nicht?
Die Bewegung, auf die wir warten, die irgendwann das Patriarchat abschaffen wird, entsteht nicht durch bloße Anrufung. Sie entsteht auf der Straße, da wo konkret für eine besser Welt gekämpft wird und sie zerfällt genau so schnell wie es entsteht. Sie wird niemals alle Menschen umfassen und niemals alle, die sich ganz zufällig einen Identitätsmarker teilen.
Ich wünsche mir diese Bewegung, in der ich als Brick neben Dolls stehen kann, neben Dykes und Butches, Tunten und Queens, neben cis und hetero Frauen, neben all den Varianten aller Geschlechter. Ich will neben ihnen stehen und dass wir unsere ganze Geschlechtlichkeit abschaffen.
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Foto von Maddy
