von Simon Sahner
Vor bald zehn Jahren erschien ein Buch mit dem Titel „Mit Rechten reden“, in dem drei Autoren darüber nachdachten, wie und ob man mit Rechten reden sollte. Es war der Herbst 2017, mit der AfD war wenige Wochen zuvor zum ersten Mal eine rechtsextreme Partei in den Bundestag eingezogen und spätestens in diesem Moment war klar, dass es sich dabei nicht um eine Entwicklung handelte, die man ignorieren oder als unangenehme Ausnahmeerscheinung abstempeln konnte.
Fast ein Jahrzehnt später ist die AfD in bundesweiten Umfragen zur zweitstärksten Kraft aufgestiegen und erreicht in manchen Bundesländern nahezu eine absolute Mehrheit. Was immer das Reden mit Rechten also gebracht haben soll, geschwächt hat es die Rechtsextremen innerhalb und außerhalb der AfD nicht. Trotzdem hat man das Gefühl, dass derzeit mehr als je zuvor mit Rechten geredet wird.
Schaukämpfe und Programmaufträge
Das gilt sowohl für öffentlich-rechtliche und privat-journalistische Talkshows als auch für Podcasts, Youtube-Channels und Instagram-Formate. Erst vergangene Woche war der Parteivorsitzende der AfD, Tino Chrupalla, zur besten Sendezeit zu Gast in der ZDF-Sendung von Caren Miosga, um die Frage zu debattieren, ob Donald Trump ein Vorbild für Deutschland sein könnte. Die Anwesenheit rechtsextremer Stimmen in Gesprächsrunden von ARD und ZDF ist inzwischen eine mehr oder weniger allwöchentliche Erscheinung.
Während sich Journalist*innen großer Medienhäuser auf ihren Auftrag berufen, das politische Spektrum abzubilden, lautet das Argument in den Sozialen Medien zumeist entweder, man müsse das politische Gegenüber im freien Rede-Duell stellen, oder, man müsse aus der eigenen Bubble ausbrechen, um diejenigen zu erreichen, die AfD wählen. Unabhängig von der Frage, ob die jeweilige Aufgabenstellung erreicht wird, kann man sich mit solchen Aussagen und dem Vorhaben der Aufmerksamkeit der Social-Media-Gemeinde und des Algorithmus sicher sein.
Dementsprechend voll sind Youtube, Instagram und TikTok mit Videos, die versprechen, dass ein rechtsextremer Influencer, eine AfD-Politiker*in oder ein rassistischer Demagoge „zerstört“ wird. Das soll bedeuten, dass er im Debattier-Duell gestellt wird. In Video-Podcasts wird angekündigt, dass hier nun endlich ein sogenannter woker Influencer auf einen Rechten trifft, um das Thema ein für alle Mal zu klären. Und was in den USA als wilde Debattenrunden mit Stopp-Uhr begann, in denen sich ein Linker zwanzig Rechten gegenübersah oder andersherum, kommt in ähnlicher Form wohl auch nach Deutschland. Teilweise entsteht der Eindruck, es handle sich bei diesen Duellen um Schaukämpfe und Entertainmentformate, in denen man nur noch eine diskursive Volte, nur noch ein cleveres Argument davon entfernt sei, die AfD und ihr rechtextremes Umfeld in die Ecke zu treiben, um dann mit einem Mic Drop das politische Spielfeld zu verlassen.
Die doppelte Bühne
Dass das nicht funktioniert, hat verschiedene Gründe. Zentral ist jedoch vor allem die Annahme von linksliberaler Seite, dass Rechtsextreme an einem fairen Rede-Duell interessiert seien und dem Publikum im gleichwertigen Austausch die Standpunkte präsentieren wollen, woraufhin es sich dann für die richtige Seite entscheiden soll. Diese Annahme hat sich jedoch als falsch erwiesen.
Die AfD hat mehrfach deutlich gemacht, dass sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für sogenannte gleichgeschaltete Systemmedien hält. Auf Grundlage dieser Behauptung können die Repräsentant*innen der Rechten jeden Fakten-Check, jedes Argument und jede vermeintliche Bloßstellung als ein Instrument einer linksgrünen Elite verunglimpfen. Einen rechtsextremen Politiker wie Tino Chrupalla in seine Talkshow einzuladen, um ihn vermeintlich vorzuführen, hat vor allem zwei Effekte: ein extrem rechter Politiker kann zur besten Sendezeit seine Thesen wiederholen und er kann sich vor den eigenen Anhänger*innen als Opfer darstellen, das von den Medien nicht gleichwertig behandelt wird. Wer der Ansicht ist, dass ARD und ZDF von einer linken Mehrheit gesteuert werden, wird sich darin nur bestätigt fühlen, wenn sein Kandidat von Caren Miosga in die Enge getrieben und zurechtgewiesen wird. Werden Rechte also in anerkannte journalistische Formate eingeladen, bietet man ihnen gleich eine doppelte Bühne.
Der scheinbare offene Diskursraum
Umgekehrt zieht es linke Influencer teilweise in politisch fragwürdige und rechtsoffene Podcastformate wie das von Jasmin Kosubek, deren Medienkarriere beim russischen Propagandasender RussiaToday begann und die vor allem durch ihr Engagement für sogenannte freie Debattenräume von rechter Seite aufgefallen ist. Sie sagt von sich, sie möchte „mit interessanten Menschen über allerlei kuriose, spannende und auch kontroverse Themen sprechen“ und ihren eigenen Horizont und den ihrer Zuschauer*innen erweitern. Dazu lädt sie unter anderem den rechtextremen Verleger Götz Kubitschek, den identitären Aktivisten Martin Sellner und den Chef der Newsplattform NIUS, Julian Reichelt, zu Gesprächen ein.
Zuletzt waren allerdings wiederholt Influencer zu Gast, die als linke Aktivisten auftreten und sich von progressiver Seite für Themen wie Queerness, Feminismus und linke Politik und gegen eine Wehrpflicht positionieren. Die joviale Scheinoffenheit, mit der Kosubek insbesondere ihren linken Gästen begegnet, ist beachtlich. Es geht um den Austausch von Argumenten, um das Öffnen von Diskursräumen und um die Einnahme fremder Perspektiven. Im Gespräch mit dem linken Influencer und Podcaster Wolfgang M. Schmitt fragt sie ihren Gast direkt, warum er zu ihr zum Gespräch kommt, wenn dort auch Rechtsextreme und Identitäre für teilweise mehr als zwei Stunden ihre Ansichten verbreiten dürfen. Seine Antwort erscheint zunächst schlüssig: Er bekomme hier den Raum, seine Ansichten in Ruhe darzulegen und erreiche potenziell ein Publikum, das diese Ansichten noch nicht teilt. So ähnlich argumentierte vor einigen Tagen auch Ole Liebl, der sich vor allem für feministische und queere Themen einsetzt, in einem Instagram-Post, in dem er sich dafür aussprach, mit Rechten zu reden.
Das Problem liegt jedoch nicht in der Tatsache, dass hier linke und progressive Positionen geäußert werden dürfen, sondern in der Bühne, auf der das geschieht. Dadurch, dass Kosubek offenbar wirklich mit jedem und jeder spricht, stehen die feministischen und linken Positionen gleichwertig neben politisch fragwürdigen bis hin zu verschwörungstheoretischen und rechtsextremen Aussagen, wie denen von Max Mannhart, Chefredakteur des Magazins Apollo News. Er erklärt voller Überzeugung, dass die westliche Kultur grundsätzlich allen anderen überlegen sei. Kosubek unterscheidet zunächst einmal nicht zwischen menschenverachtenden und rassistischen Aussagen und Forderungen nach Menschenwürde und einem guten Leben für alle. Die scheinbare Beliebigkeit, mit der Kosubek unter dem Deckmantel der Meinungsoffenheit ihre Gäste einlädt, ist in Wahrheit eine bewusste diskursive Legitimierung von extrem rechten, verschwörungstheorischen und diskriminierenden Aussagen. Die linken Gäste erscheinen als Feigenblatt, das für Kosubek den Schein der diskursiven Offenheit untermauern soll.
Warum eigentlich diskutieren?
Das ist das zentrale Problem am Reden mit Rechten: In dem Moment, in dem ich als Vertreter einer demokratischen, menschenwürdigen Überzeugung in eine ernsthafte Debatte eintrete, erkenne ich automatisch an, dass mein Gegenüber Ansichten hat, die in einer liberalen Demokratie grundsätzlich vertretbar sind. Sonst müssten sie nicht diskutiert werden.
Das zeigt sich beispielsweise an der Rechtfertigung, mit der die Redaktion von Caren Miosga auf ein Protestschreiben zur Einladung von Tino Chrupalla reagierte. Dort hieß es, man sei sich „selbstverständlich bewusst, dass die AfD eine Partei mit umstrittenen Positionen ist“ und begründete die Einladung mit dem Programmauftrag, der vorsieht, dass man dem Publikum alle Positionen zugänglich machen müsse. Nun ist es allerdings die Grundvoraussetzung einer Demokratie, dass die Positionen einer Partei umstritten sind, das gilt für die CDU, genauso wie für die Grünen oder die Linke. Wenn die Redaktion von Miosga also AfD-Politiker*innen mit der Begründung einlädt, ihre Positionen seien zwar umstritten, aber man habe den Auftrag alle Positionen zugänglich zu machen, legitimiert sie die Ansichten der AfD, weil sie der Partei einen Platz in einem demokratischen Spektrum zugesteht. Dass die AfD teilweise rassistische und völkische Positionen vertritt, ist natürlich auch der Redaktion von Miosga bewusst, aber um sie zu debattieren, muss sie deren Aussagen erst einmal gelten lassen.
Im Falle von Kosubeks Podcast ist davon auszugehen, dass sie die Standpunkte von Kubitschek, der die Lebensweise der Menschen in Afrika mit der Lebensweise der Europäer im 19. Jahrhundert vergleicht, oder von Sellner tatsächlich für legitime Meinungsäußerungen in einem demokratischen Spektrum hält. Anders als der Öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sie sich nicht einmal auf einen Programmauftrag berufen. Sie kann vollkommen frei entscheiden, wem sie eine Bühne bietet.
Für und mit wem wird geredet?
Warum also sollte man mit Rechten reden?
Eines der zentralsten Argumente, das auch bis heute vorgebracht wird, ist die Annahme, man müsse durch das öffentliche Debattieren und Bloßstellen von rechten und rechtsextremen Positionen, aktuelle und potenzielle AfD-Wähler*innen davon überzeugen, dass ihre Partei ein menschenfeindliches Weltbild propagiert und – in diesem Kontext fast noch wichtiger – nicht die Interessen ihrer Wähler*innen im Sinn hat. Das „Reden mit Rechten“ wäre in diesem Fall also ein vermitteltes Reden, man redet eigentlich gar nicht mit den rechten Politiker*innen oder Podcaster*innen, sondern nutzt sie als Medium, um die Gruppe in der Bevölkerung zu erreichen, die man für linke und demokratische Politik verloren meint. Das setzt jedoch voraus, dass diese Menschen durch diese Formate erreicht und überzeugt werden können. Dass diese Strategie wirksam ist, kann jedoch allein deswegen bezweifelt werden, weil sie seit AfD-Gründung angewandt wird und die Partei seitdem mehr oder weniger unaufhaltsam aufgestiegen ist.
Ein weiteres Argument gegen diese Strategie ist die Art und Weise, wie viele dieser Formate gestaltet sind. Es handelt sich in den meisten Fällen schlicht um provokative Unterhaltung im Deckmantel einer politisch anspruchsvollen Debatte. Die reißerischen Ankündigungen, dass nun endlich die Frage geklärt wird, wer Recht hat, oder, dass dieser oder jene rechte Influencer „zerstört“ wird oder sich ein mutiger, linker Debattierer der zahlenmäßigen Übermacht rechter Gegner*innen stellt, zeigen, was dahinter steckt: Es geht um Unterhaltung und um Entlastung. Es ist ohne Zweifel befriedigend, zu sehen, wie der Vertreter einer menschenverachtenden Ideologie verbal in die Enge getrieben wird oder mit einer rhetorischen Strategie entlarvt wird. Dass eine provokante Debatte zwischen Links und Rechts eine Vertreter*in der anderen Seite überzeugt, ist allerdings vermutlich ähnlich unwahrscheinlich, wie dass sich der Anhänger einer Fußballmannschaft vom grandiosen Spiel der gegnerischen Mannschaft überzeugt fortan dem Rivalen anschließt.
Reden außerhalb des Scheinwerferlichts
Doch was soll man tun? Soll man einfach alle Wähler*innen, die aus welchen Gründen auch immer die AfD wählen, für immer abschreiben? Natürlich nicht! Eine Strategie wäre, wirklich mit Menschen zu reden und gar nicht einmal nur mit AfD-Wähler*innen, ihnen zuzuhören und ihre Probleme konkret anzugehen. Man muss kein Mitglied oder Wähler*in der Linken sein, um anzuerkennen, dass der Haustürwahlkampf der Partei, die Angebote zur Überprüfung auf Mietwucher, die Fürsorge, mit der diese Partei in den Wahlkampf gegangen ist, etwas gebracht haben. Damit wird man nicht verhindern, dass Menschen ein rechtes Weltbild entwickeln, man wird auch nicht diejenigen erreichen, die eine rechtsextreme Ideologie mit Überzeugung vertreten, aber die erreicht man auch nicht, wenn man mit rechten Demagogen über die Frage diskutiert, ob eine menschenverachtende Politik à la Trump ein Vorbild für Deutschland wäre.
Das Reden mit Menschen, die sich nicht auf Bühnen stellen, die an einer politischen Auseinandersetzung erst einmal kein Interesse haben, sondern die einfach reale Probleme haben, die gelöst werden müssten, ist vielleicht der einzig wirksame Weg, mit ein paar Rechten zu reden. Aber dafür gibt es keine Likes, keine Klicks und keine Einschaltquoten.
Anmerkung: Das Buch “Mit Rechten reden” von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn wurde bei Erscheinen von Matthias Warkus für 54books besprochen
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