von Helena Barop
Wer an Geburt denkt, denkt nicht zuerst an Macht. Geburt, das ist für viele ein Wunder und ein biografisches Großereignis, es ist der Moment, an dem ein Lebenslauf beginnt und mindestens ein anderer Lebenslauf einen Wendepunkt erreicht. Der Moment, in dem plötzlich alles anders ist. Geburt, das ist Schleimpfropf, Wehe, Blut, Fruchtwasser, Nabelschnur. Das ist Wehentropf, CTG und Dammschnitt, das ist Saugglocke, Zange und Kaiserschnitt, das sind Millionen intime Geschichten, vollkommen einzigartig und universell zugleich. Geburt? 16. April 2026, 13 Uhr 23, 3620 Gramm, 52 Zentimeter. Mutterkuchen, Wochenfluss, Milcheinschuss. Und dann diese winzigen Füßchen.
Die Frage der Macht bleibt hinter den emotionalen Abgründen und Höhenflügen rund um den errechneten Termin häufig ungestellt und damit unhinterfragt. Doch wie Geburten verlaufen, wie sie erlebt werden und welche Folgen sie haben, hängt ganz entscheidend davon ab, wer im Geburtsraum die Macht hat – und wer nicht.
Als Historikerin verstehe ich die Machtkonstellation im Geburtsraum als etwas Gewachsenes, das sich unter bestimmten historischen Umständen auf eine bestimmte Weise entwickelt hat. Wir können diese Entwicklung rekonstruieren und erklären, wir können verstehen, warum sie stattgefunden hat – und dann können wir die gegenwärtige Situation in diese Entwicklung einordnen und uns fragen, wie es weitergehen soll. Warum und wie hat sich die Macht im Geburtsraum verschoben und warum gelingt es uns bis heute häufig nicht, Gebärende wirksam vor Gewalt zu schützen? Davon möchte ich erzählen.
Die Macht der Hebamme
Meine Spurensuche beginnt in der europäischen Antike, also ungefähr im 5. Jahrhundert v. Chr., weil in dieser Zeit die ältesten schriftlichen Quellen zum Thema entstanden.. Die antike Geburtshilfe war eine ausgesprochen aktive Angelegenheit: Weil man wusste, dass bei lange dauernden Geburten die Komplikationsrisiken steigen, wollte man die Sache möglichst beschleunigen. Dabei wurde Gebärende festgehalten, man drückte auf ihren Bäuchen herum,weitete die Geburtswege, Fruchtblasen wurden gesprengt – Eingriffe waren an der Tagesordnung.
Wenn die von Männern verfassten Texte zur Geburtshilfe die Wirklichkeit halbwegs treffend abbilden, dann war es offensichtlich die Hebamme, die damals im Geburtsraum die Entscheidungen traf. Männer waren im Geburtsraum nicht zugelassen. Die Hebamme war ähnlich ausgebildet wie die männlichen Ärzte und zuständig für die Frauen- und Kinderheilkunde. Ihre Weisungen wurden befolgt und es gab auch außerhalb der Geburtsstube niemanden, der sie kontrollierte. Ihre Entscheidungen traf sie grundsätzlich nach einem einfachen Grundsatz: Die Gesundheit und das Wohlergehen der Mutter hatten Priorität. Der Fötus und auch das Neugeborene galten noch nicht als Person mit Rechten. Im Notfall wurde sogar das Leben des Kindes geopfert, um die Mutter zu retten.
Das Kind bekommt Rechte
Seit ungefähr dem 4. Jahrhundert n. Chr., seit der Spätantike also, wurde die Konstellation im Geburtsraum komplizierter. Das hing vor allem mit einer Umdeutung des Geburtsgeschehens durch die Kirchenväter zusammen: Sie hatten in der Bibel ein paar Zitate zusammengesucht, aus denen hervorging, dass die Schmerzen unter der Geburt als Sühne für die Erbsünde zu werten seien. Gebärende waren also als Frauen grundsätzlich selber schuld an ihrem Leid. Damit sank das Interesse daran, den Gebärenden aktiv zu helfen und ihre Schmerzen zu lindern.
Hinzu kam, dass nun auch das Kind seinen großen Auftritt hatte – sogar schon vor der Geburt: War es zuvor rechtlos gewesen und erst zu einem Menschen geworden, wenn der Vater es vom Boden aufhob, ging man nun davon aus, dass es schon im Mutterleib mit einer Seele ausgestattet worden war. Diese Seele musste nun nicht unbedingt ein langes Leben haben – aber wenn das Kind starb, ehe es geboren und getauft war, landete diese Seele im Fegefeuer. Die Position des Kindes hatte sich damit entscheidend verbessert, doch gleichzeitig entstand so zum ersten Mal ein Interessenkonflikt zwischen Kind und Mutter.
Ausbalancieren musste diesen Konflikt die Hebamme. Sie traf die Entscheidungen und wurde auch im Mittelalter weitgehend von den Obrigkeiten in Ruhe gelassen. Die Sorge um das kindliche Seelenheil verlieh ihr sogar eine ganz besondere Macht: Drohte das Kind zu sterben, konnten Hebammen es taufen. Sie waren damit die einzigen Frauen, die ein Sakrament spenden durften.
Wie genau Hebammen mit diesem Interessenkonflikt umgingen und wie groß die Möglichkeiten der Gebärenden waren, in das Geschehen einzugreifen, ist schwer zu ermitteln, weil uns dazu die Quellen fehlen.
Flache Hierarchien im mittelalterlichen Geburtsraum
Das ändert sich in der Frühen Neuzeit, also ab dem 16. Jahrhundert, als der Buchdruck erfunden war und die Schriftlichkeit sich in Europa ausbreitete. Die Situation in der Geburtsstube hatte sich gegenüber dem Mittelalter nicht grundsätzlich geändert. Geburtshilfe fand als kollektive Selbsthilfe statt: Sobald die Wehen einsetzten, versammelten sich die Gebärende, ihre Hebamme und ein paar Helferinnen aus der Nachbarschaft am Herdfeuer oder im Stall. Ihr Fokus lag (wie schon im Mittelalter) vor allem auf den volksmagischen Praktiken, die die Gebärende und das Kind vor bösem Zauber, Unholden und anderen übersinnlichen Gefahren schützen sollten.
Anders als in der Antike überließ man den Geburtsverlauf in dieser Zeit weitgehend der Natur, die schon im Mittelalter als Idee ihren ersten großen Auftritt hatte. Wahrscheinlich war in diesem Frauenraum die Hierarchie üblicherweise flach: Die Hebamme war zwar von einer anderen Hebamme in der Praxis ausgebildet und dann von den Frauen des Dorfes gewählt worden, sie war aber ansonsten eine von ihnen, man kannte und vertraute sich und man war aufeinander angewiesen. Weil die Hebamme gewählt war und auch wieder abgesetzt werden konnte, hingen ihr Job, ihr Einkommen und ihre Ehre stark davon ab, dass sich die Gebärenden von ihr gut behandelt fühlten. Dass sie sich gewaltvoll über die Wünsche und Bedürfnisse der Gebärenden hinwegsetzte, mag trotzdem vorgekommen sein – doch die Gebärenden waren diesem Handeln nicht wehrlos ausgeliefert.
Ein Werkzeugkasten für die Geburt
Das änderte sich jedoch im Laufe der kommenden Jahrhunderte. Mit der Renaissance begann eine Zeit, in der sich die akademische Medizin weiterentwickelte und zunehmend in die Frauenheilkunde einmischte. Die ausschließlich männlichen Gelehrten hatten keinerlei Erfahrung mit Geburten, denn sie waren immer aus der Geburtsstube ausgeschlossen gewesen. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, die antiken Lehrbücher zu lesen, die Hebammen auf dieser Grundlage zu prüfen und auszubilden und ihnen zunehmend vorzuschreiben, was zu tun war. In komplizierten Fällen wurden nun immer häufiger Chirurgen hinzugerufen. So begann der Machtkampf zwischen Ärzten und Hebammen, dessen Gespenst noch heute durch manche Kreißsäle geistert.
Mit den akademischen Ärzten zog ein neues Denken in die Kreißsäle ein. Dass Hebammen Geburten mithilfe von Talismanen und der Natur leisteten, hielten die Ärzte für Aberglauben und Unfug. Das jahrhundertealte Erfahrungswissen der Hebammen, das man heute als sensibel für psychosomatische Zusammenhänge bezeichnen würde, und das eine ganze Menge hilfreicher Handgriffe umfasste, wurde grundsätzlich als „Weibergewäsch“ abgetan und verworfen.
Stattdessen brachten die Ärzte der Aufklärung ihre mechanische Vorstellung von Körperlichkeit mit und verhielten sich folglich auch wie Mechaniker. Ihr Fokus lag auf der Entwicklung von Werkzeugen, sie entwarfen Zangen und Hebel, sie vermaßen Beckenausgänge und Kopfumfänge, und sie verfrachteten die Gebärenden auf eine Hebebühne, damit sie besser sehen und werkeln konnten. Der gynäkologische Stuhl, auf dem die Patientinnen jetzt mit festgeschnallten Füßen (und manchmal auch Armen) auf dem Rücken lagen und gegen die Schwerkraft ihre Kinder zur Welt bringen sollten, hatte allein mit dieser Logik zu tun – und nicht mit der Physiologie des Gebärens.
Die Gebärende wird zum Objekt degradiert
Mit den Ärzten zog eine neue Hierarchie in die Geburtsstube ein. Wo sie auftauchten, rissen sie die Macht an sich und entmündigten alle anderen. So sehr waren sie an diese Rollenverteilung in den durch und durch patriarchalen Gesellschaften der europäischen Frühen Neuzeit gewöhnt, dass alles andere undenkbar gewesen wäre. Die Hebamme wurde zur Assistentin des Arztes degradiert, die nur so lange zuständig war, bis ein Problem auftauchte. Die Patientin wurde zum Objekt der Behandlung, und später zu einem Datensatz in einem Denksystem, das seine Erkenntnis nicht zuletzt aus Statistiken ableitete. Sie wurde behandelt, sie wurde entbunden, anstatt selbst zu gebären. Gefragt, was sie wollte, und was sie für richtig hielt, wurde sie nur noch selten.
Die Gewalt, die Gebärende in dieser neuen Situation der Unterwerfung „zu ihrem eigenen Besten“ erleben mussten, ist so atemberaubend, dass Beschreibungen vorsorglich mit einer Triggerwarnung versehen werden sollten. Die Situation, die so im Geburtsraum entstand, birgt eine Ambivalenz, die nur schwer auszuhalten ist. Zunächst machte die Geburtsmedizin unter der neuen Herrschaft der Ärzte Rückschritte. Unter den Händen der Ärzte wurde das Gebären zunächst gefährlicher: Weil man nicht bereit war, das bestehende Wissen ernst zu nehmen und zu integrieren, weil die experimentellen mechanischen Eingriffe häufig zunächst nur schlecht funktionierten, und weil bei den häufigen Untersuchungen und Eingriffen die noch unerkannte Infektionsgefahr stieg.
Ambivalente Erfolge
Erst im späten 19. Jahrhundert brachte dann aber die akademische Geburtsmedizin mit ihren menschenverachtenden Methoden bahnbrechende Erfolge hervor, die eine wichtige Grundlage dafür sind, dass heute nur noch sehr wenige Menschen im Zusammenhang mit Geburten sterben. Es sind Fortschritte, die wohl keine Gebärende im Werkzeugkasten der Medizin missen möchte: Die Narkose ermöglichte es, dem Geburtsschmerz medikamentös zu begegnen. Die dreischichtige Kaiserschnittnaht machte die Schnittentbindung zum ersten Mal für die Mutter überlebbar. Und die Antiseptik, die ebenfalls auf einer Gebärstation entdeckt wurde, rettete unzählige Menschenleben – weil Ärzte (wenn auch zögerlich) begannen, sich die Hände zu desinfizieren, ehe sie an den Körpern ihrer Patient*innen herumwerkelten.
All diese Errungenschaften waren Produkte der akademischen Wissenschaft, die hemmungslos an ihren Patient*innen forschte. Erst im 20. Jahrhundert erreichte die Geburtsmedizin dann ihr Ziel: Eine regelrechte Kaskade von Entwicklungen führte seit den 1950er Jahren dazu, dass die Geburt immer kontrollierbarer wurde. Parallel sanken auch die Todesraten – wobei dies nicht allein eine Folge des wissenschaftlichen Fortschritts war, sondern auch auf die besseren Lebens- und Ernährungssituationen der Menschen in der modernen Industriegesellschaft. Die nie gekannte Sicherheit schien der akademischen Geburtsmedizin recht zu geben – und so erklärte sie das Gebären zu einem medizinischen Notfall, der in der Klinik überwacht werden müsse.
Kontrollwut und Interessenkonflikt
Den Höhepunkt der Kontrollwut erreichte die Geburtsmedizin in Europa in den 1970er Jahren. In Westdeutschland machten sich nun die Gynäkologen (und immer häufiger auch die Gynäkologinnen) daran, die Geburt zu „programmieren“, sie also von Anfang bis Ende engmaschig zu überwachen und mit allen möglichen Methoden zu steuern. Eine solch engmaschige Kontrolle setzte jedoch voraus, dass die Gebärenden sich den Anweisungen ihrer Ärzte fügten.
Das taten sie jedoch schon bald nicht mehr ohne Widerspruch. Mit der Frauenbewegung änderte sich die Konstellation in der Geburtsstube erneut. Die Alleinherrschaft der Ärzte über den Kreißsaal war vorüber, Frauen begannen, für ihre Rechte einzustehen – und die Situation begann, sich langsam zu verbessern. Nun wurde es richtig kompliziert: Neben dem Arzt, der an seine Macht gewöhnt war und der die Verantwortung trug, war da nun nicht mehr nur die Hebamme, die mitunter ein anderes Bild vom Gebären hatte. Da war nun plötzlich auch eine Gebärende, die sich nicht mehr alles gefallen ließ, die fand, ihr Bauch gehöre ihr, und die sich gegen Eingriffe zu wehren begann, was nicht selten zu gewaltvollen Konfliktsituationen führte.
Nicht zuletzt war inzwischen außerdem das Kind im Kreißsaal sehr anwesend: Die meisten der neuen geburtshilflichen Geräte und Untersuchungsmethoden zielten darauf ab, den Zustand des Kindes zu überwachen. angsam kam man auf die Idee, das Kind könnte möglicherweise sogar etwas wahrnehmen und eigene Empfindungen erleben, auf die man nun ebenfalls Rücksicht zu nehmen begann. Der Einzige, der weiter nichts zu sagen hatte, war der Vater. Er war neuerdings im Kreißsaal zugelassen, und vermutlich hatte er auch gewohnheitsmäßig eine Meinung – doch ihn fragte niemand, und in diesem Sinne war die neue Situation im Kreißsaal sozusagen eine anti-patriarchale, in der eben nicht der Vater herrschen durfte.
Der emanzipatorische Wind kommt auf
Mit der Emanzipation tauchten im Kreißsaal nicht nur Gebärende auf, die über Eingriffe informiert werden wollten und mitunter gegen sie Widerstand leisteten. Schwangere und Gebärende entwickelten außerdem zunehmend eigene Vorstellungen davon, was eine gute Geburt sei. Mit dem Prinzip „Hauptsache gesund“ und möglichst unter Kontrolle waren sie nicht mehr immer einverstanden. Immer häufiger erhoben sie den Einwand, dass die technisierte Apparatemedizin nicht nur Sicherheit bringe, sondern dass sie auch vom natürlichen Geburtsprozess entfremde. Immer mehr Schwangere wünschten sich deshalb eine “natürliche”, vaginale Geburt ohne Medizinische Eingriffe.

Und während die medizinischen Möglichkeiten, Geburten zu überwachen, zu beeinflussen und zu steuern immer besser wurden, häufte sich auf der anderen Seite in den folgenden Jahrzehnten die wissenschaftliche Evidenz, dass es tatsächlich ein Zuviel des Programmierens und Kontrollierens geben könnte. Je mehr darüber bekannt wurde, wie die physiologische Geburt auf der hormonellen Ebene funktioniert, umso klarer wurde, dass psychosomatische Faktoren für das Gebären eine entscheidende Rolle spielen. Wissenschaftlich war das rein mechanische Denken der Aufklärung nun überholt – und die Schutzzauber der Frühen Neuzeit entpuppten sich im Rückblick als wirksam. Jahrhunderte, nachdem die Ärzte die Talismane und Zaubersprüche als abgeschmackten Aberglauben verworfen hatten, verstehen wir heute, dass Vertrauen und Beruhigung komplikationsarme Geburtsverläufe fördern und dass (Auto-)Suggestion und Placebo eine viel Größere Macht haben, als es die Ärzte der Aufklärung ahnen konnten.
Sind wir da, wo wir hinwollen?
Im Lauf der letzten fünfzig Jahre kamen mehrere Entwicklungen zusammen, die für ein besseres Gebären wichtige Voraussetzungen sind: Das mechanische Denken wurde von einem ganzheitlicheren Verständnis abgelöst und psychosomatische Aspekte werden zunehmend ernst genommen. Die Emanzipationsbewegung führte dazu, dass Frauen zunehmend über ihre Körper bestimmen dürfen: Seit 1988 ist jede Untersuchung und jeder Eingriff, die ohne informierte Einwilligung geschehen, eine Körperverletzung. Und das Repertoire an geburtshilflichen Eingriffen hat sich so weit ausdifferenziert, dass das Gebären so sicher ist wie nie.
All diese Entwicklungen weisen in eine vielversprechende Richtung. Gebärende sind heute in Deutschland so sicher, frei und mächtig wie noch nie. Geburten bleiben überraschend, nie lassen sie sich komplett kontrollieren und vorhersehen. Aber es bestehen die Voraussetzungen, die nötig wären, um ihnen in den allermeisten Fällen eine Geburt zu ermöglichen, die den Wünschen der Gebärenden nah kommen.
Auf dem Papier, nicht im Kreißsaal
Doch diese Voraussetzungen werden noch nicht immer genutzt. Denn die alten patriarchalen Gewaltgewohnheiten sind noch nicht aus dem Kreißsaal verschwunden. Noch immer werden Gebärende entmündigt und übergangen, noch immer erleiden sie in erschreckend vielen Fällen Übergriffe und Gewalt. Diese Gewalt hat viele Ursachen, doch eine davon ist der historische Ballast: Die alten Bilder davon, was Ärzt*innen dürfen und was Patient*innen dürfen sind zwar auf dem Papier bereinigt, doch in den Köpfen und Körpern leben sie fort.
Die Machtkonstellation im Kreißsaal ist komplex: Da sind mehrere Leute, die einander häufig nicht kennen, die unterschiedlich viel wissen, unterschiedlich viel tun können und unterschiedlich viel entscheiden dürfen. Sie müssen in einer unsicheren Situation mit unklarem Ausgang gemeinsam Entscheidungen treffen. Das ist eine Herausforderung, und wir befinden uns in einem Lernprozess, denn historisch ist diese Situation noch brandneu. Um dieser Herausforderung zu begegnen, würde es sich lohnen, mehr Fokus auf die Kommunikation im Kreißsaal zu legen. Wie lässt sich in dieser besonderen Situation ein Gespräch gestalten, bei dem auch unter Zeitdruck niemand übergangen wird? Wie lässt sich das Klinikpersonal in einer Weise entlasten, die mehr Energie für traumasensiblen Umgang und rücksichtsvolle Gespräche lässt? Welche Erwartungen an den vermeintlich “schönsten Tag des Lebens” führen zu mehr Enttäuschung, als uns allen lieb sein kann? Was brauchen Geburtshelfer*innen, um gemeinsam gegen Gewalt vorgehen zu können? Wie können Gebärende sich wirksam gegen Übergriffe wehren?Es ist an der Zeit, diesen Lernprozess reflektiert und gezielt zu gestalten.
Dabei kann es helfens, die Entstehungsgeschichte der aktuellen Situation zu verstehen. Die Geschichte der Geburtshilfe setzt unsere Gegenwart in Perspektive. Nachdem ich tiefe Blicke in die historischen Geburtsstuben geworfen habe, nehme ich die Gegenwart mit gemischten Gefühlen wahr: Da ist eine Menge Wut über das Ausmaß der patriarchalen Gewalt und darüber, dass diese Gewalt noch immer stattfindet. Da ist aber auch eine große Dankbarkeit. Sehr viele Komplikationen, die für Gebärende vergangener Jahrhunderte ausgesprochen schmerzhaft, gefährlich oder tödlich waren, haben wir heute so sehr im Griff, dass wir kaum noch etwas von ihnen wissen. Könnte ich mir einen Moment in der Geschichte der Geburt aussuchen, in dem ich mein Kind gebären will – ich würde ohne zu zögern die Gegenwart wählen. Oder vielleicht sogar die Zukunft. Diese Mischung aus Wut und Dankbarkeit sind eine gute Voraussetzung dafür, dass wir die letzten Meter auf dem Weg zu einer sicheren und gewaltfreien Geburtshilfe auch noch schaffen.
Helena Barop „Mythen, Macht & Muttermund“ ist am 16. April 2026 im Siedler Verlag erschienen
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