Hass macht Spaß – Über das Misogynist Slop Ecosystem

von Veronika Kracher

CN: Sexualisierte Gewalt

Es macht Spaß, sich kollektiv an Frauen (und generell geschlechtsmarginalisierten Menschen) abzuarbeiten. Es macht Spaß, jede Transgression, jeden Fehler, den eine Frau begeht, genüsslich und in aller Öffentlichkeit zu zerreißen – vor allem, wenn es sich um berühmte, attraktive, populäre Frauen handelt. Und das beschränkt sich nicht auf den digitalen Raum, sondern prägt die gesamte Kulturindustrie und insbesondere die Boulevard-Berichterstattung im patriarchalen Kapitalismus. Vor allem, wenn diese Frauen daran scheitern, patriarchalen Anforderungen an Weiblichkeit zu entsprechen – also: zu fett, zu dünn, zu faltig, zu operiert, zu sexy, zu frigide, zu selbstbewusst, zu zurückhaltend, zu dümmlich, zu intellektuell, zu mädchenhaft oder zu burschikos, lesbisch, trans oder intergeschlechtlich sind. Was die Transgression ist, entscheidet der patriarchale Mob. Misogynie ist immer eine korrektive Gewalt, also sowohl ein Akt der Bestrafung, als auch als Warnung an andere Frauen oder Menschen, die von den Verhältnissen zu solchen gemacht werden: halte lieber die Füße still und pass‘ dich an, oder du bist die nächste. Die gesellschaftliche Bewertung von Frauen ist immer an Doppelstandards und Anspruchshaltungen gekoppelt. Und ja, auch andere Frauen können misogyn sein.

Meistens ist die Transgression etwas in der Richtung von: eine Frau/Lesbe/transfeminine Person macht etwas, was ich doof finde. Sie ist nicht unterwürfig. Sie lächelt nicht. Sie widerspricht mir. Sie setzt Grenzen. Sie ist nicht für mich verfügbar. Wie die Philosophin Kate Manne in „Down Girl – Die Logik der Misogynie“ (Suhrkamp 2020) ausführt, ist die gesellschaftliche Erwartungshaltung an Frauen sowohl, „weiblich codierte Güter“ wie Aufmerksamkeit, Fürsorge, Reproduktionsarbeit und Sex zur Verfügung zu stellen, als auch darauf zu verzichten, „männlich codierte Güter“ wie Öffentlichkeit, Anerkennung, politische Teilhabe oder auch die Abwesenheit von auf Doppelstandards basierenden Verurteilungen (beispielsweise Slutshaming, noch immer ist selbstbestimmte weibliche oder queere Sexualität gesellschaftlich stigmatisiert) einzufordern.

Die Sanktion von Fehlleistungen bei Frauen als Spektakel zu gestalten, ist ein etabliertes Instrument patriarchaler Herrschaft. Beispiele sind: Hexenprozesse, der mittelalterliche Pranger oder der „Schandstein”, die Guillotine (die nicht nur den Adel, sondern später auch Abweichler*innen aus den Reihen der Jakobiner selbst traf, darunter die Frauenrechtlerin Olympe de Gouge) oder die „Prangerumzüge“ im Nationalsozialismus, bei denen Jüdinnen*Juden oder politische Gegner*innen öffentlich als Feind*innen des Volkskörpers gebrandmarkt und vorgeführt wurden. Im Kolonialismus war es eine etablierte Praxis, Schwarze Menschen als das exotische „Andere” in Museen und Menschenzoos auszustellen. Dies hatte auch immer eine geschlechtsspezifische Komponente, in der Kolonialrassismus und Misogynie eng verwoben sind.  Ein besonders drastisches Beispiel ist das Leben der Khoikhoi Sarah Baartman, die aufgrund ihres ausgeprägten Hinterteils (Resultat eines Fettsteiß) von ihrer Jugend bis zu selbst nach ihrem Tod begafft und bewertet wurde. Schwarze Frauen sind bis heute mit den Zuschreibungen von Hypersexualisierung, Wildheit, Triebhaftigkeit etc. konfrontiert, Schwarzen Mädchen wird jene jugendliche Unschuld abgesprochen, die als Tugend und Merkmal weißer Mädchen gilt. Dies hat konkrete Auswirkungen: Schwarze Frauen erfahren beispielsweise seltener Anerkennung und Gerechtigkeit, wenn sie Sexualdelikte bei der Polizei melden (gegen Schwarze Frauen gerichtete Misogynie wird als „Misogynoir“ bezeichnet).

Wenn die Bestrafung von einem geschlossenen Raum wie einem Gefängnis an die Öffentlichkeit gezerrt wird, lädt dies alle braven Staatsbürger*innen dazu ein, ihr beizuwohnen und sich aktiv an der Beschämung des Ziels der Strafe zu beteiligen. Der Aspekt des Spektakels wird hier zu einem Mechanismus sozialer Kontrolle.

Auf den Pranger folgte das Boulevard-Magazin. Vor allem ab den Neunziger und Nuller Jahren überschlugen sich Klatschblätter mit reißerischen Nachrichten über das Gewicht und Liebesleben von geschlechtsmarginalisierten Menschen in der Öffentlichkeit. Dies war nie von Akzeptanz oder Wohlwollen, sondern immer von Häme und Missgunst geprägt. Kate Winslet? Zu fett. Courtney Love?  Keine trauernde Witwe, sondern Mörderin ihres Ehemannes. Lady Diana? Psychisch krankes Flittchen, dass das Ansehen der Royal Family zerstört. Britney Spears? Zu sexy, nicht sexy genug, eine schlechte Mutter, zu fett, komplett wahnsinnig. Monica Lewinksy? Eine Schlampe. Janet Jackson? Eine Punchline. Paris Hilton? Selbst Schuld an dem Sextape, das ohne ihren Konsens veröffentlicht wurde. Lana Kaiser (die damals noch unter ihrem Deadname bei „Deutschland sucht den Superstar“ auftrat)? Ein lächerlicher „Paradiesvogel“. Dies ist nur ein Bruchteil derjenigen, die von gehässigen Autor*innen und deren begeisterten Lesenden in psychische Krankheiten, Essstörungen oder das Ende ihrer Karriere gemobbt wurden. Fernsehformate wie die  von Howard Stern moderierte Sendung „Butterface“, in denen Frauen mit normschönen Körpern, aber vermeintlich unattraktiven Gesichtern bewertet  wurden, ergänzten die Normalität frauenverachtender Demütigung.

Heute muss keine Frau mehr in Menschenzoos oder am Pranger mehr ausgestellt werden. Heute sind es nicht nur professionelle Paparazzi, die über scheiternde Frauen schreiben, auf dass wir dies goutieren können. Heute haben wir das Panoptikon des digitalen Raums, an dem sich wirklich jeder missgünstige Macker, jede Steigbügelhaltern des Patriarchats beteiligen kann. Heute haben wir das „Misogyny Slop Ecosystem”.

Der Begriff stammt von der YouTuberin Ophie Dokie und wurde  von der Kulturwissenschaftlerin Taylor Lorenz popularisiert. Er beschreibt eine digitale Kultur, in der wirklich jeder sich reichweitenstarke Accounts oder gar lukrative Karrieren darauf aufbauen kann, Frauen und genderqueere Menschen öffentlich zu demütigen. Dies trifft sowohl berühmte, als auch zunehmend ganz normale Frauen, die auch nur irgendwie öffentlich sichtbar sind.

Die beispiellose Hasskampagne gegen Amber Heard ist meines Erachtens das, was das Konzept „Misogyny Slop Ecosystem” erst so richtig ins Rollen gebracht hat. Auch bereits vor diesem Fall gab es eine ganze Reihe an YouTubern, die antifeministischen Empörung, die Abwertung von Frauen und den Kampf gegen „Wokeness” zu ihrem Geschäftsmodell gemacht hatten. Seinen Ursprung hat dieser antifeministische Kulturkampf in der misogynen „Gamergate“-Kampagne, die sich vor allem gegen Frauen und nichtbinäre Menschen in der Gaming-Szene richtete. Eines der primären Ziele war die Kulturwissenschaftlerin und Videoessayistin Anita Sarkeesian, die sich in ihrer Reihe „Tropes vs. Women“ mit Sexismus in Videospielen und der Spiele-Industrie auseinandersetzte. Auf jedes ihrer Videos reagierten empörte, antifeministische Gamer mit langen und tendenziösen Repliken. In den Thumbnails: misogyne und auch oft antisemitische Karikaturen von Sarkeesian als hysterische Feministin oder raffgierige Jüdin. Die Macher konnten sich sicher sein, dass jedes dieser Videos zehntausende Aufrufe erhielt. Einige der profiliertesten Gamergater (Männer mit kreativen Namen wie „The Quartering“, „Count Dankula“, „Critical Drinker“ oder „Sargon of Akkad“) konnten sich aus ihrem misogynen Hass und antifeministischen Kulturkampf-Narrativen von „Feministinnen, die euch eure Videospiele wegnehmen und zwanghaft diversifizieren wollen“ bis heute andauernde, lukrative Karrieren aufbauen und den Diskurs über Spielekultur nachhaltig beeinflussen.

Community-basierte Plattformen wie Reddit, das Imageboard 4chan, oder das vor allem gegen Feminist*innen, trans und neurodiverse Menschen gerichtete Troll-Forum Kiwi Farms trugen ihren Teil dazu bei, die Ziele von Gamergate systematisch anzugreifen und zu diffamieren. Integraler Bestandteil der Gewalt gegen die Betroffenen von Gamergate war geschlechtsspezifische Demütigung: Vergewaltigungsandrohungen, die Veröffentlichung gefälschter Nacktbilder, Slutshaming, etc. Ein besonders eifriger Gamergater verfasste sogar eine bis heute auf Amazon erhältliche Kurzgeschichte, in der eine feministische Spieleentwicklerin Opfer einer Gruppenvergewaltigung wird. Gamergate zeigte deutlich auf, wie viele Männer bereit waren, ihrem Frauenhass unter dem Deckmantel der Verteidigung ihres „Hobbys“ derart ungehemmten Lauf zu lassen.

Vor allem etablierten sie das Konzept der „memetischen Kriegsführung“ – die Demütigung des Feindbildes durch Memes. Auch dies ist immer wieder geschlechtsspezifisch konnotiert, beispielsweise in Form des „Triggered Feminist“-Memes. Gamergate ging nahtlos in die Alt Right-Bewegung und somit den Wahlkampf und die Politik von Donald Trump über. Trumps damaliger Chef-Stratege Steve Bannon implementierte auch das bei Gamergate etablierte Diffamierungskonzept „Flooding the Zone with Shit“ in die US-amerikanische Kultur, also: mit so viel Falschbehauptungen über das Feindbild um sich werfen, bis irgendwas kleben bleibt. Bis heute sind diese von rechten Trollen etablierte Techniken fester Bestandteil des Trumpismus – der offizielle X-Account des Weißen Hauses und anderer US-Behörden täglich unter Beweis stellt, wenn sie sich über Abschiebungen oder die Opfer der faschistischen Schlägerbande ICE lustig machen. Persönliche Angriffe gegen Demokratische Politiker*innen wie Nancy Pelosi oder Alexandra Orcasio-Cortez zählen für Mitglieder der Republikanischen Partei und deren News-Plattformen wie „The Daily Wire“ zum alltäglichen politischen Umgang.

Die Demütigung diskriminierter Menschen bringt viel zu viel Geld ein, um es sein zu lassen, und außerdem muss die Welt ja vor der feministischen Agenda geschützt werden. Akteure des antifeministischen Kulturkampfes fanden immer wieder neue Ziele, an denen sie und ihr Publikum ihre misogynen (rassistischen, dickenfeindlichen, ableistischen, antisemitischen, queerfeindlichen) Ressentiments auslassen konnten. Brie Larson als Captain Marvel, die zu wenig lächelt; Daisy Ridley und Kelly Marie-Tran, die Star Wars ruinieren; Leslie Jones, die Ghost Busters ganz besonders ruiniert; jedes Videospiel, in dem ein Charakter irgendwie divers war – all das wurde mit ungezählten YouTube-Videos oder Social Media-Postings beantwortet. Besonders eifrige Gamer entwickelten sogar Mods (also von Community-Mitgliedern programmierte Veränderungen eines bereits erschienenen Videospiels), um diese unliebsamen Figuren aus ihren Games zu entfernen oder töten zu können.

Dieser Hass muss nicht einmal an einen politischen Kulturkampf gekoppelt sein, sondern richtet sich stellenweise auch nur gegen unliebsame Fernsehcharaktere. Wie Johannes Franzen in seinem Buch „Wut und Wertung“ ausführt, löste der Charakter von Skylar White in der Serie „Breaking Bad“ so viel Hass aus, dass sogar die Schauspielerin Anna Gunn Morddrohungen erhielt.

Bis 2022 war diese systematische Abwertung von Frauen und Queers primär Teil eines von reaktionären Nerds und politischen AkteurInnen betriebenen Kulturkampfes, der an Anna Normalverbraucherin weitestgehend vorbei ging. Dann aber kam die in Virginia, Fairfax durchgeführte und ausgestrahlte juristische  Auseinandersetzung zwischen dem Schauspieler Johnny Depp und seiner Exfrau, der Schauspielerin und Aktivistin Amber Heard. Dass der Prozess öffentlich ausgestrahlt wurde, obwohl es letztendlich um das extrem intime Thema der häuslichen Gewalt ging, war eine gezielte Strategie von Depp und seines PR-Teams. Nicht nur konnte Depp den Prozess zur Selbstinszenierung nutzen, sondern in einen öffentlichen Schauprozess verwandeln, der von einer beispiellosen misogynen Schmierenkampagne begleitet wurde.

Es war ein Spektakel, an dem sich die ganze Welt beteiligen konnte: antifeministische Alpha-Männer, rechte YouTuber, die von Depps ehemaligem Anwalt Adam Waldmann mit geleaktem Material versorgt wurden, das sie zur Diffamierung von Heard nutzten (dies wird ausführlich in dem Podcast „Who trolled Amber“ dokumentiert); TikTok-Influencer*innen, die Szenen aus dem Gerichtssaal nachspielten; Streamer*innen, die den Prozess hämisch kommentierten; selbsternannte „Körpersprache-Expert*innen“, die glaubten, Heard der Lüge überführen oder ihr diverse psychische Störungen attestieren zu können. YouTube-Videos mit Titeln wie „Amber Heard PWNED on the stand!“ oder „10 Epic Johnny Depp WINS“ dominierten über Wochen den Algorhitmus, und selbst ganz gewöhnliche Meme- oder Unterhaltungsseiten posteten Memes, die sich darüber lustig machten,  dass Heard dazu gezwungen war, vor den Augen der Welt die ihr zugefügte Gewalt rekapitulieren zu müssen. Deepfakes mit Heard in sexuellen Posen fanden sich nicht nur auf dem Imageboard 4chan, sondern auch auf Twitter.

Reddit-Postings gegen Heard verzeichneten Upvotes im fünfstelligen Bereich, auf Twitter trendeten Hashtags wie #AmberTurd oder #AmberHeardIsALiar. Hier spielt auch, wie das Unternehmen Bot Sentinel aufgedeckt hat, eine gezielte Medien-Manipulation durch  Bots und Trolle eine nicht zu unterschätzende Rolle. Gleichzeitig motivierten die Bot-Kommentare gegen Heard aber auch real existente User*innen, ihrem Frauenhass gegen die Schauspielerin freien Lauf zu lassen. Ein Aspekt ist auch die Obsession, die Depps über Jahrzehnte kuratierte Fan-Basis mit ihrem Idol an den Tag legt. Ganz normale, freundliche Damen überschlugen sich auf Sozialen Medien damit, Heards Gewalterfahrungen zu verhöhnen und sie als Lügnerin zu brandmarken. Dabei griffen sie tief in die Argumentationskiste etablierter Rape Culture-Mythen und verbreiteten das von Depps Team etablierte Narrativ, Heard hätte von Beginn der Beziehung an geplant, ihren Ex-Mann als Täter zu diffamieren und sich beispielsweise blaue Flecken mit Make-Up aufgemalt. Damit verbreiteten sie die gleiche Erzählung wie „The Daily  Wire“, „Breitbart“, „Compact“ oder „Tichys Einblick“ – rechte News-Outlets, die Depp als einen von vielen unschuldigen Männern verteidigten, die Opfer von #MeToo und falschen Vergewaltigungsanschuldigungen geworden seien. Selbst die Republikanische Partei ließ es sich nicht nehmen, Depp nach der Urteilsverkündung des Prozesses zu gratulieren.

Auch zahlreiche Unternehmen profitierten von der gesellschaftlichen Omnipräsenz dieses Frauenhasses. Auf den Plattformen Etsy und Redbubble konnten Käufer*innen Sticker, Tassen und Couchkissen mit dem verzerrten Gesicht Amber Heards erwerben. Konzerne wie Lidl, Duolingo und Milani schalteten Werbung mit Referenzen auf den Prozess und misogyn memefizierte Momente. Stripclubs luden auf ihren Werbeschildern Amber Heard dazu ein, sich bei ihnen zu bewerben, um die Gerichtskosten bezahlen zu können. Es gab Malbücher und Handy-Spiele, die Heard verhöhnten. Und das Sextoy-Unternehmen „Twisted Fantasys“ produzierte einen Dildo, angelehnt an die Whiskeyflasche, mit der Heard Depp vergewaltigt hatte. Der Werbetext lautet wie folgt: „Reach a new Depp-th with the Amber’s Mark Liquor Bottle Dildo. Designed with a solid base and a girthy shaft with textured drips for extra pleasure! #justiceforjohnnydepp #justiceforjohnny #amberheard #johnnydepp“

Kurz – im Sommer 2022 waren sich Männerrechtler, Influencer*innen, Depp-Fans und der Großteil des Internets einig, dass es komplett normal ist, sich über ein Opfer häuslicher Gewalt lustig zu machen. Die öffentliche Demütigung von Frauen war wieder en vogue. Und Heard hat diesen Hass ja wohl verdient, schließlich hat sie es gewagt zu insinuieren, dass ein versoffener Piratenkapitän ein häuslicher Gewalttäter ist.

Auch wenn die Kampagne gegen Heard den wohl drastischste Fall des frauenverachtenden Social Media-Prangers darstellt, ist er gewiss nicht der einzige. Das misogyne Strafbedürfnis sucht sich immer wieder neue Ziele. Nach Amber Heard waren es vor allem die Herzogin von Sussex Meghan Markle, die es gewagt hatte den Rassismus der Britischen Königsfamilie zu thematisieren, die Schauspielerin Evan Rachel Wood, die den Missbrauch durch ihren Ex-Mann (und Johnny Depps besten Freund) Marylin Manson öffentlich machte, oder die Schauspielerin Blake Lively, die über die sexuelle Belästigung durch ihren Co-Star Justin Baldoni sprach (der übrigens das gleiche PR-Team anheuerte wie Johnny Depp). Dass es sich hier um Frauen mit großer Öffentlichkeit und Reichweite handelt, die gesellschaftliche Ungleichwertigkeit thematisieren, ist kein Zufall.

Die Angriffe gegen diese Frauen waren immer mit koordinierten Hass-Kampagnen verbunden – die jedoch reguläre Social Media-Nutzer*innen dazu einluden, ihrem gesellschaftlich vermittelten Frauenhass und ihrer Lust nach der Sanktion unbotmäßiger Weiber, die es wagen Rassismus oder sexuelle Gewalt anzuprangern, freien Lauf zu lassen.

Inzwischen müssen Frauen nicht einmal mehr berühmt sein, um öffentlich gedemütigt zu werden, es reicht, wenn sie über eine minimale Öffentlichkeit verfügen. Es braucht auch keine ideologische Legitimation mehr, wie sie bei Gamergate noch vorgeschoben wurde. Es reicht, dass die Betroffenen existieren. Die von dem Erfolg von Adrew Tate inspirierte Redpill-Influencer und Hosts des Podcasts „Fresh and Fit“, Myron Gaines und Walter Weekes haben aus öffentlicher misogyner Demütigung fast schon ein Ritual gemacht. Unter dem Vorwand einer „Diskussion“ laden sie regelmäßig Frauen – vor allem Models, Influencerinnen und auf der Plattform OnlyFans tätige Sexarbeiterinnen – ein, um mit ihnen über Dating und das Geschlechterverhältnis zu diskutieren. Konkret artikulieren sich diese Gespräche in dem Versuch, die Gästinnen durch das Inszenieren von Gotcha-Momenten und Slutshaming vorzuführen. So werden die Interview-Partnerinnen des Podcasts direkt nach ihrem „Bodycount“, also der Anzahl ihrer Sexualpartner*innen befragt – was die Zuschauer implizit dazu einlädt, diese Frauen in den Kommentaren zu verurteilen.

Gaines und Weekes sind nur zwei Männer aus einem riesigen Netzwerk von Influencern, die im Fahrwasser von Tate, der wegen Vergewaltig und Menschenhandel vor Gericht steht,  schwimmen, und mit der Normalisierung von Antifeminismus und Alpha-Männlichkeit Millionen an jungen Männern radikalisieren. Gerade auf TikTok finden sich ungezählte Accounts aufstrebender Influencer, die versuchen, durch ähnliche Formate Reichweite zu generieren. Populär und mit wenig Anstrengung verbunden ist etwa das Format der Straßenbefragung, bei dem die Content Creator Frauen auf ihr Sexleben oder ihre Dating-Präferenzen ansprechen, um sie anschließend dafür zu verurteilen und misogyne Ressentiments zu schüren.

Seit der Machtübernahme des geschiedensten Mannes der Welt, Elon Musk, ist die Plattform X zu einem besonders brutalen Schauplatz für die Verfolgung von Frauen und trans Menschen geworden. Zahlreiche Accounts haben keine anderen Inhalte, als ihnen unliebsame Einzelpersonen zu markieren und somit ihrem Publikum, das nur darauf wartet, seinen Hass ausleben zu können, vorzuwerfen. Als zum Beispiel die Literaturwissenschaftlerin Dr. Ally Louks stolz ein Foto mit ihrer Dissertation „Olfactory Ethics. The politics of smell in modern and contemporary prose“ postete, wurde dies umgehend von zahlreichen rechten Acccounts aufgegriffen und geteilt, ihr Tenor war: schaut mal, was diese linksintellektuelle Geisteswissenschaftlerin für einen Blödsinn macht, anstatt Kinder zu bekommen. Louks erhielt in tausenden Kommentaren und Quote-Tweets, zudem in E-Mails, Beleidigungen und Vergewaltigungsandrohungen. Ihre intellektuelle Arbeit wurde abgewertet und ihr Erfolg lächerlich gemacht.

Exemplarisch für diese Atmosphäre des Misogynist Slop Ecosystem steht der Account @Women PostingLs. „L“ steht für „Loss“, also ihr Versagen. Der Betreiber, ein selbstbezeichneter „Trendsetter, Visionary, Professional Retard“, der sich nebenbei für YouTube beim Betrinken filmt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Welt zu zeigen, wie verkommen Weibsbilder sind. Dazu postet er regelmäßig Bilder oder Videos von Frauen und gendernonkonformen Menschen, die es zum Beispiel wagen, trans zu sein, linskpolitische Arbeit zu machen, ihre Kinder alleine zu erziehen, sexuelle Dienstleistungen anzubieten oder schlicht nicht seinen Schönheitsstandards zu entsprechen. Dies ist nicht nur eine Aufforderung an seine Follower, sich in den Kommentaren kollektiv über diese Frauen zu echauffieren, sondern auch, sie direkt zu kontaktieren und anzugreifen. In eine ähnliche Kerbe schlägt der transfeindliche Account @LibsOfTikTok, dessen Betreiberin sich selbst stolz als „stochastische Terroristin“ bezeichnet, da ihre Feindmarkierung von trans Menschen regelmäßig in konkrete Gewalt umschlägt.

(Trans)Misogyner Gewalt wohnt immer ein Bonding-Moment inne, und kaum etwas hat dies in den letzten Wochen so drastisch gezeigt wie die von Männern durchgeführte bildbasierte sexuelle Gewalt mittels der X-KI Grok. Über Wochen haben Männer Grok genutzt, um Bilder von Frauen und Mädchen in sexuelles Material umzuwandeln. Sie nutzten die KI, um die Betroffenen auszuziehen, ihre Gesichter mit Sperma-Spuren zu bedecken, sie mit Würgemalen und blauen Flecken zu versehen. Selbst vor der von ICE ermordeten Renée Good machten diese Täter nicht Halt. Es ist ja nicht so, als würde es nicht ungezählte Terrabyte an Bildern von Videos von nackten Frauen im Internet geben. Dies ist für die Nutzer von Grok jedoch uninteressant. Es geht ihnen um den Übergriff als solchen: Frauen gegen deren Willen zu sexualisieren und somit zu demütigen. Die KI-generierten Nacktbilder von Taylor Swift, die X im Januar 2024 überschwemmt hatten, erwiesen sich also nur als der Anfang der Entwicklung, die aus The Platform formerly known as Twitter den Sumpf, gemacht hat, der sie heute ist. Es ist eine Plattform, auf der Menschenfeindlichkeit, und gerade Frauen- und Queerfeindlichkeit nicht nur zum guten Ton gehört, sondern deren fundamentaler Bestandteil ist. Nach einer Welle der Kritik wurde die Funktion übrigens nicht abgeschafft, sondern nur verifizierten Accounts zur Verfügung gestellt. Also: Frauen demütigen ist weiterhin möglich, aber gegen Geld.

Ich arbeite seit 2015 zu dem Themenfeld der digitalen Misogynie. Was sich vor einigen Jahren primär auf Incel-Foren finden ließ, ist heute im digitalen Raum omnipräsent. Plattformen wie Meta, X, YouTube oder TikTok haben auch wenig Interesse, gegen diese Inhalte vorzugehen, schließlich generieren sie Traffic und somit Geld. Der im Internet so offen zur Schau gestellte Hass auf alle Menschen, die keine ablebodied cis Männer sind, ist hierbei Spiegel der analogen Verhältnisse und des globalen antifeministischen Backlash. Nachdem der Incel und Neonazi Nick Fuentes nach der zweiten Wahl Donald Trumps voller Häme in seinem Stream die Worte „Your Body, My Choice, Forever“ geschrien hatte, avancierte dies nicht nur zu einem Meme – es ist der konkrete Ausdruck der aktuellen Geschlechterpolitik der USA. Dass wir gesellschaftlich an diesem Punkt angelangt sind, ist darin verortet, dass reaktionäre AkteurInnen gezielt die politisch und kulturell seit Jahrhunderten verankerte Lust, misogyne Strafbedürfnisse im Spektakel auszuleben, erfolgreich in einen antifeministischen Kulturkampf überführt haben. Die Kampagne gegen Amber Heard war hierbei eine Zäsur. Sie hat der gesellschaftlichen Akzeptanz offen ausgelebter misogyner Demütigung Tür und Tor geöffnet. Und wir haben immer noch zu wenig  daraus gelernt, wie auch nur ein kurzer Blick auf X, Instagram, YouTube, Reddit oder TikTok zeigt. Frauen und Queers für ihre Existenz zu sanktionieren ist einfach zu befriedigend, um wirklich damit aufzuhören zu wollen.

Veronika Kracher ist Journalistin und Autorin. Am 26.02.2026 erscheint ihr Buch „Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen“ im Verbrecher Verlag.

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Foto von Nova Brodhead auf Unsplash

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