Caroline Wahl gibt der Popliteratur den Gnadenschuss wie einem zuschanden gerittenen Gaul.
von Eva-Sophie Lohmeier
Wahl-Beobachtung ist inzwischen fast ein eigenes Genre im Feuilleton, so wie früher der Besuch bei Goethe in Weimar. Man folgt den Social-Media-Accounts von Caroline Wahl, und schaut genau, was die Kolleg*innen über sie schreiben (hier das Meme „Spidermen pointing“ einfügen). Man fährt mit der Autorin hierhin und dorthin und bewundert die frische Unverstelltheit, mit der sie nun auch noch Markenbotschafterin von Mercedes-Benz geworden ist, obwohl sie zugibt, nicht sonderlich gut Auto zu fahren, aber gerne schnell. Nebenbei schreibt sie auch noch Bücher, die manche schnell mal als „klug“ bezeichnen, ohne das näher zu begründen.
Das ist eine erstaunliche Entwicklung. Zwei Romane lang galt Caroline Wahl als bei Buchhändler*innen und Leser*innen beliebte Autorin, die das Erwachsenwerden junger Menschen unterhaltsam und mit Wärme, wenn auch ohne große literarische Innovation wiedergeben kann. Sie machte Identifikationsangebote, und viele begeisterte Buchkäufer*innen verschafften ihr Bestsellerstatus. Dann postete sie auf Instagram über ihre Enttäuschung, nicht für den Buchpreis nominiert worden zu sein. Sie gab damit zu verstehen, dass ihr der Erfolg beim Publikum nicht genüge, sondern dass sie gern auch Anerkennung durch die Literaturkritik erführe. Seitdem sind die Ansichten gespalten.
Die einen halten ihre Ambition für einen groben Knick in der Linse ihrer Selbstwahrnehmung und ihre Autoposerei auch für eher unsympathisch. Die anderen bewundern und bestärken sie und finden gar, ihre Selbstermächtigung sei ein feministischer Akt. Und während Wahl es in Literaturbetriebsmaßstäben durchaus geschafft hat und auf Instagram jetzt auch noch ihre neue Prada-Handtasche vorführt, mit erfolgreichen Männerautoren abhängt und sich für die Filmpremiere ihres Debütromans professionell stylen lässt, äußern sich in Amazon-Rezensionen immer mehr enttäuschte Leser*innen. Es ist ein seltsames, aber auch interessantes Missverhältnis, das da entsteht. Und weil sich nun, nach vier Büchern, etliches verändert und verschärft hat, steigen auch wir hier wieder in die Wahlbeobachtung ein.
Neue Wege, neue Ambitionen
Mit dem dritten Buch „Die Assistentin“ begann vor einem Jahr ein neuer Abschnitt im Œuvre der Autorin mit neuen Figuren, einem neuen Thema, neuer Erzählperspektive und neuer Ambition. Der Stoff beruht, das gilt gemeinhin als gesichert, auf eigenem Erleben als Assistentin in einem Verlag in Zürich, wurde allerdings verfremdet und nach München verlegt. Wahl verabschiedete sich von der emotional involvierten Ich-Erzählerin, die so eng an der Protagonistin bleibt. Sie etablierte stattdessen eine distanzierte, gottgleiche Perspektive, die mit ihrer Allwissenheit allerdings nicht gut umgehen kann und ständig kommentieren und vorausraunen muss, was bald recht manieriert wirkt. Der Hauptfigur Charlotte kommt man kaum nah, und das übergriffige Verlegerekel, der Antagonist der Geschichte, erscheint dadurch entgegen der Intention umso interessanter. Das Buch ist mit 368 Seiten leider auch sehr lang.
Bei vielen Leser*innen, die sich auf ein neues Buch von Wahl gefreut hatten, kam das nicht gut an. „Die Assistentin“ hat eine Amazon-Bewertung von 3,5 Sternen, die beiden Vorgänger liegen bei 4,5 Sternen. Die von Amazon bereitgestellte KI-Zusammenfassung der Bewertungen liest sich entsprechend grausam: „Kunden empfinden das Buch als Geldverschwendung, einen Fehlkauf und sagen, es sollte man sich ersparen (sic!). Sie kritisieren die schnelle Handlung, den stockenden Handlungsfluss und die einfache Erzählweise. Einige finden die Geschichte spannend bis zum Ende, während andere sie als langweilig und zäh empfinden“, und so weiter.
Schlecht gelaunt auf Bali
Nun erschien, pünktlich im Jahrestakt und exakt zu Goethes Geburtstag, das vierte Buch von Caroline Wahl „1999 Meter über dem Meer“ und es ist wieder nicht für den Buchpreis nominiert. Es ist auch wieder sehr lang, aber es gibt locker gesetzte Dialoge und reichlich Redundanzen. Allerdings braucht Wahl auch knapp die Hälfte des Buches, bis endlich die Geschichte losgeht.
Wir begegnen Samara, die im Bahnen-Windstärke-Kosmos bereits als Freundin aufgetaucht ist, schlecht gelaunt auf Bali. Gerade hat sie ihr Studium in Germanistik und Geschichte beendet, und bis es zum ersten Job nach Berlin geht, nimmt sie sich etwas überstürzt eine Auszeit. Es ist recht furchtbar auf diesem Bali, dauernd ist der Handy-Akku leer, und dann geht auch noch der Tolino kaputt. Nur Softeis kann sie da noch trösten. Samara befindet sich als Tochter von Einwanderern irgendwo zwischen der einheimischen Bevölkerung, die lästigerweise dauernd was verkaufen will, und den Weißbroten auf Sinnsuche. Reflektiert wird diese Position jedoch nie. Wichtiger ist es an dieser Stelle, die sie umgebenden Gutmenschen zu verachten. So viel Desinteresse für den Hintergrund einer Figur muss man erst einmal aufbringen.
Seitenlang hangelt sich Samara genervt durch Alltagshandlungen. Um sich abzulenken, liest sie oder schaut irgendwas. Dabei erzählt Wahl reichlich Handlungen von Serien und Büchern nach: „The Real Housewives of New York“, oder das Buch „wir sind pioniere“ von Kaleb Erdmann, auf das Samara „keinen Bock“ hat, auch weil die „peinlichen Figuren“ nach Berlin ziehen, was sie im Roman „wir sind pioniere“, der ebenso wie der Autor tatsächlich existiert, aber gar nicht tun. Es mutet seltsam spezifisch an, sich ausgerechnet diesen Roman herauszupicken und falsch zusammenzufassen, ist er doch deutlich weniger bekannt als Erdmanns zweiter Roman „Die Ausweichschule“ über den Amoklauf an einem Erfurter Gymnasium, den der Autor selbst miterlebte. Der schaffte es im vergangenen Jahr auf die Buchpreis-Shortlist. Wir lassen das hier mal so stehen.
Heute hier, morgen dort
Auch über die jüdische, ukrainisch-französische Schriftstellerin Irène Némirovsky und ihr Schicksal unter den Nationalsozialisten – sie wurde mit 39 Jahren nach Auschwitz deportiert und dort ermordet – denkt Samara auf der Schreckensinsel Bali nach. „Ich hoffe, dass die 39 Jahre von Irène erfüllt und schön waren, und bin mir fast sicher, dass es so war. Irène hatte schließlich eine Familie und das Schreiben. Ich habe noch nicht mal Datenvolumen.“ Dann hasst sie sich dafür, dass sie das denkt, und dem Leser wird sie auch nicht eben sympathischer ob ihres unbekümmerten Umgangs mit dem gewaltvollen Tod Némirovskys.
Weil Bali so unaushaltbar schlimm ist, fliegt Samara vorzeitig zurück, mit Umstieg in Doha, wo der Flughafen ein schlimmer, künstlicher Transitraum ist, wie sie scharfsinnig bemerkt. Bei den Eltern bekommt sie ein Mercedes-Cabrio geschenkt, auch mal unironisch als „Flitzer“ bezeichnet, dann geht es nach Berlin, und es beginnt eine munter erzählte Phase in Lohn und Brot in einer Agentur für Influencer*innen. Als ihre Chefin sie darum bittet, mal ein paar POC oder andere marginalisierte Gruppen an Land zu ziehen, lässt Samara sich von heute auf morgen krank schreiben. Sie setzt sich in ihr Auto und fährt los.
Bis jetzt ist nicht viel passiert. Es wird viel geredet und ab und zu tauchen schöne Männer auf. Hin und wieder versetzt Samara sich in Figuren hinein und dichtet ihnen Biografien an, zum Beispiel eine Drogenabhängige am Frankfurter Bahnhof. Oder Allgäuer Dorfkinder, die bestimmt alle zusammen im Konfirmandenunterricht gewesen seien, wie man das als guter bayerischer Protestant nunmal tut. Diffuse Angstgefühle kommen auf, alles drückt, sie fühlt sich scheißegal. Dann macht sie krasse Sachen, wie Autofahren oder Rauchen oder Mitmenschen belügen. Bei einer Friseurin, die erst lila und ein paar Seiten weiter auf einmal orange Haare hat, lässt sie sich die Haare abschneiden und orange färben. Es wird wahnsinnig viel Müllermilch getrunken, obwohl man das wegen der AfD-Nähe des Besitzers nicht mehr soll, wie Samara selbst feststellt.
Mit “der Leica” in St. Moritz
Und dann, in St. Moritz, etwa in der Hälfte des Buches und als man schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, beginnt der Roman plötzlich doch noch. Samara leiht sich die Wohnung eines wunderschönen Filmemachers, den sie in Berlin getroffen hat, und quartiert sich ein. Mit dabei hat sie eine Kamera, die sie stets nur bei ihrem Markennamen „die Leica“ nennt und ab und zu rausholt, um ein Bild zu „knipsen“ oder zu „schießen“, und dann auch immer nur eins. Natürlich gibt es auch ein Bild des wunderschönen Mannes:
„Er ist wunderschön, wie die meisten Menschen hier. Um die dreißig, hellblondes kurzes Haar, braungebrannt, Bartstoppeln, eisblaue Augen. Wow! Ich knipse noch einmal, als er nur noch zwanzig Zentimeter von mir entfernt ist, weil das wirklich ein besonderer Moment ist, wie er mich direkt anschaut.“
Dass die meisten Leica-M-Objektive eine Naheinstellgrenze von um die 70 Zentimeter haben und das eine Bild daher vermutlich von kolossaler Unschärfe ist, ist hier noch das geringste Problem. „Are, bure, boke“, wie der Japaner sagt: Körnig, verwackelt und unscharf kann auch eine fotografische Stilrichtung sein, und „eisblaue Augen“ ein ausgefeiltes Spiel mit Klischees, aber nur mit sehr gutem Willen.
„Die Leica“ spielt im Folgenden eine nicht unwesentliche Rolle, und wer sich ein bisschen mit der Materie auskennt, wird bald den Verdacht bekommen, dass die Autorin ein solches Wunderding bislang nicht in ihren Händen gehalten hat. Bilder werden nicht bearbeitet, sie werden frisch von der SD-Karte weg ausgedruckt, und zwar aus einem in der Kamera erstellten und benamsten Ordner. Nein, ich weiß auch nicht, wie das geht. Natürlich beauftragt man damit den örtlichen Fotoladen, der das geschwind in Schwarzweiß machen kann, ohne große Tonwertanpassungen vorzunehmen. Das Ergebnis kann man dann für tausend Euro verkaufen, Open Edition, nehme ich an, man weiß es nicht, es ist auch egal.
Alles ganz natürlich
Samara trifft jedenfalls auf ein paar örtliche Rich Kids und gibt sich ihnen gegenüber als Fotokünstlerin Resa aus. Natürlich stellen ihre neuen Freunde ihr gleich begeistert die Wände ihrer nächsten Party zur Verfügung. Trotz der teuren Leica hat Samara aber keinerlei künstlerische Ambitionen:
„Ich habe schon lange fotografiert. Das fühlt sich für mich ganz natürlich an. Und ich würde mich auch nicht wirklich als Fotografin bezeichnen, geschweige denn als Künstlerin. Ich mache einfach gerne Fotos.“
Wie man das halt so tut mit einem Gerät im mittleren vierstelligen Preisbereich. Ohne Kamera fühlen sich Reisen jedenfalls ganz falsch an. Samara hat Angst, Orte und Menschen zu vergessen. „Durch den Akt des Fotografierens, diesen Blick durch die Linse, speichere ich sie ab in mir. Manchmal kommt es mir so vor, als ob ich die Welt um mich herum nur durch meine Leica ertragen, begreifen und einfangen könnte.“ Dass man bei einer Leica nicht durch die Linse, sondern durch den Sucher schaut, ist auch hier mal wieder das kleinere Problem, die Klischeeballung das größere.
Was liest man da?
Natürlich geht es gut aus, wie immer bei Caroline Wahl. Der wunderschöne Mann rückt trotz bestehender Familie in Reichweite, Samara stellt als Fotokünstlerin aus, nicht einmal eine Enthüllungsstory im Spiegel kann ihre Karriere jetzt noch aufhalten. Sie fährt Auto, entdeckt ihre Liebe zu den Bergen und zum Wandern, wo gleich wieder ein paar eindrucksvolle Gewitter stattfinden können, und ist am Ende nicht mehr so schlecht gelaunt. Na, das war’s doch wert.
Und was ist das dann am Ende? Ein Coming-of Age-Roman? Eine Satire? In den Worten von Samaras Love-Interest: „Keine Ahnung, sag du es mir! Ein Picaro-Roman mit weiblicher Heldin? Eine Road Novel? Vielleicht ein Stoff, den ich verfilmen sollte?“ Vielleicht lieber nicht, wunderschöner Filmemachermann, aber schauen wir doch mal auf den übergreifenden Wahl-Kosmos und seine Gesetze.
Oberflächlich gesehen handeln ihre Bücher von einer Erlösung ziellos durchs Leben irrender Figuren dadurch, dass sie ihren Leidenschaften nachgehen, gern sind das künstlerische Interessen. Sowohl die Hauptfigur Charlotte in Wahls drittem Buch „Die Assistentin“, die mit ihrer Musik als iCharli „ein kleiner Star“ wird, als auch Samara aus „1999 Meter über dem Meer“, die eine Ausstellung in einer bedeutenden Galerie zeigt, kommen durch die Kunst zu sich. Aber es reicht nicht, dass sie einfach glücklich und zufrieden vor sich hinbasteln, es kommt immer gleich der große Durchbruch.
Am Ende zählt der Erfolg
Erfolgserzählungen beschränken sich zudem nicht auf die Hauptfiguren. Wie schon die Love Interests in „22 Bahnen“ und „Windstärke 17“ ist auch Fritzi, der wunderschöne Filmemacher, erfolgreich und wohlhabend. Bo aus der „Assistentin“ ist immerhin ein Tischler, der sich gerade ein Haus in den Bergen geleistet hat. Sie grinsen und zwinkern viel – eindeutig wird in Wahls Büchern insgesamt zu viel gezwinkert – und bieten der Protagonistin passende Stichworte für ihre ausführliche Selbstreflektion.
Wahl interessiert sich dabei nicht besonders für die Berufe, die die Figuren ausüben, und leider nicht einmal dann, wenn es sich um künstlerische Berufe handelt, die so wesentlich handlungsbestimmend sind wie die Fotografien von Samara. Umso mehr Augenmerk legt sie auf den kommerziellen Erfolg, den man damit erreichen kann, die Anerkennung, die man dadurch erfährt und die Autos und Wohnungen, die man dann kauft. Nicht Kunst macht frei und glücklich, Aufstieg macht frei und glücklich.
Dieser kommerzielle Erfolg als Grundbedingung für ein gelingendes Leben erfährt eine geradezu unheimliche Spiegelung in den Homestorys, die die Medien mit Caroline Wahl veranstalten. Porsche kaufen wollen, dann aber Sonnenbrille kaufen, Prada-Tasche kaufen und später auf Insta posten, sich freuen, dass eine Frau gerne schnell Auto fährt in diesem Heutzutage, in dem man ja eigentlich gar nichts mehr darf, weil Gutmenschen sonst böse gucken. Eine Frau, die erfolgreich Romane schreibt, damit gut Geld verdient, sich teure Dinge leistet und sich dafür auch nicht schämt. Das ist doch Feminismus, oder?
Fragt sich nur, wie diese Erzählung dann weitergeht. Was hat Wahl im fünften, sechsten oder zum siebten Roman zu sagen, die nach derzeitiger Planung in den Jahren 2027, 2028 und 2029 erscheinen sollen? Immer noch schnelle Autos, immer noch Pradazeugs? Wie lange hält man mit dieser Masche das Interesse der Feuilletons aufrecht? Und, das ist die viel wichtigere Frage: Wie lange kaufen Leser*innen noch Wahls Bücher? Bisher hat die Autorin nicht allzu viel getan, dieses noch immer einigermaßen loyale Publikum, das auf herzerwärmende, immersive Leseerlebnisse hofft, bei der Stange zu halten.
Foto von Nikola Tasic auf Unsplash
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