Literarischer Stadtplan für New York City II

von Isabella Caldart

New York City ist wahrscheinlich der beliebteste Handlungsort in der westlichen Literatur. Angeblich 8.510 Romane hätten die Stadt als Setting, erhob im Jahr 2020 die nordirische Reise-Website NI Travel News, während nahezu zeitgleich das UK-Hausbauunternehmen David Wilson Homes 79.384 Bücher zählte. Ob nun 8.000 oder zehnmal so viel – wie genau will man das eigentlich zählen? –, sicher ist, wirklich viele Romane spielen in New York City. Die Vermutung scheint nicht unbegründet, dass die US-Stadt noch vor anderen Schauplätzen wie Paris, London oder Berlin auf Platz 1 rangiert. Viele der Romane, die als typische New-York-Romane gelten, erzählen allerdings wenig von der Stadt an sich und könnten auch woanders spielen (etwa „Der große Gatsby“). Damit wir auch wirklich literarisch durch die Straßen streifen können, hier Teil II des großen Literarischen Stadtplans für New York City! (Hier geht es zu Literarischer Stadtplan für New York City Teil I)

Teju Cole – Open City (2011, Deutsch von Christine Richter-Nilsson, 2012)

Ganz Manhattan

„Jedes Viertel schien aus einem anderen Stoff zu bestehen, einen anderen Luftdruck zu haben, eine andere psychische Aufladung: die strahlenden Lichter und verlassenen Läden, die Sozialbauten und Luxushotels, die Feuerleitern und Stadtparks … Unter freiem Himmel teilte ich meine Einsamkeit mit Tausenden, in der U-Bahn, in unmittelbarer Nähe fremder Menschen, einander rempelnd im Kampf um Platz und Luft zum Atmen, unerkannte Traumata auslebend, intensivierte sie sich.“

Hoch und runter spaziert Julius, ganz Manhattan läuft er ab, von der Wall Street an der Südspitze bis in den Norden ins Viertel Washington Heights. Auch fünf Jahre nach 9/11 befindet sich die Stadt im Ausnahmezustand, die Folgen des Terroranschlags sind immer noch zu spüren. Und noch viel mehr: „Open City“ von Teju Cole ist ein palimpsestartiger Roman, in dem sich Geschichte auf Geschichte legt, bis zurück zur Gründung von damals noch „Manahatta“, eine Gründung, die auf dem Rücken von Natives und versklavten Personen ausgetragen wurde. „Open City“ hat wenig Plot, sondern erzählt vor allem die Begegnungen und Beobachtungen des rastlosen Julius, viele davon flüchtig. Seine eigene Biografie wird verdichtet mit Gedanken über Architektur, Geschichte, Medizin, Literatur und Musik. Der Roman ist vor allem das: ein urbanes Mosaik aus Storys, die die Orte und die Menschen erzählen.

Louise Meriwether – Eine Tochter Harlems (1970, Deutsch von Andrea O’Brien, 2023)

Harlem rund um die 5th Avenue und 118th Street

„Wir … liefen auf der Straße rum, auf der Suche nach einem Hydranten, den die Jungs aufgedreht hatten. Sie stülpten immer eine Holzkiste drüber, damit das Wasser hochspritzte, und wir sahen zu, dass wir richtig nass waren, bevor ein Cop auftauchte und den Hydranten wieder zudrehte, dann schlenderten wir weiter zum nächsten.”

Die junge Francie – die bestimmt nicht zufällig den gleichen Namen trägt wie die Protagonistin in „Ein Baum wächst in Brooklyn“ – wächst im Harlem der 1930er Jahre auf. Ihre Familie ist arm, die Weltwirtschaftskrise verschlimmert ihre Situation ebenso wie die Tatsache, dass sich das weiße Amerika nicht für ein Schwarzenviertel wie Harlem interessiert. In einem von Rassismus und (sexualisierter) Gewalt geprägtem Alltag lässt sich Francie aber nicht unterkriegen. Munter bewegt sie sich durch die Straßen und ihr Leben, auch wenn sich langsam eine kleine Katastrophe zusammenbraut. Louise Meriwether, 2023 im Alter von 100 Jahren verstorben, erzählt in „Eine Tochter Harlems“ von ihrer eigenen Kindheit und ihr gelingt das überraschende Kunststück, trotz der zumeist düsteren Themen eine unerwartete Leichtigkeit in den Roman zu bringen.

Ottessa Moshfegh – Mein Jahr der Ruhe und Entspannung (2018, Deutsch von Anke Caroline Burger, 2018)

Yorkville, East 84th Street

„Alle hatten gute Jobs und schicke Klamotten. Eine Menge Kamelhaarmäntel und schwarze Aktentaschen. Burberry-Schals und Perlenohrringe … Wir sprachen hier von Yorkville an der Upper East Side. Natürlich waren die Leute überspannt. Wenn ich auf dem Weg zur Bodega in Schlafanzug durch die Lobby schlurfte, hatte ich das Gefühl, ein Verbrechen zu begehen.”

Wie ruhig und entspannend ein tabletteninduzierter Schlaf wirklich ist, auch wenn er ein Jahr lang dauern soll, das sei mal dahingestellt. Obwohl die Protagonistin in Ottessa Moshfeghs „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ plant, ihre Wohnung nicht zu verlassen, ist dieser Roman dennoch ein typischer New-York-Roman. Nicht nur, weil sie doch andauernd draußen unterwegs ist – vor allem, aber nicht nur bei den regelmäßigen Einkäufen im Deli um die Ecke, mehr New York geht nicht –, sondern auch, weil es für ihre absolute Privilegiertheit steht, dass sie es sich leisten kann, ein Jahr lang nicht zu arbeiten. Damit ist sie das typische Abziehbild vieler Bewohner*innen der Upper East Side ist: Eine gelungene Satire auf die USA.

Jonathan Lethem – Chronic City (2009, Deutsch von Johann Christoph Maass und Michael Zöllner, 2009)

Upper East Side, vor allem East 84th Street

„Denn obwohl ich unter Geldmenschen wohne, ist das im Vergleich zu dem, was mir an der Upper East Side gefällt und warum ich selten irgendwo anders hingehe, nebensächlich. Das Geheimnis dieses Ortes ist die Abgrenzung vom Auf und Ab der Trends und Moden in Manhattan. Vielleicht bauen sie ja eines Tages, falls die Gerüchte stimmen, eine Second-Avenue-Linie, und all das wird sich ändern. Fürs Erste ist hier alles zementiert und unveränderlich. […] Das Geld wohnt schon so lange hier, dass es etwas altersschwach wirkt.“

Schleichend zerfällt die Wirklichkeit. Chase Insteadman, ein früherer Kinderstar und immer noch Teil der High Society, der er inzwischen überdrüssig ist, lernt den abgehalfterten Kulturkritiker und Marlon-Brandon-Experten Perkus Tooth kennen. Ihr Leben, das sich vor allem beim Kiffen, im Lieblings-Diner und in Brandy’s Piano Bar abspielt, wird immer brüchiger – ein dichter Nebel hüllt Manhattan ein, Fotos von besonderen Vasen werden hoch gehandelt, Schokoladengeruch macht sich breit, ein aus dem Zoo entlaufener Tiger streift durch die Straßen. Immer merkwürdiger geht es zu in Jonathan Lethems oft rauschartigen, chaotischen, manchmal auch etwas langatmigen „Chronic City“, das mit seiner aus den Fugen geratenden Realität ein Gegenentwurf zu den hyperrealistischen Gesellschaftsromanen des anderen Jonathan (Franzen) geschaffen hat.

Patti Smith – Just Kids (2010, Deutsch von Clara Drechsler und Harald Hellmann, 2010)

Chelsea, East Village und Clinton Hill

„Das Chelsea war wie ein Puppenhaus in der Twilight Zone, mit Hunderten von Zimmern, von denen jedes ein eigenes kleines Universum barg … Ich liebte dieses Hotel, seine schäbige Eleganz und die Geschichte, die es so eifersüchtig bewahrte. Es gab Gerüchte, dass Oscar Wildes Koffer immer noch in den Tiefen des oft überfluteten Kellers vor sich hin gammelten.“

Dies ist die Geschichte einer Seelenverwandtschaft. Und die Geschichte von zwei der größten New Yorker Künstler*innen des vergangenen Jahrhunderts: Patti Smith und Robert Mapplethorpe. Ende der 1960er Jahre zieht Patti Smith im Alter von 20 Jahren nach New York City, ihr Geld reicht für die Hinfahrt, viel mehr hat sie nicht. In der großen Stadt angekommen, lernt sie bald Robert Mapplethorpe kennen, der wie sie die Seele eines Künstlers und kaum einen Cent in der Tasche hat. „Just Kids“ erzählt ihre Geschichte, die eine doppelte ist: Wie sich die beiden durchschlagen und langsam in die Bohème-Kreise aufsteigen, und wie sie, obwohl ihre Beziehung sich im Laufe der Jahre mehrfach ändert, immer zusammenhalten. Und nicht zuletzt ist es ein großes Porträt der Stadt zu einer Zeit, in der sie (auch) noch eine Stadt für arme Künstler*innen und Intellektuelle war.

Jennifer Clement – Widow Basquiat (2000)

SoHo und East Village

„Night Birds was a very dark, seedy bar where … a few alcoholic men hung out all day. The bar was so dark it always felt like night in there, so it attracted people who did not like daylight. Looking back, it was the perfect place to meet Jean because he liked the night and never liked the day.”

Ein weiterer großer Künstler des 20. Jahrhunderts aus New York City ist Jean-Michel Basquiat, um den es in Jennifer Clements Debütroman „Widow Basquiat“ geht – wobei man über das Genre diskutieren kann. „Widow Basquiat“ ist nämlich nicht nur aufgrund der Story von Basquiat und seiner langjährigen Freundin Suzanne Mallouk, die das Buch erzählt, interessant, sondern auch wegen des Aufbaus: In kurzen Kapiteln werden ihre Erfahrungen in NYC, ihre Beziehung mit Basquiat, sein Aufstieg in der Künstlerszene und schließlich der Drogentod, wie in einem Roman geschildert. Fast alle Kapitel aber haben als zweite Ebene zusätzliche Einschübe von Mallouk selbst, die Clements fiktionalisierte Schilderungen dieser Episoden kommentiert. Somit ist „Widow Basquiat“ nicht nur eine Liebesgeschichte, ein Bild der Downtown-Szene in den 1980er Jahren und liefert Background-Storys zu Basquiats Kunstwerken, sondern auch literarisch sehr interessant und unbedingt lesenswert.

Jarett Kobek – Unsere wunderbar kurze Zukunft (2017, Deutsch von Eva Kemper, 2018)

East Village

„Die Bewohner von Alphabet City standen noch tiefer, sie lebten auf der Straße, in verlassenen Häusern, auf leeren Grundstücken, in ausgebrannten Autos. Die Gegend erinnerte an eine Geisterstadt, auch wenn es heute kaum zu glauben ist, weil jeder einzelne Block Tag und Nacht von Hunderten Menschen wimmelt.“

Ebenfalls um die Downtown-Szene der 1980er Jahre geht es in „Unsere wunderbar kurze Zukunft“ von Jarett Kobek (übrigens ein Prequel zu „Ich hasse dieses Internet“). Der Roman erzählt von einem schwulen jungen Mann, genannt Baby, der 1986 aus einem Kaff in Wisconsin flieht, um in New York City ein neues Leben zu beginnen. Zusammen mit der Kunststudentin Adeline wirft er sich in das Nachtleben der Stadt, lässt sich von Party zu Party treiben, lernt hunderte Menschen kennen. „Unsere wunderbar kurze Zukunft“ ist alles andere als literarisch, punktet aber wegen der exzellenten Recherche des Autors. Sämtliche Größen dieser Szene und Zeit tauchen auf, ob Bret Easton Ellis, Michael Alig oder David Wojnarowicz, und sämtliche Ereignisse werden aufgezählt, von den Tompkins Square Riots bis hin zu gruseligen Morden. Wer genauer wissen will, wie die 1980er und 1990er Jahre im East Village aussahen, ist bei diesem Roman an der richtigen Stelle.

Carlene Bauer – Girls They Write Songs About (2022)

East Village

„Rose and I were the only people who could have told each other that we were making mistakes, but we didn’t. When everyone is young – and we were young for a long time, the people I knew in New York – it is hard to confront your friends about the mistakes they might be making.”

Es ist 1997, Rose und Charlotte sind gerade nach New York City gezogen und lernen sich bei ihrem ersten Job in einem Musikmagazin kennen. Sie sind jung, sie haben Ambitionen, wollen in die Stadt eintauchen und als Journalistinnen durchstarten. Schnell freunden sie sich an, sind gemeinsam (vor allem in Manhattan) unterwegs, feiern erste berufliche Erfolge. Doch weder ihre Karrieren noch ihr Privatleben verlaufen parallel. Und so wissen wir von Seite eins, was sich im Verlauf der zwanzig Jahre, die von dieser Freundschaft geschildert werden, nach und nach entwickelt: Am Ende ist sie zerbrochen, und dies ohne große einschneidende Erlebnisse, einfach weil das manchmal passiert.

Tao Lin – Taipeh (2013, Deutsch von Stephan Kleiner, 2014)

Williamsburg

„Sie saßen mit dreißig bis vierzig Büchern auf einem ausgerollten Läufer südwärts gewandt an der Kreuzung Bedford Avenue und North 1st Street und nahmen innerhalb einiger Stunden etwa 25 Dollar durch den Verkauf von Büchern und 60 Dollar durch den Verkauf von Pauls Adderall ein, das er monatlich per Post von einem Doktoranden am Boston College geschickt bekam, zu einem Preis, der leicht unter dem lag, was er bei einem örtlichen Dealer bezahlt hätte.“

MySpace, Xanax, Whole Foods, MacBooks und lauter hippe Cafés und Bars, die heute alle schon wieder geschlossen sind – mehr Williamsburg der 2010er Jahre als „Taipeh“ von Tao Lin geht nicht. Lin, Teil der New-Sincerity-Strömung, erzählt in dem autobiografisch angehauchten Roman von Paul, einem semi-erfolgreichen Schriftsteller mit großer Affinität zu Drogenkonsum und Markenfetischisierung, der – natürlich! – im am stärksten gentrifizierten Teil Brooklyns lebt. Die Menschen, mit denen er sich umgibt, sind wie er neurotisch, narzisstisch und vor allem ganz schön zynisch. Auch Paul und seine Leute bewegen sich von Party zu Party. Paul geht es aber weniger ums Spaßhaben als darum, die eigene Apathie und Orientierungslosigkeit zu verdrängen. „Taipeh“ ist eine Satire auf das Williamsburg von vor zehn Jahren, als das Viertel das angesagteste der Stadt war – unter dieser Oberfläche aber leer.

Aisha Abdel Gawad – Zwischen zwei Monden (2023, Deutsch von Henriette Zeltner-Shane, 2023)

Bay Ridge rund um 5th Avenue und 72nd Street

„Bay Ridge war nie wie Tunis – hier lebten Familien nicht alle zusammen in einem einzigen Gebäude. Trotzdem war es (für amerikanische Verhältnisse) immer noch vertraut: Auf der 5th Avenue konnte man keinen Schritt tun, ohne nicht mindestens fünf Leuten zu begegnen, die man kannte. Doch nun war selbst dieser Ort nicht mehr sicher.“

Plötzlich ist Sami wieder da. Der große Bruder von Amira und Lina wurde überraschend aus dem Knast entlassen und ist zurück in Bay Ridge, einem muslimischen Viertel in Brooklyn. Auch in den Straßen ist viel los: Am ersten Tag vom Ramadan macht die NYPD eine Razzia in einem libyschen Café und verhaftet den Besitzer. Zwischen diesem Spannungsverhältnis aus Rassismus, dem undurchsichtigen Bruder und täglichem Fastenbrechen ist es ein Sommer des Erwachsenwerdens. Gerade das Verhältnis von Amira und Sami und der Alltag im Viertel sind in „Zwischen zwei Monden“ von Aisha Abdel Gawad sehr gut erzählt, während es den Handlungsstrang um Lina, die Model werden will und die ihre traumatischen Erfahrungen erstaunlich kaltlassen, nicht gebraucht hätte. Dennoch ist der Roman größtenteils lesenswert, gerade weil er so vielschichtig von muslimischen Leben in den USA erzählt.

Xochitl Gonzalez – Olga Dies Dreaming (2021)

Sunset Park rund um 5th Avenue und 53rd Street

„But for generations, if you drove through the Polish stretch, which began at Eighteenth Street, and Sunset Park itself, you would not see a bar on Fifth Avenue until you hit Feeney’s Pub on Sixty-second Street. Dives peppered Third and Fourth avenues, serving whatever workers remained at Bush Terminal and catering to men hooker-shopping under the BQE, but the Polish and the Puerto Ricans had happily restricted their commerce to the family-friendly variety. In the past decade, however, Olga noticed that, slowly, this too was changing. Hipsters and their ironically named bars had begun to creep further south … skinny, pale kids with NPR tote bags, intricate line tattoos visible under their frilly, ironic sundresses or Bernie Sanders T-shirts with the sleeves cut off.”

Ihre Mutter kämpfte für ein von den USA unabhängiges Puerto Rico, ein Kampf, für den sie sogar ihre Kinder aufgab. Olga und ihr Bruder Prieto allerdings schlugen einen anderen Weg ein. Während sie als Wedding Plannerin für das reichste ein Prozent aus Manhattan arbeitet, ist er Politiker, der sich eigentlich für die Bevölkerung Brooklyns einsetzen will, sich aber erpressen lässt und doch für Belange der Privatwirtschaft votiert. Politik, Betrug und Unabhängigkeitskampf, die Gentrifizierung ihres Viertels sowie Liebe und Familienbund sind die Themen in Xochitl Gonzalez‘ Debüt „Olga Dies Dreaming“, der zwei Drittel lang sehr stark ist, am Ende aber etwas verliert, weil die Handlungsstränge zu glatt miteinander verwoben sind. Dennoch ein wirklich spannender Roman, nicht zuletzt auch, weil er so schön von Brooklyn erzählt.

Bild @Isabella Caldart

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