Mit Monstern spielen: Anne Carsons Schreiben

von Christina Dongowski

Anne Carsons Übersetzungen klassischer griechischer Literatur haben die Grundlage für Christopher Nolans Odyssee gelegt. Dafür wird sie im Dezember mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet werden.

Der zweite Satz ist natürlich Quatsch. Der erste Satz stimmt: Carsons Übersetzungen und freie Umschreibungen von Autor*innen des griechischen Kanons, von Sappho bis Sophokles, und deren erstaunlicher Erfolg auf dem englischsprachigen Buchmarkt haben überhaupt erst die Bahn frei gemacht für die Homer-Übersetzungen von Emily Wilson. Wilsons Übersetzung der Odyssee ist die erste Übersetzung Homers ins Englische durch eine Frau und ist nicht zuletzt deswegen bekannt geworden.Mit ihrer Entscheidung für ein zeitgenössisches Vokabular hat Wilson die filmische Adaption von Christopher Nolan stark beeinflusst.

Sich als Frau überhaupt an die großen antiken Klassiker (und die eine Klassikerin) heranzutrauen, und das auch noch mit großem eigenen schriftstellerischen Selbstbewusstsein: Dafür ist Anne Carson das Rollenvorbild. Auch dafür ist sie mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden: „for her bold and inventive oeuvre that, in playful dialogue with the classical tradition, has created new forms for contemporary literature.“ („für ihr kühnes und erfinderisches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen hat“).

Das kurze Statement der Akademie bekommt das Besondere an Carsons Schreiben gut zu fassen, auch wenn „im Dialog mit der klassischen Tradition“ etwas zu behäbig klingt für das, was Carson mit der klassischen Tradition tatsächlich macht: Sie hat aus ihrem sehr radikalen Übersetzungskonzept heraus ein Text-Corpus, das auch bereits in den 1980ern eigentlich nur noch als Gegenstand einiger akademischer Disziplinen lebendig war, in zeitgenössische Literatur transformiert und damit auch verändert, was zeitgenössische Literatur sein kann.

Mein Hinweis auf die Bedeutung Carsons für Nolans Odyssee führt spätestens hier aber dann doch in die Irre: Wer bei der ersten Begegnung mit einem Text Carsons so etwas wie Madeline Millers Song of Achilles (2011), Margaret Atwoods The Penelopiad (2005) oder Christa Wolfs Kassandra (1983) erwartet, wird erstmal enttäuscht werden. Selbst Autobiography of Red (1998), das in seiner narrativen Form einer der romanhaftesten Texte Carsons ist, fehlt so ziemlich alles, was die typische Romanform ausmacht. Dass Carson selbst das Ganze mit „A Novel in Verse“ untertitelt, ist einer ihrer typischen literarischen Spielzüge: Die Bezeichnung als Roman ist nicht falsch, schließlich ist Roman die am losesten definierte Bezeichnung in der Gattungspoetik, aber mit dem, was Lesende heute von einem Roman erwarten, hat das Buch wenig zu tun. Es beginnt mit einem philologischen Essay über die Bedeutung des Dichters Stesichoros (um 600 v. Chr.) für die Entwicklung der lyrischen Semantik und poetischen Form der antiken Literatur und einer Bestandsaufnahme der Quellensituation, insbesondere seines (vermutlichen) Hauptwerkes, eines langen lyrischen Gedichtes über Geryon.

Geryon gehört in den Mythenkreis der Arbeiten des Herakles: Die zehnte Aufgabe Herakles’ besteht darin, für König Eurystheus die roten Rinder des Giganten Geryon von der Insel Erytheia (die Rote bzw. der rote Ort) nach Argos zu bringen. Die Überlieferung kann sich nicht einigen, ob Geryon nun ein schrecklicher Riese mit drei Körpern oder drei Köpfen ist oder sechs Hände, sechs Füße und riesige Flügel hat oder einer ist, der vor lauter Wut rot sieht und sich dann erst in ein riesiges Monster verwandelt. Aber über das Ende Geryons sind sich alle Überlieferungen einig: Herakles tötet ihn mit einem giftigen Pfeil, der ihn direkt in die Stirn trifft.

Kanon und Kultur: Unterwegs in einer Ruinenlandschaft

Dass Stesichoros eine Geryoneis geschrieben hat, weiß die Klassische Philologie seit 1566. Aber erst seit der Edition des Papyrus P. Oxy. 32 2617 durch Edgar Lobel im Jahr 1967 weiß man zumindest ungefähr, was im Text steht. Zumindest glaubt man es zu wissen. Denn hundert Prozent sicher, dass die Textfragmente, die Lobel der Geryoneis zuordnet, wirklich alle dazu gehören, ist man nicht. Und wird es auch nie sein. Um die richtige Anordnung, Emendation und Übersetzung der Fragmente diskutiert die Klassische Philologie weiter.

Carsons Autobiography of Red ist also zuerst einmal eine Intervention in eine laufende philologische Debatte. Zumal auf ihren editionskritischen Essay „Red Meat: What Difference did Stesichoros Make?“ ihre Übersetzung der zentralen Geryoneis-Fragmente folgt – mit der Aufforderung an die Leserin:

„The fragment numbers tell you roughly how the pieces fell out of the box. You can of course keep shaking the box. ‚Believe me for meat and for myself,‘ as Gertrude Stein says. Here. Shake.“ (Die Nummerierung gibt grob die Reihenfolge wieder, in der die Fragmente aus der Kiste gefallen sind. Aber man kann die Kiste natürlich weiter schütteln. ‚Glaub mir, mit Fleisch und mir selbst kenne ich mich aus“, sagt Gertrude Stein. Hier. Schüttel.)

Wirklich los geht es mit der Autobiographie von Rot im Buch gleichen Namens erst auf S. 30 (englische Taschenbuchausgabe). Oder haben wir die in freien Versen geschriebene Geschichte vom Erwachsenwerden des Amerikaners Geryon, der sich in den gutaussehenden Drifter Herakles verliebt, nicht eben gerade schon gelesen? Nur viel kürzer? Und in einer extrem tragischen Version? Zirka 2.500 Jahre her? Oder ist diese Autobiography of Red Carsons Vorschlag, wie die  Geryoneis zu lesen sei: eine kreative Rekonstruktion, die ihre Entstehung innerhalb eines ästhetischen und historischen Kontextes, der denkbar weit weg von den Bedingungen ist, in denen Stesichoros seinen Text geschrieben hat, offensiv ausstellt, während akademisch-philologische Ausgaben ihre Version der Geschichte als Übersetzung bezeichnen und bei Metrik, Lexik und Stil peinlich darauf achten, nicht zu modern zu klingen. 

Ist Anne Carsons Werk also doch die Avantgarde des Greek Mythology Retellings, mit dem Miller, Haynes und andere erfolgreich sind? Viele Autor*innen dieses Genres haben Klassische Philologie und Alte Geschichte studiert und unterrichtet, wie Anne Carson auch. Den Blick auf antike Mythen und Gestalten von den Verzerrungen der patriarchalen Überlieferungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zu befreien, vor allem auf die weiblichen und queeren Figuren – in dieser Perspektive kann man auch Anne Carsons Werk lesen. Dass ihre Retellings von Sapphos Dichterinnentum, von Geryons Konfrontation mit Herakles oder von Antigones Angriff auf die staatliche Ordnung Geschichten in unsere Gegenwart reißen, die sonst als Denkmäler ihrer selbst im weitgehend ungelesenen Kanon der Weltliteratur vor sich hin dämmern, hat Carson tatsächlich mit Miller und sogar mit Rick Riordan gemeinsam. Der wesentliche Unterschied: In Carsons mythologischen Retellings kommen die Überlieferungsgeschichte und das, was sie den Texten auch materiell angetan hat, mit in die Gegenwart. Gut 120 Seiten relativ geschlossener erzählerischer Text, wie in Autobiography of Red, sind im Werk Carsons eher eine Ausnahme. Ihre Texte ähneln auch auf der Ebene der einzelnen Seite eher einem Versuch, einen Haufen Notizzettel, lose Blätter, rausgerissene Buchseiten, Tagebuchblätter, Papierfetzen, auf denen jeweils alles mögliche steht – ein einzelnes Wort, Satzfetzen, Gedichtzeilen, Listen, längere Prosa-Passagen – so anzuordnen, dass man daraus einen Sinn herauslesen kann. Zumindest über eine gewisse Strecke. Dann bricht das Ganze zusammen oder setzt wieder neu an. Das kommt ganz auf die Perspektive der Lesenden an.

Carson beschränkt sich dabei nicht auf antike Papyri und die Themen der Klassischen Philologie: Das verlorene Archiv, das Carson seit Der bittersüße Eros von 1986 immer wieder neu zusammenstückt, ist so ziemlich die komplette (vorwiegend) westliche Kulturgeschichte, soweit sie Carson selbst sprachlich zugänglich ist. Dazu gehören Rosalía, Marilyn Monroe, Stevie Nicks, H. G. Wells oder Zeitungsberichte über Massen-Femizide genauso wie Sappho, Proust, Kafka, Wittgenstein, Sophokles und, natürlich, Homer. Sich auch solche hyper-kanonischen Texte und Figuren als Material anzueignen, sie als Textfetzen auf der Suche nach Kontext und Sinn zu lesen, und sich gleichzeitig als virtuoser Kenner abgelegener Texte und apokrypher Autoren zu präsentieren, das war etwas, das die westliche Kultur lange nur Männern zugeschrieben hat. Die Poeta Docta war, wenn überhaupt denkbar, eine Aberration der Natur (Sappho!), ein Monster, und ist es für sehr viele Männer immer noch. Das zeigen die Reaktionen auf Emily Wilsons Homer-Übersetzungen oder auch die Angriffe auf die Althistorikerin Mary Beard, deren Bücher über das Imperium Romanum regelmäßig Bestseller werden.

Ungeheuerliche Gelehrsamkeit

Aber selbst die obligatorischen Lobeshymnen, die in den Feuilletons anlässlich ihres Literaturnobelpreises auf Carson veröffentlicht worden sind, können sich nicht ganz vom Grusel vor gelehrten Autorinnen frei machen: Verweise auf ihre eminente Bildung, von der man sich als Leserin aber nicht abschrecken lassen sollte, sind obligatorisch. Und auch dem Adjektiv „bold“, das sich in der englischsprachigen Kritik mittlerweile als die Kurzbeschreibung von Carson als Autorin oder ihres Schreibens etabliert hat, kann man noch die Herkunft aus der Semantik der „starken Frau“ ablesen, eine Semantik, in der weiblicher Eigensinn und Sichtbarkeit als kulturelle Singularität markiert werden. Als bedürfe es besonderen Mutes und besonderer Stärke, in den Ruinen der viel befeierten, aber kaum gelesenen Texte des Kanons aktiv zu arbeiten.

Natürlich ist an diesen Einordnungen des Schreibens Anne Carsons auch etwas dran. Immerhin ist sie erst die 19. Frau, die den Literaturnobelpreis erhalten hat. Sie war die erste Frau, die den T. S. Eliot Prize erhalten hat (2001!). Sie ist erst die siebte Frau, die den Prinzessin-von-Asturien-Preis bekommen hat. Was aber alles sehr viel weniger über Anne Carson sagt, als über eine Literaturwelt, in der Schreiben immer noch eng mit einer männlich codierten Performanz von Autorschaft und Bedeutsamkeit verknüpft ist. Ein Konzept von Autorschaft, dem sich Anne Carson in ihrer Art des Schreibens als Übertragen von Metaphern und Zeichen in andere Metaphern und Zeichen, als Weiterschreiben, als Kommentieren, als Emendieren, als Collagieren zu entziehen versucht, soweit das im herrschenden Paradigma von Autor- und Urheberschaft eben geht. Die Schwedische Akademie bezeichnet diese Art des Schreibens (und des Lesens) in ihrer Begründung für die Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2026 nicht nur als „bold and inventive“, sondern auch als „playful“. Und so wie griechische Tragödien und eigentlich auch Sprache selbst Spiele sind, die die Spielenden immer wieder neu hervorbringen und verschlingen, so schreibt Anne Carson.

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Foto von Spencer Davis

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