von Norma Schneider
Manche beschreiben es als eine lebensverändernde Erfahrung. Sie teilen ihr Leben ein in „BHR“ und „AHR“ – before and after Heated Rivalry. Die kanadische Serie über zwei Eishockeyspieler aus konkurrierenden Teams, die sich ineinander verlieben, hat einen internationalen Hype ausgelöst – und wirkt bei manchen Zuschauer*innen wie eine Droge, von der sie nicht mehr runterkommen. Sie schauen die sechs Folgen über den Kanadier Shane Hollander und den Russen Ilya Rozanov in Endlosschleife, lesen mehrmals hintereinander die Buchvorlage von Rachel Reid und ihre Social-Media Timelines bestehen – dem Algorithmus sei dank – fast ausschließlich aus Videos, die sich mit der Serie auseinandersetzen. Auch ihr Offline-Leben bleibt davon nicht unberührt: Viele besuchen plötzlich Eishockeyspiele, haben sich von den Muskeln der Darsteller zum Krafttraining motivieren lassen oder lernen Russisch, weil für sie die Sprache aus dem Mund der russischen Hauptfigur so sexy klingt. Und vor allem: Nicht wenige fühlen sich bestärkt, ihre Queerness offen zu leben und zu zeigen.
The hype is real
Die Serie erzählt eine romantische Geschichte, die sich gegen Homofeindlichkeit und andere Widerstände behauptet, und spart dabei nicht an ungewohnt expliziten Sexszenen. Das scheint einen Nerv getroffen zu haben – beziehungsweise gleich mehrere. Auch wenn es mittlerweile keinen Mangel mehr an queeren Geschichten in der Popkultur gibt – ein Happy End haben sie noch immer selten. Dass eine Serie wie Heated Rivalry eine so positive, schöne Liebesgeschichte über zwei Männer erzählt, ist noch immer nicht selbstverständlich. Queere Zuschauer*innen fühlen sich gesehen, nicht zuletzt auch solche, die Ähnliches erlebt haben wie die Hauptfiguren. Die Darsteller Connor Storrie und Hudson Williams, die dank der Serie innerhalb weniger Monate von arbeitslosen Schauspielern mit Kellnerjobs zu international gefragten Stars geworden sind, berichten, dass sie Dankesnachrichten von nicht geouteten Profisportlern erhalten haben.
Da mag es zunächst überraschend sein, dass die Serie besonders bei heterosexuellen Frauen beliebt ist. Das könnte daran liegen, dass sie hier erotischen Content mit schönen Männern zu sehen bekommen, ohne dass patriarchale Hetero-Dynamiken den visuellen Genuss stören und ohne dass Frauenfiguren als Love-Interest vorkommen, mit denen man sich vergleichen müsste. In Heated Rivalry übernehmen die männlichen Figuren das, was sonst oft an den weiblichen Charakteren hängen bleibt: Sie kommunizieren, lassen Gefühle zu, zeigen sich verletzlich – und legen somit eine gesündere Form von Männlichkeit an den Tag als viele Hetero-Männer. Nicht wenige Frauen, die Männer daten, dürften sich nach so etwas sehnen.
Um Heated Rivalry zu genießen, muss man sich weder für Eishockey noch für Romance interessieren, denn die Serie ist – vor allem für eine Low-Budget-Produktion – filmisch und dramaturgisch beeindruckend gut inszeniert. Und sie stellt sich einem aktuellen Trend in der Produktion und dem Konsum von Serien entgegen: Streaminganbieter wie Netflix kalkulieren mittlerweile ein, dass viele beim Serienschauen gar nicht mehr die meiste Zeit den großen Bildschirm im Blick haben, sondern das Smartphone einen Großteil der Aufmerksamkeit bindet. Deswegen wird mittlerweile bewusst darauf geachtet, möglichst viele Informationen in den Dialog zu packen und das Wichtigste mehrfach zu erwähnen, damit die Zuschauer*innen auch mitkommen, wenn sie abgelenkt sind. Bei Heated Rivalry allerdings muss man hinschauen: Wichtige Momente und Entwicklungen finden rein auf der visuellen Ebene statt, wer einen Blick oder eine gezeigte Textnachricht verpasst, verpasst wichtige Handlungselemente. Angesichts der visuell ansprechenden Umsetzung, der sehr guten Schauspieler und der vielen erotischen Szenen will man aber auch gar nicht wegsehen.
Comeback einer problematischen queeren Hymne
Das Internet ist voll von Videos und Reels mit Zusammenschnitten der schönsten Momente und mehr oder weniger tiefgründigen Analysen der Serie. Die meisten von ihnen sind mit demselben Lied unterlegt: dem Pophit All the Things She Said von 2002. Der Song des russischen Duos t.A.T.u. war damals ein Welterfolg und das Musikvideo, in dem die beiden Teenager-Sängerinnen Lena Katina und Julia Volkova in Schulmädchenuniform durch den Regen tanzen und sich küssen, ein Skandal. Viele queere Menschen feierten damals den Song, der zu einer Zeit herauskam, als es auch in Russland noch Hoffnung auf eine Zukunft mit mehr Offenheit und Vielfalt gab. 2004 wurde allerdings bekannt, dass Katina und Volkova keineswegs, wie behauptet, ein Paar und auch nicht lesbisch waren. Die Inszenierung war die Idee des Produzenten Iwan Schapowalow – und weniger ein Fall von Queerbaiting als von klassischem Male Gaze.
Trotzdem blieb der Song in der lesbischen und queeren Community beliebt, auch in Russland, wo die queerfeindlichen Gesetze seit damals immer härter wurden. Wie problematisch das Lied ist, wurde aber spätestens 2014 klar, als Volkova sich extrem queerfeindlich äußerte: Männer hätten kein Recht, „Schwuchteln” zu sein, einen schwulen Sohn würde sie nicht akzeptieren. 2021 kandidierte sie außerdem für Putins Partei Einiges Russland. Katina äußerte sich zwar unterstützend zur LGBTQIA*-Community, doch weder zu Volkova noch zum Putin-Regime scheint sie eine nennenswerte Distanz aufgebaut zu haben: 2025 kam es zu einer Reunion der Band, unter anderem mit einem Auftritt auf der von Russland besetzten Krim – ein eindeutiges politisches Zeichen.
Damit hat sich All the Things She Said wohl als queere Hymne disqualifiziert, sollte man meinen. In Heated Rivalry allerdings wurde eine ikonische Szene mit dem Song unterlegt – und in der Folge stieg das Lied wieder kurzzeitig in die Charts ein. Viele von denen, die All The Things She Said dieser Tage in Heated-Rivalry-Clubnächten und auf queeren Partys aus vollem Halse mitsingen, waren 2002 noch gar nicht geboren und dürften sich der Problematik nicht bewusst sein. Jacob Tierney, Drehbuchautor und Regisseur von Heated Rivalry, kannte die schwierige Geschichte des Liedes und wählte es trotzdem für die eindringliche Club-Szene in Folge 4. Für ihn bleibt All the Things She Said ein queerer Song, der einen Nerv bei queeren Menschen getroffen hat, sagte er gegenüber dem Magazin People. „Ich habe das Gefühl, das ist jetzt unser Song, also fuck you. Und jetzt werde ich ihn noch gayer machen, also fuck you harder.“ Vielleicht ist es ja auch ein bisschen wie Rache an Volkova mit ihren homofeindlichen Aussagen, dass ihr Song nun Tausende Videos über eine schwule Liebesgeschichte untermalt. Ein rebellischer Akt der queeren Aneignung. Man fragt sich aber etwas besorgt, verdienen da nicht gerade sehr unangenehme Leute Geld mit unserer queeren Euphorie, jedes Mal wenn wir das Lied streamen?
Illegale Streams in Russland
Die Problematik von All the Things She Said ist eng verbunden mit einem oft wenig beachteten Aspekt der Heated-Rivalry-Rezeption: Die Darstellung Russlands und der russischen Hauptfigur Ilya (Connor Storrie) in der Serie wird von russischen und ukrainischen Zuschauer*innen erwartungsgemäß sehr unterschiedlich bewertet. Für viele Queers in Russland, wo die Verbreitung queerer Inhalte mittlerweile vollständig verboten ist und die LGBTQIA*-Bewegung zur extremistischen Organisation erklärt wurde, ist die Serie ein Anker, ein Moment von Hoffnung und Schönheit – auch weil die positive Liebesgeschichte von jemandem handelt, mit dem sie sich identifizieren können. Immer wieder ist Ilyas Struggle mit seiner homofeindlichen Familie und seiner homofeindlichen Heimat Thema in Heated Rivalry.
Schätzungsweise Hunderttausende haben die Serie in Russland illegal gestreamt, auf der russischen Onlineplattform Kinopoisk haben über 60.000 User*innen die Serie bewertet, mit der Wertung 8,3/10 macht sie dort Breaking Bad und Game of Thrones Konkurrenz. Auch die Buchvorlage ist heiß begehrt. So finden sich unter dem Instagram-Post einer kirgisischen Buchhandlung, die den Raubdruck einer inoffiziellen russischen Übersetzung von Rachel Reids Roman vertreibt, unzählige Kommentare mit der gleichen Frage: „Versendet ihr nach Russland? Was kostet das Porto?“ Auch um eine Lieferung nach Usbekistan wird in den Kommentaren gebeten, wo auf Sex zwischen Männern eine mehrjährige Haftstrafe steht.
Auf Social Media finden sich auch Stimmen, die einen positiven Effekt der Serie auf die Wahrnehmung von Osteuropäer*innen in westlichen Ländern vermelden: Endlich fühle man sich mit seinem osteuropäischen Akzent nicht mehr abgewertet, weil die ganze Welt plötzlich jemanden heiß findet, der so spricht wie man selbst. Tatsächlich scheinen die russische Sprache und der Akzent plötzlich wieder cool und sexy zu sein, und auf Reddit bestärken sich Fans in ihren Bemühungen, Russisch zu lernen. Es deutet allerdings einiges darauf hin, dass es sich bei diesem neuen Interesse an der russischen Sprache vor allem um eine Fetischisierung handelt, die sich natürlich auch kommerziell verwerten lässt. So nutzt etwa die Sprachlern-App Duolingo Anspielungen auf die Serie als Werbung für ihren Russischkurs. Gleichzeitig beugte sich die Firma 2024 dem Putin-Regime und tilgte in Russland alle Verweise auf Queeres aus den Sprachkursen.
Der vergessene Krieg
Dass einige Fans ihre Posts über die Schönheit der russischen Sprache auch gleich mit Russlandflaggen versehen, deutet auf eine Ignoranz gegenüber der weltpolitischen Lage und Russlands verbrecherischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hin. Ukrainische Stimmen beklagen auf Social Media, dass die Darstellung Russlands in Heated Rivalry zu einer Verharmlosung oder sogar Idealisierung des Landes führt. Russland wird zwar keineswegs positiv dargestellt, sondern als traumatisierender homofeindlicher Ort, an den Ilya nicht mehr zurückkehren will, doch dass eine russische Figur hier so viel Empathie und Aufmerksamkeit erhält, beklagen viele als nicht neutral. Userin alienerys_ schreibt auf Instagram, dass hier eine „missverstandene russische Figur“ und deren individuelles Leid im Mittelpunkt stehen. Das verlagere „den Fokus von Russlands Gewalt auf den armen, leidenden Russen auf dem Bildschirm“. Statt echten Ukrainer*innen, die von russischen Soldaten angegriffen und getötet werden, gelte unsere Empathie einem fiktiven Russen.
Besonders häufig wird kritisiert, dass in Heated Rivalry die olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi zum Kontext der Serie gemacht wird – und dabei zwar Homofeindlichkeit und Schimmel im olympischen Dorf thematisiert werden, nicht aber die Krim-Annexion nur wenige Tage nach Ende der Spiele. Die ukrainische Content-Creatorin yep4andy mit über 600.000 Follower*innen nennt die Show deswegen „straight up evil“. Es sei ein wenig so, als würde man über den 11. September sprechen, aber dabei nur sagen, dass Al-Qaida homofeindlich sei, ohne den Terrorangriff mit seinen Tausenden Opfern zu erwähnen. Angesichts der schwindenden Aufmerksamkeit für den Krieg in der Ukraine, die täglichen Luftangriffe und den Terror, dem die Bevölkerung in den besetzten Gebieten ausgesetzt ist, ist die teils sehr emotional vorgetragene Kritik durchaus nachvollziehbar. Aber vielleicht ist sie nicht am richtigen Platz. Denn von einer Romance-Geschichte zu verlangen, nuanciert die aktuelle Nachrichtenlage zu betrachten, ist wohl schlicht zu viel verlangt.
Vielleicht kann auch alles zugleich wahr sein: Die problematische, verharmlosende Rezeption Russlands durch einige Fans der Serie, die fehlende Thematisierung des Ukraine-Krieges und die Tatsache, dass es sich bei Heated Rivalry um eine Geschichte handelt, die Positives bewirken und Menschen Kraft geben kann, egal welche Nationalitäten ihre Hauptfiguren haben. Im Grunde ist es natürlich tatsächlich unfassbar, dass einer fiktionalen Geschichte so viel mehr Aufmerksamkeit und Emotionen gewidmet werden als dem Leid realer Menschen. Aber es ist auch nicht überraschend. Wir leben in einem Zustand permanenter Katastrophen. Kriege, Klimakollaps, Trump, Rechtsruck, you name it. Manchmal möchte man einfach nur etwas Schönes zum Anschauen haben in diesen Zeiten, sich einen Rückzugsort suchen, an dem es zumindest zeitweise einfach gut sein kann – so wie Ilya und Shane ihn im Cottage finden, wo sie für ein paar Wochen zusammen sie selbst sein können. Es ist klar, die Realität, die Queerfeindlichkeit, all das wird sie und uns schnell genug wieder einholen, aber lasst uns vielleicht einfach kurz ausruhen.
Foto von Mariah Hewines auf Unsplash
