Faschistoider Fiebertraum – Die Selbstapotheose des Elon M.

von Eva-Sophie Lohmeier

Elon Musk hat gerade einen Lauf. Daran, dass er vollmundig etwas anküdigt, was dann doch nie umgesetzt wird, – in diesem Fall die Verfilmung der Odyssee als AI-Version – hat man sich ja schon gewöhnt. Umgesetzt wurde stattdessen erst einmal ein Video, das ihn als grinsenden Austin-Powers-Verschnitt zeigt, der gerade das Vereinigte Königreich gekauft haben will. Das Ganze beruht auf einem schlechten Witz der konservativen Satirewebsite The Babylon Bee, demnach Elon Musk Großbritannien kaufe, um dort die Redefreiheit wiederherzustellen. 

Kaum hatte man all das verdaut, legte er ein sechsminütiges Video nach. Und das ist ein Meisterwerk des Männerkitsches, ein so ungeheures Monument des Cringe, dass Menschen, die sich bislang nicht tiefer mit den Bildwelten des Musk-Kultus befasst haben, nur sprachlos davor sitzen können. Sechs Minuten, die die Ikonographie des Musk Cinematic Universe erschöpfender darstellen, als man es je sehen wollte. Man würde gerne herzlich darüber lachen, wie solche Hervorbringungen es verdienen. Doch es vergeht einem gründlich, weil man leider weiß, dass dafür gerade wieder einer Kleinstadt das Trinkwasser abgegraben wurde. 

Erstellt wurde das Video von einem Nutzer mit dem Handle @VOLDEMORT2X, der sich darauf spezialisiert hat, Bewegtbildsequenzen mit der AI-Engine „Grok“ zu erstellen.  Es handelt sich also strenggenommen um Fan-Art. Doch im Gegensatz zu vielen Hervorbringungen seiner Jünger hat Musk das Video nicht nur mit Drüko retweteetet (heißt das jetzt eigentlich reext?), sondern auf seinem eigenen Account gepostet. Offenbar gefiel er sich darin. Kein Wunder, denn es zeigt in jeder Szene einen physisch topfitten Musk in heroischen Posen.

Fantasien aus schlechtgelüfteten Jungszimmern

In mehr Fantasyrüstungen in sechs Minuten, als Nolans Odyssee in drei Stunden aufbringt, reitet und springt Musk mit erstaunlicher Agilität durch postapokalyptische Szenerien oder steht breitbeinig mit Waffen herum wie Posterhelden in den schlechtgelüfteten Zimmern vierzehnjähriger Rollenspieler. Sein Cape weht sehr viel. Sein Haar weht auch viel. Besonders auf dem Mars scheint es recht windig zu sein. Oft glüht ein blutroter Mond, manchmal tauchen farblich passende blutrote Rosen auf. Mehrere Sequenzen zeigen ihn in einer Szenerie, die an die Serie Peaky Blinders erinnert. Musk raucht, und Qualm steigt interessanterweise aus seinen Augen. Raketen hingegen steigen aus den Ruinen der Städte, mitunter wird er in Blade-Runner-Kulissen gestellt. In einer gezeichneten Sequenz darf er in einem Ballsaal den Gentleman mimen, um seine kultivierte Seite zu zeigen. Allerdings interagiert er nicht mit den Tanzenden, sondern schaut nur nachdenklich. Sehr nachdenklich sitzt er auch auf einem Schlachtfeld inmitten eines Massakers, die Rüstung ist jetzt nicht mehr so sauber, aber das Cape weht im Wind.

Lebewesen kommen außer ihm selbst kaum vor, nur schwarze Hengste und mysteriöserweise phosphoreszierende Wölfe, die auf die Zweige eines Tannenwalds im Schnee drapiert sind, der vage an Game of Thrones erinnert. Da kann einen schon einmal ein wohlbegründeter Kitschverdacht beschleichen. 

Auch wenn Musk gerne äußert, dass sich die westlichen Kulturen in ihrer Reinheit erhalten sollen, macht es ihm offenbar nichts aus, wenn er in diesem Video in einer eindrucksvollen Sequenz in schimmernder Rüstung mit Stahlcowboyhut samt Federbusch auftaucht, ein schwarzer Hengst galoppiert, Blitze niedergehen und ein sehr kleines, UFO-förmiges Raumschiff durch die Szenerie fliegt. Eigentlich fehlt in diesem schönen Panorama nur noch ein Dinosaurier, dann wäre es perfekt. 

In einer anderen Sequenz steht er in goldener Ritterrüstung zwischen japanischen Kirschbäumen, deren Blütenblätter fallen, das international bekannte Signal für den baldigen heroischen Tod mindestens eines Samurai. Ägyptologen werden sich freuen zu erfahren, dass auch die Pyramiden unter seiner Aufsicht errichtet wurden, und die Steinquader  entgegen den Gesetzen der Schwerkraft mit Schmackes die Rampe hinaufflutschten – und das ist nur die Zeitlupe, eigentlich ging es noch schneller. Zu diesem Anlass hat er immerhin mal die Rüstung ausgezogen und die Freizeitjacke übergestreift.

Liebeslied der KI

Und da haben wir noch gar nicht über den „Song“ geredet, mit dem dieses Artefakt zukünftiger kulturwissenschaftlicher Forschung unterlegt wurde. Musik und Text wurden ebenfalls von einer künstlichen Intelligenz erdacht, das kann Grok noch nicht, das macht Suno. Und es steht zu befürchten, dass Suno eine Vorliebe für Nickelback und Superhelden-Filmsoundtracks hat. Dazu der Text, eine Hymne an eine untergehende Welt, die Sterne, die Ewigkeit und so weiter: 

„Maybe we were born / To leave the earth behind / Maybe every lonely dream / Was just waiting for its time / And if the stars forget our names / And if the lights no longer shine / I’ll still hear your voice tonight / Stand by me.“

Ja, da beginnt man doch langsam, sich nach der filigranen Bescheidenheit des Œuvres von Manowar zu sehnen. Im Grunde handelt es sich um ein Liebeslied an einen Mann, nein, ein Genie, das im blutroten Lichte der Apokalypse die wenigen Wissenden und Sehenden in eine neue Ära führt. Dass das nicht ganz ohne Verluste abgehen kann, ist auch klar: „People fade like passing rain / But some hearts escape the chains / And somewhere past the endless sea / A lone fire still believes.“

Faschistoide Elon-Verehrung

Mit diesem Video spart man sich ein ganzes, unfassbares Rabbit Hole an Elon-Fan-Art, nur die Darstellung als römischer Kaiser kommt leider ein wenig zu kurz. Schließlich hat sich Musk extra einen eigenen Imperatorennamen ausgedacht: Kekius Maximus, symbolisiert nicht selten durch Pepe den Frosch, Meme-Maskottchen der rechten Trollszene, in Legionärsuniform. Kekius Maximus ist für Musks Fans künstlerisch sehr inspirierend. Mit Grok haben sie ein Werkzeug an die Hand bekommen, das Mojo-Dojo-Casa-Netzwerk, zu dem X inzwischen verkommen ist, mit entsprechender Ikonografie auszustatten: Der Imperator auf einem Eisthron zwischen Eisbär und Yeti, der Imperator mit amerikanischem Adler zu Füßen, der Imperator, der von Gandalf (!) erklärt bekommt, dass „Love is the answer“. Was ist Meme, was ist ernst gemeint? Egal, solange es Elon verherrlicht. 

So entsteht eine Ästhetik, die man als einigermaßen gesichert faschistoid bezeichnen kann. Und die tatsächlich in Vielem an die des Nationalsozialismus erinnert: Sie ist strukturell antisemitisch und feiert den gesunden, cis-heteronormativ eindeutig zugeordneten Körper. Krankheit gilt als Schwäche. Ständiges Römer-Reenactment verweist auf ein ewiges, aber mindestens tausendjähriges Reich. „Mars Imperium Aeterna“ taucht einmal als Schriftzug im Grok-Video auf. Raketen spielen eine wichtige Rolle, ebenso wie Verkehrsinfrastruktur und moderne Medien, die sich zur Propaganda nutzen lassen. Immer wieder beruft man auf vermeintlich ewige Werte, aber Geschichte wird nach Bedarf umgedeutet. Das Christentum ordnet sich dem neuen, übermächtigen Führer unter. 

Anleihen an nationalsozialistische Ästhetik

Das, was im Nationalsozialismus als erwünschte deutsche Kunst galt, lässt sich allerdings nicht eins zu eins mit dem vergleichen, was im heutigen Reich des MechaHitler zur Glorifizierung eingesetzt wird. Dazu ein kurzer Ausflug in das Jahr 1937, denn das war ein entscheidendes Jahr für die Kunst im damaligen Deutschland. In der zuerst in München und dann in zahlreichen deutschen Städten gezeigten Ausstellung „Entartete Kunst“ wurde die gesamte, unerwünschte Avantgarde diffamiert, während praktisch um die Ecke die „Große Deutsche Kunstausstellung“ stattfand. Die einen wurden als Nichtskönner und Scharlatane verunglimpft, die anderen als meisterhafte Schöpfer handwerklich vollkommener Darstellungen gefeiert. 

Doch die Dichotomie reicht tiefer in die Gesellschaft hinein. Auf der einen Seite wähnte man das Kranke, das Nervöse, die Außenseiter, die in den Großstädten hausen. Diese moderne Nervosität sollte zu sexuellem Exzess und Onanie führen und die bürgerliche Moral hintertreiben. Was gegen diese Umtriebe vermeintlich unausgeglichener und degenerierter Städter in Stellung gebracht wurde, war eine als klassisch verstandene Schönheit. Die Schönheit trat in den Dienst bürgerlicher Werte und sorgte dafür, dass Körperliches nicht mehr ganz so schmuddelig anmutete. Die Schönheit tümelte im unverbauten deutschen Wald herum und zeigte sich in der Überhöhung gestählter jugendlicher Männerkörper, die stets bereit waren zum Kampf. 

Viele dieser Merkmale prägen auch den Stil gegenwärtigen Grok-Slops. Musk verfügt über einen perfekten, starken Körper, an dem jedoch nichts erotisch wirkt. Er fuchtelt gern mit Waffen herum. Er bewegt sich durch eine mit männlich konnotierten Symbolen ausstaffierte Welt. Humor und Zweideutigkeit haben hier keinen Platz. Oberstes Ziel ist eine kunstfertige, möglichst realistische Darstellung, wofür die Maschine Grok allseits gelobt wird – das Wasser! die Haare! so echt! Kunst ist in dieser Welt niemals Ausdruck individueller Kreativität, sondern immer nur Symbol im Dienste einer höheren Macht. All das sind die Gemeinsamkeiten. 

Die Angst vor dem Stillstand

Als stärkster Unterschied sticht die völlige Abwesenheit von Natur heraus. Während die Nationalsozialisten eine geradezu sentimentale Beziehung zum als urdeutsch verstandenen Wald aufbauten, spielt Natur im ikonographischen Arsenal der Muskisten keine Rolle mehr. Naturschutz wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts zum genuin linken Thema und ist damit verbrannt. Lediglich einmal wachsen grellgrüne Schemen hinter den beschlagenen Scheiben eines Gewächshauses, das offenbar auf dem Mars steht. Diese einsamen Pflänzchen sind nicht Teil einer unberührten Natur, sondern Produkte technologischen Fortschritts. Und die Rosen und Kirschblüten sind reine Symbole vergossenen Blutes und vergehenden Lebens. 

Wer in dem Video nach einem roten Faden sucht, der sucht vergebens. Schlag auf Schlag werden neue Bilder produziert, eines pompöser als das nächste. Fürchteten die Nationalsozialisten noch die Nervosität der Moderne mit ihren fiebrig schnellen Städten, so fürchtet man nun offenbar den Stillstand. Weiter, immer weiter geht es, zu Pferd, zu Bahn, zu Raumschiff. Das Video türmt eine Allegorie auf die nächste, die Regler stets voll aufgedreht, der Mond noch blutroter, der Blick noch entschlossener, das Wetter noch schlechter. Ein Effekt jagt den nächsten, ein Bild ist abgegriffener als das andere. Denn bei aller Liebe zum Fortschritt, die Zukunft soll möglichst nicht allzu innovativ daherkommen und wird deshalb aus wohlbekannten Filmbildern zusammengeschnipselt. 

Er meint es vollkommen ernst

Man würde Elon Musk wirklich gerne auslachen dafür, dass er sich als gottgleicher Retter in einer postapokalyptischen Welt darstellt, wenn man nicht wüßte, dass er dabei ist, ebendiese Apokalypse selbst mit zu verursachen. Man könnte lachen, wäre es nicht der reichste Mann der Welt. Man könnte lachen, vergifteten die Abgase der Dieselgeneratoren seiner Rechenzentren nicht gesamte Nachbarschaften mit Bewohnern, die sich ohnehin nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens befinden.

Was Musk als Zukunftsvision verkauft, bedingt leider die Zerstörung des Planeten. Man muss das so drastisch sagen, denn er meint es vollkommen ernst. 

Bleibt die Frage, was sich der Künstler dabei eigentlich gedacht hat. Zum unserem Glück postete @VOLDEMORT2X das Werk mit einem Artist statement: „A signal transmitted from the future. This song feels like the last memory of earth. 5 Minutes that feel like leaving the planet“ und so weiter. „This hits different. Five minutes of pure cinematic gravity“, postete die Entität Grok darunter. Es scheint, als könnten auch die Musk-Fans es kaum abwarten, bis die Erde endlich Geschichte ist.

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Foto von Esteban López auf Unsplash

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