Der gefühlte Bundestrainer – Herbert Grönemeyer zum 70. Geburtstag

von Wieland Schwanebeck

Schier unerschöpfliche Kreativität, ausverkaufte Tourneen, hingebungsvoller Einsatz für die Fans über Jahrzehnte – kein Wunder, dass niemand in Deutschland mehr Nummer-Eins-Alben vorzuweisen hat als Andrea Berg, die Amigos und Peter Maffay. Immerhin knapp dahinter folgt Herbert Grönemeyer. Dessen Statistik leidet darunter, dass er mit der Produktivität der Amigos nicht Schritt halten kann, deren alljährliche Neuveröffentlichung seit einem Vierteljahrhundert so unvermeidlich ist wie die Weihnachtsansprache des Bundeskanzlers oder die Nachforderung bei den Nebenkosten.

Die Alben von Herbert Grönemeyer, der am 12. April seinen 70. Geburtstag feiert, erscheinen in einem nicht ganz so sturen, aber doch einigermaßen zuverlässigen Rhythmus, der bis in die frühen 2000er-Jahre auf den Turnus der Bundestagswahlen abgestimmt schien. Was ja auch irgendwie passt. Seit Jahrzehnten glänzen Grönemeyers Platten nicht nur mit zahlreichen Ohrwürmern, sondern immer auch mit Einlassungen zur Lage der Nation. Immer gab es zuverlässig mindestens einen Titel, der ein wenig Schlagzeilen-Bingo mit der energischen Aufforderung ans ganze Land verband, doch bitteschön in die Gänge zu kommen und es nicht an Empathie und Engagement fehlen zu lassen: „Die Hintern werden immer breiter / Nur wer aussitzt, der kommt weiter“, heißt es im Song „Lächeln“ (1986); seinen Nachruf auf die Bonner Republik formulierte Grönemeyer in „Heimat“ (1999): „Kohlpop pur hat ausgegeigt“.

Der Solidaritätsbarde

Die Platten waren zwar keine Frühform des Wahl-O-Mats, und Grönemeyer war – trotz einiger Flirts mit Folk und Troubadourkunst – auch nicht mit den singenden Sozialpädagogen vom Schlage Hannes Waders zu verwechseln. Aber wer Grönemeyer kaufte, bekam neben Liebesballaden und ironischen Abgesängen auf verhinderte Alphamännchen immer auch ein paar vor Pathos nicht zurückschreckende Solidaritätsgesänge mit den Entrechteten und Marginalisierten zu hören. Benjamin von Stuckrad-Barre spöttelte noch zu Beginn der 2000er über Grönemeyer-Fans als eine „sich [diffus] als ,irgendwie links‘ einordnende Schar Lichterkettensteher“, die der naive Wunsch nach einer nicht näher umrissenen ,besseren Welt‘ verbinde. Das ist nur ein kleines Stück von der zynischen ,Gutmenschen‘-Schelte entfernt.

Ein politischer Sänger ist Grönemeyer stets geblieben. In jüngerer Vergangenheit hat er in seinen Songs u.a. Migration, Zwangsprostitution und Rechtsruck thematisiert. Albentitel wie Chaos, Bleibt alles anders, Tumult und Das ist los umreißen beständig eine Gesellschaft, die nicht zur Ruhe kommt. Verändert hat sich allerdings nicht nur der Grönemeyer-Sound, der inzwischen sehr viel elektronischer daherkommt und auf Drum’n’Bass setzt, sondern auch das poetische Verfahren, mit dem er im letzten Arbeitsschritt seine Texte schreibt. In seinem Frühwerk greift Grönemeyer noch auf die etablierten, zum Teil auch abgegriffenen Bilder zurück, aus denen auch der Schlager schöpft, und schreibt realistische, wenn auch überspitzte Alltagsvignetten wie „Was soll das“. Seit den 1990ern findet allerdings eine Weiterentwicklung zum ambitionierten Verdichter statt, der sich u.a. am lyrischen Expressionismus orientiert. Seitdem erstreckt sich der sprichwörtlich gewordene Vorwurf der Unverständlichkeit, der häufig gegen Grönemeyers berüchtigte Neigung zum Nuscheln und Knödeln erhoben wird, auch auf seine Bildsprache. Die Suche nach unverbrauchten Bildern (die ich in meiner bei Reclam erschienenen Einführung in Grönemeyers Werk näher ausführe) treibt in der Tat manchmal kuriose Blüten und hat u.a. das ziemlich unsingbare Weihnachtslied „Mut“ (2018) hervorgebracht. Daneben hat Grönemeyer allerdings auch eine Reihe von Meisterstücken geschaffen, die längst in den deutschsprachigen Popkanon eingegangen sind. Vor allem auf seinen beiden Alben Bleibt alles anders (1998) und Mensch (2002) gelingt es ihm, private Innerlichkeit so nach außen zu kehren, dass sie zur universalen Ansprache taugt. Titel wie „Letzte Version“ und „Dort und hier“ überzeugen als künstlerische Auseinandersetzungen mit Trauer, die ohne weiteres neben thematisch verwandten Großtaten wie Joyce Carol Oates‘ Buch A Widow’s Story (dt. Meine Zeit der Trauer, 2011) oder Krzysztof Kieślowksis Film Trois couleurs: Bleu (dt. Drei Farben: Blau, 1993) bestehen können.

Mit Ruhrgebiet in der Arschtasche

Mit dieser Poetik verzichtet Grönemeyer zugunsten poetischer Ambivalenz auf eine Eindeutigkeit der Ansprache. Seinen Act prägt diese Gratwanderung bis heute. Grönemeyer leistet abseits der Bühne viel gesellschaftliches Engagement, hat wiederholt Stellung gegen Rechtsextremisten bezogen und Klimastreiks unterstützt. Doch nicht immer kann der Sänger Herbert einlösen, was der Bürger Grönemeyer mit Vehemenz fordert. In solchen Fällen ergibt sich eine Spannung, wenn ein eindeutiges Plädoyer für Zivilcourage in eine potentiell mehrdeutige poetische Botschaft gekleidet wird. Klar konturierte Meinungen widersprechen der Doppelbödigkeit seines lyrischen Vortrags, der sich bis heute durch Rollenspiel auszeichnet. Das Sänger-Ich wirft sich in Grönemeyers Liedern zahlreiche Kostüme über und passt auch den Gesang diesen Performances an: Weichei und Macho, Pilger und Werwolf, Romantiker und Stalker. Deshalb greift es zu kurz, Grönemeyer anlässlich seines runden Geburtstags nur als das gütig lächelnde, nimmermüde Stehaufmännchen zu vergegenwärtigen, das sich beim Tanz über den Bühnensteg ,für uns’ verausgabt, obwohl das natürlich alles irgendwie stimmt. Auf eine Weise wirft er sich die perfekt zugeschnittene Persona des Currywurst-Botschafters über, der auch als Weltbürger und Komponist von Hollywood-Soundtracks immer noch mit etwas Ruhrgebiet in der Arschtasche herumreist und der in Sekundenschnelle umschalten kann: vom selbstironischen Troubadix-Wiedergänger zum Seelenstripper, vom kumpeligen „Häbbät!“ zum Wanderer überm poetischen Nebelmeer.

Seinen Liedern bürdet Grönemeyer viel auf, wenn sie einerseits im Gestus der Agitationskunst – sag mir, wo du stehst! – klare Kante fordern, aber zugleich fast alle deiktischen Elemente tilgen oder verwässern. „Das ist los“, der Titelsong zum bislang letzten Studioalbum (2023), schleudert uns zwar als eine Art tanzbares heute-Journal Stichworte wie Bankenkrise, Taliban und Chiasamen um die Ohren, doch der Zeitgeschichts-Remix hört sich nach einer Fußnote zu den erbarmungslos ironischen 1990er-Jahren an, als sich noch an das vermeintliche Ende der Geschichte glauben ließ. Nicht mal der 11. September hat etwas daran geändert, dass bei Grönemeyer alle immer noch gern Flugzeuge im Bauch haben.

Mittlerweile ist er auf bemerkenswert unpolitische Politgesänge spezialisiert, mit denen er es seinen Zuhörern leichtmacht. In Titeln wie „Unser Land“ (2014), „Bist du da“ (2018) oder „Angstfrei“ (2023) wird ihnen zuverlässig suggeriert, sie seien insgesamt schwer in Ordnung, nur kranke eben „das Land“ an uninspirierter Führung und schwerfälliger Mentalität. In einem gesprochenen Einschub in „Neuland“, dem zweiten Track von Mensch, wird Thomas Bernhard zitiert: „Ich mag dies Land / Ich mag die Menschen / Ich mag nicht den Staat.“ Das dürften ,die Menschen‘ gern hören, zumal es sie aus der Verantwortung entlässt. Wer bloß sanft angestupst und nicht in den Schwitzkasten genommen wird, kann besser mitsingen.

An der emotionalen Seitenlinie

Seine erprobte „die da oben“-Rhetorik dürfte Grönemeyers Ruf als moderner Volkssänger nicht geschadet haben. Im Mannschaftsgefüge der Bundesrepublik spielt er zuverlässig seine Rolle – eine Art Bundestrainer der Herzen, der den Soundtrack für internationale Fußballturniere beisteuert („Zeit, dass sich was dreht“, 2006) und ,uns‘ beharrlich taktische Vorschläge unterbreitet, wie wir unser Spiel verbessern können. Nicht zufällig macht der Dauereinpeitscher Herbert Grönemeyer auch heute noch auf seinen Tourneen allabendlich den doppelten Herberger – ein Konzert dauert zweimal neunzig Minuten.

Am meisten entgleiten ihm seine inflationären Pack-mer’s-Botschaften beim Thema Fußball, etwa in dem mit Felix Jaehn entstandenen EM-Song „Jeder für Jeden“ (2016) oder der eigentümlichen Wir-sind-Weltmeister-Hymne „Der Löw“ (2014). Hier scheinen sogar mit einem so besonnenen Zeitgenossen wie Herbert Grönemeyer beim Anblick des blutenden, siegreich vom ,Feld der Ehre‘ getragenen DFB-Kapitäns Bastian Schweinsteiger in nationaler Beschwipstheit die Pferde durchzugehen. Im Nachgang zum ,Sommermärchen‘ 2006 hatte Grönemeyer mit „Flüsternde Zeit“ (2007) bereits ein besonders zorniges Lied verfasst, das dem gekränkten Volk aus der Seele zu sprechen scheint. Die Regierung wird angeklagt („Ihr habt uns nicht verdient“) und der Umsturz herbeigesehnt („Wir wollen die Wende / Wir sind zum großen Wurf bereit“), in einer abenteuerlichen Verkettung von Fußballmetaphern wird das Volk mal als letzte Abwehrbastion („[Ihr] lasst uns hinten allein“), mal als ungenutztes Kaderpotential („Ihr lasst uns verkümmern auf der Bank“) in Stellung gebracht. An einer Stelle wird davor gewarnt, der Gegner komme „über rechts“ – was auf dem Fußballplatz aber eigentlich heißen müsste, dass er von ,uns’ aus gesehen links auftaucht.

„Ich singe deutsch, ich denke deutsch“

Grönemeyer diagnostiziert korrekt, dass die Deutschen den Aufbruchsgeist des WM-Sommers bald abgeschüttelt haben werden – die Welt mag „zu Gast bei Freunden“ gewesen sein, von dauerhaftem Bleiberecht hat aber keiner was gesagt. Zugleich liest sich „Flüsternde Zeit“ in der Rückschau wie eine Vorwegnahme der wenig später aufkommenden Wutbürger-Bewegung. Schließlich sollte das dem Lied zugrundeliegende Ressentiment gegen untätige Regierungsvertreter bald anschlussfähig für die Lautesten und Wütendsten werden, und die auf das „Sommermärchen“ folgende Ernüchterung sich zu einer weitreichenden Politik- und Demokratieskepsis auswachsen.

Das macht Grönemeyer, der der auch beherzte Anti-Nazi-Songs wie „Die Härte“ (1993) veröffentlicht hat, ausdrücklich nicht zum Sprachrohr der Querulanten. Doch angesichts der Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten, die sich in seinen Texten tummeln, wäre es illusorisch, ihn ausschließlich zum Idol der ,guten‘ Deutschen zu erklären. Bei einem Wetten, dass ..?-Auftritt sorgte Grönemeyer 2011 mit dem Satz „Ich singe deutsch, ich denke deutsch“ für spontanen Applaus, und wenn schon ein so nüchternes Statement bei den Zuhörenden als Pathosformel ankommt, dann wird auch klar, dass Grönemeyers beispielloser Erfolg in Deutschland nicht ohne jene denkbar ist, die ihn ausdrücklich als deutschen Erfolg reklamieren wollen.

Die Anfänge von Grönemeyers Karriere sind mittlerweile von den medial präsenteren Narrativen (wie dem seiner öffentlich vollzogenen Trauerarbeit) überschrieben worden. Auch einige musikalische ,Jugendsünden‘ sind aus der offiziellen Geschichte getilgt worden, weshalb die zum 60. Geburtstag erschienene Komplettbox Alles (2016) lustigerweise mit dem Grönemeyer-Album Zwo (1980) statt mit dem eigentlichen Erstling (Grönemeyer, 1979) beginnt. Ein Rückblick auf seine kurze, eher zufällig zustande gekommene Filmkarriere belegt allerdings, dass die deutsche Mär vom Pakt mit dem Teufel von Anfang an Teil des Grönemeyer-Projekts war. Viele seiner Schauspielrollen – darunter Das Boot (1981), die Thomas-Mann-Verfilmung Doktor Faustus (1982), das Robert-Schumann-Biopic Frühlingssinfonie (1983) und der Fernsehmehrteiler Väter und Söhne (1986) – variieren den Faust-Stoff, kreisen um das Motiv der leicht korrumpierbaren deutschen Jünglingsseele.

Dass der Sänger Grönemeyer bis heute schnelle Registerwechsel beherrscht und gern in verschiedene Rollen schlüpft, sollte das Publikum eigentlich an der Identifikation hindern und zum näheren Hinhören einladen. Im Rahmen kurzweiliger Greatest-Hits-Konzerte wird es allerdings nicht zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den gesungenen Worten angehalten. Seine Verse tut Grönemeyer gelegentlich als notwendiges Übel ab, so als handle es sich lediglich um „Texte zum Mitsummen“. In seinen Konzerten gilt das in einem Repertoire-Klassiker verewigte Motto: „Mach den Kopf aus und komm tanzen“.Ein gutes Lied verträgt natürlich poetische Ambivalenz. Und eine hoffentlich gefestigte Demokratie einen sympathischen Volkssänger, der als authentisch gilt und zugleich von sich selbst sagt, dass er die Authentizität stilisiert – und der mit seinen mehrdeutigen Texten tatsächlich anschlussfähig für alle ist. Diesen Gedanken sollten wir nicht ausklammern, wenn wir Herbert Grönemeyer zu einem außergewöhnlichen Lebenswerk gratulieren und die nächste Konzertkarte lösen – demnächst wieder in einem Fußballstadion in Ihrer Nähe!

Foto von Daniel Bausch auf Unsplash

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