Rostock-Lichtenhagen ist Teil der deutschen Erinnerungskultur geworden. Fünf Tage lang, vom 22. bis zum 26. August 1992, tobten dort rassistische Ausschreitungen eines entfesselten Mobs gegen vietnamesische Vertragsarbeiter und geflüchtete rumänische Roma, die vor und in einem Plattenbau aus DDR-Zeiten Zuflucht gefunden hatten. Im Zuge dieser mehrtägigen Angriffe, die von hunderten Neonazis verübt und tausenden Schaulustigen aus Rostock bejubelt worden waren, geriet das bewohnte Haus in Brand und etwa 35 Menschen wurden verletzt.
Trotz einer heute wiedererstarkten gewaltbereiten rechtsradikalen Jugendkultur ruft dieses Ereignis fast 35 Jahre später häufig nur allgemeine Assoziationen von Gewalt und Neofaschismus im Ostdeutschland der sogenannten “Baseballschlägerjahre” der 1990er Jahre hervor. Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Matthias N. Lorenz setzt sich nicht nur mit dem Pogrom selbst, sondern auch dem öffentlichen Gedenken daran in seinem neuen, etwa 150-seitigen Buch Nachbilder. Rostock-Lichtenhagen und die blinden Flecken der Erinnerung (Schlaufen Verlag 2025) auseinander. Es beschäftigt sich unter anderem mit verschiedenen Pressefotos, die in der Berichterstattung über das Pogrom entstanden sind: Es besteht aus aufeinander folgenden und ineinander verschränkten Essays über diese Bilder, die von Lorenz nicht nur als Dokumente ihrer Entstehungszeit neu gelesen werden. Nachbilder geht es auch darum, wie die Fotos eine deutsche Erinnerung geprägt haben, die in Konflikt mit der Erinnerung der Betroffenen steht.
Ausgangspunkt des Buchs ist das weltweit bekannte Foto zweier Rostocker Neonazi-Sympathisanten, von denen einer am Ort des Anschlags von 1992 seinen Arm zum Hitlergruß hebt. Berühmt geworden ist dieses Bild, weil dieser Mann ein T-Shirt der deutschen Fußballnationalmannschaft trägt und seine Hose im Schritt sichtbar feucht ist, als habe er sich eingenässt. Lorenz unterzieht nicht lediglich das notorische Foto, sondern auch das Medienereignis um den mehrtägigen Pogrom herum einem kulturhistorisch informierten close reading. Dabei gelingt es ihm, lange Übersehenes aufzudecken.
Das Pressefoto des eingenässten Neonazis konnte im öffentlichen Diskurs der 1990er Jahre die Funktion erfüllen, Rechtsradikalismus als politische Einstellung von sozial abgehängten, alkoholischen Außenseitern zu karikieren. Um dieser Erzählung kritisch entgegenzuwirken, stellt Lorenz dem bekannten Foto ein weiteres, fast zeitgleich entstandenes Bild desselben Neonazis aus einer anderen Bildperspektive gegenüber. Dieses andere Foto zeigt, warum eines der beiden Bilder ikonischen Status in der Öffentlichkeit erlangen konnte, das andere aber nicht.
Es geht Lorenz also darum, über die politische Indienstnahme von Fotografie und darin ausgedrückter Erzählungen zu schreiben. Das berühmte Bild, aufgenommen vom Pressefotografen Martin Langer, wirkt wie eine klischeehafte Repräsentation von rechten Sympathisanten aus der Unterschicht, von denen einer sich seines eigenen Handelns selbst nicht voll bewusst ist und der andere sich halb angewidert selbst wegdreht. Auf dem anderen Foto, aufgenommen von Jürgen Siegmann kurz vor Langer, blickt der Mann, der den Hitlergruß zeigt, jedoch direkt in die Kamera und der andere lacht höhnisch, als wüssten sie, was sie tun und wofür sie stehen.
Danach betrachtet Lorenz eine Panoramafotografie des Polizei- und Menschenauflaufs vor der Rostocker Asylunterkunft. Im Hintergrund des Bildes sind weitere Plattenbaugebiete von Rostock sichtbar. Für Lorenz hat diese Kulisse selbst Bedeutung. In der Wendezeit war die kleinbürgerliche Normalität der DDR-Plattensiedlungen unter Druck geraten und das örtliche Ressentiment richtete sich gegen Zuwanderung, letztlich aber auch gegen eine als überkommen empfundene räumliche Infrastruktur. So entstand in dieser Zeit die gefühlsgeladene Diskussion über die soziokulturelle “Entwurzelung” und Entfremdung der ostdeutschen Bevölkerung, die im kollektiven Rausch gemeinschaftlicher rechtsradikaler Gewalt jedoch ihren praktischen Gegenpol hatte. Mit dem Versuch, vermeintliche Normalität zu erhalten, ging die Normalisierung rechter Gewalt einher. Auf demselben Foto sieht man im Vordergrund die Würstchenbude “Happi Happi bei Api”, die sich neben dem brennenden Haus befand. Hier jubelten gewöhnliche Rostocker Anwohner der Nazigewalt zu, und die Neonazis versorgten sich mit frischen Mahlzeiten.
Es ist die Frage nach den Motiven und Überzeugungen der Tatbeteiligten und vermeintlich passiven Zuschauer, die die Auseinandersetzung mit “Rostock-Lichtenhagen” seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit bestimmt. Hinzugekommen ist in den letzten Jahren ein offeneres Sprechen über die eigenen Erinnerungen an die rechte Gewalt in den 1990er Jahren im Osten. Der aus Rostock stammende Soziologe Steffen Mau beschreibt in seinem Sachbuch Lütten Klein (2019), wie er in den Tagen des Pogroms im Jahr 1992 mit dem Fahrrad zur Asylunterkunft fuhr und auf angetrunkene Jugendliche und erregte Lichtenhagener traf, von denen einer versuchte, die Menge zu beruhigen. Der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer erzählt in einem Nachwort zu Nachbilder, wie er sich 1997 im sächsischen Jugendarrest eine Zelle mit einem jungen Neonazi geteilt hatte, der damit geprahlt hatte, selbst an den Ausschreitungen in Rostock beteiligt gewesen zu sein. Ausländerfeindliche Parolen gehörten zum Alltag.
Auf einem weiteren Pressefoto sieht man eine kauernde Frau und ihr Kind mit einer Tüte mit dem Werbeslogan “Jetzt können Sie einpacken”. Das Bild entstand ebenfalls während der Rostocker Ausschreitungen. Beide Personen auf dem Bild sind Roma. Anfang der 1990er Jahre wurde das Foto im Gegensatz zum Bild des eingenässten Neonazi-Täters kaum veröffentlicht. Wie das notorische Foto des Mannes mit dem Hitlergruß ist aber auch jenes Bild symbolisch vorbelastet, denn seinem Fotografen – diesmal Siegmann – ging es nicht darum, eine individuelle Geschichte der Opfer zu erzählen, sondern ohne Zustimmung der Abgelichteten ein symbolisch aufgeladenes Bild des Angriffs auf sie zu machen: “Jetzt können Sie einpacken”.
Im Zentrum von Nachbilder steht die Frage, wie sich Gewaltgeschichten ändern können, wenn sich die Erzählperspektiven dieser Geschichten verändern. Was erzählen die Opfer? Für den Essayband hat Lorenz eine Romni aus dem Foto interviewt. Anhand ihrer Erinnerungen zeigt sich, dass die Brandstiftungen in Rostock schon früher begannen als bislang gedacht. Lorenz zieht Parallelen zum “migrantischen Wissen” über den NSU, das vor der öffentlichen Selbstenttarnung der rechten Terrorgruppe bestanden hatte. In der Wendezeit waren jene Roma Ziel von Verfolgung in Deutschland und über verschiedene ehemalige Ostblockstaaten hinweg gewesen, was in der damaligen Berichterstattung kaum eine Rolle spielte. Die meisten der Roma von Rostock-Lichtenhagen mussten schon 1993 wieder nach Rumänien zurückkehren.
Lorenz erwähnt, wie es im Spiegel zur gleichen Zeit um obdachlose Roma in Frankfurt ging. Ein klischeebehaftetes Foto einer Bettlerin erschien als Teil des Essays “Anschwellender Bocksgesang” von Botho Strauß, einem Text, der inzwischen als ein konstitutives Dokument der intellektuellen Neuen Rechten nach der Wiedervereinigung gilt. Strauß dienten bettelnde Roma als Inbild von Würde – letztendlich aber nicht, um Mitleid mit ihnen oder Kritik an ihrer Behandlung in Deutschland auszudrücken, sondern um sie als romantisierte Kontrastfolie zu seinem konsumorientierten deutschen “Landsmann” zu setzen, dem im liberalen Pluralismus das rechte Maß und der Nationalsinn abhanden gekommen wäre.
Bei solchen Querverweisen fühlt man sich an heutige Debatten um Rechtspopulismus, den Osten und den Status von Migranten im Westen erinnert. Denn so wie die besprochenen Fotografien vor dem historischen Hintergrund der 1990er Jahre entstanden sind, erscheint der Essayband in einem eigenen, gegenwärtigen politischen Kontext. Bezüge zu gegenwärtigen Debatten bleiben bei Lorenz allerdings eher angedeutet: Etwa die Frage, in welchem Entwicklungsverhältnis die von ihm beschriebene Zeit zum Aufstieg der AfD im Osten steht, wie sie von verschiedenen neuen Romanen von Nachwendeautor:innen aufgeworfen wird.
Gerade vor dem Hintergrund dieser kontroversen aktuellen Diskussionen stellt das Buch eher implizit als explizit, und mithilfe kulturhistorischer Techniken, also der sachlichen Rekonstruktion von Narrativen und Diskursen aus den 1990er Jahren, die Erzählung einer vom Nationalsozialismus geläuterten gesamtdeutschen Öffentlichkeit in Frage. Ohne die eine oder die andere “Seite” jeweils zu relativieren, spielten nach Lorenz verschiedene Teile der west- und ostdeutschen Gesellschaften eine spezifische Rolle in der Wiederbelebung eines rassistischen deutschen Nationalismus. So diente gerade die Fotografie des hässlichen, alkoholkranken Neonazis der Stabilisierung einer Erzählung von Rassismus als einem isolierten Problem der ostdeutschen Arbeiterschicht. In einem Kapitel erinnert der Essay an den nationalistischen Rausch der Wendejahre, der vielfach von westdeutschen Intellektuellen ausging. Lorenz zitiert ausführlich die notorische “Paulskirchenrede” von Martin Walser aus dem Jahr 1998, die etwa den Jubel aus der Rostocker Bevölkerung während des Pogroms von 1992 in Frage stellte. Damit verbunden schreibt der Essay nicht zuletzt auch eine gesamtdeutsche Kulturgeschichte der erinnerungspolitischen Umschreibung rechter Gewaltgeschichten.
Ebenso beschreibt das Buch den zeitgenössischen Protest gegen diesen bundesrepublikanischen Mainstream der 1990er Jahre, der heute vielfach aus dem Blick geraten ist. So schreibt Lorenz über jüdische Aktivist:innen, die sich der Erzählung von einer überwundenen deutschen NS-Vergangenheit widersetzten und sich mit den neuen und neuerlichen Opfern rechter Gewalt in Deutschland solidarisierten. Dazu zieht er eine bekannte Fotografie des damaligen jüdischen Zentralratsvorsitzenden Ignatz Bubis heran, die ihn weinend am Tatort des Pogroms in Rostock zeigt. In einem anderen Buchabschnitt geht es anhand von Abbildungen um Varianten der Gedenkplakette, die an das Pogrom von Rostock erinnern, aber zum Streitobjekt städtischer Verwaltungen werden sollte und von Rechtsradikalen beschädigt wurde.
Nachbilder erscheint zu einer Zeit, die an manchen Stellen als “Kipppunkt” in der bundesrepublikanischen Zeitgeschichte charakterisiert worden ist: Eine Regierungsbeteiligung einer rechtsradikalen Partei ist inzwischen nicht nur in den ostdeutschen Bundesländern realistisch geworden. Das Buch ist Teil einer ganzen Reihe neuerer Texte, in denen die Nachwendejahre nicht zuerst als Ursprungszeit einer modernisierten liberalen Demokratie gedeutet werden, sondern als völkisch geprägte Vergangenheit in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gegenwart. Tatsächlich ist es die Gleichzeitigkeit und das latente Konkurrenzverhältnis zwischen solchen Erzählungen, durch die eben marginale Perspektiven kontinuierlich um Aufmerksamkeit kämpfen müssen. Dahingehend zeigt Nachbilder eindrücklich, wie kollektive Erinnerung immer an Macht geknüpft ist, das kulturelle Gedächtnis der Benachteiligten aber auch einen Speicher an kritischen und widerständigen Praktiken bietet.
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Foto von Cullan Smith auf Unsplash
