Gisèle Pelicot präsentiert ihre Autobiograhie – Über die Überwindung der Scham

von Anne Fritsch

CN: Sexualisierte Gewalt

Das Münchner Residenztheater ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Draußen auf dem Platz standen Menschen mit „Karte gesucht“-Schildern in der Hand, vor allem Frauen. Es ist eine besondere Lesung: Gisèle Pelicot präsentiert gemeinsam mit der Journalistin Sandra Kegel und der Schauspielerin Caroline Peters ihr gerade erschienenes Buch „Eine Hymne an das Leben“. Als Pelicot auf die Bühne tritt, stehen alle auf, applaudieren. Selten war so viel Emotion in einem Raum, so viel Solidarität und auch: so viel Hoffnung. Diese Frau auf der Bühne, die gleichzeitig so zart und so stark wirkt, hat ein unfassbares Verbrechen überlebt. Oder vielmehr: sehr viele Verbrechen. Dass Gisèle Pelicot sich nicht versteckt, sondern ihre Geschichte in der Öffentlichkeit teilt, berührt alle. Vielleicht besonders in diesen Zeiten, in denen Fälle wie ihrer oder die Epstein-Files die Ausmaße der Gewalt gegen Frauen einmal mehr ins allgemeine Bewusstsein rücken.

Gisèle Pelicot führte beinahe 70 Jahre ein nach außen hin völlig unspektakuläres Leben. Dann wurde sie von einem Tag auf den anderen nicht nur zur Person des öffentlichen Lebens, sondern weltberühmt: als Anklägerin im Prozess von Avignon. Die ganze Welt kennt die Bilder, wie sie erst mit Sonnenbrille, dann ohne in jenen Gerichtssaal schritt, in dem einundfünfzig Angeklagte saßen: „fünfzig Fremde und der Mann, den ich einst geheiratet hatte“. Monsieur Pelicot, wie sie ihren Ex-Mann heute nennt, hat im Internet Männer gesucht, die Lust hätten, seine medikamentös betäubte Frau ohne ihr Wissen zu missbrauchen und vergewaltigen. Wenn einer von ihnen vorher einen Blick auf sein zukünftiges Opfer werfen wollte, teilte er ihnen mit, wann sie in welchem Supermarkt sein würden. Während seine Frau nichts ahnend die Einkäufe machte, wurde sie von den zukünftigen Vergewaltigern in Augenschein genommen.

Es meldeten sich viele auf die Online-Anzeige: Die Täter waren zwischen Mitte 20 und Mitte 70. Sie kamen aus der Umgebung des Ortes, in dem die Pelicots wohnten: Mazan in Südfrankreich, 35 Kilometer nordöstlich von Avignon. Die Journalistin Johanna Adorján, die Gisèle Pelicot vor kurzem zu einem Interview in Paris traf, schrieb in ihrem Artikel in der Süddeutschen Zeitung: „Wenn man nicht davon ausgehen möchte, dass sich ausgerechnet an diesem Fleckchen Erde Perverse in geradezu grotesker Dichte ballen, lässt das einen üblen Rückschluss zu.“

Im Dezember 2024 wurden alle Angeklagten schuldig gesprochen. Nun hat Gisèle Pelicot ein Buch über ihr Leben geschrieben. Nicht nur über das, was ihr angetan wurde, sondern darüber, wer sie ist und wie sie mit dem Erlebten umgeht. Nach dem Prozess musste sie ihr Leben wieder neu aufbauen, erzählt sie in München: „Ich musste herausfinden, wer ich bin.“ Sie war von einer Privatperson zu einer Ikone des Feminismus geworden. Das alles war nicht ihr Plan gewesen, es geschah ihr. Doch eines war ihr immer klar: Sie wollte nicht nur das Opfer sein. Die Frau, die im November 2020 ihren Mann auf die Polizeiwache begleitete, weil er dabei erwischt worden war, wie er im Supermarkt Frauen unter den Rock gefilmt hatte, erscheint ihr in der Rückschau „sehr naiv“. Ihr Mann wurde zuerst vernommen. Er betrat das Verhörzimmer, und Gisèle Pelicot würde ihn erst Jahre später im Gerichtssaal wiedersehen. Nie wieder würde sie in ihm den Mann sehen, den sie zu kennen glaubte. Nie wieder würden sie als Ehepaar in einem Raum sitzen. Die Scheidung ging in einem Online-Verfahren über die Bühne, während er in Untersuchungshaft war. Von einem Moment auf den anderen lag ihr Leben in Trümmern: Sie war 50 Jahre mit einem Mann verheiratet, der ihr und – wie sich immer deutlicher abzeichnet – auch anderen Schreckliches angetan hat.

In ihrem Buch stellt sie sich dem Ungeheuren, aber auch den glücklichen Erinnerungen, an denen sie festhalten musste, um nicht „zugrunde zu gehen“. Es ist schwer vorstellbar, was mehr Überwindung gekostet haben muss: das Grauen beim Namen zu nennen, das ihr ihr eigener geliebter Mann angetan hat, oder sich an die Liebe zu erinnern, die sie fast ein Leben lang für ihn empfunden hat. Beides verlangt Mut. Nein, diese Frau ist nicht nur ein Opfer, sie ist eine Überlebende, die Dinge in Bewegung bringt.

In einer der eindrücklichsten Passagen im Buch schildert Pelicot, wie sie vor Prozessbeginn auf einem Spaziergang realisierte, was sie im Gerichtssaal erwarten würde: ihr gegenüber die Angeklagten, rund 50 Männer plus ihre Anwält*innen, eine Übermacht. „Würde die verschlossene Saaltüre nicht vielmehr ihrem Schutz dienen als meinem?“, fragt sie sich. „Niemand würde erfahren, was sie mir angetan hatten. Kein einziger Journalist wäre zugegen, um die Täter zu beschreiben und als Verbrecher zu benennen.“ Sie wäre ihren Lügen und Ausflüchten schutzlos ausgeliefert. Und: „Vor allem könnte keine einzige Frau eintreten und im Saal Platz nehmen, um sich weniger allein zu fühlen.“ Ihr kam die Parole der französischen Frauenbewegung in den Sinn: „La honte doit changer de camp.“ Die Scham muss die Seiten wechseln. Und auf einmal war ihr klar, dass sie das Verfahren öffentlich machen wollte: „Alle Welt sollte auf die einundfünfzig Vergewaltiger schauen. Sie mussten zu Kreuze kriechen. Ich nicht.“ 

Als Opfer war sie diejenige, die einen Ausschluss der Öffentlichkeit verlangen konnte. Oder eben nicht. Der Gedanke dahinter: Das Opfer soll die Möglichkeit haben, die eigene Privatsphäre so privat wie möglich zu lassen. Soll davor geschützt sein, Schmerz und intime Details eines Sexualdelikts öffentlich ausbreiten zu müssen. Die Scham, die Gisèle Pelicot da überwinden musste, ist kaum vorstellbar. Dominique Pelicot hatte alle Verbrechen an ihr gefilmt. Das Beweismaterial, das im Verfahren gezeigt wurde, umfasste Video-Aufnahmen von rund zweihundert Vergewaltigungen in zehn Jahren durch ihren Ehemann und die übrigen Angeklagten. All das wäre öffentlich in einem öffentlich geführten Prozess. Und: Gisèle Pelicot würde sich all das selbst vor dem Prozess ansehen müssen (etwas, das sie bis zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen hatte). Sie hatte den Saal verlassen wollen, sobald die Videos gezeigt würden. Nun war das keine Option mehr, sie musste sich wappnen: „Ich konnte unmöglich zulassen, dass alle Welt außer mir sie zu sehen bekam.“

Der Fall Pelicot ist nur durch einen Zufall beziehungsweise den Leichtsinn des Monsieur Pelicot herausgekommen. Keiner der Beteiligten schreckte vor der Tat zurück, bekam Skrupel angesichts der bewusstlosen Frau oder erstattete gar Anzeige. Ein Wachmann ertappte Monsieur Pelicot, wie er im Supermarkt drei Frauen unter den Rock filmte. Auf seinem Handy fand die Polizei nicht nur diese Videos, sondern die umfassende Dokumentation der Verbrechen an seiner Ehefrau. Wie viele andere Fälle nie ans Licht kommen beziehungsweise nie angezeigt werden, ist unklar. Klar aber ist, dass das, was wir alle sehen, nur die Spitze eines Eisbergs ist. 

Die Frage, wie Gerichte mit Fällen sexualisierter Gewalt umgehen sollten, wie Opfer besser geschützt und gleichzeitig Täter verurteilt werden können, ist hochkomplex. Selbstverständlich muss hier wie in jedem anderen Verfahren die Schuld festgestellt werden, bevor es zu einem Urteil kommen kann. Und selbstverständlich existiert in den wenigsten Fällen derart eindeutiges Beweismaterial wie im Fall Pelicot. Meist gibt es vielmehr überhaupt keine Beweise, es steht Aussage gegen Aussage – und falls es überhaupt zu einer Verurteilung kommt, muss das Opfer vorher alles noch einmal durchleben, sekundäre Viktimisierung eingeschlossen. Selbst Gisèle Pelicot, die sich bewusst ist, dass „nicht alle Opfer solche Beweise haben“ wie sie, musste Sarkasmus und Anschuldigungen erfahren. „Oft hat man im Gerichtssaal das Gefühl, das Opfer wird beschuldigt“, sagt selbst sie. Bei der Anhörung behauptete einer der Angeklagten: „Ich sei einverstanden gewesen, es könne sich doch niemand zehn Jahre lang vergewaltigen lassen, ohne es zu merken, darüber habe er mit einigen Frauen geredet, die seine Meinung teilten – es sei unmöglich, nichts mitzubekommen, bei einem Missbrauch durch so viele Männer.“

Wenn das Opfer selbst bei einer derart erdrückenden Beweislage „Überzeugungsarbeit leisten“ muss; wenn gerade die monströsen Ausmaße der Taten dazu führen, dass an der Unschuld des Opfers gezweifelt wird; wenn selbst hier nach Mitverantwortung gesucht wird und eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird: Woher sollen dann andere, jüngere, einsamere Opfer den Mut nehmen, sich diesem System zu stellen? Auch Gisèle Pelicot ist nicht sicher, ob sie sich das „getraut hätte, wenn ich zwanzig Jahre jünger gewesen wäre“. Sexualisierte Gewalt ist eine körperliche und seelische Grenzüberschreitung. Vor Gericht werden diese verhandelt, natürlich: müssen sie verhandelt werden. Die erneuten Demütigungen, denen die Opfer dabei ausgesetzt sind, beschreibt Pelicot eindrücklich: „Es ist demütigend, ständig zu hören, wie das eigene Leben, die Seele, der Körper auseinandergenommen werden. Im Lauf der Verhandlungen und der medizinischen und psychologischen Einschätzungen aus dem Zeugenstand war von meinem Alter die Rede, von den Frauen meines Alters, von meinem durchschnittlich hohen IQ, von der Anzahl meiner Orgasmen, man beschrieb bis ins kleinste Detail jede meiner Körperöffnungen, die Farbe, die Sekrete, als wäre ich nicht nur nackt und bewusstlos auf den Bildschirmen zu sehen, sondern auch im Saal vor aller Augen auf einer Untersuchungsliege ausgestreckt.“

Weder das Buch von Gisèle Pelicot noch ihre Auftritte werden das System von Grund auf ändern. Vielleicht aber schärfen sie das öffentliche Bewusstsein für all diese Dilemmata. „Ich wollte, dass meine Geschichte anderen hilft“, sagt Pelicot. Zu sehen, wie sie wieder aufgestanden ist, nachdem dieser „Tsunami“ über sie, ihre Familie und ihre gesamtes Leben gerollt ist; wie sie ihr Vertrauen in die Menschheit und auch die Männer nicht verloren hat, ist erhebend. „Man muss lernen, wieder zu vertrauen“, sagt sie. Es ist schön, dass ihr Leben weiter geht, dass sie einen neuen Partner an ihrer Seite hat. Diese Frau inspiriert auch bei ihrer Premiere in München ein ganzes Publikum mit ihrer Haltung und entlässt es trotz allem mit einem Gefühl der Hoffnung.

Potentielle Vergewaltiger, die anhand dieses Prozesses gesehen haben, wie es Tätern ergehen kann, wie sie öffentlich angeklagt werden, könnten im besten Falle abgeschreckt werden. Es ist schrecklich, als Opfer in derartigen Videos zu sehen zu sein. Doch noch schrecklicher sollte es sein, wenn Mann selbst der Täter in diesen Videos ist. Die Scham muss nicht nur die Seiten wechseln. Sie müsste vielmehr so groß werden, dass derartige Verbrechen gar nicht erst begangen werden.

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Foto von Ruan Richard Rodrigues

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