Nicht alles, was falsch ist, wird Literatur – Über eine literarische Hochstapelei

von Victor Sattler

 

Titel, Diagnosen, Medikamente: Der Hochstapler Dan Mallory („The Woman in the Window“) nutzte die Schwächen des Literaturbetriebs aus. Dann flog sein Betrug auf. Müssen wir ihn weiterhin verklären? 

Im beliebten Genre des Psychologischen Thrillers geht es meist „psychologisch“ zu. Es werden Einblicke in die menschliche Seele gewährt, manchmal sogar Einblicke in Abgründe. Ein Psychologischer Thriller, der etwas auf sich hält, ist aber zudem noch von einem Haufen Psycholog:innen bevölkert. In Gillian Flynns „Gone Girl“ (2012) hat die Protagonistin Amy Dunne zwei Psychologeneltern, außerdem zwei eigene Psychologieabschlüsse aus Harvard und Yale. Sie ist damit die ideale Figur, um durch einen Psychothriller zu führen. Theodor Adorno hatte einst befürchtet, dem Psychologischen Roman würden „seine Gegenstände vor der Nase weggeschnappt“, nämlich von der psychologischen Wissenschaft. Aber Amy Dunne macht diesen verlorenen Boden wieder wett: durch die Personalunion von Thrillerfigur und professioneller Psychologiestreberin.

Ähnlich qualifiziert ist Anna Fox, die Ich-Erzählerin aus „The Woman in the Window“ (2018), einem Roman und Psychothriller von Dan Mallory. Die Buchverfilmung feierte gerade auf Netflix ihre Premiere. In „The Woman in the Window“ hat Anna Fox einen Doktortitel in Psychologie (das betont sie gern gegenüber den Leser:innen), hat gute Kenntnisse des DSM-5 (des diagnostischen und statistischen Leitfadens psychischer Störungen), den sie auswendig zitieren kann. Und sie hat außerdem als Kinderpsychologin gearbeitet. Neuerdings kennt sie Psychotherapie sogar aus Patientinnenperspektive, denn infolge eines Traumas leidet sie an Agoraphobie, der Angst vor offenen Räumen und Menschenmengen. Entsprechend kann sie nicht mehr nach draußen gehen, sondern konsultiert ihren Psychiater von zu Hause aus, wo sie ansonsten eine Selbstmedikation aus Alkohol und Pillen vornimmt.

Der Verlag fand, dass es noch eine weitere psychiatrische Diagnose gibt, ohne die sich „The Woman in the Window“ nicht richtig würdigen lässt. Vermarktet wurde auch die Erzählung, dass der damals 39-jährige Autor Dan Mallory die Bipolar-II-Störung habe, also abwechselnd Depressionen und leichte Manien durchlebe. Das ist zwar nicht das, worunter seine Figur Anna Fox leidet, aber verschaffte ihm doch Autorität in der Sache. Mallory gelang es in Interviews, beide Störungsbilder miteinander zu verbinden. Man machte es ihm leicht. Er galt als Genie und als Literatur-Star – seit zwölf Jahren war kein Debüt mehr auf Platz 1 der „New York Times“-Bestsellerliste eingestiegen, wie bei „The Woman in the Window“.

Deutsche Journalisten trafen den attraktiven Dan Mallory 2018 in Berlin oder Manhattan zum Gespräch. Gelobt wurden an seinem Debütroman etwa „der autobiografische Zugriff auf die hilflose Anna“ und „die Intensität, mit der er ihr Leiden versieht“. Je nach Artikel, je nach Formulierung, war Mallory entweder an seine Wohnung gefesselt oder an sein Bett gekettet gewesen, bevor er das Schreiben als eine Form der Selbsthilfe entdeckte. Der Autor vom „Focus“ hatte interessanterweise Zweifel an Mallorys Geschichte, ging ihnen jedoch nicht weiter nach. Man „würde nie vermuten“ und „nimmt ihm nicht ab“, schrieb er an zwei getrennten Stellen seines Textes, dass Mallory eine krankhafte Angst vor Menschen gehabt haben soll. Sein Kollege bei der „Berliner Zeitung“ hätte ihm den mysteriösen Umstand erklären können: Mallory habe sein neues Selbstbewusstsein „aus Leistung und Erfolg gezogen“.

Beide Artikel und viele andere Texte erwähnen Mallorys Promotion an der Universität Oxford, angeblich mit einer Arbeit über Homoerotik bei Patricia Highsmith. In Wahrheit hat Mallory kaum je mit dem Promotionsstudium begonnen. Er beendete seine akademische Karriere nach einem Master in Englischer Literatur, um seinen Tumor behandeln zu lassen. Sein Doktortitel ist fake, genauso wie sein Tumor übrigens, und genauso wie sein zweiter Doktortitel in Psychologie, mit dem er sich feierlich als „Doppel-Doktor“ oder Professor ausgab. 2019 wurde Dan Mallory als Hochstapler mit frisierter Biografie enttarnt. Auch an den Darstellungen seiner psychischen Krankheit gibt es mittlerweile erhebliche Zweifel, und gegen „The Woman in the Window“ wurden mehrere Plagiatsvorwürfe erhoben.

Dabei ist Hochstapelei kein guter Begriff für das, was Mallory getan hat. Der „Hochstapler“ gehört zum literarischen Adel. Mallory – ein wandelndes Zitate-Lexikon – würde sich in dieser Rolle bestimmt nur zu gut gefallen. Seit er vor zwei Jahren aufflog, ist er insgesamt ziemlich weich gefallen. Sein Verlag William Morrow, der ihn gleichzeitig als Lektor beschäftigte, verwies zur Verteidigung nur auf den Platz 1 der Bestsellerliste; eine Leistung, die niemand infrage gestellt hatte, aber die sich von dem Skandal eben nicht trennen lässt. Ohne Lügen wäre „The Woman in the Window“ vielleicht nie erschienen, jedenfalls nicht zu einem solchen Medienecho. Mallory hatte auf sein Debüt, das ihn zum Multimillionär machte, mehrere Jahre lang strategisch hingearbeitet. Und zwar nicht, indem er an seinem Stil feilte, sondern indem er sich den richtigen Lebenslauf schuf, Titel sammelte und Beziehungen knüpfte, während die Manuskripte anderer Autor:innen das Nachsehen hatten.

Ein erster Mythos ist, dass Mallory seinen Roman anonym verkauft hätte, weil auf der Titelseite nur der Künstlername „A. J. Finn“ stand. Seine Agentin kommunizierte den bietenden Verlagen vor der Auktion, dass es sich bei dem anonymen Autor um einen hochrangigen Verlagslektor handele. Bei perfekter literarischer Urteilskraft müsste diese Information eigentlich ja egal sein. Bei Psychothrillern, die einander alle irgendwie ähneln, ist sie jedoch ziemlich viel wert. Ein zweiter Mythos ist, dass Mallory den Roman „nachts“ geschrieben habe, was so viel heißen soll wie: neben dem Lektorenberuf. In Wahrheit nahm er sich gut bezahlte Auszeiten von seinem Job. Er erfand eine lebensbedrohliche Krebserkrankung, inklusive Operationen, und sein „Bruder“ unterrichtete die Kolleg:innen per Mail über seine schleppende Genesung. Dass er nie an Krebs litt, wie er alle glauben ließ, hat Mallory mittlerweile eingestanden.

Es gibt viele Versionen der Krebsgeschichte. Mallory log, um beruflich aufzusteigen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, um sich zu rechtfertigen oder andere auszunutzen. Für seine Bewerbungen an Elite-Universitäten, wo die Konkurrenz groß und die Diversität der Studierenden gering ist, setzte er stets auf seine Spezialität, den persönlichen Essay. Diese Essays kombinierten zum Beispiel den Tod seiner „krebskranken“ Mutter, den Suizid seines „geistig beeinträchtigten“ Bruders, den Tod seines Vaters und die Entdeckung seines eigenen Hirntumors. Bis zu drei Tode konnte er darin unterbringen. In Wahrheit sind alle genannten Familienmitglieder wohlauf. Ein renommierter Literaturwissenschaftler in Oxford, der Mallory Türen in die Branche öffnete, lobte seinen Bewerbungsessay dafür, dass er „nicht übertreibt“, dass er in „ruhigem“ Stil geschrieben sei.

In den USA wird von Hochschulbewerber:innen beinahe erwartet, dass sie widrige Umstände vorweisen und entsprechend verkaufen können. Dan Mallory hat das früh erkannt. Mit 20 schrieb er einen Artikel für die Studentenzeitung („Make Suffering Worth it“) und erhob eine solche Verwertung von persönlichem Leid fast schon zur Ideologie. Das einzige Problem: Eigentlich war Mallory in eine gut situierte New Yorker Familie geboren worden und hatte eine Privatschule besucht. Seine Mutter erkrankte an Krebs und gesundete wieder. Nach heutigem Kenntnisstand wurde Mallory als Kind weder missbraucht, noch gemobbt. Beides deutete er später an.

Die behütete Kindheit wäre noch kein Ausschlusskriterium für seinen Traumberuf Schriftsteller gewesen. Immerhin haben etliche Autor:innen einen privilegierten Start ins Leben gehabt. Als Daniel Kehlmann vom „SZ-Magazin“ darauf angesprochen wurde, dass es ihm und seinen Zeitgenossen an biografischen Brüchen und somit an „Kapital“ fehle, antwortete Kehlmann: „Es gibt eben viele Arten von Verzweiflung.“ Darunter auch die verzweifelte Suche nach biografischem Kapital, die Dan Mallory umgetrieben haben muss.

2019 erschien im „New Yorker“ schließlich das Investigativstück von Ian Parker, das Mallorys zahlreiche Lügen aufdeckte. Es ist ein sorgfältig recherchierter, aber merkwürdig geschriebener Text. Szenen aus Mallorys Leben werden darin sehr frei collagiert. Motive werden gesucht und immer weiter gesponnen (Mallory studiert Patricia Highsmiths „talentierten Mr. Ripley“ – Mallory schreibt einen Verriss über Matt Damons Performance in „Mr. Ripley“ – Mallory wird von einem Kollegen im Scherz mit Mr. Ripley verglichen – Mallory wird letztlich zu einem realen, den Büchern entstiegenen Mr. Ripley). Es ist ein kinotauglicher Journalismus, zur Legendenbildung geeignet, und tatsächlich wird Ian Parkers Artikel gerade als fiktionale Mini-Serie verfilmt. Jake Gyllenhaal soll die Rolle des Dan Mallory spielen.

Selbst ohne glamouröse Verfilmung hatte mich Parkers Artikel damals an einen anderen szenischen Text erinnert. Der „Spiegel“ hatte nur wenige Wochen davor den Skandal um seinen Redakteur Claas Relotius enthüllt. Beiden Männern, Mallory und Relotius, wurde in der Öffentlichkeit zugute gehalten, dass ihre Fabulierkunst nun mal mit ihnen durchgegangen sei. Beide antworteten auf die jeweiligen Anschuldigungen, indem sie sich auf psychische Probleme beriefen.

Ihre jeweiligen Diagnosen will ihnen niemand absprechen. Bei Dan Mallory weisen Psycholog:innen (aus der realen Welt, mit echten Abschlüssen) jedoch auf Unstimmigkeiten in seiner Geschichte hin. Die Bipolar-II-Störung, an der er leide, wird eigentlich nicht mit zwanghaftem Lügen in Verbindung gebracht. Sie ist kein Karrierebeschleuniger, der zu einer Reihe von Eroberungen und Bereicherungen befähigt, bevor man letztlich auffliegt. Patient:innen mit der Bipolar-II-Störung sind eher dafür bekannt, dass sie sich im Beruf selbst schaden. Falls Mallory die Diagnose fälschlicherweise trägt, als eine Ausrede für seine Vergehen, so stigmatisiert er die Störung damit nur weiter, anstatt, wie er sagt, über sie aufzuklären.

Solche Bedenken kamen in der Berichterstattung zu kurz. Mallory sei „der virtuose Organisator der Unwahrheit“ gewesen und habe wegen seiner psychischen Störung „ein Leben als Literatur“ geführt, heißt es da. Ähnlich wird man ihn in der Serien-Adaption verkaufen müssen, um erfolgreich zu sein. Die Regisseurin Janicza Bravo will einerseits die männliche Identität befragen. Andererseits zielt sie auf psychologische Komplexität und die verspürte „Leere“ ihres Protagonisten ab. Ohne eine gewisse Sympathie wird das wohl nicht klappen. Das ist das grundsätzliche Problem an der Erzählung von Hochstapler:innen – dass sie im Sinne der guten Geschichte darauf angewiesen ist, die Protagonisten auch zu glorifizieren.

Mallorys Hochstapelei ist allerdings nie genial oder besonders komplex gewesen, sondern basierte auf klischeehaften, plumpen Lügen, die mitunter nicht einmal überzeugend vorgetragen wurden. Sie dienten dem reinen Eigennutz. Viele seiner Kolleg:innen haben ihn im Lauf der Jahre durchschaut und fortan gemieden. Der Grund für ihr Ausharren war nicht, dass sie dieses „literarische“ Spiel so genossen hätten, weil insgeheim alle Menschen betrogen werden wollen. Nach eigenen Aussagen hatten sie Angst vor Mallory, nämlich vor neuen Diffamierungen und noch mehr Gaslighting. Es stimmt nicht, dass niemand unter ihm gelitten habe, bloß, weil es von seinen Opfern keine Texte gibt, die sich so schön rezipieren lassen, wie der „New Yorker“ die gefälschten Mails von Mallorys „Bruder“ analysierte.

Hat er seinen neuen Ehrentitel also wirklich verdient und, wegen ein paar fiktionalen Mails aus seiner Feder, gleich ein Leben „als Literatur“ gelebt? Ausgerechnet Literatur, die im besten Falle das Wesen der Dinge zeigen und Verantwortlichkeit für die Welt herstellen kann? Dan Mallory hat das Gegenteil getan.

 

Photo by Priscilla Du Preez on Unsplash

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