Das feministische Deckmäntelchen – Nara Smith und die Romantasy

von Anna Sichlinger

Eine junge Frau adressiert die Kamera und damit uns. Sie trägt einen schlichten, teuer wirkenden schwarzen Einteiler mit einem weißen Kragen. Ihr Kopf ist – wie in allen ihren TikTok-Videos – in einem bestimmten Winkel geneigt: Das Kinn schräg nach unten, leicht nach links. In ihren perfekt manikürten Händen hält sie einen Stapel Bücher. Mit “Let’s chat books, shall we?” leitet die Creatorin Nara Smith das Video zu ihren Buchempfehlungen ein. In dem Stapel befinden sich Titel wie A Court of Thorns and Roses der amerikanischen Schriftstellerin Sarah J. Mass und Fourth Wing von Rebecca Yarros.

Das fünfminütige Video ist für Nara Smith aus mehreren Gründen ein ungewöhnliches. Smiths perfekte ASMR-Stimme fehlt, das Video ist deutlich länger als andere und zusätzlich weicht sie von ihren üblichen Themen ab: Buchempfehlungen gehören eigentlich nicht zu ihrem üblichen Repertoire an Content. Der Großteil ihrer Online-Präsenz besteht aus Koch- und Backvideos, in denen Smith aufwändige Gerichte für ihren Mann Lucky Blue Smith und ihre gemeinsamen vier Kinder zubereitet. Dabei trägt sie Abendkleider, die für die Arbeit in der Küche auffällig unpassend und unpraktisch sind. Sie erreichte eine Form des Kultstatus (oder “ging viral”),  der unter anderem damit zu tun hat, dass in ihren Videos Lebensmittel zubereitet, die es für weniger Geld und vor allem weniger Aufwand im Supermarkt zu finden gibt: von verschiedenen Müslisorten (jedes Schokoröllchen wird einzeln gerollt) bis hin zur hauseigener Sonnencreme mit zweifelhaften Wirkungsgrad. 

Nara Smith changiert in ihren Videos zwischen einer Reproduktion des sogenannten Tradwife-Ideals und Meta-Kommentar. Für die einen stellt sie die perfekte Hausfrau dar, die „Queen of trad wives“, für die anderen karikiert sie eben jenes Bild mit offensichtlichen Übertreibungen in Form ihrer Kleidung, ihrer Nägel, ihrer Rezeptauswahl, ihrer Frisuren. Das vorliegende Video, mit fünf Minuten auch deutlich länger als die sonstigen Kurzformate der Plattformen, ist in Inhalt und Form eine Art Unebenheit in Smiths so glattem „Stream of Content“, der so meisterhaft den Balanceakt der Aufmerksamkeitsökonomie zwischen Aufregern und Eintönigkeit vorführt.

Ungewöhnliche Buchauswahl

Bei ACOTAR handelt es sich nicht um die einzige Reihe aus der Feder der Autorin. Mit drei auf dem Markt erhältlichen Fantasy-Reihen wurde Maas von Forbes mit insgesamt 3.1 Million verkauften Print-Versionen als die meistverkaufteste Autorin des Jahres 2024 eingestuft. Man sollte also meinen, dass ein solcher Verkaufsschlager nicht mehr auf die Empfehlung des Influencer-Models angewiesen ist. Ist er auch nicht. Nara Smith scheint die Bücher ohne kommerzielle Hintergedanken schlicht der eigenen Vorlieben wegen zu besprechen. Und hier entsteht auf den ersten Blick ein Spannungsfeld zwischen dem Ideal, das Smith zumindest zum Teil verkörpert, und dem tatsächlichen Inhalt der gezeigten Bücher. 

Eine weitere Auffälligkeit stellen die Werke selbst dar, die Nara Smith in diesem Video so hoch lobt. Die Buchreihe A Court of Thorns and Roses, kurz ACOTAR, der US-amerikanischen Autorin Sarah J. Maas, bestehend aus fünf Bänden, stellt einen der bekanntesten Vertreter des vor allem ab 2015 neu aufkommenden Genres Romantasy dar. Das Kofferwort beschreibt einen Ableger des Fantasy-Genres, bei dem eine romantische Beziehung einen elementaren und handlungs-antreibenden Aspekt darstellt. Oft zeichnet sich der Stil durch explizite Sexualität aus, wodurch das Genre weniger der Jugendliteratur, sondern mehr dem sogenannten New Adult-Spektrum zugeordnet wird.

Wie geht das zusammen?

Nara Smith ist bekennende Mormonin, mit 24 Jahren bereits verheiratete Mutter von vier Kindern und – obwohl sie es gelegentlich dementiert – Teil der Social-Media-Bewegung der Tradwives. Als Kurzform für „traditional wives“ bezeichnet die Kategorisierung innerhalb sozialer Medien jene Frauen, deren öffentliches Bild dem einer Bauersfrau aus dem 18. Jahrhundert gleichen soll (oder zumindest einer romantisierten, ästhetisierten Version davon). Mit einem Kind auf der Hüfte und mindestens einem zweiten am Designer-Rock hängend wird mit beringten Händen der Brotteig geknetet und anschließend der selbst angelegte Garten besucht, in dem Kräuter und Gemüse für das Abendessen geerntet werden. Dann werden die Hühner (oder Kühe oder Pferde oder alles drei) bei perfekt eingefangenen Sonnenuntergang in den Stall gescheucht, bevor der liebende Ehemann nach Hause kommt, um Brot, Kräuter und was auch immer an Erträgen Vieh und Garten abgerungen wurde zu verspeisen. Es ist ein schönes, wenn auch naives Bild von einem einfacheren Leben, das sich in Zeiten von Inflation, steigender Arbeitslosenquote und einem in den Städten außer Kontrolle geratenen Wohnungsmarkt viele zumindest im Geheimen wünschen. 

Als Influencerin wird Nara Smith zu einer Figur, ihr Leben zu einem Narrativ, das durch die Erzählfläche der sozialen Medien an uns als Rezipient*Innen transportiert wird. Wo also liegen die narrativen Überschneidungsmengen zwischen Nara Smith und beispielsweise Feyre, der Protagonistin aus ACOTAR? Was begeistert jemanden wie Nara Smith an einer Figur, die in einschlägigen BookTok-Kreisen als feministisches Ideal hochgehalten wird, da sie nicht nur in einer Rolle als Alleinversorgerin ihrer Familie die Szene betritt, sondern auch im Verlaufe der Handlung zunächst wenig Interesse an ihrem Prinzen zeigt? Und wie passt die Empfehlung von Werken, in denen explizite Sexszenen eine tragende Rolle spielen, in das öffentliche Bild einer bekennenden Mormonin?

Das feministische Deckmäntelchen

Man könnte argumentieren, dass derart populäre literarische Erzeugnisse selbst in konservativen Kreise irgendwann einmal unausweichlich Aufmerksamkeit erhalten. Dennoch scheint die Offenheit, mit der Nara Smith diese gewagten Bücher empfiehlt, als eine Art Leuchtsignal für den Einzug konservativer Erzählungen und Werte in jede Art von Literatur – auch jene, die besonders in jüngeren Kreisen an Popularität gewinnt. Wirft man einen genaueren Blick auf Titel wie A Court of Thorns and Roses, so werden inhaltliche, figurative und narrative Überschneidungen zwischen den Vertretern des Genres und Social-Media-Ausläufern deutlich, die alles andere als feministisch sind. Konservative digitale Räume, wie beispielsweise auch die sogenannte Manosphere werden, zunehmend salonfähig und so können sich auch junge Autor*Innen nicht vor deren Einfluss abschotten. Gerade hinsichtlich eines Literaturmarkts, der kaum noch ohne die Marktfläche der sozialen Medien funktioniert. Nara Smiths wärmste Empfehlung dieser Bücher ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass gerade eine Reihe wie ACOTAR sich zwar ein feministisches Deckmäntelchen umlegt, um die überwiegend links ausgerichtete Demographie von Frauen und nicht-männlichen Personen zwischen 20 und 35 Jahren anzusprechen, doch im Kern konservative Ideale erzählt und propagiert.

Um bei Feyres Beispiel zu bleiben, drängt sich zunächst die Tatsache auf, dass es sich beim ersten Band der ACOTAR-Reihe um eine Neu-Erzählung des Märchens Die Schöne und das Biest handelt. Feyre wird von dem Fae-Prinzen Tamlin aus ihrem ärmlichen Leben entführt. Er verwandelt sich gelegentlich in ein haariges Biest und sperrt sie in sein Schloss, wo sie nichts weiter zu tun hat, als schöne Kleider zu tragen und ihrem Hobby der Malerei nachzugehen, das in ihrem früheren Leben nie Geltung gefunden hat. Damit wird Feyre aus einem Leben herausgerissen, in dem sie als Jägerin und Versorgerin ihrer Familie traditionell männlich-konnotierte Eigenschaften aufwies, und in eine Situation versetzt, in der ihr Marker klassischer Feminität aufgezwungen werden, gegen die sie sich beinahe den gesamten Handlungsverlauf über wehrt. Doch Feyre bleibt auf Tamlins Schloss keine Wahl, sie ist ihrer Feminität und der in dieser Welt damit einhergehenden Hilflosigkeit ausgeliefert. Dennoch bleibt der Fakt bestehen, dass Feyra mit der Entführung in den goldenen Käfig des Frühlingshofs in eine Situation versetzt wird, in der sie sich weder um ihre eigene, noch um die Versorgung ihrer Familie weiter Sorgen machen muss: Tamlin gibt dazu nämlich noch das noble Versprechen ab, ihre Familie zu ihrem alten Stand zurück zu verhelfen, in dem sie finanziell abgesichert sind. 

Projektionsflächen des Begehrens

Auf diese Weise wird gleichzeitig eine uralte Fantasie des Klassenaufstiegs erzählt und für feministische Lesarten ein Zwischenraum der glaubhaften Ausreden geschaffen, sich der Liebesgeschichte hinzugeben. Feyre darf ihr feministisches Deckmäntelchen weiterhin tragen, während es Leser*innen erlaubt wird, sowohl den Prinzen Tamlin in seiner animalischen Männlichkeit als auch eben jene traditionellen Figurationen von Gender zu begehren. Und schließlich unterliegt auch Feyre Tamlins Charme und verliebt sich in ihn – oder zumindest verliebt sie sich in die neugewonnene finanzielle, existenzielle Sicherheit und Freiheit von ihrer eigenen Versorgerrolle. Diese Versorgerrolle wird ihr von Tamlin auf gleich zwei Ebenen abgenommen: erstens in seiner Funktion als royaler und politischer Herrscher und zweitens auf einer physischen Ebene als Beschützer. Denn während Tamlin Feyre nicht nur in Sachen Kapital überlegen ist, ist er als Fae-Herrscher mit den damit einhergehenden Fähigkeiten, sich in ein Biest zu verwandeln, der menschlichen Feyre auch körperlich weit überlegen. Die Fantasie und Projektionsfläche des Begehrens im ersten Band der Reihe besteht in einer Befreiung der Frau von Verantwortung und Mental Load der modernen Welt. Oder anders ausgedrückt: Ein Sich-Hingeben in eine einfachere Zeit.

Doch im Gegensatz zu seiner märchenhaften Vorlage währt das Happy End in ACOTAR nicht für immer. Feyre – nun ebenfalls in eine Fae verwandelt – genießt das Leben an der Seite ihres Prinzen nicht, der trotz ihrer neu gewonnenen Fähigkeiten und physischen Stärke weiterhin auf seine Beschützer-Rolle beharrt. Tamlin beginnt Feyre mit seiner Liebe zu ersticken (metaphorisch) und einzusperren (buchstäblich). Doch die Rettung naht auch hier in Form eines weiteren Prinzen mit Namen Rhysand. Der Herrscher des sogenannten Nachthofes ist in jeder Hinsicht das Bad-Boy-Äquivalent zu Tamlin. 

Auch er hat einen animalischen Teil in sich, nämlich die Fähigkeit, ledrige Flügel aus seinem Rücken wachsen zu lassen und hat eine adlige Stellung innerhalb des Reiches inne. Er bietet Feyre eine Gelegenheit zum Ausbruch aus dem goldenen Käfig in Tamlins Frühlingshof. Ihr Klassenaufstieg, der in dieser Welt zugleich eine Art Rassenaufstieg ist, bleibt auf diesem Wege erhalten, während ein Narrativ der Emanzipation weitererzählt werden kann. Doch während Rhysand Feyre in erster Linie zu ermächtigen scheint, indem er ihr Lesen und den Umgang mit Waffen beibringt, übernimmt sie auch hier einmal mehr eine klassische Frauenrolle innerhalb einer heteronormativen Beziehung. Sie fungiert für den traumatisierten Fledermaus-Mann als Heilmittel, Therapeutin und Pflegerin und schließlich am Ende der Buchreihe als Mutter seiner Erben. Feministische Leser*Innen beharren auf Feyras Reise der Selbstermächtigung an Rhysands Seite, da sie aus der ausbuchstabierten Unterdrückungssituation in Tamlins Schloss ausbricht und Rhysand ein Gegenbeispiel darstellen soll. Dennoch bleiben die beschriebenen heteronormativen Dynamiken bestehen. Der einzige Unterschied zu der Beziehung zu Tamlin ist, dass Feyre sich hier aus (mehr oder weniger) freien Stücken für diese im Kern noch immer traditionelle Rolle entscheidet

Auch weitere narrative und figurative Aspekte der Reihe lesen sich problematisch: die schicksalshafte Paarbindung, nach der die Fae ihre Beziehungen strukturieren und die Zweifel aufkommen lassen, wie freiwillig Feyre sich tatsächlich für Rhysand entschieden hat; das sexuell übergriffige Verhalten von sowohl Tamlin als auch Rhysand (welches in beiden Fällen in den animalischen Aspekten ihres Fae-Daseins begründet wird und somit ein durchaus fragwürdiges Männlichkeits-Bild ergibt) und die Dynamik der Instrumentalisierung von psychischen Traumata, auch hier zum Zwecke einer fragwürdigen Männlichkeits-Figuration.

Eskapistische Sehnsüchte

Aus der Perspektive konservativer Akteure scheint der Gegensatz zwischen Nara Smiths Lebensrealität und den Werken von Sarah J. Mass also weniger groß als anfangs gedacht. Natürlich darf man nicht davon ausgehen, dass Werke, die von Frauen wie Nara Smith empfohlen werden, von vornherein als konservative Vehikel abgetan werden müssen. Vielmehr stellt sich die Frage, warum eben Werke mit so offensichtlich konservativen Elementen sich derartiger Popularität erfreuen. Die Vermutung drängt sich auf, dass wir in einer zunehmend rechts-populistisch durchdrungenen Welt einen Ausweg suchen, durch den wir diese Lüge einer einfacheren Welt glauben und begehren dürfen, während wir gleichzeitig unser eigenes feministisches Deckmäntelchen anbehalten. Auch Nara Smith selbst ist diese Methode nicht fremd: am 29 Juli 2026 saß sie zu Gast in Alex Coopers Podcast “Call her Daddy”. Cooper versteht sich selbst als Sprachrohr der feministischen Selbstermächtigung, was auch das Gespräch mit Smith stark einfärbt. Die Folge trägt sogar den Titel “Stop Calling me a Tradwife”. Mit ungewohnter Vehemenz beteuert Smith ihre Eigenständigkeit und wie wenig sie sich mit dem Ideal identifiziert und Cooper in gewohnt blauäugiger Manier nickt fröhlich ab, ohne jede kritische Nachfrage nach Smiths Religion, Wahlverhalten oder der tatsächlichen Zusammenarbeit mit dezidiert selbst proklamierten Tradwives wie Hannah Neeleman (zu finden unter dem Handle “Ballerina Farm”). 

Zugegebenermaßen fällt Smith zumindest in der Hinsicht aus dem Tradwife-Bild heraus, als dass sie weiterhin als Model arbeitet. Doch wie relevant ist die tatsächliche Lebensrealität, wenn mit großer Ab- und Umsicht ein anderes Bild, ein anderes Narrativ, produziert, verbreitet und monetarisiert wird? Smith, sowie Titel wie A Court of Thorns and Roses bedienen dasselbe eskapistische Bedürfnis, sich in eine Welt zu flüchten, in der Mental Load keine Rolle mehr spielt, existentielle Ängste mit einem Tag im Garten beseitigt werden können und man sich in die Arme starker Männer werfen kann. Wenn wir es wagen würden, jene konservativen Begehrensstrukturen von Grund auf zu hinterfragen, würde nicht nur ein wichtiger Schritt in Richtung der Dekonstruktion unserer eigenen patriarchalen Prägung getan, sondern dem Genre Romance und Romantasy ein großer Dienst erwiesen werden. Denn welche neuen und weitaus vielschichtigeren Erzählungen von Liebe würden sich ergeben, wenn ein Happy End für eine Frau nicht nur zwischen der schnöden Wahl bestünde, sich freiwillig oder unfreiwillig einer Form der Unterwerfung hinzugeben?

Foto von Marisa Howenstine auf Unsplash

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