von Isabella Caldart
Dieser Text ist der Vorabdruck eines Kapitels aus dem Buch „Die Stadt, die sie schrieben: Autorinnen in New York City“ von Isabella Caldart, das am 17. September 2026 im AvivA Verlag erscheint.
Hierzulande werden die Anfänge des Investigativjournalismus in erster Linie mit Günter Wallraff assoziiert, der für sein Buch Ganz unten (1983) als sogenannter Gastarbeiter verkleidet unter anderem bei McDonald’s und Thyssen arbeitete und so die katastrophalen Arbeitsbedingungen, Menschenrechtsverletzungen und den Rassismus in diesen Betrieben aufdeckte. Sehr lange vor Wallraff aber, sogar fast genau hundert Jahre zuvor, erregte eine weibliche Journalistin mit einer viel gefährlicheren Investigativrecherche Aufsehen.
Im September 1887 wurde Nellie Bly gefragt, ob sie undercover ins »Irrenhaus« gehen würde – im damaligen Sprachgebrauch waren Begriffe wie »Mad-House« oder »Insane« beziehungsweise »Lunatic Asylum« gängig. Im Norden von Blackwell’s Island, eine 60 Hektar große Insel im East River zwischen Manhattan und Brooklyn, befand sich seit 1839 eine Frauenpsychiatrie mit fragwürdigem Ruf. Im Sommer 1887 hatte es bereits mehrere Berichte über Misshandlungen von Patientinnen in der Presse gegeben.
Zu jener Zeit arbeiteten in den USA nur wenige Frauen im Journalismus. Zwischen den Jahren 1870 und 1890 gab es aber einen signifikanten Anstieg an Reporterinnen und Redakteurinnen – auch wenn ihr prozentualer Anteil 1890 immer noch bei nur 7 Prozent lag. Damals entstand ein neues Phänomen: Die Girl Stunt Reporter waren junge Frauen, die inkognito in Gefängnisse, Fabriken, Opiumhöhlen, Abtreibungskliniken oder Armenhäuser gingen, um über die dortigen Missstände zu berichten. Diese Reportagen verbanden investigative Recherche mit Sensationsjournalismus und lebhaften Schilderungen aus der Ich-Perspektive. Weit mehr noch als die Aufdeckung sozialer Umstände stand für die Zeitungen die Sensationslüsternheit ihrer Leserschaft im Vordergrund. Für die Stunt Girls jedoch war diese Art des Journalismus die Möglichkeit, nicht mehr auf die Gesellschaftsseiten reduziert zu sein, sondern auch über Themen wie Politik, Arbeit und Kriminalität zu schreiben.
Bly, deren Name eigentlich Elizabeth Jane Cochran lautete, war zum Zeitpunkt ihres Auftrags 23 Jahre alt. Sie hatte sich ab 1885 als Journalistin in Pittsburgh einen Namen gemacht, ihren dortigen Redaktionsjob aber gekündigt, um im Frühjahr 1887 nach New York City zu ziehen. Dort wird ihr vom Chefredakteur der New York World (1860–1931) als erster Auftrag vorgeschlagen, sich undercover in die psychiatrische Anstalt einweisen zu lassen. Bly lässt sich nicht zweimal bitten. Sie hat allerdings einige Bedenken gegenüber dem Unterfangen, gerade was die Logistik betrifft. »Wie werden Sie mich herausholen […], wenn ich einmal drin bin?«, fragt sie den Herausgeber, wie sie später in ihrer Reportage festhält. Genau wisse er es nicht, antwortet dieser, aber es würde schon gelingen. Eine fast ebenso große Hürde besteht darin, überhaupt eingewiesen zu werden, ohne Verdacht zu erregen. Sie muss mehrere Stationen, unter anderem im Bellevue Hospital, sowie Untersuchungen von Ärzten durchlaufen, bis sie es endlich schafft: Am 22. Oktober 1887 wird Nellie Bly nach Blackwell’s Island gebracht, »ein Ort für Irre, von dem du niemals wieder wegkommen wirst«, wie man ihr prophezeit.
Die nächsten zehn Tage beobachtet sie und erfährt auch am eigenen Leibe die inhumane Behandlung der Patientinnen in der psychiatrischen Anstalt: wiederholter massiver körperlicher, verbaler und psychischer Missbrauch, verdorbenes Essen, Vorenthaltung von Trinkwasser, unhygienische Bedingungen, kaum Kleidung und eiskaltes Wasser trotz niedriger Temperaturen. Und immerwährende Langeweile. Am meisten schockiert ist sie von der Erkenntnis, dass viele der eingewiesenen Frauen, soweit Bly das feststellen kann, keinerlei Anzeichen von psychischen Erkrankungen aufweisen. Mehrere von ihnen sind Migrantinnen, die kaum oder gar kein Englisch verstehen und entsprechend nicht wissen, wie sie in der Anstalt gelandet sind, eine weitere Frau wurde von ihrem Ehemann eingewiesen. Auch Bly selbst verhält sich, kaum betritt sie die Insel, wieder »normal«. Aber keine Chance, denn »je mehr ich mich darum bemühte, sie von meinem gesunden Verstand zu überzeugen, desto mehr zweifelten sie an diesem«. Der einzige Grund, aus dem die Reporterin die täglichen Misshandlungen halbwegs erträgt und sich teilweise gegen die Wärterinnen aufzulehnen traut, ist das Vertrauen darauf, dass man sie wieder herausholen wird. Die anderen Patientinnen jedoch werden, so weiß Bly, sehr wahrscheinlich den Rest ihres Lebens auf Blackwell’s Island verbringen.
Nach zehn Tagen wird Bly aus dem »Irrenhaus« befreit. Am 09. Oktober 1887 erscheint der erste, die Woche darauf der zweite Artikel, in denen sie ihre Erlebnisse ausführlich darlegt. Noch im selben Jahr veröffentlicht sie ihre Investigativrecherche auch als Buch mit den Titel Ten Days in a Mad-House. Die deutsche Erstausgabe wurde als Zehn Tage im Irrenhaus übrigens erstmals 2011 vom AvivA Verlag herausgegeben. Übersetzt ist das Buch von Martin Wagner, der auch ein exzellentes Nachwort liefert, in dem er Blys Biografie, die Rolle von Frauen im Journalismus zur damaligen Zeit und die Geschichte der Psychiatrie einordnet.
Blys Reportage schockierte die Öffentlichkeit. Bereits einige Tage vor ihrer Veröffentlichung hatte die zuständige Kommission eine Erhöhung des Etats von 1,5 auf 2,64 Millionen Dollar für mehrere Einrichtungen (neben der Psychiatrie auch für städtische Gefängnisse, Kranken- und Armenhäuser) gefordert. Am 29. Dezember 1887 wurden immerhin 2,34 Millionen Dollar bewilligt, 50.000 davon gingen – auch dank Bly – an die Anstalt auf Blackwell’s Island, um die dort herrschenden Bedingungen zu verbessern.
Die unerschrockene Bly ließ sich im November 1889 auf das nächste Wagnis ein. Wieder im Auftrag der New York World sollte sie in Anlehnung an Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt versuchen, innerhalb dieser Zeit die Welt zu umrunden. Daraufhin setzte die 1886 gegründete Cosmopolitan mit Elizabeth Bisland eine eigene Journalistin ein, um Blys Reisezeit zu unterbieten. Trotzdem gewann diese am Ende nach 72 Tagen das Wettrennen (Bisland benötigte 76 Tage). Die Reise mit Dampfschiffen und Eisenbahnen hatte Bly unter anderem nach England, Italien, Ceylon, China und Japan geführt, außerdem traf sie sich in Amiens in Frankreich mit Jules Verne (1828–1905) höchst-persönlich. Ihr Bericht wurde im Buch Around the World in 72 Days veröffentlicht (auf Deutsch in der Übersetzung von Josefine Haubold ebenfalls bei AvivA erschienen). Auch sonst ging Bly für ihre Reportagen hohe Risiken ein. Wagner beschreibt in seinem Nachwort, dass sie sich etwa im Central Park von einem Zuhälter in seine Kutsche locken ließ oder ihr im Zuge einer Recherche beinahe die gesunden Mandeln von einem Armenarzt herausoperiert wurden.
1895 heiratete Bly einen Millionär, dessen Firma sie nach seinem Ableben leitete, später kehrte sie aber zum Schreiben zurück. Im Alter von 57 Jahren verstarb sie 1922 an einer Lungenentzündung.
Ihre Zehn Tage im Irrenhaus werden bis heute rezipiert und popkulturell verarbeitet. Bly wurde in Filmen von Caroline Barry, Kate Mara und Christina Ricci gespielt, ihre Undercover-Reportage inspirierte außerdem die Anthologieserie American Horror Story: Asylum (2012–2013). Seit 2021 erinnert mit »The Girl Puzzle« der Bildhauerin Amanda Matthews eine Kunstinstallation auf der Insel an die Pionierin des investigativen Journalismus in den USA.
Das New York City Lunatic Asylum wurde später in New York City Mental Health Hospital umbenannt und 1955 schließlich geschlossen. The Octagon, damals der Eingang in die psychiatrische Anstalt, wurde im Jahr 2006 zusammen mit anderen Gebäuden zu einem Apartment-komplex umgebaut. Im Süden der Insel befinden sich noch Überreste des Smallpox Hospital, das 1856 eröffnet und hundert Jahre später ebenfalls wieder aufgegeben wurde. Die Ruine dieses alten Pockenkrankenhauses gibt ein klitzekleines Gefühl dafür, wie das Lunatic Asylum zu Blys Zeiten ausgesehen haben mag.
Blackwell’s Island wiederum benannte man im Jahr 1973 zu Ehren von US-Präsident Franklin D. Roosevelt in Roosevelt Island um. Drei Jahre später öffnete die Roosevelt Island Tramway, die die kleine Insel mit Manhattan verbindet. Neben der Subway und per Boot ist die Luft-seilbahn somit die dritte Möglichkeit, diese zu erreichen. Diese Fahrt ist inzwischen auch zu einer Touristenattraktion geworden, teilweise gibt es lange Schlangen um den Block. Durchaus zum Ärger der Anwohner*innen – ganze 11.500 Menschen wohnen heutzutage auf Roosevelt Island.
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Titelfoto: INTERIOR, SECOND FLOOR, SPIRAL STAIRCASE AND CENTRAL STAIRWELL – Welfare Island, Insane Asylum, New York, New York County, NY. Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C. 20540 USA https://www.loc.gov/pictures/item/ny0952.photos.120649p/
